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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, DIE WALKÜRE – Richard Wagner, IOCO Kritik, 16.04.2022

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Peter Schlang
16. April 2022
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus
Oper Stuttgart © Matthias Baus

DIE WALKÜRE – Richard Wagner

– Farbenrausch auf der Bühne und aus dem Graben –

von Peter Schlang

Richard Wagner Bayreuth © IOCO
Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Dass man an der Stuttgarter Staatsoper viel von Arbeitsteilung und Teamarbeit hält, ist spätestens seit dem letzten Ring des Nibelungen in der Ära Klaus Zeheleins Ende der 1990er Jahre kein Geheimnis mehr. Damals hatte man Wagners Opus Magnum vier verschiedenen Regieteams übertragen, was zu einer vielschichtigen und stellenweise verblüffenden Sicht auf Inhalt und Thematik der Tetralogie, deren Aktualität und Deutung führte.

Für den im November letzten Jahres mit dem Rheingold begonnenen „neuen Stuttgarter Ring“  hat man die damals bewährte Vorgehensweise nicht nur wieder aufgegriffen, sondern sogar noch verfeinert. Wie man sich das in der Stuttgarter Opernintendanz vorgestellt hat, war am Sonntag, dem 10. April am ersten Tag von Wagners Bühnenfestspiel, der Walküre, zu besichtigen. Deren drei Aufzüge hatte man nämlich drei verschiedenen Regieteams anvertraut, was in Summe sage und schreibe 15 für das Geschehen auf der Bühne verantwortliche Damen und Herren bedeutet, wobei die sie unterstützenden Dramaturg*innen noch gar nicht mitgezählt sind.

DIE WALKÜRE – hier eine Einführung von GMD Cornelius Meister
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Als Begründung für diese durchaus gewagte und ungewöhnliche Vorgehensweise führt die Dramaturgie im Programmbuch die Vielschichtigkeit  und Heterogenität nicht nur des gesamten Rings an, sondern auch die seines ersten Abends, eben der Walküre.  In dieser stünden sich ja die Liebesgeschichte des Zwillingspaares Sieglinde und Siegmunds, Wotans Suche nach einem Ausweg aus den Verstrickungen der eingegangenen Abmachungen und Absichten und die sich daraus ergebenden Konflikte und deren unkonventionelle Lösungen gegenüber. Anstatt die Heterogenität dieser Elemente in eine Einheit zu zwingen, sollten die verschiedenen Welten auch verschiedene Welten bleiben und auf individuelle, personell getrennte Weise Darstellung und Deutung finden.

Den viel versprechenden optischen und dramaturgischen Anfang, der nicht erst mit der Handlung des ersten Aufzugs beginnt, machte das Rotterdamer Künstlerkollektiv „Hotel Modern“. Seine sieben Mitglieder Pauline Kalker, Arlène Hoornweg, Herman Helle, Jorn Heijdenrijk, Edwin van Steenbergen, Robbert So und Nick Bos sind teilweise schon während des Vorspiels auf der weit offenen Bühne und dann im gesamten ersten Aufzug zu sehen. Dort bewegen sie in ständiger Handarbeit  u. a. kleine Wollratten über eine von ihnen zuvor in vermutlich  mühevoller Kleinarbeit angefertigte ausgedehnte dystopische Modell-Bühnen-Landschaft, auf der – trotz flackernder Nordlichter und einzelner Sonnenflecken auf den Resten der verheerten Natur – sichtbar kein Leben mehr möglich ist. Auch sonst wird diese, wohl nicht nur vom IOCO-Berichterstatter mit dem aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine  assoziierte Ruinenlandschaft  auf vielerlei Weise bespielt, gespiegelt und gefilmt und die so vor den Augen des Publikums entstehende Parallelhandlung als Video auf einer geheimnisvoll wie ein großes Loch in einer Mauer in die Bühnenrückwand eingepasste Projektionsfläche übertragen. Während dort die Ratten vor ihren nicht zu sehenden Verfolgern und dem neben sich herrschenden Unheil und der bedrohlichen Zerstörung fliehen, „spielen“ die Protagonisten des ersten Aufzugs in Wagners Originalhandlung ihre Geschichte. Und obwohl schnell klar wird, wie die Flucht und das Auftauchen Siegmunds, seine Aufnahme durch seine Schwester Sieglinde und die Bedrohung durch deren Gemahl Hunding mit dem filmischen Geschehen zusammenhängen, stellt sich weder auf der Opernbühne noch auf der Leinwand  Langeweile ein.

 Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund

Wundersamer Weise kommen sich diese beiden Reiz- und Spielflächen auch nicht ins Gehege, lenken den Zuschauer und Zuhörer also nicht von der jeweils anderen Handlungsebene ab, schon gar nicht vom Geschehen auf der Bühne – im Gegenteil. Daran haben neben den – im wahrsten Wortsinn – äußerst behutsam auftretenden Akteuren des Hotel Modern vor allem die drei Protagonisten des ersten Aufzugs ganz großen Anteil, drei von ihrer Biografie, d. h. vor allem von Hass, Leid, Missbrauch, Misstrauen und anderen Verletzungen gezeichnete, versehrte Menschen: Michael König ist ein stimmlich wie von der Statur vorbildlicher, tadellos singender und auch in den ihm in seinen zwei Akten verordneten sparsamen Gesten und Bewegungen berührend und einfühlsam agierenden Siegmund. Er schöpft aus einem sicheren, warmen und register- und farbenreichen Organ, das er über zwei Stunden hinweg leicht, ohne Ermüdung und Abnutzungserscheinungen sehr beweglich führt und gegen alle aus dem Orchestergraben aufsteigende Klangwellen souverän behauptet. Das gilt auch für die seine Schwester Sieglinde verkörpernde fabelhafte Simone Schneider, die mit  großer Ausdruckskraft, farblicher Vielfalt, in allen Lagen großer Intonationssicherheit und kraftvoll-dramatischem, auch vor seelischer Wildheit nicht zurückschreckendem Gestus die Zerrissenheit zwischen der sich ergebenden Ehefrau und der liebend-sehnenden Schwester deutlich macht und aushält.

Dazwischen steht der böse-abgründige und sicht- wie hörbar fiese Hunding Goran Jurics, der seine Ablehnung und seinen Hass auf den Fremdling und Konkurrenten aus voller Kehle und tiefer, verletzter Seele herausgeifert. Dem uneingeschränkten Hörgenuss dieses Trios ist förderlich und kommt zu Gute, dass die Regie, was im aktuellen Regietheater eigentlich ein Elementarvergehen ist, sie nicht mir großen Aktivitäten und Bewegungsspiel fordert. Stattdessen  darf oder (je nach Sichtweise)  muss das Trio wie Heldinnen und Helden und der Chor in der antiken Tragödie überwiegend unbewegt und nur mit innerer Regung und ihrer Stimmung die Bühnenhandlung transparent machen. (Trotz der von der Dramaturgie und Opernleitung betonten Eigenständigkeit der drei Regie-Kollektive wird diese Vorgehensweise später von den anderen Regieteams für die weiteren Akteure weitestgehend übernommen werden.)  Doch während das in den Folgebildern nicht mehr so leicht funktioniert, führt dies im ersten Aufzug zu einer einmaligen, dichten und mitreißenden Einheit  von (filmischen) Bildern, handelnden Personen bzw. Figuren und Wagners kraftvoller Musik, die vom ersten aufbrausenden Akkord bis zum letzten verhauchenden Ton von Cornelius Meister und seinem an diesem Abend wirklich auftrumpfenden Staatsorchester ungehört mitreißend vom Graben auf die Bühne und ins Parkett verströmt wurde.

