Luzern, Theater Luzern, Salome – Oscar Wilde, IOCO Kritik, 18.01.2020

Januar 17, 2020 by  
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Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn

Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn

Salome   –  Richard Strauss

„Sie ist ein Ungeheuer!“

Theater Luzern

von Julian Führer

Das Theater Luzern, ein Dreispartenhaus, hat nur zehn Parkettreihen und mit zwei Rängen insgesamt nicht ganz 500 Plätze für das Publikum. Dass es sich dennoch mit Salome an ein üppig instrumentiertes Schlüsselwerk der Zeit um 1900 wagt, erfordert zunächst ein Nachdenken über die akustischen Verhältnisse. Im Orchestergraben, der so tief schien wie die Zisterne des Jochanaan, drängten sich die Musiker, während Celesta, Xylophon, Tamtam und große Trommel links und rechts des Grabens postiert waren.

Salome – Richard Strauss
youtube Trailer des Theater Luzern
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Das Bühnenbild, das ebenso wie die Regie von Herbert Fritsch stammt, setzt sich auf eine gewisse Weise mit der Akustik auseinander, da die Spielfläche, glatt und in Blau gehalten, einen Teil des Grabens abdeckt. Eine abgestufte Dämpfung der schweren Orchesterstimmen wie in Bayreuth war damit zwar nicht zu erzielen, dafür konnten die Klangmassen allein schon durch diese räumlichen Veränderungen kanalisiert werden.

Die Geschichte Johannes‘ des Täufers, der auf den Wunsch der Tochter des Herodes hingerichtet wird, wird im Neuen Testament (bei den Evangelisten Matthäus und Markus) sowie bei Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 18,5,4, dort auch der Name Salome) berichtet. Oscar Wilde verfasste über diesen Stoff ein Drama in französischer Sprache, das 1893 erschien. Richard Strauss stellte auf der Basis einer deutschen Übersetzung dann selbst das Libretto für seine Oper her, dessen Uraufführung 1905 zu einem Schlüsselmoment der Musikgeschichte werden sollte.

Theater Luzern / Salome  - hier :  vl. Herodes, Salome, Herodias © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – hier : vl. Herodes, Salome, Herodias © Ingo Hoehn

Die Personenkonstellation ist, man kann es kaum anders sagen, verkorkst: Alle Hauptfiguren haben eine Leidenschaft, die sie aber auf die unterschiedlichste Weise nicht befriedigen können. Mutter Herodias und Tochter Salome können sich sichtlich nicht ausstehen, Stiefvater Herodes hat mehr als nur ein Auge auf seine Stieftochter geworfen, Herodes und Herodiaslieben sich eindeutig nicht. Narraboth ist verliebt in Salome, die aber nichts von ihm wissen will (wohl im Gegensatz zu Herodes, der die Schönheit des Narraboth rühmt). Salome ihrerseits ist fasziniert vom Propheten Jochanaan, doch der stößt sie zurück. Insgesamt haben alle Figuren ihre Leidenschaften, doch keine der Figuren kann ihre Leidenschaft wirklich ausleben, denn es gibt in diesem Stück keine Gegenseitigkeit – es sei denn um den Preis einer massiven Grenzüberschreitung. Kein Wunder, dass bei der Uraufführung dem Stück Dekadenz und Perversion vorgeworfen wurden.

Das Psychogramm der Salome ist hierbei natürlich von besonderem Interesse, und Herbert Fritsch seziert es letztlich gnadenlos: Salome wächst ohne Liebe auf. Als sie vom in einer Zisterne gefangenen Propheten Jochanaan hört, ist sie sogleich fasziniert, vor allem als sie erfährt, dass er jung und ansehnlich sei und Herodes jeden Kontakt mit ihm verboten habe. Salome, in Fritschs Deutung eine Göre von vielleicht 15 Jahren, interessiert sich wohl alterstypisch für alles, was verboten ist, und verlegt ihre Energie entsprechend darauf, Jochanaan zu begegnen. Hierzu spielt sie ein schmutziges Spiel mit Narraboth, der in sie verliebt ist – und das weiß sie. Sie stellt ihm (unerhebliche) Gunsterweise in Aussicht, doch Narraboth durchschaut sie, erkennt, dass sie immer nur einen anderen begehren wird – und tötet sich. Salome reagiert überhaupt nicht auf Narraboths Selbsttötung.

