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KonzertKritikenMusikalische Akademie Nationalorchester Mannheim

Mannheim, Musikalische Akademie, Erstes Akademiekonzert – Bruch, Elgar, Williams, IOCO Kritik, 29.10.2021

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Uschi Reifenberg
29. October 2021
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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstätte der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

Erstes Akademiekonzert 2021/22  –  Musikalische Akademie Mannheim

Nostalgisches Eintauchen in längst vergangene Zeiten 

 Max Bruch (1838-1920), Edward Elgar (1857-1934), Ralph Vaughan Williams (1872-1958)

von Uschi Reifenberg

Mit einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen, geradezu festlichen Konzertabend startete die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim am 18. Oktober 2021 im Mozartsaal des Mannheimer Rosengarten in ihre 243. Spielzeit 2021/22.

Endlich konnten im Zuschauerraum des Mozartsaals annähernd alle Plätze belegt werden (unter Beachtung der 3G-Regel mit Maskenpflicht) und auch das Orchester war wieder in voller sinfonischer Besetzung zu erleben, es herrschte fast wieder Normalität auf der Bühne und im Saal, das Publikum war euphorisch und hoch gespannt.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner
Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz begrüßte vor Beginn des  Konzerts das Publikum und würdigte ausdrücklich die Bedeutung der Musikalischen Akademie Mannheim. Er betonte die Systemrelevanz der Musik, nicht nur in Zeiten der Pandemie, und gab mit eindringlichen Worten seiner Hoffnung Ausdruck, dass „die Kultur jetzt mit Macht zurückkommt“. Dass sein Wunsch an diesem Abend in Erfüllung ging, war im Publikum deutlich zu spüren.

Zur besonderen Atmosphäre trug auch bei, dass dies Konzert aufgenommen wurde. Der Live Mitschnitt wird am 8. November um 13.05 Uhr, im Mittagskonzert des  SWR, gesendet.

Darüberhinaus wird die im letzten Jahr begonnene CD-Reihe des Nationaltheater Orchesters mit Alexander Soddy fortgesetzt. die mit der Turangalîla Sinfonie von Olivier Messiaen große Erfolge beim Publikum und der Presse feierte. Für die Spielzeit 2022/23 ist die Veröffentlichung einer CD mit Edward Elgars 1. Sinfonie, sowie weitere seiner Werke  geplant, die bei OehmsClassics erscheinen wird.

Musikalische Akademie / Dirigent Alexander Soddy © Gerard Collett
Musikalische Akademie / Dirigent Alexander Soddy © Gerard Collett

Generalmusikdirektor Alexander Soddy und der 1. Vorsitzende der Musikalischen Akademie Fritjof von Gagern hatten gemeinsam für das 1. Akademiekonzert ein Programm zusammengestellt, in welchem das Königreich Britannien im Zentrum stand und von drei bedeutenden Komponisten eindrucksvoll musikalisch beleuchtet wurde.

So waren Die Schottische Fantasie von Max Bruch, Die Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis (Fantasia on a Theme by Thomas Tallis) von Ralph Vaughan Williams und die 1. Sinfonie von Edward Elgar zum ersten Mal überhaupt in einem Mannheimer Akademiekonzert zu hören.

Nicht nur England, vor allem auch Schottland besitzt mit seinen Mythen, alten Volksweisen, seiner urwüchsigen und geheimnisvollen Natur schon immer eine besondere Anziehungskraft auf Musiker, Maler und Schriftsteller  Bis heute befeuert es nicht nur die Fantasie der Kontinentaleuropäer.

Auf der anderen Seite präsentierte sich das Vereinigte Königreich am Ende des 19. Jahrhunderts mit spät-viktorianischer Pracht, seiner „splendid isolation“ sowie dem Glanz imperialer Größe und hegemonialem Vormachtsanspruch.

Glänzte die britische Insel seit dem Tod des Komponisten Henry Purcell 1695 in erster Linie nicht mit eigenen Komponisten – lässt man den deutschen Import Georg Friedrich Händel einmal außer Acht – so sollte sich dies beispielsweise mit Namen wie Vaughan Williams, Edward Elgar oder später Benjamin Britten gravierend ändern.

Der englische Komponist Ralph Vaughan Williams galt – wie zuvor Edward Elgar – als idealer  Repräsentant des britischen Empires, da ihm eine Wiederbelebung der englischen Musik aus dem Geiste der Volksmusik gelang. Auch seine Beschäftigung mit der englischen Renaissancemusik trug dazu bei, seinen Landsleuten das musikalische Erbe bewusst zu machen.  Davon zeugt unter anderem sein meisterliches Werk für Streichorchester Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis, das 1910 beim Three Choirs Festival in der Gloucester Cathedral uraufgeführt wurde.