Einen ziemlichen Kontrast brachte, nicht nur optisch, sondern auch von der Umtriebigkeit auf der Bühne, der vom Lichtdesigner, Performer und Installations-künstler Urs Schönebaum betreute zweite Aufzug, der von vorwiegend düsteren, tief grundierten Farben und im zweiten Bild auch von Orange und Rot bestimmt wird. Schon hier, vor allem aber bei der Stellung der Figuren, von deren Führung kann man hier absolut nicht mehr reden, wird man an den auch in Stuttgart einst arbeitenden „RegiezertrümmererRobert Wilson erinnert. Der hatte seinen Figuren Leben und Regung fast total ausgetrieben, was ihm nun Schönebaum, der genauso wie seine Kostümbildnerin  Yashi über viele Jahre Wilsons Mitarbeiter und Schüler war, fast eins zu eins nachmacht. Ein wenig Bewegung kommt von einem kindlichen Wälsungenpaar, das unter Aufsicht seines Erzeugers Wotan – angedeutet –  herumtollen darf,  ein etwas fragwürdiger oder gar überflüssiger Einfall. Für weitere Minimal-Bewegung sorgt eine Vitrine mit einem offenbar von der Weltesche stammenden, längst ausgebleichten Ast, vor der sich später Wotan und seine Lieblingstochter Walküre in Opposition gegenüberstehen.

Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund

Ansonsten gibt es einige in den Bühnenhimmel ragende zylinderförmige Metallkäfige, die von in ihnen steckenden Kriegern langsam in Bewegung gebracht werden. Weitere Krieger bevölkern zeitweise die Bühne, zunächst umherschreitend, dann, von Brünnhilde niedergestreckt, tot am Boden liegend. Diese an Gemälde erinnernden statischen Tableaus  fesseln für den ersten Moment, lösen aber nach einer kurzen Zeit des Staunens weder szenischen Reiz aus noch bewirken sie einen dramaturgischen Erkenntnisgewinn. Allerdings besitzt dieser zweite Aufzug in seiner Kombination aus Farbe, Bühnennebel und statischer Verharrung durchaus hohe ästhetische Qualität.  Schade ist auch, dass die Regie sich kaum für den eigentlichen Skandal der Walkürenhandlung, den Inzest der Wotansprösslinge, zu interessieren scheint. So stellt sich beim Betrachter bald eine gewisse Müdigkeit und Langeweile ein, wären da nicht das nun um Fricka, Brünnhilde und Wotan erweiterte Bühnenpersonal, das wie schon die Sängerin und die Sänger des 1. Aufzugs zeigt, über welch hervorragende Wagner-Sänger*innen die Stuttgarter Oper verfügt. Annika Schlicht bringt glaubwürdig alle Zickigkeit, Schärfe und Entschiedenheit von Wotans Gattin Fricka stimmlich wie mimisch zum Ausdruck. Von Liebe und Zartheit ist hier stimmiger Weise nichts zu spüren. Stimmlich hält der Wotan Brian Mulligans seiner Frau da noch Stand, im dritten Aufzug muss  er dann doch der kräftezehrenden Rolle Tribut zollen und zeigt leichte Schwächen in Intonation und Stimmsitz. Von solchen Risiken ist die phänomenale Okka von der Damerau als Brünnhilde völlig frei. Sie verkörpert nicht nur von ihrer Statur Wotans Lieblingstochter in nahezu idealer Weise, sondern ist auch allen stimmlichen Anforderungen ihrer Rolle bis zum Ende des dritten Aufzugs jederzeit gewachsen.

Sie wie alle anderen Sängerinnen und Sänger verdienen sich zudem großes Lob für ihre vorbildliche, kaum je getrübte Wortverständlichkeit, wie sie der IOCO-Rezensent schon lange nicht mehr auf der Opernbühne erlebt hat.