Was fasziniert nun Salome an diesem gefangenen Propheten? Jochanaan ist in Herbert Fritschs Regie permanent anwesend, da sein Kopf (und nur der) aus der Unterbühne hervorragt. Auf der Bühne ist neben der spiegelglatten Spielfläche nur ein Thron für Herodes und Herodias zu sehen. Solange der Prophet nur als Kopf am Bühnenboden (Foto oben) präsent ist, zeigt er keinerlei Gefühlsregung, auch nicht, als Salome seine Hinrichtung fordert (in der Tat ist es genau diese Regungslosigkeit, die Salome auch gemäß Libretto maßlos aufregt). Eindrucksvoll hingegen der Moment, als Salome die Begegnung mit ihm fordert – aus der Unterbühne kommt der zum Kopf gehörende Körper, geschunden und nach langer Gefangenschaft mit offensichtlichem Muskelschwund: Er kann sich nicht allein auf den Beinen halten. Christusähnlich trägt er nur einen Lendenschurz und über in seiner ganzen rohen und gleichzeitig unerreichbaren Männlichkeit für die noch sehr junge Salome eine große Faszination aus. Jochanaan verweigert lange Zeit die Kommunikation mit Salome grundsätzlich; am Ende verflucht er sie dann wegen ihres Begehrens und stellvertretend für ihre Mutter. Salome ihrerseits will nur noch mit ihm kommunizieren, treibt Narraboth damit in den Selbstmord und kann der fundamentalen Ablehnung durch Jochanaan nur mit der Forderung nach Vernichtung seiner physischen Existenz begegnen.

Theater Luzern / Salome  - Jochanaan, Herodes, Herodias, Salome © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – Jochanaan, Herodes, Herodias, Salome © Ingo Hoehn

Musikalisch stand der Abend zunächst unter einem schlechten Stern – Heather Engebretson konnte krankheitshalber nicht singen. Sie war aber in der Lage, auf der Bühne stumm zu agieren, während Sera Gösch von der Seite sang. Beide Künstlerinnen verdienen großes Lob – die eine für ihr kompromisslos engagiertes Agieren auf der Bühne, die andere für ihr mal verführerisches, mal auch drohend-scharfes musikalisches Rollenporträt. Ein Glücksfall war hier, dass die Regie eine betont jugendliche, fast kindliche Salome inszeniert. Heather Engebretson steckte in einem rosafarbenen Ballettkostüm, ihre Salome versuchte sich manchmal auch an Ballettschritten, stakste dann wieder unbeholfen über die Bühne. Der Tanz der sieben Schleier war energiegeladen, aber nach klassischer Ansicht sicher nicht verführerisch. Diese Salome weiß, dass sie eine Wirkung auf Herodes und auf Narraboth hat, verfügt aber noch lange nicht über die erwachsene Weiblichkeit der Herodias im enganliegenden Kleid, die ihrerseits für Herodes schon einige Spuren zu erwachsen ist und ihren Ehemann lächerlich findet. Herodes kippt tatsächlich von einer Gefühlswallung in die nächste. Victoria Behrs Kostüme unterstreichen, dass Herodias eigentlich die souveränste Person auf der Bühne ist, während Herodes ein dekadenter Cäsar wie von Fellini ist und die Frisuren bzw. die Perücken des Herrscherpaars eine direkte Reverenz an Satyricon darstellen. Die Juden tragen lange Mäntel und einem Schtreimel auf dem Kopf und agieren als permanent aufeinander herumhackende Gruppe (in einer Passage minimale Abstimmungsprobleme in der rhythmisch schwierigen Streitszene, sonst sehr schön anzusehen und anzuhören). Sehr stimmungsvoll war das Licht (David Hedinger-Wohnlich), das den Bühneneinheitsraum immer wieder in völlig neue Stimmungen tauchte.

Jochanaan bzw. sein Kopf singt in dieser Inszenierung gewissermaßen vom Bühnenboden, der aus einem nicht nur optisch stark reflektierenden Material gefertigt ist. Jason Coxs sonorer Bariton ‚scheppert‘ daher passagenweise, doch dürfte das weniger an seiner Stimmführung als an seiner Position auf bzw. in der Bühne liegen. Hubert Wilds Herodes ist exaltiert, tänzelt über die Bühne, fällt von einem Überschwang zum anderen (bis zum finalen Exzess, die Stieftochter im Affekt töten zu lassen). Stimmlich konnte er nicht ganz mit der schauspielerischen Leistung Schritt halten, speziell im höheren Register. Doch überzeugte, dass dieser Herodes weder szenisch noch stimmlich ein alter Mann war. Solenn Lavanant Linke gab eine überzeugende Herodias, die zu bewusst scharfen Spitzentönen, aber auch zu fast sprechgesangsartigem Zischen in der Lage war.