Vaughan Williams entnahm das Thema seiner Fantasia der Psalmensammlung des bedeutenden Renaissancekomponisten Thomas Tallis, das dieser für den Erzbischof von Canterbury geschrieben hatte. Vaughan Williams ordnet hier zwei unterschiedlich groß besetze Streichorchester sowie ein Streichquartett an, die ihm spezielle Effekte ermöglichen wie Echo-und Hallwirkungen, oder Raumklänge von Nähe und Ferne. So kann man sich einem Kathedralklang von suggestiv-erhabener Wirkung hingeben, der eine Ahnung vermittelt von der überwältigenden Klangwelt einer früheren Epoche.

Alexander Soddy und das wunderbar disponierte Streichorchester zelebrieren geradezu den mystischen Zauber dieses Klangjuwels von den ersten Noten an. Langsam, sphärisch, schweben „largo  sostenuto“ alle Streichergruppen mit einer Abwärtsbewegung im Raum, bis das Thema einsetzt. In großer Ruhe und Versunkenheit, wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten, erklingt das Thema, die Violinen steigern sich in homogenem Duktus zu einem ersten Höhepunkt. Soddy gelingt die stilistische Gratwanderung, die ferne Ausdruckswelt des Thomas Tallis mit ihrer schlichten und verinnerlichten Melodik nachzuempfinden, als auch deren Weiterentwicklung zu hochexpressiver spätromantischer Klangentfaltung beeindruckend darzustellen. Reizvolle Kontraste erzeugen die Wechsel der Solobratsche im Dialog mit den beiden Orchestergruppen, die innere Bewegung in den Mittelstimmen kontrastiert mit den aufblühenden weitgespannten Phrasen und erzeugt große Spannungsmomente. Soddys fein abgestufte Binnendynamik und sensibel austarierte Balance schafft ein transparentes Klangbild von elegischer Schönheit.

Die Schottische Fantasie op. 46 von Max Bruch, komponiert 1879/80,  steht nicht nur durch den gleichen Titel, der Fantasie, mit dem Werk von Vaughan Williams in enger Verbindung, dieser war auch zeitweise Kompositionsschüler von Max Bruch in Berlin. Außerdem verbindet die Komponisten eine innige Hinwendung zur Vergangenheit, wobei sich Bruch, anders als Vaughan Williams, als Komponist dem Fortschritt hartnäckig verweigerte und das romantische Zeitalter nie wirklich verlassen hat. Sein Schottlandbild bezog er aus den historischen Romanen von Sir Walter Scott, der das Schottenklischee im 19, Jahrhundert maßgeblich bediente. Für seine Fantasie für die Violine und Harfe unter freier Benutzung schottischer Volksmelodien, so der vollständige Titel des Werkes, griff Bruch ebenfalls auf alte Volkslieder zurück, von denen jeweils ein Lied programmatisch den vier Sätzen vorangestellt ist.

Max Bruch wird bis heute in erster Linie mit seinem bekannten g-Moll Violinkonzert in Verbindung gebracht, hätte er außer diesem kein anderes Werk geschrieben, sein Platz in der Musikgeschichte wäre ihm auf jeden Fall sicher gewesen. Zeit seines Lebens reduzierte man den Komponisten auf das g-Moll  Konzert, was ihm schwer zu schaffen machte.

Musikalische Akademie / Noa Wildschut, Violine © Simon van Boxtel
Musikalische Akademie / Noa Wildschut, Violine © Simon van Boxtel

Die Schottische Fantasie steht dem Violinkonzert in nichts nach, was die 20-jährige gefeierte Solistin des Abends, Noa Wildschut, eindrucksvoll bewies. Gefördert von keiner geringeren als Anne-Sophie Mutter, zog die junge Niederländerin mit ihrem beseelten und hochvirtuosen Spiel die Zuhörer in ihren Bann und erweckte die romantische Welt des fernen Schottland in jedem Satz der „Fantasie“ zum Leben. Mit schwelgerischen Kantilenen beschwor sie in der Einleitung den „alten Barden“, der sich in eine glücklichere Vergangenheit zurückträumt. Da klingt tiefe Melancholie aus jeder Phrase, ihre Tongebung ist zart und filigran,  mit mattem Glanz schweben ihre Melodiebögen überm Orchester, das mit ebensolcher Klangschönheit die Solistin einbettet. Rauschende Harfenpassagen und Bordunquinten lassen schottisches Kolorit entstehen, das tänzerische Thema der Violine wird im 2. Satz von Dudelsackklängen wirkungsvoll kontrastiert. Im „Allegro guerriero“, dem kriegerisch gestimmten Finalsatz, eine Anspielung auf den Schlusssatz von Mendelssohns Schottischer Sinfonie, zieht Noa Wildschut alle Register ihres Könnens und brilliert mit Trillern, halsbrecherischen Läufen und Arpeggien, immer mit edler Tongebung, nie vordergründig auftrumpfend. Sie dankte dem begeisterten Publikum mit einer sympathischen Ansprache und einer Zugabe aus der h-Moll Partita von Bach.

