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Lübeck, Theater Lübeck, DIE STUMME SERENADE – Erich W. Korngold, IOCO Kritik, 30.11.2021

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Wolfgang Schmitt
30. November 2021
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn
Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 DIE STUMME SERENADE – Erich Wolfgang Korngold

– Modeschöpfer Andrea Coclé möchte seiner Verehrten ein Ständchen singen – was ihm misslingt –

von Wolfgang Schmitt

Beim Namen Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957) denkt man sogleich an Die tote Stadt, Das Wunder der Heliane, oder auch an Violanta. Die stumme Serenade ist ein Spätwerk Korngolds, welches er Mitte der 1940er Jahre in Amerika schrieb, wohin er emigrierte, um dort eine höchst erfolgreiche Karriere als Film-Komponist zu beginnen. Nach einem Roman von Victor Clement The silent Serenade, von Korngold ursprünglich in englischer Sprache für den Broadway vorgesehen, schrieb Raoul Auernheimer eine deutsche Fassung mit Gesangstexten von Bert Reisfeld und auch von Korngold selbst. Eine erste konzertante Aufführung gab es 1951 in Wien unter der musikalischen Leitung von Korngold persönlich, die szenische Uraufführung fand 1954 in Dortmund statt. Zwischenzeitlich gab es Aufführungen in München, St.Gallen, Freiburg, und zuletzt 2017 in Coburg. Eine englische Fassung wurde 2013 in Toronto aufgeführt.

Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn
Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn

Zu Beginn der neuen Opernspielzeit 2021/22 brachte das Schleswig-Holsteinische Landestheater Flensburg die Stumme Serenade im September heraus, und das Theater Lübeck folgte nun mit ihrer Neuinszenierung dieser Korngold-Komposition.

Da das Werk für Kammerorchester konzipiert wurde – 2 Klaviere, Celesta, Violinen, Cello, Flöte, Klarinette, Saxophon, Trompete und Schlaginstrumente – bietet es sich förmlich an in Zeiten der Corona-Pandemie mit ihren Abstandsregeln. Was aber ist nun eigentlich Die stumme Serenade? Sie ist keine Oper, obwohl sie ein paar wunderschöne opernhafte Arien enthält, es ist auch kein Musical, sondern eher eine Operette mit einigen Jazz-Anklängen ähnlich der „Berliner Operette“ à la Paul Lincke oder Walter Kollo. Aufgrund der verworrenen Handlung könnte man sie auch als eine Musikalische Groteske bezeichnen. Schlussendlich ist sie jedoch eine herrliche Komödie mit Musik, in diesem Falle mit fünf Haupt- Gesangspartien und acht Schauspielrollen.

Die Handlung der stummen Serenade ist ziemlich konfus und absurd. Da treibt sich in Neapel der Modeschöpfer Andrea Coclé nachts im Garten der von ihm verehrten Schauspielerin Silvia Lombardi herum, um ihr ein Ständchen zu singen, was ihm aber nicht gelingt – stumme Serenade halt – , die Schauspielerin bildet sich ein, ein Mann sei in ihr Schlafzimmer eingedrungen, küsst sie und will sie entführen – Traum einer Nachtwandlerin??? Der Verlobte dieser Dame ist der Ministerpräsident Benedetto Lugarini, unter dessen Bett man eine Bombe findet, die jedoch zum Glück nicht hochgeht. Der Modeschöpfer soll nun für beide Taten erst zum Tode verurteilt, dann begnadigt, und schließlich selbst Ministerpräsident werden, diesen Posten bekommt jedoch dann der wahre Bombenleger. Andrea Coclé bleibt weiterhin der angesagte Modeschöpfer von Neapel und ein Happy End mit der Schauspielerin ist selbstverständlich.