Theater Luzern / Salome -  vl. Jochanaan, Salome © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – vl. Jochanaan, Salome © Ingo Hoehn

Dauernd will Herodes die Aufmerksamkeit Salomes erst erlangen, dann erkaufen. Die Forderung nach dem Kopf des Jochanaan entspricht dem Wunsch der Herodias, aber entspringt Salomes eigenem Wüten gegen alles, was nicht ihren Willen erfüllt. „Ich achte nicht auf die Stimme meiner Mutter. Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel haben.“ Herodes hat ebenso Angst vor Jochanaan wie vor Jochanaans Tod, seine Ablenkungsversuche sind allerdings eher hilflos: „Der Kopf eines Mannes, der vom Rumpf getrennt ist, ist ein übler Anblick.“ Die Botschaft der Nazarener (makellos Robert Hyunghoon Lee und Marco Bappert) bekräftigt das, was Herodes ahnt: Jochanaan könnte recht haben. Salome hat keine Angst, sondern nur Lust, wobei die in Gewalt umschlägt, wenn sie nicht bekommt, was sie will; ein halbes Kind, das materiell immer alles bekommen hat, aber emotional verkümmert ist und keine emotionale Sicherheit hat, als sie von diesem Mann fasziniert ist. Pädagogisch gesehen ist es natürlich fatal, dass sie nun auch den Kopf des Jochanaan in einer silbernen Schüssel erhält und nun die (toten) Lippen des Jochanaan küssen kann. „Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt“, singt sie, und niemand widerspricht. Wie zur Bekräftigung und musikalisch weit ausgemalt betont sie: „Ich habe ihn geküsst, deinen Mund.“

„Man töte dieses Weib!“, das sind die letzten Worte des Stückes, von Herodes gesungen. Nach diesen hundert Minuten Musik mit drei Toten fragt man sich, wie es mit Herodes und Herodias eigentlich weitergeht, aber das wäre ein anderes Stück. Dass man auch radikal auf einen Endpunkt zutreibende Stücke wie Strauss‘ Elektra weiterspinnen kann, hat Manfred Trojahn mit seiner Oper Orest gezeigt. Besonders effektvoll ist der Tod der Salome hier nicht, sie wird nur von den beiden Soldaten (Vuyani Mlinde und Marco Bappert) nach hinten gezogen – doch ist in dieser Inszenierung ohnehin keine physische Gewalt auf der Bühne zu sehen.

Das Orchester spielte in diesem für die Partitur eigentlich viel zu kleinen Raum mal süffig wie im Rosenkavalier, mal dann doch drohend und dräuend wie in der wenig später komponierten Elektra. Clemens Heil steuerte das Luzerner Sinfonieorchester durch das Dickicht der Partitur, verzichtete angesichts der Raumverhältnisse auf ein Übermaß an musikalischem Dampf, doch war hier keine Leichtversion zu hören. Ein Mischklang war nicht zu erwarten, aber das Klangbild war adäquat, das Orchester konzentriert – eine mehr als respektable Leistung.

Herbert Fritsch ist für Präzision bei der Personenführung bekannt, allerdings auch für die Neigung, manches zu überdrehen oder lächerlich zu machen (wie etwa in seinem Zürcher Freischütz). Slapstick war bei dieser Salome allerdings nicht zu sehen – erst bei der Applausordnung ging der Vorhang immer wieder auf und zu, und die Solisten posierten in unterschiedlicher Weise und stets sehr fröhlich. Nach einem Stück wie Salome braucht es vielleicht etwas, was die Spannung löst, aber es bricht natürlich auch die Stimmung nach einer gelungenen Vorstellung. Applaus gab es für alle Beteiligten reichlich, besonders natürlich für die Einspringerin und die Hauptdarstellerin, auch (verdient) für Orchester und Dirigent. Das Regieteam trat zunächst ohne Herbert Fritsch auf und wurde mit freundlichem Applaus bedacht, Fritsch selbst zeigte sich nur als Kopf aus der Unterbühne und bekam ebenfalls freundlichen, aber nicht sonderlich lebhaften Applaus. Diese Salome wartet nicht mit einem völlig neuen Regiekonzept auf, Herbert Fritsch hat keine revolutionäre Inszenierung vorgelegt, aber sehr präzise auf die Musik gehört und die Personen scharf und treffend charakterisiert.

Die Fahrt zur Salome im Theater Luzern lohnt immer

Salome im Theater Luzern; die weiteren Vorstellungen 17.1.; 24.1.;30.1.;  2.2.;29.2.; 8.3.; 11.4.2020

—| IOCO Kritik Theater Luzern |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Jean-Jacques Goumaz; Solo-Oboist im Gespräch, IOCO Interview, 14.01.2020

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 

Jean-Jacques Goumaz – Solo-Oboist im Nationaltheater-Orchester

Im Gespräch mit  Uschi Reifenberg, IOCO – Korrespondentin

Die ersten Richard Strauss-Tage des Nationaltheaters Mannheim (NTM) zeigen Januar 2020  die großen Opern Die Frau ohne Schatten,  Rosenkavalier und Salome zur Aufführung. Im 4. Akademiekonzert kommen die Eine Alpensinfonie sowie das Konzert für Oboe und Orchester D-Dur TrV 292 von Richard Strauss zur Aufführung. Die musikalische Leitung hat NTM Generalmusikdirektor Alexander Soddy.

