Bayreuth, Festspielhaus Bayreuth, Eva und Katharina ante Portas, IOCO Aktuell, 05.05.2008

Mai 5, 2008  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, IOCO Aktuell


Aktuell

Bayreuther Festspiele 

 Eva und Katharina ante Portas

Bayreuther Festspiele: Wer wird Wolfgang Wagner beerben?

Wichtige Ereignisse werfen in Bayreuth noch kleine Schatten: Am 29.5.2008 tagte der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, auch zuständig für die Nachfolgeregelung des Festspielleiters, also von Wolfgang Wagner. Jede Soap hält zunächst kurze Rückschau zur Familiensaga. Die Saga des Wagner-Clans, oft beschrieben, ist immer wieder packend.

Richard Wagner ward am 22. Mai 1813 geboren: Offiziell als Sohn des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wagner. Den Gerüchten nach als Sohn des Schauspielers und Schriftstellers Ludwig Geyer, den Wagners Mutter, die Bäckerstochter Johanna Rosine, 1814 heiratete. In Königsberg heiratete Richard Wagner 1836 Minna Planer, welche er als Musikdirektor in der Bethmannschen Theatertruppe kennengelernt hatte. 1870 ehelichte  Richard Wagner nach längerer ungeklärter Beziehung Cosima de Flavigny .

Cosima war eine uneheliche Tochter von Franz Liszt und der französischen Gräfin Maria D´Agoult. Cosima war seit 1857 mit dem Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow. Deren Hochzeitsreise, 1857, führte beide nach Zürich, wo Richard sich der Beziehungen zu mindestens zwei verheirateten Frauen erfreute; Jessie Laussot und Mathilde Wesendonk.

Laussots Mann drohte Richard zu erschiessen; Wesendonks Mann, weniger martialisch, kaufte für Wagner ein neben seiner Villa gelegenes Haus. Wagners Schweizer Episode war die Folge politischer Verstrickungen. In Dresden 1849, als Freund des russischen Anarchisten Michail Bakunin und dessen Ideen, war er in einen Aufstand gegen den sächsischen König verwickelt. Franz Liszt verhalf ihm als `Dr. Widmann´ in die Schweiz, wo er bis 1860 im Exil lebte.

Erst 1864 endeten Rastlosigkeit und finanzielle Bedrängnis mit der Unterstützung durch den Bayernkönig, Ludwig II, dem einzigen Menschen, der,  wie man sagt, reich genug war,  Wagners Wünsche wirksam zu unterstützen. Bemerkenswert, alle drei Kinder von Cosima und Richard Wagner, Isolde (1865), Eva (1867) und Siegfried (1869), waren unehelich. Was wiederum nicht genau zutrifft, denn Cosima war zu dieser Zeit verheiratet. Nur nicht mit Richard, dem Vater ihrer Kinder. Sondern, noch, mit Hans von Bülow.

Zeitsprung in die Gegenwart: Alle relevanten Entscheidungen des Festspielhauses auf dem grünen Hügel gehen heute von der Richard-Wagner- Stiftung Bayreuth aus. Noch präziser: Von deren Stiftungsrat, der aus 8 Mitgliedern mit insgesamt 24 Stimmen besteht: 5 für den Freistaat Bayern, 5 für die Bundersrepublik, 5 für die Familie Wagner, 2 für die Stadt Bayreuth, 1 für die Gesellschaft der Freunde, 2 für die Oberfrankenstiftung, 2 für den Bezirk Oberfranken, 2 für die Bayerische Landesstiftung. Stiftungsvorstand des Stiftungsrates stellen drei der 8 Mitglieder: Bund, Bayern und Festspielleitung. Letzterer eben Wolfgang Wagner.

Nun wird der Stiftungsrat zusammentreten. Aber worüber berät er?  Die Nachfolge Wolfgang Wagner? Das kann er laut Stiftungssatzung nur, wenn zuvor Wolfgang Wagner seinen Rücktritt erklärt. `Die Frist ist um´; nach 42 Jahren weitgehend erfolgreicher Amtsführung wäre ein Rücktritt normal.

Mit 88 Jahren ist Wolfgang Wagner naturgemäß nicht mehr ganz so rüstig. Aber deshalb den Rücktritt erklären? Wolfgang Wagners offen gehandelte Nachfolgepräferenz: Seine beiden Töchter Eva und Katharina. Auf deren Einsetzung hat Wolfgang Wagner keinen Rechtsanspruch. Zudem schreibt die Stiftungsurkunde ausdrücklich vor, daß kein `Zweifel darüber ( bestehen darf) , ob ein Mitglied der Familie Wagner (…) besser oder ebenso gut geeignet ist wie andere Bewerber´.

Bei Bestehen der ausdrücklich erwähnten Zweifel, wäre die Entscheidung einer (…) Sachverständigenkommission einzuholen. Soweit werden es Wolfgang Wagner und sein langjähriges Netzwerk in Land und Bund nicht kommen lassen. Die Minister Bernd Neumann und Thomas Goppel ordnen bereits: Zwar können sich laut Stiftungsurkunde alle Nachfahren Wagners bewerben; aber Nike, Wieland Wagners Tochter, bis vor kurzem noch ernsthafte Bewerberin, wird sanft demontiert (….theoretisch noch nicht aus dem Rennen; Süddeutsche Zeitung v. 29.5.2008).

Das Auswahlverfahren scheint auf eine Form von politischem Pragmatismus in `heiliger Allianz ´ mit Wagnerscher Dickschädeligkeit hinauszulaufen:  Für das Duo Eva/Katharina. Die von der Stiftungsurkunde ausdrücklich formulierte Forderung nach höchster Qualifikation in Vergleich zu externen Bewerbern wird damit faktisch beantwortet werden. Worin liegen die herausragenden Qualifikationen von Eva und Katharina? Man wird sie uns schon mitteilen. Wohl formuliert und begründet.

Mit Blick auf dies wohl mit `Geschmäckle ´ behaftete Auswahlverfahren in Bayreuth polterte Claus Peymann (BE) (im ZDF) korrekt aber wenig originell `Wir haben die Erbmonarchie in Deutschland abgeschafft´. Naja. `Armutszeugnis, Possenspiel, verschwendetes Geld der Bürger´ ergänzten seine nach Stammtisch duftende anspruchlose Phillipika. Derselbe Peymann, bei Vielfachmörder Christian Klar mit tiefem Verständnis, beschreibt Bayreuth als `Tummelplatz für Deppen´ und fordert….. Fordern werden viele in den kommenden Wochen: Zuständig oder zufällig , sachkundig oder populistisch, eloquent oder wie Peymann.   IOCO / Viktor Jarosch / 05.05.2008

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