Dalia Schaechter – YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG, IOCO CD-Rezension, 15.10.2020

Oktober 15, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Liederabend

ARS PRODUKTION - ARS 38 578 - CD Yiddish Songs von Dalia Schaechter dargestellt © ARS ProduKtion

ARS PRODUKTION – ARS 38 578 – CD Yiddish Songs von Dalia Schaechter dargestellt © ARS ProduKtion

NU GEY – IKH BLEYB  –  YIDDISCH SONGS  von  MORDECHAI GEBIRTIG

Dalia Schaechter Mezzosopran  –  Christian von Götz Gitarre
CD  –  ARS PRODUKTION ARS 38 578

von Albrecht Schneider   –    Verehrte Leserschaft von IOCO, Ihnen sei versichert: Weder bin ich mit den Künstlern dieser CD verschwistert noch verwandt, weder bin ich bestochen worden; noch werde ich erpresst oder kriege Provision, doch das hier ist einfach eine ganz wunderbare CD.

Dalia Schaechter und Christian von Götz, Sängerin und Gitarrist dieser Jiddisch Songs, werden sich gewiss nicht grämen, wenn ich deren Dichter und Komponisten, den polnischen Juden Mordechai Gebirtig (1877-1942), an den Anfang einer Besprechung stelle.

Der Name Mordechai Gebirtig: klingt er in seinem Miteinander von harten und weichen Konsonanten mit Vokalen nicht bereits so poetisch und musikalisch, wie es seine Lieder tun? Dieser Rhapsode des einfachen Lebens war in dem seinerzeit von Österreich annektierten Krakau zuhause, wohnte mit Frau und drei Töchtern ausschließlich hier, und das, wie damals der größte Teil der galizischen Juden, in äußerst be-scheidenen Verhältnissen. Tagsüber arbeitet er als Möbelrestaurator, des Abends an seinen Gedichten. Damit sie auch gesungen werden konnten, erfand er zugleich für viele eigene Melodien, die er, ohne Kenntnis der Notenschrift, Musikern vorstrug, die sie dann entsprechend notierten. Mit seinem Volk wurde er nach dem Überfall der Deutschen auf Polen von der Naziherrschaft drangsaliert, ins Ghetto “umgesiedelt“, wo ihn ein Deutscher Soldat erschoss. Was mit der Familie geschah, ist ungewiss, gewiss ist, dass sie gleich den meisten osteuropäischen Juden Opfer der Nazimordmaschinerie wurden.

Mit der Vernichtung des Judentums schwand dessen Sprache, das Jiddisch, dahin, und um dessen Überleben bemüht man sich heutzutage allenthalben. Jiddisch wurde vorherrschend in Osteuropa – Galizien gesprochen; mit der deutschen Sprache als Schwester ist ferner Hebräisch und Slawisch in dieses Idiom eingewandert, dessen Aufzeichnung in hebräischen Buchstaben geschieht. Jiddisch war die Muttersprache des Mordechai Gebirtig, und folglich hat er in Jiddisch seine Lieder verfasst wie gesungen.

Christian von Götz und Dalia Schaechter © Simin Kianmehr

Christian von Götz und Dalia Schaechter © Simin Kianmehr

Mit dem Lesen seiner Lieder, Songs, Gedichte, ­ jeder Begriff trifft zu ­ verstärkt sich das Gefühl, dass sie für die Musik nachgerade bestimmt sind. Oder, etwas anders und empha-tisch ausgedrückt, dass sogar die Musik selbst sie sich ob deren Prosodie gesucht haben könnte. Der Dichter hat ebenso empfunden und daher viele von ihnen “vertont“. In Deutschland sind sie bislang praktisch unbekannt, und dass jetzt die Mezzosopranistin Dalia Schaechter sie nicht allein hierhin gebracht, sondern sie uns in einer bewegenden, ganz und gar gelungenen Aufnahme vereint mit dem Gitarristen Christian von Götz sehr nahe gebracht hat, dafür sei sie im Fortissimo gepriesen.