Richard Strauss-Tage, NTM  Mannheim  –  11.  –  21. Januar 2020

Die Mannheimer Richard Strauss Tage sind eine Hommage an den großen Spätromantiker und sein vielfältiges Oeuvre, den mit Mannheim nicht nur eine kontinuierliche Aufführungstradition seiner Opern verbindet, an den auch seine zahlreichen Fürsprecher und Förderer in der Quadratestadt erinnern. Darüber hinaus endet 2020 die 70- jährige Schutzfrist seiner Werke. Strauss, selbst Begründer des musikalischen Urheberrechtsschutzes, hatte die 70- jährige Schutzfrist durchgesetzt.

Aus Anlass des Strauss’schen Oboen-Konzerts sprach Uschi Reifenberg / IOCO mit NTM Solo-Oboist Jean-Jacques Goumaz

Nationaltheazer Mannheim / Jean Jaques Goumaz - Solo-Oboist © Moreno Gardenghi

Nationaltheazer Mannheim / Jean Jaques Goumaz – Solo-Oboist © Moreno Gardenghi

IOCO:  Herr Goumaz, warum hat sich Richard Strauss gegen Ende seines Lebens der Oboe zugewandt und noch ein Oboenkonzert geschrieben ?

J.J. Goumaz: Als Richard Strauss 1945, nach den Schrecken des 2. Weltkriegs melancholisch und zutiefst niedergeschlagen in seinem Haus in Garmisch Partenkirchen einen amerikanischen Soldaten traf, der Solo-Oboist in Philadelphia war, fragte dieser ihn, warum er bislang kein Oboenkonzert geschrieben habe.
Kurze Zeit später begann Strauss tatsächlich mit der Komposition eines solchen Werkes, das er dann in der Schweiz beendete. Dieses Instrumentalkonzert transportiert auf einzigartige Weise die Botschaft, dass aus einer Welt, die in Trümmern liegt, neue Hoffnung aufkeimt und die Liebe den Hass besiegen kann. Aus jeder Phrase des Werkes spricht diese Sehnsucht.

IOCO: Das  Konzert für Oboe und Orchester D-Dur TrV 292 gilt als eines der schwersten Solokonzerte für Holzbläser überhaupt, haben Sie das Stück schon einmal aufgeführt?

J.J.G.: Es ist in der Tat das erste Mal, dass ich dieses Konzert mit Orchester spielen werde. Natürlich beschäftigt man sich mit solch einem komplexen Werk immer wieder, auch schon im Studium. Bei Probespielen wird es oft als Standardwerk verlangt, ebenso wie das Oboenkonzert von Mozart. Meine Beschäftigung mit diesem Stück erstreckt sich also schon über einen längeren Zeitraum.

IOCO: Mit seiner Äußerung, das Oboenkonzert sei lediglich eine „Handgelenksübung“, sozusagen, um das Skatspielen wenigstens kurz zu unterbrechen, kokettiert Strauss in seiner bajuwarischen Understatement-Manier mit seinen immensen kompositorischen Fähigkeiten und setzt damit einen provokanten Kontrapunkt zu den Schwierigkeiten des Oboenkonzerts für den Ausführenden…

J.J.G.: Das Konzert ist deshalb so schwer, weil man immer wieder und an unterschiedlichen Stellen im Stück an seine eigenen Grenzen stößt. Für mich ist der einzige Weg, diese Grenzen zu überwinden, „im Moment zu sein“, d.h., bei sich anzukommen während des Spielens. Wenn man das Werk als Ganzes für sich schon gelöst haben möchte, hat man das Gefühl, vor einer unüberwindbaren Mauer zu stehen. Die Freude an der Gestaltung des Augenblicks, sich zu zentrieren, sowie das Bewusstsein, dass die Freude und der Glaube größer sind als die physischen Grenzen, sind für mich der Schlüssel zur Bewältigung. Darin liegt auch die Faszination dieses Stückes.

IOCO:  Man könnte sagen, dass zwei konstituierende Ebenen sich durchdringen. Da wäre einmal die klassizistische Ebene Mozarts, aber natürlich auch die spätromantische mit der unendlichen Melodie im Wagnerschen Sinne ...

