La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt – NAXOS, IOCO CD-Rezension, 10.01.2021

Januar 10, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Oper

Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt

NAXOS – DDD, 2019/2020 – Bestellnr  10308223 – erschienen 13.11.2020

Florent Schmitt: La Tragédie de Salomé – Symphonic Poem, Op. 50 (1910), Musique sur l’eau (version for voice and orchestra), Op. 33 (1898), Oriane et le Prince d’Amour – Suite, Op. 83bis (1934-1937), Légende (version for violin and orchestra), Op. 66 (1918), Susan Platts (Mezzosopran), Nikki Chooi (Violine), Women’s Choir of Buffalo, Buffalo Philharmonic Orchestra, JoAnn Falletta. Naxos 8.574138, 2020.

von  Julian Führer

Der französische Richard Strauss? Meisterliche Klangfarben-Malereien von Florent Schmitt  – auf NAXOS – CD

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt (1870-1958) hat in seinem langen Leben ein vielfältiges Werk hinterlassen. Nach dem Studium am Konservatorium in Paris, unter anderem beim das Werk Richard Wagners verehrenden Albert Lavignac und dann bei Jules Massenet und Gabriel Fauré, wurde er im Jahr 1900 Preisträger des prestigeträchtigen Prix de Rome, den vor ihm Georges Bizet, Camille Saint-Saëns, Jules Massenet, Claude Debussy und Paul Dukas gewonnen hatten. Abgesehen von der Oper hat er die meisten musikalischen Genres der Zeit mit eigenen Kompositionen bedient. Eine Aufnahme aus Buffalo ruft nun einigermaßen Bekanntes in Erinnerung, wartet aber auch mit zwei Ersteinspielungen auf.

Die symphonische Dichtung La Tragédie de Salomé Opus 50 gehört zu Schmitts bekannteren Werken. Ganz im Geist des Fin de siècle, als Salome ein bevorzugtes Thema der Künste war (man denke nur an Oscar Wilde und Richard Strauss), komponierte Schmitt 1907 ein umfangreiches Werk für kleines Orchester, das er 1910 im Umfang reduzierte, aber für großes Orchester umarbeitete. Die Skandaloper von Richard Strauss war Ende 1905 uraufgeführt worden und hatte rasch Berühmtheit erlangt; Schmitt scheint die Partitur gekannt zu haben (er hatte Strauss selbst bereits 1899 getroffen), zumindest lassen einige Klangfarben und die Mischung von scharfer Rhythmik und orientalisierendem Gestus dies vermuten. Gewidmet wurde diese Partitur allerdings Igor Stravinsky, der 1910 in Paris war. Die textliche Grundlage für das Tongedicht lieferte Robert d’Humières. Das Orchester nun ist spätromantisch-breit besetzt, das Englischhorn übernimmt eine wichtige Funktion, gerade in der Einleitung (Prélude). Schmitt beherrscht die Kunst, ein sehr großes Orchester im stetigen Wechsel der Klangfarben über weite Strecken so zurückhaltend zu instrumentieren, dass dem Hörer ein Breitwandpianissimo aufgefächert wird, insgesamt schwerer als bei Debussy, doch unverkennbar französisch, mit vielen Dämpfern in den Streichern und rhythmischen Reizen (Triolen, 32tel-Verzierungen, Wechsel in den 5/4-Takt). Die auf das Prélude folgende Danse des Perles illustriert, wie erst Herodias und dann Salome selbst sich schmücken und diese dann ihren ersten Tanz vollführt. Noch mehr als im Prélude werden die Harfen eingesetzt, ein Glockenspiel kommt dazu. Die Streicher treiben die Bewegung an, in der Tanzpassage steht das Schlagwerk mehr im Vordergrund.

La Tragédie de Salomé von Florent Schmitt – hier mit dem Orchestre de Paris
youtube Florent Schmitt
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Der folgende zweite Teil der Klangdichtung wird wieder langsam eingeleitet. Florent Schmitt fordert hier den Einsatz eines Sarrusophons, eines Rohrblattinstruments, das in der französischen Militärmusik vereinzelt Verwendung findet und Eigenschaften eines tiefen Holzblasinstruments mit denen eines mittleren Blechs vermischt (Schmitt hatte seinen Wehrdienst unter anderem in einer Musikkompanie abgeleistet). Dieses Sarrusophon alterniert hier mit der Bassklarinette. Im folgenden, Les enchantements de la mer betitelten Abschnitt erinnern die Flöten sehr an Debussy, abermals werden oft die Harfen eingesetzt, und zwischen Oboe und Horn entspinnt sich ein Dialog, während Herodes, so der Begleittext, auf das wabernde Meer schaut und sich im Dunst langsam die Silhouette der Salome abhebt… An dieser Stelle hat Schmitt Vokalisen komponiert, erst solistisch (Susan Platts), dann von insgesamt sechs Chordamen. Die Farben sind üppig, die Stimmen berückend, die Stimmung schwül – und dann folgt die Danse des éclairs, notiert „avec frénésie“. Gemäß der Vorgabe von d’Humières ist die Szenerie nur durch Blitze ab und an erhellt, schemenhaft erkennt man die nackt tanzende Salome, den gierigen Tetrarchen Herodes und Johannes den Täufer,dessen abgeschlagener Kopf dann Salome auf dem Tablett dargeboten wird. Passagen mit scharfer Rhythmik wechseln auch hier wieder mit leisen Passagen, in denen Bratsche und Oboe solistisch auftreten, während gedämpfte Violinen und gestopfte Hörner begleiten – es wäre wahrlich sehr erstaunlich, wenn sich Schmitt hier nicht von Salomes Tanz bei Richard Strauss hätte inspirieren lassen. Diese Szene mündet in die Danse de l’effroi (den Tanz des Grauens), der eine sich gegen Salome entfesselnde Natur evoziert und der Igor Stravinsky bis hin zur Musik von Le Sacre du Printemps beeinflusste. Strauss und Schmitt sind sich zeitlich, vom Thema und von den Kompositionstechniken her sehr nahe.

Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

Auf der CD folgt die Musique sur l’eau Opus 33 in der erstmalig aufgenommenen Fassung für Gesang und Orchester von 1898. Der Text ist ein Gedicht des symbolistischen Dichters Albert Samain, der auch Vorlagen für Camille Saint-Saëns und Gabriel Fauré geliefert hat – „Oh, écoute la symphonie / Rien n’est doux comme une agonie / Dans la musique indéfinie / Qu’exhale un lointain vaporeux“. Als Musikkritiker hat sich Florent Schmitt mitunter über solche Dünste lustiggemacht, er war auch mit Erik Satie befreundet, aber als Komponist war ihm derlei doch nicht fremd, wie deutlich zu hören ist; doch verrät die Faktur auch den Könner, wie in einem Orchesterlied von Richard Strauss wird die Stimme von Harfen umgarnt, und ein breiter Streicherapparat wird soweit gezügelt, dass der Teppich zwar sehr warm, aber noch nicht zu dick ist. Susan Platts als Solistin artikuliert den französischen Text sehr klar und formt die Töne so, dass das Hören wirklich ein ästhetisches Vergnügen bereitet.

Schmitt war produktiv, lange nach den bislang besprochenen Stücken schrieb er 1934-1937 eine Ballettmusik Oriane et le Prince d’Amour Opus 83, aus der er die Suite Opus 83bis formte. Bemerkenswert, wie sich Schmitt selbst treu blieb, seine Kompositionen blieben vom parfümierten spätromantischen Klangideal geprägt, raffiniert sind sie auf jeden Fall: die ruhigen Rahmenteile (jeweils „Calme“ überschrieben) variieren Orientalismen wie die Salome-Dichtung, während die mittleren Passagen (die schmachtende Danse d’Amour und vor allem die Danse des Mongols) doch eigene Farben entwickeln. In der Behandlung des Schlagwerks und den rhythmisch stärker akzentuierten Passagen ist Stravinskys Einfluss doch zu ahnen (vor allem aus Petruschka), doch bestünde auch bei einer musikalischen Blindprobe kaum ein Zweifel, dass es sich um durch und durch französische Ballettmusik handelt.

Abschließend ist die Légende Opus 66 von 1918 zu hören in der hier erstmalig eingespielten Fassung für Violine und Orchester. Die erste Fassung war ein Auftragswerk von Elise Hall aus Boston, die sich Kompositionen für Altsaxophon gewünscht hatte – Debussy komponierte eine Rhapsodie für sie, Schmitt die technisch deutlich anspruchsvollere Légende, von der er dann noch Fassungen für Bratsche und für Violine herstellte. Nikki Chooi präsentiert den Solopart mustergültig, während das begleitende Orchester eher ruhig bleibt. Auffallend sind einige Passagen für die Flöten sowie Schmitts auf dieser CD immer wieder durchscheinende Vorliebe für die Harfe. Ein Interview mit Nikki Chooi und anderen Musikern über die verschiedenen Fassungen und ihre jeweiligen Charakteristika ist in diesem link – HIER ! _ hier zu finden:

Das Buffalo Philharmonic Orchestra ist ein Klangkörper, der die zahlreichen von Florent Schmitt in der Partitur vorgenommenen Anweisungen zu Tempi und Dynamik stets flexibel umsetzt. JoAnn Falletta als Dirigentin hat hier hörbar gute und gründliche Arbeit geleistet. Die Aufnahmequalität ist beispielhaft, und die Kommentare im Booklet (in englischer und französischer Sprache beigegeben) von Edward Yadzinski setzen Maßstäbe. Dem Label Naxos ist zu danken, dass solche Aufnahmen zur Verfügung stehen, und es ist zu wünschen, dass dieser Komponist, dem eine eigene Website gewidmet ist, www.florentschmitt.com  als Vertreter der französischen Spätromantik wieder etwas bekannter wird.

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