Im abschließenden dritten Aufzug knüpft die Stuttgarter Oper an eine lange Tradition an, die Opernregie oder zumindest die Ausstattung einem Vertreter der Bildenden Kunst anzuvertrauen. In diesem Fall liegt die Verantwortung bei Ulla von Brandenburg, die als  Malerin, Grafikerin, Installations- und Videokünstlerin sowie Professorin für Kunst und Malerei in der Szene hohen Bekanntheitsgrad genießt. Was die Personenführung und Deutung der Handlung sowie die bildliche Kraft betrifft, knüpft von Brandenburg bruchlos  an Schönebaums Arbeit an. Sowohl das Walküren-Oktett zu Beginn wie das voneinander scheidende Vater-Tochter-Paar  kommen mit sparsamsten Bewegungen aus. Die Figuren erinnern hier, noch mehr als in den vorausgehenden Bildern, an die Waldorf-Ästhetik Rudolf Steiners und die von diesem entwickelte Eurythmie. Zum absoluten Hingucker macht die Künstlerin  die von ihr gestaltete, sich langsam auf und ab bewegende und teilweise begehbare Wellen- und Hügellandschaft durch die kräftigen, opulenten Farben, die auch die wiederum an frühere Wagner-Inszenierungen erinnernden Kostüme der Walküren und Wotans schmücken. Zusammen schaffen beide Komponenten eine die Augen fesselnde Optik und Bildmacht, die einen umgehend an die am Premierentag in der benachbarten Staatsgalerie eröffnete Ausstellung mit Werken Oskars Schlemmers erinnert. Gleichzeitig kommt aber auch ein wenig Erleichterung auf, dass man dieser optischen Wucht nur in einem Aufzug ausgesetzt ist…..

Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / Die Walküre © Martin Sigmund

Musikalisch fesselt dieser letzte Teil des Abends genauso wie die vorausgegangen beiden Aufzüge. Daran haben nicht nur das bereits genannte Vater-Tochter-Paar Anteil, dem in der Schlussszene trotz der Ermüdungserscheinungen von Mulligans Wotan einige ergreifende, sehr berührende Momente zu verdanken sind. Hinreißend und mit großer Geschlossenheit und stimmlicher Extraklassen ziehen die acht Walkürenschwestern in Person von Linsey Coppens, Esther Dierkes, Stine Marie Fischer, Leia Lensing, Cathriona Smith, Clare Tunney, Maria Theresa Ullrich und Anna Werle alle Blicke und Ohren  auf sich.

Dass dies alles so ohne weiteres möglich wird und man bei dieser Stuttgarter Walküre musikalisch insgesamt von einem außergewöhnlichen Ereignis, ja großen Glück schwärmen kann, verdankt sich wie bereits angedeutet in erster Linie dem Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister und dem an diesem Abend in Höchstform aufspielenden Staatsorchester.  Nicht nur dass es an den allermeisten Stellen der Partitur wie erwähnt äußerst sängerfreundlich und transparent musiziert, nein, es gibt während der gesamten fast vier Stunden Aufführungsdauer keine Stelle, an der man Meisters Orchestermusikerinnen und  -musikern eine Schwäche, Nachlässigkeit oder Oberflächlichkeit vorwerfen müsste. Da wurde man wirklich Zeuge und Zeugin einer wahren Meister-Leistung!

Entsprechend groß fiel der Jubel für das musikalische Personal vor und auf der Bühne aus. Nicht ganz einig waren sich die Anwesenden naturgemäß bei der Beurteilung und „Entlohnung“  der drei Regieteams. Hier mischten sich in anerkennenden Applaus  auch etliche Buhs, die jedoch keiner einzelnen Person oder Gruppe zuzuordnen waren.

An der Stuttgarter Oper wartet man nun gespannt auf die Fortsetzung des „neuen“ Rings und vor allem darauf, wie sich die Wiederaufnahme von Josi Wielers und Sergio Morabitos „Siegfried“ aus dem Jahr 1999 in das bisher Gezeigte einfügen wird

DIE WALKÜRE an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 18., 23., 29. April sowie am 2. Mai 2022

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—


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