Des Mordechai Gebirtigs Gedanken kreisen um die jüdische Existenz schlechthin, sie durchdringt seine Lyrik gleichermaßen, wie sie sich des Viertels Kazimierz, jenem von Juden bewohnten Stadtteil der Stadt Krakau annimmt. Des Dichters genauer Blick, der einer ganz und gar lauteren Natur, gilt all den Individuen, die in dieser Umgebung schuften, darben und sterben, die aber auch singen, trinken und sich des Daseins freuen, seien es Mütter, Kinder, Väter, Verliebte, Musikanten, Huren oder Gauner. Er selbst lebte ja über sechzig Jahre mitten unter ihnen, und das vielfach triste Schicksal der Mitbewohner war zudem sein eigenes.

Nicht die großen Dramen der menschlichen Existenz werden abgehandelt, es sind die traurigen und schmerzlichen Widrigkeiten und bescheidenen Vergnügungen im Alltag der für die normale Welt nahezu unsichtbaren allerkleinsten Leute. Zwar ein Poet, aber keineswegs ein unpolitischer, wissen seine Lieder von Krieg, Arbeitslosigkeit, Streik, von den Heimsuchungen derjenigen, die am Rande der Gesellschaft hausen. Aus alledem entstehen, ob ihrer Bildhaftigkeit ist man versucht zu sagen: sichtbare, jedenfalls der Wirklichkeit abgehörte und niemals Szenen aus dem Elfenbeinturm. Frei sind sie von Larmoyanz, von Rührseligkeit oder Überhöhung, wobei manche der Komik und Ironie nicht entraten.

Drei Lieder seien herausgegriffen zwecks Demonstration der Kunst des Mordechai Gebirtig gemeinsam mit der von Sängerin und Gitarrist.

A SELKHE TSVEY GOLDENE TSEP –  „Solche zwei goldenen Zöpfe“

Hier geht es hin und her. Zunächst bittet das Lyrische Ich um Verzeihung, weil es mächtig sauer, ja wütend gewesen ist auf die Geliebte, weil die ihre zwei Zöpfe abgeschnitten, sie also der Mode geopfert und hinterher gleich zwei Toten in der Kommode quasi eingesargt hat. Nach der Beschwerde über deren Verschwinden wird schließlich mit fast keifend kippender Stimme die Mode zum Teufel gewünscht, und dann gedämpft der verlorenen Haarpracht nachgetrauert.

Den eigenen fünfzigsten Geburtstag feiert Gebirtig mit einem von Melancholie verschatteten Jubelgesang, in dem das Bewusstwerdens des Alters, der Vergänglichkeit mitschwingt.

MAYN YOVL – „Mein Jubiläum“.

Spiel Klezmer, heißt es hier, spiel mir ein Lied, aber ebenso: Es ist vielleicht meine letzte Feier heut.  Die ersten zwei Zeilen, mit der Aufforderung des Jubilars an den Musikanten loszulegen, kommen daher wie ein getragenes Secco-, die nächsten zwei wie ein Accompagnatorezitiv, so als böte dieser Freudentag eher Grund zur Resignation. Indem er mit den nächsten vier Versen der Musik Freiheit von den Sorgen des Heute wie des Morgen abverlangt, beginnt diese gleichsam zu tanzen, Rhythmus und Dynamik von Stimme und Gitarre steigern sich jetzt in dem Schmerz ob der verlorenen Jugend und Jahre, die verflogen sind wie die Töne von des Klezmers Fidel.

MAIJNE YORN IS SHNEL FARFLOJGN, SHPIL KLEZMER, SHPIL

UNSER SHTETL BRENNT – Unser Städtchen brennt

ist des Dichters berühmtestes Lied, seine leise Klage wird zum Aufschrei, zum Appell, und mündet in Wehmut.