Für diese überaus amüsante, turbulente farbenfrohe Inszenierung mit gekonnter Personenführung zeichnet Michael Wallner verantwortlich, die den Zuschauer von Beginn an in seinen Bann zog und sich mitreißen ließ von den temporeichen Aktionen, so grotesk diese auch sein mochten. Das von Heinz Hauser entworfene Bühnenbild mit der Stangenkonstruktion, den Spiegeln und dem abstrakten, raffiniert und stimmungsvoll ausgeleuchteten Bühnenhintergrund wirkte elegant und opulent (Lichtregie von Falk Hampel). Durch den Einsatz der Drehbühne gelang ein zügiger Szenenwechsel vom Modeatelier zur Residenz des Ministerpräsidenten, vom Gerichtssaal zur Aussichtsterrasse der Schauspielerin Silvia. Es gab originelle Revueeinlagen der Mannequins, der Polizistinnen und der Zofen (Marlou Düster, Judith Urban, Lorena Mazuera Grisales in den Mehrfachrollen), ausgefeilt choreographiert von Andrea Danae Kingston. Die  herrlich grotesken, umwerfend komischen Auftritte des Ministerpräsidenten Benedetto Lugarini in seiner bunten Paradeuniform (Rudolf Katzer), oder die eloquenten Szenen von Thomas Stückemann in den Dienerrollen waren ebenfalls ein Garant  für die humorvolle, augenzwinkernde Umsetzung der abstrusen Handlung.

Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn
Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn

Amelie Müller als Silvia Lombardi, Schauspielerin, Geliebte des Ministerpräsidenten und Objekt der Begierde des Modeschöpfers, sah nicht nur blendend aus in ihren eleganten figurbetonten Kostümen (von Aleksandra Kica), sie bot auch hinreißend schönen Gesang mit ihrem in allen Lagen sicher geführtem Sopran bis hin zu den schwebenden Spitzentönen, und sie hatte wahrlich den Charme, die Grazie und die Ausstrahlung einer neapolitanischen Filmdiva. Ihr Verehrer, der Schneider und Modeschöpfer Andrea Coclé, war der sympathisch agierende Bariton Steffen Kubach, ebenfalls großartig in seinen gefühlvoll vorgetragenen Arien und den Duetten mit Silvia, optisch ganz der Bonvivant mit blonder Lockenpracht und anfangs im nachtblauen Satinnachthemd, später köstlich anzusehen in seiner Sträflingskluft – nach seiner Mamma Agata zu Beginn der Spielzeit 2021/22 hier wieder eine Partie, die ihm wie auf den Leib geschrieben scheint.

Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn
Theater Lübeck / Die stumme Serenade © Olaf Malzahn

Noah Schaul war der aufdringliche Paparazzo Sam Borzalino, der zur rechten Zeit am rechten Ort war und überall dort, wo man ihn nicht erwartete. Darstellerisch stets präsent, stimmlich mit ausdrucksvollem  lyrischen Tenor, waren seine Szenen mit der koloraturläufigen Sopranistin Nataliya Bodganova, der blonden Probierdame Louise im Modesalon, ebenfalls höchst originell, auch dieses Paar singt sich ins verdiente Happy-End.

Boris Boehringer war der Autorität einfordernde Polizeichef Caretto mit kraftvoll eingesetztem Bass-Bariton in schmucker weißer Ausgeh-Uniform. In den weiteren Schauspielrollen glänzten Imke Looft als altjungferliche Geschäftsführerin des Modesalons, Iris Meyer als Silvias schrullige Kammerzofe, Jörn Kolpe in den beiden Rollen als Richter und als Pater, sowie am Ende, zur Auflösung des Kriminalfalls, Elisa Pape als Anarchistin, Revoluzzerin und wahre Bombenlegerin Carla Marcelini.

Das kleine „Salonorchester“, schwungvoll geleitet von Paul Willot-Förster, klang durch Lautsprecher verstärkt wunderbar volltönend,  farbig und swingend. Korngolds beeindruckende Partitur, sein letztes Werk mit dieser Mischung aus Revue, Swing, Jazzelementen und Operettenseligkeit verdient es durchaus, anläßlich des bevorstehenden 125. Geburtstages des Komponisten mehr Beachtung zu erfahren.

Die stumme Serenade am Theater Lübeck; die weiteren Termine 4.12.; 29.12.2021, 23.1.2022

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