Die 1. Sinfonie in As-Dur op. 55 von Edward Elgar füllte die zweite Konzerthälfte, ein monumentales Werk von brucknerschen Ausmaßen. Für den englischen Dirigenten Alexander Soddy, der sich den großformatigen Werken besonders verbunden fühlt, war die Aufführung der 1. Elgar Sinfonie ein besonderes Anliegen, eine Premiere, die Soddy und das NTO erwartungsgemäß mit Bravour über die Bühne brachten.

Seit den Enigma Variationen von 1899, Elgars wohl meist gespieltes Werk, galt er international als Repräsentant der britischen Musik schlechthin. Stilistisch steht er in der Tradition von Wagner, Bruckner, aber auch Brahms; er verbindet spätromantisches Pathos mit choralhafter, hymnischer Noblesse.

Elgars populäres Trio Land of Hope and Glory und der March No. 1 in Pomp and Circumstance gilt bis heute als inoffizielle Nationalhymne Englands. Alljährlich feiert sich die britische Nation in schönster Tradition mit diesem March No. 1 in der berühmten Last Night of the Proms in der Londoner Royal Albert Hall

Der deutsche Dirigent Hans Richter, unter anderem Uraufführungsdirigent von Richard Wagners Ring des Nibelungen 1876 in Bayreuth, war von Elgar restlos überzeugt und übernahm 1908 auch die Uraufführung der 1. Sinfonie 1908, die ein riesiger Erfolg wurde und mit 100 Aufführungen innerhalb eines Jahres einen Siegeszug durch die Konzertsäle der Welt antrat.

Soddy und das NTO ließen mit ihrer Aufführung den Geist dieser grandiosen, feierlichen und tiefgründigen englischen Sinfonik lebendig werden und boten eine beispielhafte Interpretation dieses zu Unrecht selten gespielten Werkes. Das NTO präsentierte sich in Bestform und wartete mit „hochglanzpolierten“ Leistungen in sämtlichen Registern auf.

In der langsamen Einleitung des 1. Satzes erklingt das Thema  „Andante: Nobilmente e semplice“ feierlich schreitend und zart von Holzbläsern und Bratschen vorgestellt, bis es sich anschließend  im Tutti zu hymnischer Größe aufbaut. Soddy gestaltet immer mit elegantem Gestus, nobel distanziert dann wieder feurig drängend. Er erweist sich hier auch als Meister des Übergangs, die häufig geforderten Tempowechsel im 1. Satz geraten wie aus einem Guss, abrupte Aufschwünge wechseln mit schwelgerischen Phrasen ab, lang angemahnte Steigerungen entladen sich in triumphalen Höhepunkten, immer ist der Klang elastisch, die Blechbläser satt und rund. Soddy strukturiert Elgars üppiges thematisches Material zu jeder Zeit und führt die Musiker mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Partitur.

Weit gespannte Melodiebögen mit jubilierenden Streicherpassagen werden eingebettet in einen endlosen melodischen Fluss, der einen dramatischen Prozess vorantreibt. Die üppige Orchestrierung verdichtete sich zu einem wahren Farbrausch und sorgte für Gänsehauteffekt.

Der 2. Satz beginnt mit pulsierenden Violinpassagen und einem heroischen Thema im Marschduktus, chromatische aufgewühlte Passagen und aufgepeitschte Klangwogen beruhigen sich nach und nach und führen übergangslos ins „Adagio“. Die Musiker entfalten die schmerzliche und sehnsuchtsvolle Klangpracht ohne ins Sentimentale abzudriften. Im letzten Satz erklingt das Anfangsthema wieder, es erscheint in vielfacher Gestalt, und in einer schier unendlichen Steigerung unter Aufbietung sämtlicher Kräfte endet die Sinfonie in einer glorreichen Apotheose.

Erstes Akademiekonzert 2021/22 – Musikalische Akademie – Ein beeindruckendes Erlebnis !

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