München, Bayerische Staatsoper, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 09.07.2019

Juli 9, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Salome –  Richard Strauss

– enttäuschte Lust, zu Rache und Vernichtung treibend –

von Hans-Günter Melchior

In der Lust ist der Mensch Täter und Opfer zugleich: weil Lust das Unbedingte will. Und den Menschen in den Abgrund reißen kann, sofern seine Steuerungskräfte überwältigt werden. Von enttäuschter Lust zum Rachedurst, zum Vernichtungswillen ist es oft nicht weit.

Salome – Richard Strauss
youtube Trailer Bayerische Staatsoper München
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Der von den Nazis literarisch – dümmlich – missbrauchte (weil nicht begriffene) Nietzsche hat in seinem Werk Also sprach Zarathustra  erkannt:

„Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Lust vollzieht sich am und im Menschen wie ein unausweichliches Schicksal, überschwemmt den Verstand und dessen rationale Einwände und am Ende steht der Mensch vor dem Rätsel des Unbegreiflichen. Ganz allein. Er kann nicht erklären, was ihm widerfuhr. Denn „die Grenzen meiner Sprache, bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein). Lusttäter sind letztlich Schuldig-Unschuldige, denen es die Sprache verschlug.

Weil das so ist, greift Krzysztof Warlikowskis Salome- Inszenierung in der Bayerischen Staatsoper letztlich etwas zu kurz.

Schlimme Assoziationen weckend beginnt die Oper bei Warlikowski mit einem vom Band laufenden Kindertotenlied von Gustav Mahler, dem Juden, der zum Katholizismus konvertierte. Das Bühnengeschehen spielt sich in einer hohen, saalartigen Bibliothek ab, in dem Juden sich vor den anrückenden Nazi-Schergen zu verstecken suchen. Eine große Wand schließt sich vor dem bedrohlichen Lärm, der die Außenwelt erfüllt und näher rückt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

In dieser Ausnahmesituation, der Shoa, so Regisseur Warlikowski in einem Trailer, sind die Grenzen von Leben und Tod, Begehren und Moral, Hass und Mitleid, Lust und Tod, Gesetz und Verbrechen verwischt bzw. aufgehoben. Es bedarf nicht mehr der Überwindung einer Hemmschwelle, den Kopf eines Menschen zu fordern –, der vor dem Abgrund stehende Mensch erkennt das Abgründige seines Handelns nicht mehr, er ist moralisch indifferent.

So wahr diese Grundaussage auch sein mag, angewandt auf die Oper Salome und deren abgründiges Geschehen kann diese Konzeption letztlich nicht überzeugen. Es ist ungeachtet der vielen bildkräftigen Szenen nicht glaubwürdig, weil es versucht, das allgemeinmenschliche Verhängnis zu rationalisieren und an einen historischen Vorgang zu binden.

Oscar Wilde und Richard Strauss ging es jedoch um mehr: eben um das Irrationale, Schicksalhafte, um die – hier ausweglose – Verstrickung des Menschen in seine Un-Natur. Die Handlung lässt daran keine Zweifel. Eine lüsterne junge Frau setzt sich einen Liebesakt mit Jochanaan (Johannes der Täufer), dem in einer Zisterne vom König Herodes eingesperrten Propheten, in den Kopf. Jochanaan ist jung und offenbar attraktiv, ein religiöser Fanatiker. Salome veranlasst Narraboth, einen Hauptmann des Herodes, den Propheten aus der Zisterne an die Oberfläche steigen zu lassen. Dieser widersteht den Verführungskünsten Salomes. Als ihr Stiefvater Herodes, nicht minder lüstern und seiner Stieftochter verfallen, Salome um einen Schleiertanz anfleht, ringt sie ihm das Versprechen ab, ihr dafür einen Wunsch zu erfüllen. Nach dem Tanz fordert sie den Kopf des Jochanaan. Herodes muss, an sein Versprechen gebunden, den Wunsch erfüllen. Salome küsst das ihr auf einem Tablett präsentierte Haupt des Propheten. Angewidert befiehlt Herodes, sie zu töten…

Der Tanz als Todestaumel. Eine selbstvergessene Hingabe an die ekstatisch ausagierte Poesie der Bewegung.  Das reicht eigentlich für das Schaudern vor den Abgründen des Menschlichen. Genaugenommen ist es literarisch ziemlich starker Tobak. Und es gibt da nicht mehr viel zu deuten. Der Versuch, eine Beziehung zum systematisch vollzogenen Völkermord herzustellen, muss davor zurückbleiben.

Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Freilich trägt der genial auskomponierte Disput der jüdischen Schriftgelehrten und Talmud-Sachverständigen deutlich antisemitische Züge. Aber auch die Christen werden nicht geschont. Jochanaan ist im Grunde eine Karikatur. Ein weltferner Glaubensfanatiker.

Man muss Warlikowski jedoch zugutehalten, dass er die Assoziation auf die schrecklichen geschichtlichen Vorgänge nicht überstrapaziert. Sie sind offenbar als Denkanregung zu verstehen und verlieren im weiteren Verlauf des Bühnengeschehens die anfängliche Dominanz, im Grunde spielen sie keine Rolle mehr.

Es dominiert vielmehr die berückend ausdifferenzierte, über weite Strecken ins Dissonante gezerrte und von chromatischen Passagen geradezu ins Schrille gestoßene Musik. Sie erschüttert, reißt mit, wühlt auf und macht das Geschehen – eben zum menschlich-schicksalhaften Ereignis. Hier hat Richard Strauss, wie Schönberg die Oper pries, das Tor zur Moderne aufgestoßen, die Grenzen der Tonalität gestreift und die Vision des heraufziehenden neuen, eines wie willenlos dem Untergang zutaumelnden Lebens getroffen (und ist leider später zum eher Bürgerlich-Behaglichen zurückgekehrt).

Dem hochkomplizierten musikalischen Material gebietet Kirill Petrenko kongenial. Er treibt sein hochqualifiziertes und jeder Ausdrucksvariante gewachsenes Orchester souverän in mitreißende Höhen orchestraler Ausdruckskraft. Da fehlt keine Steigerung ins Dämonische. Und die lyrischen  Teile sind von einer betörenden Genauigkeit des Gefühls, Nachzeichnungen der aufgewühlten Liebesstimmung, der sich Salome wie willenlos hingibt, wenn sie Jochanaan umschmeichelt.

 Bayerische Staatsoper München / Salome - hier :  Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Salome – hier : Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Die Salome der Marlis Petersen! Eine schlechthin grandiose Darbietung, sowohl darstellerisch wie sängerisch. Als hätte Richard Strauss die Partie ausschließlich für sie geschrieben. Da fehlte keine Nuance der in jeder Hinsicht hochkomplizierten Rolle. Die sinnlichen, hocherotischen Aktionen fügten sich bei ihr bruchlos dem musikalischen Geschehen –, als wüchsen sie gleichsam aus diesem mit Notwendigkeit heraus.

Hinreißend der Schleiertanz. Assistiert wurde Salome von einem Tänzer mit Totenmaske. Sehr eindrucksvoll bildhaft begleitet wurde der Tanz  von einem im Hintergrund ablaufenden Band, auf dem Szenen mit mythischen Tieren einander abwechselten. Hier gelingt der Blick ins Archaische, ins Prinzipielle der Schicksalhaftigkeit.

Neben der Salome von Marlis Petersen fallen naturgemäß die anderen Darsteller ein wenig ab. Das liegt an der Konzeption der Partitur, deren zentrale Figur nunmal die Königstochter ist.

Dennoch sind die anderen Protagonisten ausnahmslos zu rühmen. Der Jochanaan von Wolfgang Koch wartete mit einem starken Bassbariton auf, während der Tenor des Herodes Wolfgang Aldinger-Sperrhackes jederzeit auf der emotional und gesanglich schwierigen Höhe des Geschehens war. Nicht anders als die Herodias der Michaela Schuster. Darstellerisch und gesanglich überzeugend bewältigte Pavol Breslik die Partie des Narraboth.

Einhelliger Jubel am Schluss – nein, ein einziges Buh, vom Beifall an den Rand geschwemmt.

Dirigent und Sänger entzogen sich bald dem Beifall. Sie mussten nach draußen, vor das Nationaltheater, wo eine beachtlich große Menge Besucher auf dem Pflaster des Münchner Max-Joseph-Platzes  auf einer riesigen Video – Leinwand die Auffführung der Salome kostenlos verfolgt hatte und nun die Künstler ebenso begeistert feierte.

