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Mannheim, Nationaltheater, Simplicius Simplicissimus – Karl A. Hartmann, IOCO Kritik, 29.06.2021

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Uschi Reifenberg
28. June 2021
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner
NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Simplicius Simplicissimus  –  Oper – Karl Amadeus Hartmann

 Drei Szenen aus seiner Jugend – über den Weg in die innere Emigration

von Uschi Reifenberg

Es fühlt sich gut an, nach eine halben Ewigkeit wieder in einem Opernhaus zu sitzen, zusammen mit anderen Zuschauern in sicherer Distanz die Atmosphäre und den Raumklang zu erleben, die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Publikum zu spüren und im real erfahrbaren Theatererlebnis selbst Teil der Aufführung zu sein.

Hineingezogen wird man coronatauglich in die Kammeroper Simplicius Simplicissimus von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963); nach dem barocken Schelmenroman von Jakob Christoffel von Grimmelshausens (1621-1676) „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ aus dem Jahre 1669, der erste Roman in Prosa, der Weltgeltung erlangte. In seinem Werk wird der Dreißigjährigen Krieg aus vielfältigen Perspektiven und aus eigenen Erfahrungen geschildert. Die Darstellungen zeigen die Grausamkeiten des Krieges teils mit voller Härte, teils auch satirisch überspitzt, was Grimmelshausen vor der damaligen Zensur schützte.

Gezeigt werden in Hartmanns Oper drei Szenen aus der Jugend des Simplicissimus, der als unwissender reiner Mensch in einer von Unterdrückung, Gewalt und Hass geprägten Umgebung aufwächst und lernen muss, sich in ihr zurechtzufinden.

In dieser Welt führen die Herrschenden Krieg, legen sie in Schutt und Asche, erniedrigen und unterdrücken die Armen und leben selbst in Saus und Braus: Jeder ist des anderen Feind.

Simplicius Simplicissimus – Einführung von Intendant Albrecht Puhlmann
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Angesichts der derzeitigen Weltlage könnte  die als Mahnmal zu verstehende Oper Simplicius Simplicissimus aktueller nicht sein und schlägt den Bogen zu unserer Lebenswirklichkeit in der Pandemie. Auch unsere Welt ist im Umbruch, vertraute Sicherheiten zerbrechen schlagartig, gewachsene Strukturen verlieren ihre jahrzehntelange Gültigkeit. Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen sich, nicht selten resultieren daraus Misstrauen und Argwohn.

Gezeigt wird auch die ewige Wiederkehr des Gleichen. Geschichte, die sich wiederholt, eine zeitlose Parabel über Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Der bekennende Antifaschist  Karl Amadeus Hartmann ahnte 1934 die kommende Katastrophe des 2. Weltkrieges voraus und erkannte in der Nazi-Schreckensherrschaft eine Fortschreibung des ersten großen europäischen Krieges von 1669. Hartmann sah für sich in der Zeit der NS Diktatur keine andere Möglichkeit, als in die innere Emigration zu gehen, wenn er nicht als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt werden wollte.

Als Komponist, der sich der Avantgarde verpflichtet fühlte und stilistisch unter anderem Strawinsky, Schönberg und vor allem Hindemith nahestand, verweigerte er sich komplett dem Regime, komponierte für die Schublade oder für Aufführungen im Ausland.

Die Oper Simplicissimus ist ein Werk des Widerstands mit musikalischen Mitteln, eine Anti-Kriegsoper und gleichzeitig ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Empathie und Humanität.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel
NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Die szenische Uraufführung fand 1949 in Köln statt, 1956 überarbeitete Hartmann sein Werk, indem er die Sprech-Passagen reduzierte und fast durchweg vertonte. Diese zweite Fassung wurde 1957 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt.

Die erste der drei Szenen spielt auf dem Hof des Simplicissimus, wo er von einem Bauern vor dem Wolf gewarnt wird. Im Traum erscheint ihm ein rätselhafter Baum, der schwer unter der Last der Personen leidet, die er tragen muss. Als die Landsknechte den Hof zerstören, flieht Simplicissimus.

In der zweiten Szene begegnet er auf seiner Flucht einem Einsiedel, der ihn aufnimmt und ihm wegen seiner Einfalt den Namen Simplicius Simplicissimus gibt. Er beschützt ihn, lehrt ihn beten sowie den Unterschied zwischen Gut und Böse. Als der Einsiedel stirbt, wird Simplicius von Landsknechten verschleppt.

