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HervorhebenIOCO - CD-Rezension

Richard Strauss – Tanzsuite, Divertimento – nach François Couperin, IOCO CD-Rezension, 12.02.2021

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Julian Fuehrer
12. February 2021
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NAXOS CD Richard Strauss _ Tanzsuite Divertimento © NAXOS
NAXOS CD Richard Strauss _ Tanzsuite Divertimento © NAXOS

Richard Strauss: Tanzsuite, Divertimento Op. 86 –  New Zealand Symphony Orchestra, Jun Märkl  –  NAXOS  CD 8.574217, 2020

von Julian Führer

Ein ungewohnter Richard Strauss – beispielhaft umgesetztes „Hüpfmaterial“ in einer Aufnahme aus Neuseeland 

Richard Strauss Büste in Walhalla © IOCO HGallee
Richard Strauss Büste in Walhalla © IOCO HGallee

François Couperin (1668-1733) war in verschiedenen Funktionen am Hof Ludwigs XIV. in Versailles tätig, heute ist er noch vor allem für überaus zahlreiche Kompositionen für Cembalo bekannt. Die Nachwelt interessierte sich mehrmals in künstlerischer Aneignung für dieses musikalische Erbe, man denke an Maurice Ravel (Le tombeau de Couperin, 1917) oder jüngst Thomas Adès, Three Studies from Couperin, 2006). Doch auch Richard Strauss ließ sich von dem französischen Komponisten inspirieren – nicht für den Rosenkavalier, Salome oder die Alpensinfonie, aber für zwei wenig bekannte Stücke Ballettmusik, die 1923 und 1941 uraufgeführt wurden und jetzt zusammen auf einer CD erhältlich sind.

Als eigentlichen Ballettkomponisten wird man Richard Strauss kaum bezeichnen – er sah das übrigens ähnlich und bezeichnete die besprochenen Kompositionen selbst als musikalisches „Hüpfmaterial“ und äußerte auch in einem Brief, dass zumindest die Komposition des Divertimento ihn im Grunde gelangweilt habe. Doch sollte man nicht vergessen, dass Strauss auch mit Josephs Legende (1914) und Schlagobers (1924) durchaus als Ballettkomponist in Erscheinung getreten ist, auch wenn diese Werke heute weitgehend vergessen sind.

Das erste Werk auf der neuen Aufnahme, die Tanzsuite für kleines Orchester, wurde 1923 in Wien als Ballettmusik unter Clemens Krauss uraufgeführt, ein Stück von etwa einer halben Stunde Musik. Richard Strauss lehnt sich nicht so sehr an Couperin an, dass er konkrete Vorlagen angäbe, das Einleitungsstück, „Pavane“ würde ebenfalls nicht zu seinem Vorbild passen.

Strauss‘ Kompositionsstil hat etwas Humorvolles – der Beginn der Einzelstücke hört sich zunächst frühklassisch an, bevor dann durch Instrumentation (Strauss hat ein Englischhorn vorgesehen) oder verstärkte Polyphonie deutlich wird, dass wir es mit einem Werk des frühen 20. Jahrhunderts zu tun haben (darin Sergej Prokofiev und seiner ersten Symphonie, der „Symphonie classique“, nicht unähnlich). Das Orchester der Tanzsuite erfordert Celesta, Harfe und Posaune, aber eben auch das viel eingesetzte Cembalo. Im Rückgriff auf Couperin werden viele Verzierungen angewendet. Wirklich reizvoll sind die immer wieder neuen Arrangements – nur selten spielt das volle Orchester, dafür wechseln oft auch innerhalb eines Stückes die Instrumentengruppen.