 Nationaltheater Mannheim / Nationaltheater-Orchester © NTM

Nationaltheater Mannheim / Nationaltheater-Orchester © NTM

J.J.G.: Ja, genau, Strauss findet immer wieder den Weg zu Mozart, vor allem auch gegen Ende seines Lebens wie er selbst betonte. Er hat im Solokonzert aber auch Anleihen bei seiner eigenen Sinfonischen Dichtung Till Eulenspiegel und dessen Heiterkeit genommen, ebenfalls finden sich Teile aus dem Rosenkavalier wieder. Aus meiner Arbeit als Solo-Oboist im Orchester kann ich eindeutig die Verbindung zwischen Mozart und Strauss herstellen, denn beide kannten die Oboe extrem gut und komponierten wunderschöne Soli, in enger Verbindung zum Gesang. Was die Oboe hier so einzigartig macht, ist die Möglichkeit der langgezogenen Phrasen, welche die Gesangslinien sogar noch übertreffen. Strauss wollte diese Möglichkeiten der Oboe „auf den Leib“ schreiben und hat dies im 2.Satz bis an die Grenzen ausgereizt. Die Zuhörer tauchen ein in Melodielinien, die kein Ende zu haben scheinen. Trotz aller Schwierigkeiten der Strauss‘schen Oboensoli, auch in den Opern, ist es jedesmal eine Freude zu spüren, wie gut die Stellen für das Instrument geschrieben wurden.

IOCO:  Wie fühlt es sich an, als Solo-Oboist mit dem „eigenen Orchester“ aufzutreten?

J.J.G.: Es ist natürliche eine große Ehre, eine Riesenfreude, aber auch eine Verantwortung. Vor allem aber möchte ich mit diesem Konzert meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, meiner Familie, meinen Freunden und meinem Orchester, mit dem ich wachsen, mich entwickeln durfte. Mein Dank gilt aber auch dem Publikum, das mit viel Aufmerksamkeit, Interesse und Sensibilität unsere Akademiekonzerte besucht, mitträgt und unterstützt.

IOCO: Herr Goumaz, wie sind Sie zur Oboe gekommen?

J.J.G.: Meine Eltern haben mich damals in ein Familienkonzert mitgenommen, so wie ich es jetzt mit meinen Kindern auch mache. Ausserdem habe ich an der heimatlichen Musikschule Blockflötenunterricht genommen. Im Familienkonzert habe ich dann auch zum ersten Mal eine Oboe gehört, was wie ein Erweckungserlebnis war, ich war damals vielleicht acht Jahre alt. Der Klang, die Farbe des Instrumentes haben mich so verzaubert, dass ich unbedingt dieses Instrument lernen wollte. Seitdem hat mich die Freude und die Liebe zur Oboe nie mehr verlassen.

IOCO: Ein Idealfall!  Sie haben dann im Alter von zehn Jahren mit dem Oboenspiel begonnen, seitdem hat sich sehr viel getan … Können Sie die wichtigsten Stationen ihres Werdegangs kurz skizzieren?

J.J.G.: Ich habe wie gesagt in meiner Heimatstadt Fribourg/Schweiz an der Musikschule begonnen, habe dann am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teilgenommen, wie es hier auch üblich ist. Dann bin ich als Jungstudent an die Musikhochschule nach Bern gegangen, habe für ein Jahr einen Abstecher nach England gemacht an das Royal College of Music, was auch eine wunderschöne Erfahrung war. Den meisten Einfluss hatte für mich aber François Leleux, mit dem ich in München gearbeitet habe. Er war es, der mich vorbereitet hat auf das Probevorspiel für die Solostelle in Mannheim, die am Ende meines Studiums frei geworden ist. Darüber bin ich heute noch sehr dankbar, dass ich 2003 diese Stelle bekommen habe.

IOCO: Welches sind Ihre Schwerpunkte als konzertierender Oboist?

J.J.G.: Häufig habe ich Bach Oboenkonzerte, auch mit Geige gespielt, Mozart selbstverständlich, aber auch Lebrun, der übrigens auch Mannheimer war. Vivaldi und Marcello haben ebenfalls wunderschöne Konzerte komponiert.

IOCO: Ihre Haupttätigkeit aber ist die des Solo-Oboisten im Orchester, da profitiert man von einem breit gefächerten Repertoire wie es das Nationaltheater pflegt.

J.J.G.: Ich freue mich auf jedes Stück, das wir grade im Orchester spielen, wir haben so viele großartige Opern im Repertoire, Wagner, Verdi, Mozart, Strauss. Auch der Gesang ist für mich ein großes Vorbild, ebenso wie die Klangfarbe einer Geige. Beides hat man in der Oper. Das ist für mich Inspiration und ein großes Glück!

IOCO:  Herr Goumaz, ich danke Ihnen für das Gespräch.