Im dritten Teil befindet er sich in der Gesellschaft des Gouverneurs, wo er Ausschweifungen und lasterhaftes Treiben kennenlernt. Da Simplicius immer unverblümt die Wahrheit sagt, wird er zum Hofnarren ernannt. Seine Waffe ist die Naivität, die ihm erlaubt, in der Rolle des Narren der Welt den Spiegel vorzuhalten. Er wird – anders als Wagners Parsifal – nicht „durch Mitleid wissend“, sondern durch seine Naivität und Wahrhaftigkeit, die seine Umwelt verstört und zur Reflexion zwingt.

Nun versteht er auch die Traumsymbolik des schwer tragenden Baumes, der ein Abbild der Ständegesellschaft ist, auf dessen unterster Stufe die Ärmsten und Entrechteten stehen. Er erkennt die Zusammenhänge und ruft zur Revolution auf. Marodierende Bauern erschiessen die Herrschenden, Simplicius bleibt allein zurück.

Das 80-minütige Werk wird ohne Pause durchgespielt und berührt von der ersten Minute an mit suggestiven Bildern und einer ergreifenden Personenführung. Regisseur Markus Dietz, der am NTM zuletzt Brittens Peter Grimes inszenierte, breitet ein stilistisches Panoptikum auf der Bühne aus, das mit seiner bestürzenden Aktualität mitten hineinführt in den Zustand einer Welt nach der Katastrophe. Vorangestellt an die erste Szene werden Videoeinspielungen (Mayke Hegger, Markus Dietz),  die Elend, Gewalt und Verrohung zeigen. Schonungslos. Erschütternd.

Die Menschen tragen Gasmasken, ein kleiner Junge sucht sich in seinem Überlebenskampf den Weg durch die Trümmerlandschaft, in einem Einkaufswagen führt er seine Habseligkeiten mit sich.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier :  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel
NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier : Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Mayke Hegger (Bühne/Kostüme) hat eine dunkle Einheitsbühne geschaffen, in welcher Berge von Zivilisationsmüll unseren grenzenlosen Konsum anprangern und die drei symbolstarken Szenen omnipräsent bebildern.

In der ersten Szene steht der verzweigte Ständebaum im Zentrum, in der zweiten, der Höhle des Einsiedel, ein hell erleuchtetes Kreuz mit Corpus, (Licht: Florian Arnholdt), in der dritten Szene, beim Festbankett des Gouverneurs, ein clubartiges Etablissement im Discostil, mit beweglicher Unterbühne, in Rotlicht getaucht.

Eine Klammer setzt die eindrucksvolle Sprecherin Katharina Rehn (Gast), die am Anfang und am Ende des Stückes die verheerenden Menschenverluste von „anno Domini 1648“ verkündet, sich im Stile Brechts an das Publikum wendet und die Geschehnisse um Simplicius kommentiert.

Hartmann lehnt sich dicht an die Sprache von Grimmelshausen an, die so holzschnittartig wie die Figuren ist. Ein eingefügtes Sonett von Andreas Gryphius,Tränen des Vaterlandes“, gesprochen auf die Musik, stellt eine der zentralen Anklagen des Werkes dar:   „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen“.

Die schlimmste aller möglichen Katastrophen ist der Verlust der Humanität

Markus Dietz zeigt beklemmende Bilder von menschlichem Elend. Leichen senken sich immer wieder von der Decke herab, religiöse Symbole werden pervertiert, Simplicius wird mit Dornenkrone verhöhnt, der Gekreuzigte selbst steigt vom Kreuz herab, Gefangene hinter Glasscheiben wehren sich mit blutigen Händen.

Massaker werden verübt, Demütigung und Vergewaltigung prägen die Beziehungen der Menschen. Kein Trost, nirgends. Der Einsiedel, mit freiem Oberkörper, singt zu Beginn des 2. Bildes „Komm Trost der Welt“, eine Lichtgestalt, die freiwillig aus dem Leben scheidet.  Die Sopranistin Astrid Kessler verkörpert den kindlich-naiven Simplicius Simplicissimus idealtypisch mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und ihrem facettenreichen Spiel.

Sie singt die schwierige Partie des reinen Toren in jeder Phrase schön, zeigt in den Höhen die Leuchtkraft ihres lyrisch-dramatischen Soprans, die Stimme trägt auch in den tiefen und mittleren Lagen. Mit vorbildlicher Diktion gestaltet sie die Textpassagen sowie den Sprechpassagen.  Anrührend wirkt Astrid Kessler in ihrem ungläubigen Staunen und ihrer Hilflosigkeit aus Angst vor der Einsamkeit: “Herzliebster Vater, nicht in den Himmel gehen! Nicht Simplicius allein in der Welt lassen!“ Eindrucksvoll durchlebt sie die Entwicklung vom „verwahrlosten, unmündigen Kind“ das durch „mühsames Lernen selbstverständlicher Dinge zum Wissen von sich selbst und von der Welt gelangt.“; Karl A. Hartmann.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner
NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

Jonathan Stoughton als frommer Einsiedel verfügt über eine biegsame und leicht ansprechende Tenorstimme, ausgeglichen und tragfähig, strahlend in den Höhen, heldisch, mit schönem, hellem Timbre. Bestechend plastisch auch die deklamatorischen Stellen. Der Einsiedel reibt sich auf zwischen Gottesfurcht, Bußfertigkeit und Simplicius’ Erziehung. Zu schwer trägt er an der Sündenlast der Welt, er opfert sich und geht freiwillig in den Tod.

