München, Münchner Kammerspiele, KILL THE AUDIENCE – Ein ver-rückter Abend, IOCO Kritik, 30.11.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

KILL THE AUDIENCE  –  Rabih Mroué

– Der Zuschauer als Schauspieler – ein Seitenwechsel –

von Hans-Günter Melchior

Es fängt vergleichsweise konventionell an. Es wird dunkel, auf einer Leinwand läuft ein kurzer Film ab, der Szenen aus dem Vietnam-Krieg zeigt, in den die USA 1965 mit Bombardements u.a. unter Einsatz der berüchtigten Napalm-Bomben (die Opfer gingen mit schwersten Verbrennungen buchstäblich zugrunde) eingriffen.

Der ver-rückte Abend

Eva Löbau, Foto unten, erläutert dann mit gespielter Sachlichkeit die Funktionsweise der Beretta unter Verwendung einer Plastikausgabe der Handfeuerwaffe. Danach zeigt sie den Zuschauern das in Militärkreisen berühmte Maschinengewehr 42, MG 42, das die Schützen in die Lage versetzte, 1200 Schuss in der Minute abzufeuern und noch in den Anfängen der Bundeswehr zur Waffenausstattung gehörte.

Zeynep Bozbay schaltet sich erklärend und ergänzend ein. Gleichsam Folie der Aufführung ist die legendäre Aufführung des Stückes Vietnam-Diskurs von Peter Weiss im Jahre 1968, also vor 50 Jahren, an gleicher Stelle, nämlich in dem damaligen Werkraumtheater. Regie führten 1968 Wolfgang Schwiedrzik und Peter Stein. Die Schauspieler forderten die Zuschauer zu Spenden für den von Hò Chi Minh angeführten Vietcong auf, der schließlich Südvietnams Hauptstadt Saigon eroberte und in dem mit größten Verlusten geführten Krieg (ca. 5 Mio. Opfer auf vietnamesischer Seite, 58 000 US-Soldaten fielen) obsiegte. Die damalige Inszenierung, besonders die Spendenaktion, führte zu einem handfesten Theaterskandal in München. Die geplanten weiteren Aufführungen mussten abgesetzt werden.

In einem relativ kurzen Abschnitt werden die Geschichte des Stücks und die historischen Hintergründe dargestellt.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier :  Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Lebhafte Erinnerungen der Zeitzeugen werden aufgerührt. Bilder und Eindrücke von der Teilnahme an der Studentenrevolte der Jahre 1967 ff, den Schah-Besuch in Berlin, die Erschießung von Benno Ohnesorge, die Demonstrationen und den Theorienstreit, eben all die Erinnerungen an Vorgänge, die in bewegter Zeit die gesellschaftliche Diskussion bestimmte und die Staatsorgane auf das Äußerste herausforderten, werden wach. Gedankliche Nachforschungen in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno.

Dem libanesischen Regisseur Rabih Mroué geht es aber in Wahrheit nicht um ganz bestimmte theoretische oder gar ideologische  Inhalte. Sein Anliegen ist formaler Natur: die radikale Umkehrung der Rollen. Er macht die Zuschauer zu den eigentlichen Akteuren. Der passive Zuschauer, der sich zurücklehnt und die auf der Bühne mal machen lässt, ist ihm suspekt:

– Eine die Zuschauerschaft als gesellschaftliche und still rezipierende Reihe von Pappfiguren, die die Zuschauerschaft imitiert, wird mit Beilhieben brutal zerstört, gleichsam ausgerottet.

– Während der Verlesung einer Abhandlung über die vergangenen Ereignisse und die Geschichte der Aufführung wird filmisch eine Zuschauermenge auf die Bühne projiziert. Die Damen und Herren scheinen dem Vortrag zuzuhören, benehmen sich jedoch gelinde gesagt unernst, wenn nicht läppisch, stilisierte Figuren, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Auch sie verschwinden.

Die beiden Schauspielerinnen, die zuvor – sozusagen performatorisch agierend, nämlich die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum aufhebend – bereits die Bühne verlassen hatten, um die Zuschauer per Handschlag zu begrüßen und nach ihrem Befinden zu befragen, und die die enorme Bedeutung der Zuschauer für das Theater, ja ihre schlechthin maßgebende, stilbildende Rolle, priesen, verlassen ebenfalls und nun endgültig die Bühne, verschwinden einfach und werden nicht mehr gesehen. Irgendwie allein gelassen sitzen die Zuschauer da.