Die einzelnen Stücke beginnen meist zaghaft oder zeremoniös, die Struktur bewegt sich in sehr klassischen Bahnen, der Reiz liegt in der Variation – so wird der erste Teil der Courante mit Harfe, Englischhorn und Posaune dargeboten, im Allegretto-Mittelteil hingegen kommt das Cembalo zum Zuge. Im folgenden Carillon beginnen Harfe, Glockenspiel und Celesta, das Cembalo kommt dazu, schließlich spielen alle Instrumentengruppen zusammen – und auf einmal hört man fast die Salome. Langsam und streng schreitet die Sarabande voran, der Mittelteil räumt der Harfe sehr viel Raum ein und ist sehr kantabel. Eine weitere Charakteristik in der Instrumentation der Tanzsuite ist der Einsatz von Solopartien – in der Gavotte beginnen Cembalo und die Solovioline, bevor dann im Rahmen einer Art Temo con variazioni zuerst eine Flöte und später ein Fagott hinzukommen, im weiteren Verlauf hört man drei Violinen, zwei Bratschen usw. – bevor dann alles zusammengeführt wird und noch gewissermaßen als Sahnehäubchen die Celesta dazukommt. Der Wirbeltanz überrascht mit viel Chromatik. In der Allemande hat die Posaune, im abschließenden Marsch das Horn eine größere Partie. Die Musik oszilliert zwischen frühklassischem Gestus und charakteristischem Strauss-Stil, die einzelnen Stücke wechseln schnell die Stimmung und dauern immer nur wenige Minuten (wieviele Minuten genau, ist dann allerdings manchmal überraschend, da die Zeitangaben auf der CD-Rückseite durcheinandergeraten sind).

NAXOS CD _ Richard Strauss © IOCO
NAXOS CD _ Richard Strauss _ Tanzsuite © IOCO

Das zweite Werk ist das Divertimento op. 86, das 1941 in München uraufgeführt wurde (wieder unter Clemens Krauss, der auch die Anregung dazu gegeben hatte). Strauss erweiterte es noch einmal, die nun gut 35 Minuten lange Konzertfassung wurde dann 1943, wieder unter Krauss, uraufgeführt. Große Unterschiede in der musikalischen Faktur gibt es nicht, aber kleine Unterschiede durchaus – nicht ganz unerheblich ist der Einsatz der Orgel (in La Musette de Choisy und Musette de Taverny, dazwischen ist La fine Madelon zu hören – „das Ganze in leichtem Halbstaccato“, so Strauss‘ Partituranweisung). In Le Tic-toc-choc beginnt das Horn als Melodieinstrument, bevor dann Violine und Bratsche (jeweils solo) dazukommen und der Orchesterapparat weiter erweitert wird. Dass wie in La Lutine das gesamte Orchester zum Einsatz kommt, ist im Rahmen dieser beiden Suiten selten. Abermals überraschend dann Le Trophée – ein kurzes Stück im Stil pompöser barocker Triumphmusiken, wie man sie von Charpentier und Lully kennt, in das sich aber Becken und große Trommel mischen. Les ombres errantes (‚Die irrenden Schatten‘, man kann den Titel auch als ‚die irrenden Seelen‘ auffassen) beginnt düster mit Anklängen an Humperdincks bedrohlichen Hexenwald – doch endet alles wie auch die Tanzsuite ebenso beschwingt wie effektvoll.

Eine technisch mäßige Aufnahme des Divertimento mit dem Uraufführungsdirigenten Clemens Krauss aus dem Jahr 1953 ist im Internet zu finden, andere frei verfügbare Aufnahmen leiden unter einer etwas undifferenzierten Intonation, mitunter auch unter einer nicht optimalen Aufnahmetechnik. Diese neue Aufnahme wurde 2019 in Neuseeland eingespielt, und zwar vom New Zealand Symphony Orchestra unter Jun Märkl. Diese Formation führt ‚normale‘ Konzerte auf, spielt aber auch Filmmusiken ein, ist also ausgesprochen vielseitig. Seine letzten Chefdirigenten waren Pietari Inkinen (der den neuen Bayreuther Ring dirigieren soll) und Edo de Waart. Jun Märkl nun legt Wert auf differenziertes Spiel, technisch ist die Aufnahme einwandfrei (Tontechnik: Phil Rowlands). Sowohl klanglich als auch von der Spielkultur des Orchesters ist diese Aufnahme vielem anderen weit überlegen; Jun Märkl vermag auch eine gute Balance zwischen der vermeintlich frühklassischen Einleitung der einzelnen Stücke und der spätromantisch-breiten Ausführung der weiteren Entwicklung herzustellen. Auch wenn Salome sicherlich eher ein Geniestreich war als diese Gelegenheitswerke, auch wenn die Frau ohne Schatten kompositorisch avancierter war, auch wenn man Strauss nicht als Ballettkomponisten einschätzen würde: Diese Aufnahme ist eine Bereicherung und fügt auch unserem Bild von Richard Strauss eine wichtige Nuance hinzu.

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