Salome an der Bayerischen Staatsoper, München; die weiteren Termine 10.7.; 5.10.; 10.10.; 13.10.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Sydney, Opera House, Salome – Richard Strauss, März 2019

März 20, 2019 by  
Filed under Oper, Opera House Sydney, Pressemeldung

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Sydney Opera House

Sydney / Opera House © IOCO

Sydney / Opera House © IOCO

Salome –  Richard Strauss

Beneath desire, depravity. Beneath lust, bloodlust. Beneath the veils, everything is laid bare. – In King Herod’s lurid fantasies, lust has no boundaries and desire no limits. Even his own stepdaughter tempts him, taunts him: Salome, the virgin seductress, an innocent with a taste for blood. Strauss’ taboo-breaking opera strips back Oscar Wilde’s play to its core: a gripping journey to the outer edges of human behaviour.

The music is at once ravishing and repellent. Strauss augments an enormous orchestra with organ, harps and celestas. The effect is a web of exotic melodies, enticing rhythms and intriguing dissonance, famously on display in the Dance of the Seven Veils. Heard live, it is an unforgettable experience.

Lise Lindstrom is riveting as Salome, finding fragility and nuance in a role that demands a powerhouse voice and gifted actress.

Lust, violence and religious fervor all have their moments in this short, compelling opera about the worst of human nature.

Thursday 21 March 2019 at 7.30pm
Saturday 23 March 2019 at 1.00pm
Tuesday 26 March 2019 at 7.30pm


Salome
Youtube Trailer Opera Australia
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Creative Team
Conductor Johannes Fritzsch
Director Gale Edwards
Revival Director Andy Morton
Set Designer Brian Thomson
Costume Designer Julie Lynch
Lighting Designer John Rayment
Choreographer Kelley Abbey

Opera Australia Orchestra

Artist Information
Salome Lise Lindstrom
Herodias Jacqueline Dark
Herod Andreas Conrad
Narraboth Paul O’Neill
Jokanaan Alexander Krasnov
Page / Slave Sian Pendry
First Jew Virgilio Marino
Second Jew Brad Cooper
Third Jew Benjamin Rasheed
Fourth Jew John Longmuir
Fifth Jew Andrew Moran
First Soldier Gennadi Dubinsky
Second Soldier Jonathan Alley
Cappadocian Alexander Hargreaves
First Nazarene David Parkin
Second Nazarene Christopher Hillier


 

In German with English surtitles | Audio loop available & wheelchair accessible | No language barrier

For ages 15+ | Contains strobe lighting effects and adult themes; not recommended for children – Children aged 15 years and under must be accompanied at all times.

–| Pressemeldung Sydney Opera House |—

Neustrelitz, Theater Neubrandenburg, Kismet – Musical aus 1001 Nacht, 16.03.2019

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Theater und Orchester Neubrandenburg/Neustrelitz

Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

 Kismet – Musical aus 1001 Nacht

Eine orientalische Märchennacht  – Robert Wright und George Forrest nach  Themen Alexander Borodins

PREMIERE Samstag 16.03.2019, 19:30 Uhr

„RÄTSELHAFT SCHEINT DAS GLÜCK, ES BLEIBT EINEN AUGENBLICK. EINERLEI OB BETTLER OB PRINZ, DAS GLÜCK WEHT IM SAND DER ZEIT VORBEI.“

Theater und Orchester GmbH - Neubrandenburg, Neustrelitz / Kismet © Theater und Orchester GmbH - Neubrandenburg, Neustrelitz

Theater und Orchester GmbH – Neubrandenburg, Neustrelitz / Kismet © Theater und Orchester GmbH – Neubrandenburg, Neustrelitz

Schon seit jeher weckt der ferne Orient die Fantasie der Europäer. Abenteuer, geheimnisvolle Zaubermächte, intrigante Wesire, liebreizende Prinzessinnen und der legendäre Kalif von Bagdad, der sich immer unerkannt unter sein Volk mischt, das sind die Bestandteile eines typischen Tausendundeine-Nacht-Märchens, dass die Komponisten Wright und Forrest zu ihrem wunderbaren und komischen Musical Kismet inspirierten, einem der größten Broadwayerfolge der 1950er Jahre.

