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Genf, Grand Théatre de Genève, SLEEPLESS – Opern-Ballade von Peter Eötvös, IOCO Kritik, 09.04.2022

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Peter Michael Peters
09. April 2022
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Grand Théâtre de Genève © Mario del Curto
Grand Théâtre de Genève © Mario del Curto

SLEEPLESS – Opern-Ballade von Peter Eötvös
Libretto Mari Mezei – nach Jon Fosse

von Peter Michael Peters

– ZWISCHEN ROADMOVIE UND GRAUSAMEN MÄRCHEN… –

Unter den größten noch lebenden Komponisten brauchen wir den Ungarn Peter Eötvös (*1944) nicht mehr vorzustellen, der bereits mehr als einem Dutzend Opern kreiert hat. Tri Sestri, 1998 in Lyon uraufgeführt, wird für viele als eine der Referenzen der Oper der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein. Für sein neuestes lyrisches Werk setzt sich der Dirigent und Komponist mit der Prosa des Norwegers Jon Fosse (*1959) auseinander. In seiner Trilogie seziert der Autor mit flüssiger und singender Poesie die Psyche von Alida und Asle, einem jungen Menschenpaar auf der Flucht vor der Welt. Auf dem Weg ins Verhängnis sät das Paar Bonnie & Clyde mit biblischen Anklängen unwillkürlich Gewalt, aber auch Liebe und Leben: Alida wird den kleinen Sigvald zur Welt bringen, bevor sie nach Hause zurückkehrt. Asle wird in Bjørgvin gehängt, einem imaginären Bergen, wo Fosse sein zeitloses Gleichnis platziert. Eötvös und seine ungarische Librettistin Mari Mezei verbinden die drei Kurzromane der Trilogie (2016) von Fosse: Schlaflos, Olavs Träume und Abendmattigkeit in einer fortlaufenden dialogischen Erzählung, getragen von einer dramatischen und impressionistischen Orchestrierung, in der zwei Vokalsextette die Rolle eines antiken Chor spielen.

Sleepless – Opern-Ballade von Peter Eötvös
youtube Trailer Grand Theatre de Genève
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In Sleepless wird die Überlebensreise eines Paares erzählt, das kaum die Pubertät überwunden hat, Alida und Asle, die in einem ländlichen Norwegen mit verlogenen Moralbegriffen Fremde sind und bleiben werden. Sie ist schwanger, sie sind nicht verheiratet! Aus ihrer provisorischen Unterkunft vertrieben, von Alidas Mutter zurückgewiesen und kaum in dem Fischerdorf Bjørgvin angekommen, sind sie schon wieder Ausgestoßene… Die Situation lässt Asle keinen anderen Ausweg als die rohe Gewalt anzuwenden und so endet er am Galgen, nachdem die Fischer bemerkten, dass er eine reichhaltige Spur von Leichen auf seinem Wege hinterlässt.

Diese banale Geschichte, die auf den ersten Blick tragisch ist, sobald man anfängt die Toten zu zählen, hätte vielleicht mit starker und mutiger Musik illustriert werden können. Seltsamerweise wählt Eötvös eine Komposition mit völlig nordischem Minimalismus: Das Orchester baut aquatische Atmosphären auf, das Schlagzeug unterbricht den Rhythmus des Geschehens, ein paar Flöten oder eine Solovioline begleiten die Sänger in ihren seltenen Arien. Alles ist jedoch angenehm dank einer schönen Vokalkomposition und keineswegs repetitiv! Wir sind schließlich überrascht von diesem Mangel an Ehrgeiz, der das Werk neben den großen Modellen, an die wir unweigerlich bei diesem Thema denken, in die B-Serie zurückschickt: Leoš Janácek (1854-1928) für die moralische Ordnung der eingesperrten Frauen, Benjamin Britten (1913-1976) und sein Peter Grimes (1945). Serie-B in der Tat, denn sehr oft hat man eher den Eindruck, einem Kinokonzert beizuwohnen, denn einer Repräsentation des lyrischen Theaters.