Thomas Jesatko gab in der ersten Szene dem Bauern mit seinem markantem und wohlklingenden Bass das nötige Profil und überzeugte mit klarer Diktion als verwegener Landsknecht. Thomas Berau brachte mit mächtig auftrumpfenden Bariton seine heldische Stimme bestens zur Geltung und gab der Verrohung und Zerstörungslust seines Standes glaubhaft Ausdruck.

In der dritten Szene, in welcher sich das Halbweltmilieu ein feucht fröhliches Stelldichein gibt mit Nachtclubtänzerinnen (Choreografie: Teresa Rotemberg), Ausschweifungen, viel Alkohol und Perversionen aller Art, lassen die Herrschenden ihren Exzessen ungehemmt freien Lauf. Marcel Brunner als Hauptmann im Frack singt sein frauenverachtendes Couplet „ja, lüderlich sind alle Weiber“ mit durchschlagendem Bass und aggressiver Attitüde. Den satirisch überspitzt gezeichneten Gouverneur gibt Uwe Eikötter mit gut fokussiertem, klarem, absolut höhensicheren Tenor und viel Ironie.

Am Ende verüben die Tänzerinnen das Massaker, nehmen Rache an den Figuren der Unterdrückung, und fordern die Aufhebung der Ständegesellschaft. Keiner bleibt am Leben außer Simplicius. Er preist den Richter der Wahrheit.

Die Musik des Simplicius ist vielfältig, zitatenreich und assoziativ, ein Geflecht verschiedener Genres und Stile sowie symbolischer Verweise, mit eingängiger, fast romantischer Melodik, trotz direkter Nähe zu Neutönern wie Berg oder Krenek.

Der Dirigent Johannes Kalitzke hatte sich in Mannheim für die reduzierte kammermusikalische Fassung entschieden, mit erweiterter Streicherbesetzung, einfach besetzten Holz- und Blechbläsern und ausgedehntem Schlagwerk. Es gibt Instrumentalsoli, Chöre, Tänze, melodramatische Passagen, oratorienartige Stellen, eine jüdische Trauermelodie, einen Bach Choral „Nun ruhen alle Wälder“ und ein Zitat aus Strawinskys Sacre du printemps. Songs im Kurt Weill Stil tauchen ebenso auf wie ein Foxtrott am Ende. Eine aufregende Komposition von besonderem ästhetischen Reiz. Der Dirigent Herrmann Scherchen, der Hartmann zur Komposition seiner Kammeroper anregte, charakterisierte die Vielfalt „zwischen Bänkelsang, Choral und psalmodierendem Rezitando“.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner
NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

Die Ouvertüre ist Sergej Prokofieff gewidmet, die mit einem Trommelwirbel und rhythmisch markanten Bläserakkorden in motorisch-vorwärtsdrängendem Gestus beginnt. Johannes Kalitzke liefert ein fein durchgehörtes und transparentes Klangbild, sensibel klingen die depressiv anmutenden Streicherkantilenen, die mit den spannungsvollen und energiegeladenen Schlagzeugpassagen kontrastieren. Jeder einzelne Musiker gestaltete seinen anspruchsvollen Part mit einem Höchstmaß an Präzision und Intensität. Kalitzke legte die kontrapunktische Struktur der komplexen Partitur frei, dirigierte in den Gewaltdarstellungen mit kompromissloser Härte, oder fand in den Trinkliedern und dem Schlussmarsch zu unbeschwerter Leichtigkeit. Besonders innig gelangen die poetischen Momente wie der Bachchoral im Zwischenspiel zum 2. Bild, oder der jüdischen Klagegesang  in der Sterbeszene des Einsiedel.

Der Chor, (Leitung: Danis Juris), teilweise in den ersten Seitenlogen positioniert, stellte nicht nur als expressiver Sprechchor sondern auch an den zart gesummten Stellen seine herausragende Qualität unter Beweis.

Das Publikum spendete diesem außergewöhnlichen Werk und seiner bewegenden Deutung lange begeisterten Beifall.

Simplicius Simplicissimus – Nationaltheater Mannhein; der nächste Termin: So, 04.07.2021, 19.30 – 21.00 Uhr

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