Hajj ist der König unter den Dichtern und Bettlern in Bagdad. Seine bildschöne Tochter Marsinah hat sich in den Sohn eines Gärtners verliebt, der ihre Gefühle erwidert. Dass dieser in Wirklichkeit der Kalif von Bagdad ist, wissen weder sie noch ihr Vater. Doch Hajj hat andere Sorgen, denn ständig trachtet man ihm nach dem Leben. Aber Hajj wäre nicht der Schlaueste der Schlauen, wenn er nicht immer wieder seinem gefährlichen Schicksal (Kismet) ein Schnippchen schlagen würde.

Regisseur Wolfgang Dosch und Ausstatterin Susanne Thomasberger haben bei ihrer Inszenierung für Neu­strelitz das Märchenhafte und Zauberhafte des Musicals und das glanzvoll Prächtige seiner Originalinszenie­rung im Fokus. So soll auf der Bühne des Landestheaters die wundervolle Welt von 1001 Nacht erstehen und das Publikum verzaubern. Dabei mit von der Partie sind Bernd Könnes als Hajj, Laura Scherwitzl als seine Tochter Marsinah, Andrés Felipe Orozco als inkognito in Bagdad umherwandelnder Kalif, Sebastian Naglatzki als großmächtiger Wesir und Laila Salome Fischer als des Großwesirs verführerische  „Lieblingsfrau“ Lalume. Ihnen zur Seite stehen der Opernchor, die Deutsche Tanzkompanie und die Neubrandenburger Philharmonie unter der Leitung von Daniel Stratievsky.

Matinee: Sonntag, 03.03.2019 _ 11:00 Uhr _ Landestheater Neustrelitz
Stückeinführung mit dem Regieteam und Darstellern. Eintritt frei!

PREMIERE, Samstag 16.03.2019 _ 19:30 Uhr _ Landestheater Neustrelitz
weitere Vorstellungen: So 24.03., 16 Uhr; Fr. 01.02., Fr. 29.03., Sa., 20.04. jeweils 19:30 Uhr _ Landes­theater Neustrelitz

Musikalische Leitung … Daniel Stratievsky
Inszenierung …Wolfgang Dosch
Ausstattung … Susanne Thomasberger
Chorleitung … Dr. Gotthard Franke
Choreographie … Alexandre Tourinho
Dramaturgie … Lür Jaenike
Mit …  Laila Salome Fischer | Ryszard Kalus | Bernd Könnes | Sebastian Naglatzki | Andrés Felipe Orozco | Laura Scherwitzl | Opernchor I Neubrandenburger Philharmonie I Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz

—| Pressemeldung Theater und Orchester Neubrandenburg / Neustrelitz |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 22.02.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Salome  –  Richard Strauss

   – Scherzo mit tödlichem Ausgang –

von Ingrid Freiberg

Aus der biblischen Geschichte von Salome und Johannes dem Täufer machte Oscar Wilde einen skandalträchtigen Einakter und Richard Strauss einen musikalischen Psychokrimi: Salome verliebt sich in Jochanaan, den Staatsfeind Nr. 1, einen fundamentalistischen Gegner der dekadenten Gesellschaft. Der eingekerkerte Anarchist, der allem, was gegen seine religiöse Weltsicht steht, Untergang schwört, verweigert sich der Begierde der verwöhnten Prinzessin.

Salome ist die brillanteste und avantgardistisch kühnste Partitur von Richard Strauss. Seine Komposition treibt die grauenhafte Perversion der Handlung noch schärfer hervor als Oscar Wildes Werk, dessen Text die vibrierenden Dramatik der Tonsprache treibt.