 Bildnis des Malers Felix Nussbaum - Selbstbildnis mit Judenpass - Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann

Bildnis des Malers Felix Nussbaum – Selbstbildnis mit Judenpass – Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann

S’BRENNT! BRIDERLECH. S’BRENNT!

singt die Stimme, denn die von Juden bewohnte Kleinstadt brennt. Warum? Wer hat den Brand gelegt? Ist es wieder einmal ein Pogrom? Das wird nicht gesagt, allein die vor Schreck erstarrten Männer sollen endlich die Hände rühren und löschen. Niemand wird ihnen dabei helfen. Wollen sie nicht in Ruinen leben, müssen sie sich selber helfen, und wenn das Wasser alle ist, dann mit eigenem Blut.

Mordechai Gebirtig schreibt dieses kleine Drama, als sei es nicht das erste brennende Schtetl, das er erlebt. Ist es doch bald zweitausend Jahren jüdisches Fatum und mithin das eigene, dass die Schtetl brennen. Und wenn das Wasser aus-geht, muss eben mit Blut gelöscht werden. Die klangliche Realisation dieser Szene durch Dalia Schaechter, als gebürtige Israelin wissend um die Geschichte des Volkes Israel, ist anfangs eine verhalten nüchterne Mitteilung, sie steigert sich, bis die Stimme eine Strophe lang selbst vor Verzweiflung zu brennen scheint, und verklingt dann so ergeben, als wisse sie um die Unabwendbarkeit des Feuers, in dem das Schtetl untergeht. Für sie ist ein solcher Brand kein seltenes Geschehen, es ist eines, das sich wohl bald irgendwo wiederholen wird.

Die CD  YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG  bietet noch 16 weitere Songs, sie erzählen von zärtli-chen Müttern, verliebten Paaren, mit Dieben, Huren, mit Vergnügen und Misere, die solchem Milieu eignen. Für deren musikalischer Inszenierung findet Dalia Schaechters, ­ solcher Vergleich sei gestattet ­ burgunderroter Mezzosopran, um es simpel zu formulieren, ausnahmslos den richtigen Ton. Oder, etwas genauer, aufgrund ihrer vokalen Meisterschaft charakterisiert die Stimme idiomatisch die jeweiligen Personen und beschwört die Stimmung der Ereignisse herauf. Getragen wird sie von dem formidablen Gitarrenspiel des Christian von Götz, das sich der Situation angepasst dem Mezzo zur Seite steht.

Beethovenjahr! Über seine Missa Solemnis schrieb der Komponist einst, sie möge zu Herzen gehen. Wer keines von Stein hat, dem wird diese CD zu Herzen gehen. Nehmen Sie Ihres in beide Hände, verehrte Leserschaft, und greifen Sie zu.

Eine Schlussbemerkung:   Dass die jüdische Gemeinschaft nicht in Sicherheit in einem Land leben kann, das sich vor achtzig Jahren die Vernichtung des Judentums auf die Fahnen schrieb, erscheint unbegreiflich. Ist schlicht eine Schande. Gefahr und Not einer Pandemie sind mittlerweile weitgehend bekannt, noch ist kein Kraut dagegen gewachsen. Ob hierzulande die endemische Seuche des Antisemitismus kurabel ist, bleibt ebenso offen. Vielleicht wird dieses kleine Wunderwerk von CD YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG  den Einen und die Andere zur Besinnung zu bringen.

NU GEY – IKH BLEYB  –  YIDDISCH SONGS  von  MORDECHAI GEBIRTIG

Dalia Schaechter Mezzosopran  –  Christian von Götz Gitarre
CD  –  ARS PRODUKTION ARS 38 578

—| IOCO CD-Rezension |—

Ihre Meinung ist uns wichtig

Schreiben Sie uns, was Sie darüber denken!
Bitte vorher die Datenschutzerklärung lesen : Datenschutzerklärung


Ich habe die Datenschutzerklaerung gelesen und stimme ihr zu.

Datenschutzerklaerung

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung