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HervorhebenKritikenOperStaatstheater am Gärtnerplatz
München, Theater am Gärtnerplatz, Eugen Onegin – Premiere wieder live erlebt, IOCO Kritik, 19.05.2021
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Hans Günther Melchior
19. May 2021
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Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach
Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Eugen Onegin  – Peter I. Tschaikowsky

– Das große Leiden an der Langeweile –

von Hans-Günter Melchior

Nein, das will keine der üblichen stirnrunzelnden Kritiken sein, dieses abschmeckende Ja-aber: dies hier ist ein einziges Lob und Dankeschön an das Gärtnerplatztheater, die Intendanz und das Ensemble, an das gesamte Personal überhaupt von den Platzanweiserinnen und Platzanweisern, den Kontrolleurinnen – kurzum an alle, die diesen Abend möglich gemacht haben.

Schon der Weg zum Theater, von der U-3 durch die nicht nur bevölkerte, sondern von Menschen, überwiegend jungen, geradezu überschwemmte Reichenbachstraße in München. Ein einziges Erlebnis bereits dies, eine Befreiungsfeier auf der Straße, die von Bier, Limo- und Schnapsflaschen umkränzten Bäume, das Palaver, die Umarmungen: als finde eine plebiszitäre Güterabwägung statt, lieber Gesundheitsgefährdung und Freiheit als Sicherheit und Quarantäne.

Eugen Onegin wieder live am Gärtnerplatztheater
youtube Trailer Staatstheater am Gärtnerplatz
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Danach die Ankunft am gewohnheitsmäßig überfüllten Gärtnerplatz, als wäre dort des Volkes wahrer Himmel. Die Stufen zum Theater hinauf, die fast schon euphorische Begrüßung durch eine Kontrolleurin, bitte den Personalausweis, Testbescheinigung oder Impfpass, Eintrittskarte, “Ihnen sieht man auch an, dass Sie schon zweimal geimpft sind”  –, nicht bösartig, diskriminierend oder herabsetzend, sondern fast mütterlich, liebevoll, den ehrwürdigen Alten mit Worten streichelnd.

Eine gewisse Gerührtheit, Überschwänglichkeit und Dankbarkeit des Personals, die sich auf die Besucher überträgt, schönen Abend, viel Vergnügen, in den Reihen sitzen die Besucher getrennt von jeweils zwei Sitzen und die Reihe davor ist vollkommen frei.

Intendant Josef Köpplinger betritt die Bühne und bedankt sich bei dem Personal des Hauses mit fast brechender Stimme, was für eine Leistung, was für ein Einsatz in bedrohter Situation, er würde, sagt er, mit keinem Haus der Welt dieses Gärtnerplatztheater eintauschen.

Alexander Puschkin in St Petersburg © IOCO HGallee
Alexander Puschkin in St Petersburg © IOCO HGallee

Und dann die Aufführung der Oper Eugen Onegin von Peter I. Tschaikowsky, nach Alexander Puschkins Versroman Eugen Onegin, entstanden 1823 –1830: Das Orchester unter der Leitung von Anthony Bramall ist notwendig verkleinert, doch hoch engagiert, die Bläser, diese vor allem, sind hervorzuheben. Bramall treibt die Sänger durch die Partitur, über manche Klippen hinweg, scharfkantige Rhythmen wechseln sich mit Passagen lyrischer Breite ab, hier hat Tschaikowskys Genie das Letzte aus sich herausgeholt, das untergehende Jahrhundert gegen Wagners revolutionäre Neuerungen behauptet. Das ist eine schöne, höchst ausdrucksvolle Musik, die der zuweilen schmerzliche, das eigene Schicksal beklagende und höchstpersönliche Ton des Komponisten färbt und ins Melancholische transponiert.

Eugen Onegin – Einführung in das Stück
youtube Staatstheater am Gärtnerplatz
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Das zu verdeutlichen, ist mit diesem Ensemble durchaus gelungen, grandios die Tatjana der Mária Celeng (Sopran), stimmfest und souverän der Mezzosopran der Olga von Anna-Katharina Tonauer und auch die Männer, der Eugen Onegin (Bariton) von Matija Meic und der Tenor Lenskis von Lucian Krasznec vermochten zu überzeugen. Besonders eindrucksvoll der von Levente Páll vertretene Bass des Fürsten Gremin. Diese Protagonisten umrahmte ein hochkompetentes Ensemble.

Die Inszenierung von Ben Baur hielt sich ans Konventionelle, alte, abgelebte Möbel, zwischen denen sich die Darsteller, getreu der Puschkin-Vorlage teils müde, teils ein wenig orientierungslos bewegten. Die Regie hat notgedrungen etwas Behelfsmäßiges, die Handlungsabläufe Verkürzendes.