Salome  – Richard Strauss
youtube Salome Trailer des Hessischen Staatstheater Wiesbaden
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Pointierter als Richard Strauss selbst kann man die Oper Salome nicht beschreiben: „Ich hatte schon lange an den Orient- und Judenopern auszusetzen, dass ihnen wirklich östliches Kolorit und glühende Sonne fehlt. Das Bedürfnis gab mir wirklich exotische Harmonik ein, die besonders in fremdartigen Kadenzen schillert, wie Changeant-Seide. Der Wunsch nach schärfster Personencharakteristik brachte mich auf die Bitonalität, zu einem Scherzo mit tödlichem Ausgang.“

Neben der genannten Bitonalität sind Leitmotivtechnik und eine Orchestrierung, die alle Farbmöglichkeiten des großen Orchesters ausreizt, Kennzeichen dieser stimmungs-mächtig leuchtenden, von schwülem Kolorit erfüllten Partitur; dank seiner souveränen Beherrschung der künstlerischen Mittel gelangen Strauss in der Tat Momente von atemloser Spannung. Rein aus der Musik entschlüsselte er auf das lntimste die psychische Verfassung der Personen. Cosima Wagner urteilte nach der Uraufführung an der Dresdner Hofoper 1905: „Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht!“

LE LAB – ein ungewöhnliches französisches Künstlerkollektiv

Dem französischen Künstlerkollektiv LE LAB: Jean-Philippe Clarac, Olivier Deloeuil (Regie und Kostüme), Christophe Pitoiset, Oliver Porst (Licht), Jean-Baptiste Beïs (Video), Julien Roques (Grafik) und Lodie Kardouss (Künstlerische Mitarbeiterin) gelingt eine grausame ekelerregende, aber auch spannende Inszenierung. Das seit Jahren zusammen agierende Team zeichnet sich durch beeindruckende Personenführung, die die schauspielerischen Fähigkeiten der Akteure durch Gestik, Mimik, Bewegung und Interaktionen differenziert herausarbeitet, aus. Ihr frei assoziativer Zugriff auf das Werk mit bildgewaltiger Videokunst lenkt aber bisweilen von der Dramatik und Intimität der Literaturoper ab.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Für LE LAB ist Salome in ihrer faszinierenden Undurchschaubarkeit die fleischgewordene Begierde, kein lebensnahes Mädchen. Herodes ist die einzig menschliche Figur im Stück und Jochanaan ein bloßes Sprachrohr, ein obsessiver Fanatiker; Herodias eine zänkische Megäre. Die Inszenierung basiert auf Blicken, Anstarren, Beobachten, Überwachen, Reflektieren und Fixieren. Auf einer Terrasse mitten in der Wüste unter einem unergründlichen Mond verfolgen sich permanent Blicke und Sehnsüchte. Das kalte glänzende Licht des Mondes wird auf eigene Weise den Ängsten und Sehnsüchten der Personen zugeordnet.

Statt in einem Verließ ist Jochanaan in einem Folterkubus, Foto oben, der die Bühne dominiert, gefangen und wird von Soldaten bewacht. Es erinnert etwas an das Gefangenenlager in Guantanamo. Glänzende orientalische Kostüme, orthodoxe jüdische Bekleidung und die Machtsymbole der Folterknechte divergieren mit einfachen Gartenmöbeln.

Herodes stillt seine Begierde mit Blick auf sein Tablett

Zwei Szenen haben Salome zu Weltruhm verholfen: Der „Tanz der sieben Schleier“, in dem die Titelheldin die Hüllen fallen lässt, um dem geilen König Herodes die Erfüllung ihres perversen Wunsches abzupressen, und das monologische Liebesduett Salomes mit dem abgeschlagenen Kopf des Jesusjüngers, den sie sich in einer Silberschüssel servieren lässt, um ihn schließlich doch in nekrophiler Ekstase auf die Lippen zu küssen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Sera Gösch als Salome © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Sera Gösch als Salome © Karl Monika Forster

Auf beides verzichtet LE LAB. Der Schleiertanz entfällt. Mit einem silber-glänzenden Jumpsuit bekleidet tanzt Salome aufreizend im Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden – von distinguierten Opernbesuchern befremdlich beobachtet, die per Video aufgenommen wurden. Alleine auf der Bühne – lechzt Herodes nach ihrer wollüstigen Onaniechoreografie auf seinem Tablett. Die zweite Änderung wäre in dieser Inszenierung schon technisch nicht möglich: Da der Prophet in Endlosschleife per Video überwacht wird, kann sein Haupt nicht in eine Silberschüssel gelegt werden. LE LAB lässt Jochanaan von Folterknechten auf seine Pritsche fesseln, sie gießen ihm heißes Öl auf sein Gesicht, bis er stirbt… was nicht minder abscheulich ist.

In ekstatischem Liebestaumel und ekelhafter Sinnlichkeit stürzt sich Salome auf Jochanaan. Endlich kann sie seine, wenn auch toten, Lippen küssen. Der angeekelte Herodes gibt Befehl, Salome zu töten und ist wieder der Liebhaber von Herodias. Eine diskussionswürdige Inszenierung, kühl und orgiastisch zugleich.

Darsteller mit hohem dramatischem Potenzial

Frank van Aken bewältigt die Rolle des Herodes meisterlich. Differenziert, ausgereift-geistreich, mit Seele in der Stimme, beschreibt er sein Scheitern, Salome nicht von ihrem abscheulichen Vorhaben abhalten zu können. Dies gelingt ihm auf höchstem stimmlichen Niveau. Sera Gösch, die kurzfristig die Rolle der Salome übernahm, überzeugt mit jugendlicher Frische, das mädchenhaft lyrische dieser Rolle nicht außer Acht lassend. Etwas, was sie von den metallisch-stählern singenden Interpretinnen unterscheidet. Die Zerrissenheit und das seelische Leid der sinnsuchenden Salome zeichnet sie berührend sinnlich nach. Dabei wechselt sie problemlos die Register, spielt mit der Stimme und ist bis zum Ende auch bei den dramatischen Ausbrüchen überzeugend. Sie ist anrührend und abstoßend zugleich.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Jochanaan liegt Thomas de Vries besonders am Herzen. In dieser Rolle kann er mit seinem kraftvollen, agilen und farbreichen Bariton Erstaunliches leisten. Mit großer intellektueller Würde, radikal im Ausdruck, singt er textverständlich. Seine leidenschaftliche Hingabe unterstreichen die herangezoomten Video-Großaufnahmen von seinem Gesicht. Eine vortreffliche Leistung.

Andrea Baker gibt eine umwerfende Herodias mit tiefem, manchmal keifendem Alt und stellt in drastischer Manier das Bild einer heruntergekommenen Diva dar. Den unglücklich verliebten Narraboth, der sich aus unerwiderter Liebe zu Salome umbringt, singt Simon Bode mit tenoralem Hochglanz. Eine Luxusbesetzung ist Silvia Hauer als Page. Ihre warme, runde Stimme, die in jedem Register gut geführt wird, fügt sich hervorragend in das ausgezeichnete Sängerensemble ein.

Strauss besetzt ein „unsangliches“ Quintett mit einem radikalen Übergewicht hoher Stimmen: Die fünf Juden werden gesungen von vier hohen Tenören und einem Bass: Rouwen Huther (1. Jude), Erik Biegel (2. Jude), Christian Rathgeber (3. Jude), Ralf Rachbauer (4. Jude) und Philipp Mayer (5. Jude / Bass). Ein wenig schade, dass LE LAB sie als ostjüdische Klezmer-Musikanten herausstellt und nicht den Gegensatz zu den an Christus glaubenden Nazarener Young Doo Park (1. Nazarener) und Daniel Carison (2. Nazarener / 1. Soldat), deren Melodik natürlich und im starken Kontrast zum zänkischen Triolenmotiv der Juden steht, herausstellt. Die Sänger überzeugen. Auch Doheon Kim (2. Soldat), Nicolas Ries (ein Capadocier) und Maike Menningen (ein Sklave) können für sich gewinnen.

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Musikalischen Leitung von Patrick Lange hat keine Scheu vor mächtigen, teils schrägen Klängen, die vor allem im tiefen Blech, mit dem Strauss nicht sparsam umgeht, wunderbar ausgeglichen sind. Lange führt das Orchester mit dem richtigen Gespür für die zartesten Filigranparts kammermusikalischer Intimität, aber auch für die Tücken der Partitur. Er lässt es poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert herauszuarbeiten und das orientalische Kolorit umzusetzen. Harte Orchesterschläge beenden die Oper. Das schreckliche Liebesdrama ist zu seinem grausamen Ende gelangt.

Buhrufe werden von Bravorufen übertönt. Es ist ein diskussionswürdiger Abend, der aber immer spannend bleibt.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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