Grand Theatre de Genève / SLEEPLESS hier Victoria Randem als Alida © Dougados Magali
Grand Theatre de Genève / SLEEPLESS hier Victoria Randem als Alida © Dougados Magali

Dieser Eindruck wird noch durch die szenische Vorrichtung, die ständig durch eine Drehscheibe mit induzierten Marsch-Effekten spielt, noch verstärkt. Die litauische Bühnen- und Kostümbildnerin Monika Pormale schuf ein sehr beeindruckendes und gewagtes Dekor: Ein riesiger Fisch, der am Rande geschnitten ist, als ob ihm seine Filets entfernt werden, ermöglicht es sowohl die Außenräume (die Kais, die Heimatstadt) als auch die Innenräume zu gestalten: Die Bar, das Haus der Hebamme, das Studio von Alidas Mutter. Dank ihm, gelingt es dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó, über die einfache Illustration der Geschichte hinauszugehen und ihr eine ebenso poetische wie verstörende Dimension zu verleihen. Bei vielen Gelegenheiten findet sich der Zuschauer in diesem Monster der Tiefe wieder, in den Eingeweiden, wo das Böse geboren wird und was Asle auch zu seinen Missetaten führen wird. Alida schläft, er ist schlaflos bis zu seinem Tode, wo die Erinnerung an seine Person in einer symbolischen Schluss-Szene weiter zu seiner Geliebten spricht.

Grand Theatre de Genève / SLEEPLESS hier Victoria Randem (Alida) und Linard Vrielink (Asle) © Dougados Magali
Grand Theatre de Genève / SLEEPLESS hier Victoria Randem (Alida) und Linard Vrielink (Asle) © Dougados Magali

Diese qualitativ gute Leistung ist gepaart mit einer exzellenten Bühnenleistung. Eötvös dirigiert das Orchestre de la Suisse Romande mit Strenge und Rundheit und die Musiker sind exzellent auf allen Ebenen. Beide Sextette – männlich für die Fischer und weiblich für die Stimmen, die zu Alida sprechen – sind über jeden Zweifel erhaben. Viele kleine Rollen durchqueren dieses Drama in zwei Stunden. Es spielt keine Rolle, dass die alte Stimme und das heisere Timbre der deutschen Mezzo-Sopranistin Hanna Schwarz nicht mehr so schön klingt, aber in ihrer kurzen intensiven Szene trifft sie sofort voll ins Schwarze, indem sie die unsympathische alte Dame spielt und von Asle im Kühlschrank brutal erstickt wird. Desgleichen gilt für Asleik voller Arroganz und er wird ungeheuerlich von dem finnischen Bariton Arttu Kataja interpretiert. Oder auch die belgische Sopranistin Sarah Defrise, deren hohe Töne und staccati den Charakter der fantasievollen Prostituierten namens Girl glaubhaft macht. Die deutsche Mezzo-Sopranistin Katherina Kammerloher fließt mit Leichtigkeit in die Rolle und Züge der alkoholsüchtigen Mutter und dann später in die mitfühlende Hebamme. Der isländische Bariton Tómas Tómasson verkörpert einen autoritären Mann in Schwarz.

Der niederländische Tenor Linard Vrielink (Asle) geht Dank einer soliden Technik über ein Instrument mit begrenzter Kraft und Projektion weit darüber hinaus. Die stimmliche Leichtigkeit ist jedoch sicher und sein Atem erlaubt es ihm, die exponiertesten Töne zu halten. Seine umwerfende Bühnenpräsenz gilt selbst seiner Inkarnation: Wir glauben mit Entsetzen an diesen kleinen Halunken, der ebenso sanft wie auch zu den schlimmsten Verbrechen fähig ist.

Die norwegische Sopranistin Victoria Randem als Alida hingegen entfaltet sich in einem fleischigen, weiten und klangvollen Gesang. Ihre Kunst der Farbtöne und eine tadellose englische Aussprache lassen sie den Text des Librettos wie kein anderer Darsteller auf der Bühne tragen und ermöglichen es, die Entwicklung der Schlüsselfigur Alida zu verfolgen.

Der tschechische Basse an Jan Martiník als Wirt, Der Fährmann verkörpert von dem deutschen Bariton Roman Terkel und der südafrikanische Tenor Siyabonga Maqungo als Juwelier vervollständigen diese investierte Besetzung.    (PMP/06.04.2022)

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