—| IOCO Interview |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Oper und Ballett am Rhein im Februar 2020

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Oper und Ballett am Rhein im Februar 2020


Sa 01.02. – 19.30 Uhr

Theater Duisburg
PREMIERE: „Roméo et Juliette“ von Charles Gounod

In einer heißen Augustnacht trifft Roméo zufällig auf Juliette. Es ist Liebe auf den ersten Blick, allerdings eine verbotene, denn Juliettes standesgemäße Heirat mit Pâris soll am nächsten Tag stattfinden. Die Macht der Liebe wirkt wie eine Droge auf die beiden, ein dunkel-süßes Gift mit tödlichem Ausgang …

Mit „Roméo et Juliette“ kommt eine der berühmtesten dramatischen Liebesgeschichten der Welt in der Opernversion von Charles Gounod (1818–1893) ins Theater Duisburg. Der französische Romantiker schuf ein lyrisches Drama, das in den großen Duetten zwischen Roméo und Juliette Liebe, Leidenschaft und schließlich Verzweiflung und Tod in große Melodien fasst. Gounod zeichnet in seiner Komposition eine nur dem äußeren Schein nachjagende Gesellschaft und das tragische Scheitern der gegen gängige Normen gelebten Liebe.

Regisseur Philipp Westerbarkei erarbeitet seine 2019 im Opernhaus Düsseldorf präsentierte Inszenierung für die Premiere im Theater Duisburg nun mit einer neuen Besetzung – in den Titelpartien Sylvia Hamvasi als Juliette und Gustavo de Gennaro als Roméo. In starken Bildern und lebensprall herausgearbeiteten Charakteren erzählt er die leidenschaftliche Familientragödie über die Zerstörung des Glücks als düsteren Sommernachtsalbtraum – packend wie ein Krimi.

Die Opernwerkstatt am Dienstag, 28. Januar, um 18.00 Uhr im Theater Duisburg vermittelt in Podiumsgesprächen und einer offenen Probe erste Einblicke in das Stück und die Inszenierung. Eintritt und Platzwahl sind frei.


Di 11.02. – 19.30 Uhr

Foyer im Opernhaus Düsseldorf
Globus Vocalis

Eine Auswahl romantischer Männerchor-Literatur bringt das 17-köpfige Männergesangsensemble Globus Vocalis, bestehend aus  Mitgliedern und Freunden des Chors der Deutschen Oper am Rhein, in seinem diesjährigen Konzert zu Gehör. Neben Werken von Johannes Brahms bis Richard Strauss erwartet das Publikum eine bewährt bunte Mischung aus klassischen und unterhaltsamen Chorstücken; darüber hinaus präsentieren sich auch in diesem Jahr wieder einzelne Sänger der Formation mit solistischen Beiträgen.


Fr 14.02. – 19.30 Uhr

Opernhaus Düsseldorf
PREMIERE: „Alcina“ von Georg Friedrich Händel

Die Zauberin Alcina ist die Herrscherin über eine Insel der Lüste. Mit betörenden Sirenengesängen zieht sie Männer in ihren Bann, verführt sie und verwandelt sie, wenn sie ihrer überdrüssig ist, in Steine, Pflanzen oder Tiere. Auch Ruggiero verliebt sich in die geheimnisvolle Fremde, doch seine Verlobte Bradamante macht sich auf den Weg, ihn zu finden…

Mit „Alcina“ schuf Georg Friedrich Händel (1685 –1759) ein Meisterwerk über die Kunst der Verzauberung, Täuschung und Verblendung. In berührenden Arien lotet er kongenial menschliche Leidenschaften und Enttäuschungen aus. Wenn am Ende Alcinas Zauberreich untergeht, sehen wir hinter der Fassade einer gefährlichen Femme fatale eine zutiefst einsame Frau, die durch die Liebe ihre Macht verliert und umgekehrt erst im Verlust der Macht zu lieben vermag.

Inszeniert wird „Alcina“ von der Niederländerin Lotte de Beer, die in Amsterdam Regie studierte und Meisterschülerin bei Peter Konwitschny war. 2015 gewann sie den International Opera Award als Beste Newcomerin. Ihre Inszenierungen entstanden u. a. für das Theater an der Wien, die Opernhäuser in Tel Aviv, Amsterdam, Kopenhagen, Essen, Leipzig und die Bayerische Staatsoper München. Generalmusikdirektor Axel Kober leitet die Neue Düsseldorfer Hofmusik und eine Riege erstklassiger Solistinnen und Solisten wie Jacquelyn Wagner als Alcina, Maria Kataeva als Ruggiero, Elena Sancho Pereg als Morgana und Wallis Giunta als Bradamante.

Die Opernwerkstatt am Montag, 10. Februar, um 18.00 Uhr im Opernhaus Düsseldorf vermittelt in Podiumsgesprächen und einer offenen Probe erste Einblicke in das Stück und die Inszenierung. Eintritt und Platzwahl sind frei.


Sa 15.02. – 19.30 Uhr

maxhaus Düsseldorf
Meisterklasse unter der Leitung von Bernarda Fink

Erstmals leitet die vielseitige argentinische Mezzosopranistin Bernarda Fink eine Meisterklasse für das Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein. Fink gilt als eine der weltweit meist gefragten Lied- und Konzertsängerinnen, die bereits mit etlichen bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet hat. Zudem widmet sie sich  seit Jahren regelmäßig in Meisterkursen der Förderung  junger Sängerinnen und Sänger. Zum Abschluss der Meisterklasse präsentieren die Mitglieder des Opernstudios die von ihnen erarbeiteten Arien und Duette im Düsseldorfer maxhaus.


 So 23.02. – 11.00 Uhr

Foyer im Opernhaus Düsseldorf
Symphoniker im Foyer: Tango Argentino zum Karneval

Lateinamerikanisches Temperament trifft rheinischen Frohsinn – die Karnevalsausgabe der „Symphoniker im Foyer“ wird feurig! Mit Musik aus ihrer Heimat bringen die brasilianisch-chilenische Koloratursopranistin Maria Carla Pino Cury und der venezolanische Tenor Andrés Sulbárán aus dem Opernstudio und der mexikanische Bariton Jorge Espino das Karnevalsensemble der Düsseldorfer Symphoniker in Schwung.


Do 27.02. – 19.30 Uhr

Theater Duisburg 

Wiederaufnahme: „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart

Zum Jahreswechsel bekommt die Deutsche Oper am Rhein Zuwachs: Mit seinem Rollendebüt in der Partie des kompromisslosen Draufgängers Don Giovanni stellt sich im Februar erstmals das neue Ensemblemitglied Emmett O’Hanlon dem Publikum vor. Für den irisch-amerikanischen Bariton geht damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung: „Als ich die Oper zum ersten Mal sah, verliebte ich mich sofort in die dynamische Natur dieses Charakters. Die Deutsche Oper am Rhein ist der ideale Ort für dieses Debüt. Hier herrscht eine fantastische Atmosphäre, in der ich mich als Künstler optimal entfalten kann – ganz gleich, in welcher Partie!“. Neben Don Giovanni ist Emmett O’Hanlon in dieser Saison am Rhein auch als Kaiser in Viktor Ullmanns „Kaiser von Atlantis“ und Mercutio in Gounods „Roméo et Juliette“ zu erleben.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Meta Seinemeyer – Erinnerungen an die deutsche Verdi-Renaissance, IOCO – Personalie, 04.12.2019

Dezember 5, 2019 by  
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Meta Seidemeyer - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seinemeyer – leuchtender Stern am Verdi Himmel des 20. Jahrhunderts

Erinnerungen an den Sopran der deutschen Verdi-Renaissance

von Toningenieur Horst Wahl, Einleitung Michael Stange

 Meta Seinemeyer war eine der faszinierendsten deutschen Soprane des vergangenen Jahrhunderts. Deutsche Musikgeschichte hat sie 1926 bei der Verdi Renaissance als Sängerin der Leonora in der Dresdener La forza del destino unter dem Dirigenten Fritz Busch geschrieben. Dirigent, Ensemble und vielleicht auch die einen Monat vor der Premiere aufgenommenen Arienplatten Meta Seinemeyers haben dazu geführt, dass das Werk in Dresden bis zu den Opernfestspielen 1928 bereits 44 mal aufgeführt worden war. Wer sie heute hört, ist verblüfft, wie sich ihre Sinnlichkeit, die Wärme der Stimme und die dramatische Erfassung der Rolle durch das Schellackrauschen immer noch den Weg bahnt.

Leukämiekrank starb Meta Seinemeyer mit 33 Jahren 1929 in Dresden. Ihre Lebensfreude, ihr Elan und selbst Ihr grenzenloser Humor hat sie in diesem tragischen Kampf nicht bestehen lassen. Beispiel dafür ist ihre Reaktion, als sie vor einer Intermezzo-Vorstellung in einer Skatrunde mit Richard Strauss eine größere Summe verlor und als sie ihre Spielschuld bezahlen sollte meinte: „Wenn ich das bezahlen muss, zersinge ich die ganze Partie.“ Ihr früher Tod riss eine bleibende Lücke. Zur letzten vorgesehenen Forza-Aufführung mit ihr reiste Arturo Toscanini 1929 aus Mailand an. Die Vorstellung musste entfallen, weil keine andere Leonora vorhanden war. Der Schallplattenproduzent Walter Legge empfahl seiner Frau Elisabeth Schwarzkopf eine kräftige Priese Seinemeyer im Timbre. Diesen Rat hat sie am intensivsten in ihren Operettenplatten befolgt.

Vor neunzig Jahren ist Meta Seinemeyer verstorben. Prägender als mit dem Spruch auf ihrem Grabstein „Die Seele lebt“, lässt sie sich nicht beschreiben. Die Quellenlage über die Sängerin ist dünn. Berichte von Zeitzeugen rar. Daher veröffentlich IOCO erneut den Beitrag über Meta Seinemeyer von Horst Wahl, ihrem langjährigen Toningenieurs. Seine Erinnerungen erschienen vor dreißig Jahren in der Reihe „Stimmen, die um die Welt gingen…„. Diese Reihe publizierte Günter Walter aus Münster. Die von ihm bis zu seinem Tod herausgegebenen, liebevoll editierten 84 Hefte sind häufig die einzigen ausführlichen Quellen zu den dort behandelten Sängerinnen und Sängern und heute noch lesenswert.

