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Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, ANNETTE – ein Heldinnenepos, IOCO Kritik, 04.04.2022

Rainer Maaß
04. April 2022
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Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch
Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch

Düsseldorfer Schauspielhaus

Annette, ein Heldinnenepos –  von Anne Weber

– kämpft in der Résistance  …  rettet jüdische Verfolgte vor den NAZIs …. –

von Rainer Maass

 Die Heldin: Anne Beaumanoir um 1940 © Wikimedia Commons
Die Heldin: Anne Beaumanoir um 1940 © Wikimedia Commons

Als Vorlage für Annette, ein Heldeninnenepos diente das gleichnamige Werk von Anne Weber, das 2020 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Bernadette Sonnenbichler, seit diesem Jahr Oberspielleiterin am Düsseldorfer Schauspielhaus hat es mit einem vierköpfigen Schauspielensemble und einem Musiker für die große Bühne erarbeitet.

Beide erheben den Anspruch die reale Lebensgeschichte dieser französischen Widerstandskämpferin zu erzählen. Annette, bürgerlich Anne Beaumanoir (1923 – 2022), Foto links, ist keine Heldin im klassischen Sinne. Annette hat sich selbst nie als Heldin gesehen. Sie wächst in einem Elternhaus in der Bretagne auf, in dem Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu den obersten Prinzipien gehören. Daher erscheint es ihr nicht außergewöhnlich, ihr Leben einzusetzen für diese Ideale – und für das Leben anderer.

Düsseldorfer Schauspielhaus / ANNETTE ein Heldinnenepos hier Sebastian Tessenow, Judith Bohle, Fnot Taddese, Friederike Wagner © Sandra Then
Düsseldorfer Schauspielhaus / ANNETTE ein Heldinnenepos hier Sebastian Tessenow, Judith Bohle, Fnot Taddese, Friederike Wagner © Sandra Then

Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung ist Hörspiel, Lesung und Theater in einem. Hier gibt es  nicht die eine heldenhafte Hauptdarstellerin. Die ‘Theaterfigur Annette wird geprägt durch die Stimmen der vier Schauspieler*innen und die Musik von Jacob Suske. Die Akteure Judith Bohle, Fnot Taddese, Sebastian Tessnow und Friederike Wagner bilden ein Quartett, aus dem Figuren und historische Personen heraustreten, um kurz darauf wieder darin aufzugehen. Jede Erzählung ist ein Teil von Annette. Sie zeigt, wie Annette bereits als junges Mädchen den Weg in den Widerstand findet; und was es bedeutet, im Untergrund zu kämpfen.

Die Zuschauer*innen durchleben mit Annette die Stationen ihres Lebens und Leidens. Zur Zeit der Résistance kämpft sie im Untergrund gegen die Besatzer. Sie verliert den Vater ihres Kindes und rettet im Alleingang in Paris zwei jüdische Jugendliche vor ihrer Entdeckung durch die Nazis und versteckt sie bei ihren Eltern. Beide überleben den Krieg und initiieren, dass die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sie und ihre Eltern 2016 als ‘ Gerechte unter den Völkern‘ ehrt.

Düsseldorfer Schauspielhaus / ANNETTE ein Heldinnenepos hier Friederike Wagner, Judith Bohle, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow © Sandra Then
Düsseldorfer Schauspielhaus / ANNETTE ein Heldinnenepos hier Friederike Wagner, Judith Bohle, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow © Sandra Then

Auch nach dem Krieg kann Annette nicht anders, als sich von ihren Prinzipien leiten zu lassen. Beim Freiheitskampf der Algerier unterstützt sie die Kolonie und macht sich Feinde im eigenen Land. Auch die folgenden Stationen ihres Lebens werden durch visuelle Elemente wie Projektionen von historischem Bildmaterial oder Passagen von Filmen begleitet. 1959 wird sie von einem Militärgericht zu 10 Jahren Haft verurteilt. Sie kann nach Algerien fliehen und muss dann aber erleben, dass die kurze demokratische Phase in Algerien durch einen Putsch zerstört wird. erneut muss sie fliehen. Zum letzten Mal.

Wie soll man als Betrachter*in dieses Stück werten? Wie soll man dieser kämpferischen Frau, die im März 2022 im Alter von 98 Jahren verstorben ist gerecht werden?  Kann ihr Leben Vorbild für uns sein? Rechtfertigen die Prinzipien, nach denen sie handelte,  die Verluste und Leiden, die sie erfahren musste? Annette war  keine Heldin, die als Anführerin auf einer Barrikade stand. Sie ließ sich führen. Von humanistischen Ideen, von guten Beispielen und überzeugenden Führern. Aber sich führen lassen und verführt werden, ist manchmal schwer zu unterscheiden. Spätestens bei ihrem Engagement für Algerien musste sie sich fragen, wie viel Unrecht ist vertretbar für ein gerechtes Ziel? Welchen Sinn macht, es ein Held zu sein?

Die von Bernadette Sonnenbichler gewählte Form hat das Leben von Annette eigenwillige Weise dargestellt. Ein langes Leben im Schnelldurchlauf. Voller Herausforderungen und Ernst. Ein Leben in Trümmern. Viel Stoff zum Nachdenken.                                              Viel Beifall !

Annette – ein Heldinnenepos am Düsseldorfer Schauspielhaus; die weiteren Termine  10.4.; 24.4.; 7.5.; 18.5.; 21.6.2022, link HIER!

—| IOCO Kritik Düsseldorfer Schauspielhaus |—


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