Doch dann werden sie regelrecht aus dem Theaterschlaf gerüttelt. Auf der Bühne sind nun Sitzreihen aufgestellt, es ist ein echter Zuschauerraum eingerichtet. Es nehmen dort, nicht anders als im richtigen Zuschauerraum, Frauen und Männer Platz, die den „eigentlichen“ (Eintritt zahlenden) Zuschauern gegenübersitzen und diese erwartungsfroh anschauen.

So sind unversehens aus den von den professionellen Schauspielern verlassenen Zuschauern die Akteure, die eigentlichen Schauspieler geworden, denen passive Zuschauer gegenübersitzen. Als hätte das Blatt sich gewendet, als sei der „Spieß“ umgedreht worden.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Zunächst herrscht beiderseitiges Schweigen. Es ist klar, dass von den „Bühnenzuschauern“ nichts weiter als das Zuschauen zu erwarten ist, während die eigentlichen Zuschauer irgendetwas tun müssen, wenn sie nicht in einem eher peinlichen und stoischen Nichtstun verharren wollen, angestarrt wie Schauspieler, denen es die Sprache verschlagen hat.

Die Situation ist dem Stück 4´33“ von John Cage ähnlich. Es ist in drei Sätze gegliedert, wobei jeder Satz mit Tacet (er, sie schweigt) überschrieben ist. Der Pianist hebt die Hände über der Tastatur und lässt sie nach 4 Minuten und 33 Sekunden sinken, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben.

Regelmäßig entsteht dabei im Zuhörerraum zunächst Ratlosigkeit, danach Unruhe, Scharren, Räuspern, verlegenes Lachen u.s.w. Die eigentliche Komposition stellen diese provozierten Geräusche dar.

Mroués Inszenierung provoziert hingegen keine Geräusche, sondern eine zunehmend lebhafter werdende Diskussion: über die damalige Zeit, über das, was von ihr geblieben ist, über Widerstand und die Frage, ob es heute Zustände gibt, die dem Imperialismus der beschriebenen Zeit ähneln. Zeitzeugen äußern sich, aber auch junge und jüngere Leute, es werden unterschiedliche Auffassungen ausgetauscht.

Das geht etwa eine halbe Stunde so, wird immer engagierter und interessanter –, bis (fast) alles gesagt ist. Schließlich stehen diejenigen Personen, die die Zuschauer auf der Bühne spielen, auf und applaudieren –, zum Zeichen, dass die Vorstellung der Zuschauer, die – diskutierend – die Rolle der Schauspieler übernommen haben, zu Ende ist.

Ein verdammt raffinierter Trick. Die formale Umkehrung der Rollen, die die Zuschauer in eine ungewohnte Aktivität gleichsam hineinstößt und sie das Schwimmen lehrt, sie dazu zwingt zu spielen, wo sie doch gekommen sind, sich zurückzulehnen und das Geschehen schweigend zu verfolgen (vielleicht übermüdet auch nur über sich ergehen zu lassen).

Auf die inhaltliche Seite kommt es nicht an. Niemand, so der Regisseur, soll auf eine bestimmte Meinung festgelegt werden. Aber jeder soll eben spielen, dem Basiliskenblick der schweigenden Zuhörerschaft ausgesetzt ein Schauspieler sein, der seinen Text im Spielen spontan erfindet.

Eine gelungene, geradezu teuflische Idee, die in ihrer Radikalität ihresgleichen sucht. Man verlässt das Theater in dem Bewusstsein, etwas geleistet zu haben und zugleich ein wenig beschädigt zu sein. Wie ein Darsteller, der die Erwartungen der Zuschauer nicht ganz erfüllt hat, dem zu seiner Rolle die Realität fehlt oder diese ihm gar abhanden gekommen ist, weil er sich in einer reinen, nicht vom wirklichen Leben beschmutzten Ästhetik verliert. Ein wenig beschädigt auch, weil er, der Akteur, der Schauspieler, nicht vollständig ausgefüllt hat: weil ihm nicht alles zu ihr eingefallen ist oder weil das Wichtigste zu sagen vergessen hat.

Und auf jeden Fall verlässt man um eine völlig neue eine Theatererfahrung bereichert die Aufführung, bei der man auf die Bühne gesetzt wurde und agieren musste/durfte. Herausforderungen können mehr als nur aufregend sein.

Beim anschließenden Glas Wein geht die Diskussion weiter und immer weiter – in eine Zeit zurück, die als vergangene immer noch Gegenwart ist

KILL THE AUDIENCE an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Vorstellungen 17.12.; 19.12.2019

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