Dmitri Shostakovich – Songs and Romances, Margarita Gritskova, IOCO CD – Rezension, 17.11.2020

November 16, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension

Dmitri Shostakovich _ Songs and Romances, Margarita Gritskova - Maria Prinz, Piano - CD Naxos 8.574031 2020.

Dmitri Shostakovich _ Songs and Romances, Margarita Gritskova – Maria Prinz, Piano – CD Naxos 8.574031 2020.

Dmitri Shostakovich  –  Songs and Romances
Margarita Gritskova – Mezzo-Soprano,   Maria Prinz – Piano

Naxos –  Catalogue No: 8.574031 – Barcode: 747313403172

von Julian Führer

Zum Glück ist das Werk von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) inzwischen auch im ehemaligen Westen einigermaßen bekannt. Seine Oper Lady Macbeth von Mzensk wird immer wieder aufgeführt, und einige seiner 15 Symphonien konnten einen Stammplatz im großen Repertoire erobern. In den letzten Jahren haben auch etliche Gelegenheitsmusiken Aufmerksamkeit gefunden: Filmmusiken, die sogenannten „Jazzsuiten“ und der „Walzer Nr. 2“. Noch nicht allzu bekannt ist, dass Schostakowitsch ein sehr produktiver Liedkomponist war. Vorliegende Sammlung bietet unter dem Titel „Songs and Romances“ einen Querschnitt. Wer eine Zusammenstellung eingängiger Liebeslieder nach Art des bekannten Walzers sucht, wird allerdings enttäuscht. Auch wenn Schostakowitsch aufgrund der Vorgaben der Sowjetbürokratie gehalten war, einen volksliedhaften Ton anzuschlagen, um nicht den Vorwurf des ‚Formalismus‘ auf sich zu ziehen, handelt es sich um anspruchsvolle Kunstlieder, deren oft düstere Grundstimmung nicht zu einem romantischen Abend mit leichter musikalischer Umrahmung passt.

Die Zusammenstellung auf vorliegender CD von NAXOS mag zunächst etwas beliebig erscheinen, da Einzelstücke aus diversen Liederzyklen und gänzlich unterschiedlichen Schaffensperioden ausgewählt wurden. Zudem werden sämtliche 20 Stücke von der Mezzosopranistin Margarita Gritskova dargeboten (stets begleitet von der in diesem Repertoire erfahrenen Maria Prinz), auch wenn Schostakowitsch oft ausdrücklich für Bassstimme komponierte.

Die Sammlung beginnt mit „Libelle und Ameise“, der ersten von „Zwei Fabeln nach Krylow“ op. 4, dem antiken und auch von La Fontaine verwendeten Motiv des fleißigen und des vergnügungsorientierten Tiers nachempfunden. Der Tonfall dieses Frühwerks von 1922 ist einerseits spöttisch, andererseits ist schon hier, im Werk eines Sechzehnjährigen, Schostakowitschs charakteristische Klangsprache zu finden.

Aus dem Zyklus „6 Romanzen auf Texte von japanischen Dichtern“ op. 21a (1928-1932), eigentlich für Tenorstimme komponiert, werden zwei kurze Szenen präsentiert. Nr. 2 „Vor dem Selbstmord“ zu einem Text von Otsuno Odzi mit einer scheinbar ohne Ziel dahintaumelnden Begleitung und einem von der Sängerin sehr lange ausgehaltenen Spitzenton am Ende, der ins Jenseits hinüberzuweisen scheint. Nr. 4 „Zum ersten und letzten Mal“ mit einem Text von Alexander Germanowitsch Preis lässt ebenfalls die Grundstimmung deutlich späterer Werke ahnen: „In dunkler Nacht empfinde ich keine Liebe mehr, da bleibt mir nur Leid, nur Leid.

Aus den „Zwei Romanzen nach Versen von Michael Lermontov op. 84 (1950), eigentlich für Männerstimme, folgt eine Ballade über eine junge Frau, die vom Jüngling gefährliche Liebesbeweise fordert, bei denen er schließlich den Tod findet. „Morgen im Kaukasus“ thematisiert ebenfalls erotische Begegnungen und enthält einen lange ausgehaltenen Schlusston, immer leiser werdend, technisch sehr überzeugend umgesetzt.

Sehr spät komponierte Schostakowitsch6 Gedichte von Marina Zwetajewa“ op. 143 (1973), hier sind zwei davon zu hören, zunächst Nr. 2 „Woher diese Zärtlichkeit?“, hörbar aus der letzten Schaffensphase Schostakowitschs, längst nicht mehr auf tonaler Basis, und dann Nr. 5 „Nein, es rührte die Trommel“ mit ins Stolpern geratenden Fanfaren, die nach der letzten Gesangszeile noch einmal aufscheinen.

Mit den „Vier Romanzen nach Alexander Puschkin op. 46, hier durch Nr. 1 „Renaissance“ (besser: Wiedergeburt) vertreten, kommen wir in eine nicht nur für Schostakowitsch furchtbare Lebensphase: Der Text Puschkins aus dem frühen 19. Jahrhundert lautet: „Ein barbarischer Maler schwärzt das Werk des Genies mit düsteren Pinselstrichen und malt darüber sein unerlaubtes, sinnloses Bild. Aber mit den Jahren fallen die fremden Farben wie alte Schuppen vom Bild ab, und die Schöpfung des Genies steht vor uns in ursprünglicher Pracht. So schwinden auch die Verirrungen aus meiner gequälten Seele, und es erstehen die Bilder vergangener lauterer Tage.“ Er wurde 1936/1937 zur Zeit der blutigen Säuberungen unter Stalin für Bassstimme in Musik gesetzt und dürfte mit der tiefen Stimme noch düsterer und hoffnungsloser klingen als hier. 1937 wurde der Marschall der Sowjetunion Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski verhaftet, der Schostakowitsch bis dahin stets protegiert und gefördert hatte. Er wurde gefoltert, in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und erschossen. Schostakowitsch, der bereits im Januar 1936 durch einen Prawda-Artikel („Chaos statt Musik“) kaltgestellt worden war, musste nun mit allem rechnen. Dieses Musikstück ist beklemmend und sollte im Wissen um die Umstände seiner Entstehung eigentlich Schulstoff werden.

Dmitri Shostakovich - Songs and Romances, Margarita Gritskova - Maria Prinz, Piano - CD Naxos 8.574031 2020.

Dmitri Shostakovich – Songs and Romances, Margarita Gritskova – Maria Prinz, Piano – CD Naxos 8.574031 2020.

Aus den „6 Romanzen nach Versen englischer Dichter“ op. 62, 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg zur Zeit des belagerten Leningrad komponiert (ebenfalls eigentlich für Bass), wurde Nr. 5 ausgewählt nach Shakespeares Sonett Nr. 66. Es finden sich dort die Verse „Der Dichter ist des Lebens müde in einer Welt, in der Niedertracht herrscht… in der es keine Vollkommenheit gibt und der Verstand der Dummheit unterliegt.“ Gewidmet wurde dieser Zyklus Iwan Iwanowitsch Sollertinski, dem man Formalismus vorgeworfen hatte. Unmittelbar darauf folgend Nr. 6, „Des Königs Feldzug“, zwei Zeilen Text, gute 40 Sekunden Musik, eine Vision fugitive im Stile Prokofiews mit gewollt-unangemessen pompösem Schlussakkord.

Kurz nach dem Krieg komponierte Schostakowitsch einige Lieder „Aus jüdischer Volkspoesie“ op. 79, was in der antisemitisch geprägten Sowjetunion der Nachkriegszeit keine Selbstverständlichkeit war. Nr. 3 „Wiegenlied“ thematisiert Verbannung nach Sibirien, Leiden der Eltern und das Bemühen um die Kinder, die das Leid ihrer Eltern später erkennen werden. Nr. 5 „Warnung“ bezieht sich eher auf die Gefahr, der sich junge Frauen aussetzen, wenn sie bis zum Morgengrauen spazieren gehen – mit der erotischen Komponente fast ein Lichtblick in der Abfolge sehr düsterer, niedergeschlagener Musikstücke.