Aber was soll die Krittelei. Die gesamte Aufführung war ein gewaltiger Kraftakt in schwerer Zeit. Da ist Dank – nochmals – mehr als eine konventionelle Gebärde. Was für ein Glück nach so langer Zeit der kulturellen Aushungerung.

Das Libretto freilich muss sich schräge Blicke gefallen lassen. Dessen kann sich die Kritik nun doch nicht enthalten. Alexander Puschkin hat ein brillantes Werk geschrieben. Die Handlung selbst, eine eher banale Liebesgeschichte, wird im Blick eines reflektierenden und kommentierenden, ironischen Erzählers gespiegelt. Das Geschehen wird unter dem Blickwinkel der gesellschaftlichen Verhältnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts geschildert. Und der Blick ist schonungslos. Er fällt, ähnlich wie bei Anton Tschechov, 1860 – 1904, auf ein Russland, dessen aristokratische Führungsschicht emotional und ideologisch erschöpft ihrem Ende entgegendämmert und von dem abseits stehenden Onegin repräsentiert wird. Er steht am Rande und sieht dem sinnentleerten, sich als festlich tarnenden Taumel des immer noch tanzenden Adels zu, während bereits die Leuchtfeuer der Revolution für scharfgesichtige Beobachter am Horizont aufscheinen.

Theater am Gärtnerplatz / Eugen Onegin  © Christian POGO Zach
Theater am Gärtnerplatz / Eugen Onegin  © Christian POGO Zach

Onegin ist freilich kraftlos, er ist einer von denen, die wissen, was falsch ist an den Verhältnissen, jedoch nicht wissen, wie sie geändert werden sollen. Ein chronisch Gelangweilter, ruhelos Wandernder ohne eigentliches Ziel, bloßer Zuschauer im ausgeleierten gesellschaftlichen Betrieb. Im Versepos ist vom “überflüssigen Menschen“ die Rede.

Schopenhauer, der Zeitgenosse Puschkins, analysierte den Zustand beängstigend genau: die Menschen, so seine Feststellung, leiden entweder an Schmerzen oder an der Langeweile. Die Schmerzen lenken sie ab von der Langeweile. Beide Leiden sind schlimm, aber die Langeweile ist am schlimmsten.

Das Libretto der Oper beschränkt sich indessen im Wesentlichen auf den bloßen Handlungsteil:  Lenski führt seinen Freund Onegin in die Familie der Gutsbesitzerin Larina (Ann-Karin Naidu) ein, deren eine Tochter, Olga, mit Lenski verlobt ist. Die zweite Tochter, Tatjana, verliebt sich in Onegin und wird von diesem abgewiesen.

Onegin vermutet einen Kuppelversuch Lenskis und will sich an diesem rächen. Macht dessen Verlobter Olga provozierend auffällig den Hof und wird von dem eifersüchtigen Lenski zum Duell gefordert. Er erschießt Lenski und begibt sich, von Reue geplagt und ruhelos, auf lange Reisen ins Ausland. Die Langeweile reiste indessen immer mit.

Theater am Gärtnerplatz / Eugen Onegin © Christian POGO Zach
Theater am Gärtnerplatz / Eugen Onegin © Christian POGO Zach

Zurückgekehrt erlebt er auf einem Ball in St. Petersburg die inzwischen mit dem Fürsten Gremin verheiratete Tatjana als souveräne Gesellschaftsdame und Gastgeberin. Der ist von ihr fasziniert und verliebt sich in die avancierte Dame, die dem Mädchen vom Land nicht mehr gleicht. Sie weist ihn jedoch zurück, sie ist verheiratet und hält ihrem Ehemann ungeachtet ihrer erneuerten Liebe zu Onegin die Treue…

Dennoch:obwohl die Oper das Niveau von Puschkins Versepos nur streift, gehört sie musikalisch zu den bedeutendsten und eindrucksvollsten Musikschöpfungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was an diesem Abend zu beweisen war – und bewiesen wurde.

Das dankbare Publikum riss es am Ende von den Sitzen. Langer, nicht enden wollender Applaus. Bis das Ensemble sich winkend verabschiedete…, lasst uns endlich auch mal was trinken.

Auf den Straßen wogte die Menge. Lauter waren die Gespräche geworden, schwollen im innersten Kreis der inzwischen Betrunkenen an; lärmig stauten sie sich unter dem bewölkten Himmel.

Das alles, was uns Angst macht, ist noch nicht vorbei. Und es scheint etwas unerledigt zu sein. Eine zu wilde Lust, Versäumtes nachzuholen, macht sich auf. Als hätte die Langeweile uns am Ende doch noch krank gemacht.

Die Kunst sublimiert die unerledigten Gefühle. Höchste Zeit ist es für Opern- und Theateraufführungen…

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—


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