Die Griechischen Lieder von 1954 haben keine Opuszahl. Nr. 2 (Pentosalis) behandelt eine Liebesthematik, Nr. 3 Zolongo hingegen ist ein Klagelied über den Massenselbstmord griechischer Frauen mit ihren Kindern im Jahr 1803, die damals nicht in die Hand der Osmanen fallen wollten. In der Zusammenfassung des Liedtextes: „Die Welt ist traurig, ohne Freude und ohne Licht. In der unterdrückten Heimat stirbt das aufständische Volk.“ Daneben sind die ersten beiden Spanischen Lieder op. 100 (1956) „Leb wohl, Granada“ und „Kleine Sterne“ ansprechend mit spanisch-exotisch klingenden Rhythmen angereichert.

Aus den „5 Satiren auf Versen von Sascha Tschorny“ op. 109 (1960), ist Nr. 2 „Frühlingserwachen“ zu hören, ein Frühlingserwachen, das vom Kater auf seinen (im Klavier hörbaren) vier Pfoten über den Kaktus zum Nachbarn überspringt, Wärme bringt – aber auch Hunger und Suff. Dann noch Nr. 4 „Missverständnis“: Eine alternde Dichterin liest einem Jüngling Gedichte über erotisches Begehren vor, die dieser allzu konkret als Aufforderung versteht (der Klavierpart ist hier auf humorvolle Weise sehr aussagekräftig). Zusammengefasst: „Schon rennt er die Treppe hinunter. Er hat leider gar nichts begriffen von der neuen Poesie der alternden Dichterin.“ Sehr schön gestaltet ist dabei von der Sängerin die schnell herausgepresste Entschuldigung des verwirrten Jünglings.

Am Schluss stehen zwei seltsame Stücke Musik. Das „Vorwort zu meinem Gesamtœuvre und einige kurze Gedanken hinsichtlich dieses Vorworts“, op. 123 ist eine Aufzählung der überaus zahlreichen Ämter des Komponisten auf dem Stand von 1966. Sie hört sich an wie die etwas heruntergeleierten Radionachrichten eines beliebigen Ostblockstaats („Der Generalsekretär des Zentralkomitees der KP und Vorsitzende…“) und kann mit heutigen Ohren kaum ohne Schmunzeln gehört werden. Die Frage ist, ob Schostakowitsch hier, wie so oft, mit doppeltem Boden komponierte oder nur ein musikalisches Gelegenheitsstück schrieb. Zuletzt aus der „Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti“ op. 145 das letzte Stück, Nr. 11 „Unsterblichkeit“ (1974), vom auf den Tod erkrankten Schostakowitsch in seinem letzten Lebensjahr geschrieben – munter plätschernde Staccati in der Begleitung wie am Ende der 15. Symphonie von 1971, Kinderliedphrasen im Klavier, dann wieder düstere Akkorde, wie sie auch sonst im Spätwerk oft zu finden sind, speziell im letzten Werk, der Bratschensonate Opus 147.

Das beiliegende Booklet enthält eine kurze Präsentation der einzelnen Lieder sowie den Text in russischer, englischer und deutscher Sprache (die englische Übersetzung ist mitunter näher am Wortlaut der Vorlage als die von der Pianistin Maria Prinz nachgedichtete deutsche Version), manchmal werden allerdings aus Gründen des Urheberrechts nur Zusammenfassungen geliefert.

Gesungen werden die 20 Stücke von Margarita Gritskova, deren Stimme erstaunlich anpassungsfähig ist. Als Muttersprachlerin hat sie selbstverständlich keine Probleme mit der russischen Phonetik, mit der inhaltsbezogenen Phrasierung und Gestaltung. Sehr überzeugend ist, wie die junge Russin die Atempausen setzt und mit den Worten der Lieder teilweise zwischen Affirmation und Subversion steht, sie in die Länge zieht oder Schlusstöne verebben lässt. Bislang ist sie auf der Opernbühne vor allem mit Partien von Rossini und Mozart aufgetreten; angesichts ihres Könnens, ihrer Kenntnis und ihres Verständnisses für Schostakowitsch wünscht man sich, sie eines Tages als Katerina Ismailova in Lady Macbeth von Mzensk zu hören. Diese CD macht Lust, mehr von ihr zu hören, und ist ein Grund mehr, Schostakowitschs umfangreiches Liedoeuvre wiederzuentdecken.

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