Die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Vicky Kondelik hat Meta Seinemeyer auf einer Webseite ein umfängliches, berührendes Denkmal gesetzt. Hier finden sich Fotos, eine Discografie und viele weitere Informationen. In Preisers Serie „Lebendige Vergangenheit“ wurden nahezu alle ihre Aufnahmen technisch ausgezeichnet überspielt. Auf YouTube und anderen Streaming-Diensten leuchtet ihre Stimme dadurch heute noch.

Erinnerungen an META SEINEMEYER von Horst Wahl

Erste Eindrücke

Ich machte die persönliche Bekanntschaft Meta Seinemeyers etwa zur gleichen Zeit wie die Lotte Lehmanns und Richard Taubers, „nämlich anläßlich ihrer ersten akustischen Parlophon – Aufnahmen im November 1925, ein halbes Jahr nach meinem Eintritt in die Firma Odeon. Als Sängerin war sie mir allerdings keine Unbekannte mehr gewesen, denn sie hatte mich bereits in meiner Pennälerzeit, während meiner häufigen Besuche in der nur wenige Schritte von meinem Elternhaus gelegenen Charlottenburger Oper in Verdi- und Puccini-Rollen zu höchster Begeisterung hingerissen.

Allerdings war der persönliche Eindruck vom Menschen Meta Seinemeyer und ihrer aus nächster Nähe genossenen Stimme ein unvergleichlich überwältigenderer. Zwei Dinge waren es vor allem, die im Umgang mit ihr sofort auffielen: die unerhört intensive, bei aller Fraulichkeit doch mädchenhafte ‚Ausstrahlung, die von ihrer Persönlichkeit ausging, und das warme, dabei aber unglaublich sinnliche Timbre ihrer Stimme. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass sie eine Aura umgab, der sich niemand entziehen konnte. Es war dies eine seltsame beunruhigende Mischung aus rassiger Weiblichkeit, mädchenhaftem Charme und einem warmen, sinnlichen Fluidum.

Ich habe in meinem langen Leben durch meinen Beruf sehr viele Sängerinnen und Sänger mit dem Munde am Trichter oder am Mikrophon aus nächster Nähe erleben können. Nur eine verhältnismäßig kleine Schar hat sich mir unauslöschlich eingeprägt, und es hat sich im Verlaufe der Zeit erwiesen, dass diese von niemand zu ersetzen sind, so viele gute Sänger auch immer wieder „nachgewachsen“ sind.

Zu diesen kostbaren Stimmen, deren individuelles Timbre und menschliche Ausstrahlung ihres Trägers kein anderer Künstler vergessen machen kann, zählt unzweifelhaft auch die der Seinemeyer.

Meta Seidemeyer - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Biografisches

Am 5.September 1895 in Berlin als Tochter eines in Polizeidiensten stehenden Vaters geboren, der später – neben dem berühmten Gennat – einer der bekanntesten Kriminal-Kommissare der alten Reichshauptstadt werden sollte, studierte die junge Meta Gesang bei Ernst Grenzebach und dem bedeutenden Tenor Nicolaus Rothmühl, der 1882-1893 an der Königlichen Hofoper Berlin Triumphe gefeiert hatte. Ihr Debüt fand zu Ende des Ersten Weltkrieges (1918) an dem kurz vor Kriegsausbruch (1912) eingeweihten Deutschen Opernhaus im gerade eingemeindeten Berliner Stadtteil Charlottenburg statt, dessen Ensemble sie für die nächsten sieben Jahre angehörte. Die Inflation in Deutschland und das in den USA nach dem Kriege nur recht zögernd wieder anlaufende deutsche Repertoire begünstigten die Nordamerika-Tournee einer 1923 aufgestellten „German Opera Company“. Unter der Leitung von Leo Blech und Eduard Mörike (Neffe des Dichters) bestand sie aus so hervorragenden Künstler wie Friedrich Schorr, Friedrich Plaschke, Alexander Kipnis, Jacques Urlus, Robert Eutt, Elsa Alsen, Eva Plaschke-von der Osten, Editha Fleischer, Ottilie Metzger-Latternmann und eben Meta Seinemeyer. Ihre Auftritte als Eva in den „Meistersingern“ und als Elisabeth im „Tannhäuser“ (23./24. Februar 1923) waren noch viele Jahre später in den Vereinigten Staaten unvergessen.

Nach einer größeren Anzahl von außerordentlich erfolgreichen Vorstellungen, u.a. in Baltimore sowie im New Yorker Metropolitan und Manhattan Opera House, verlängerte die deutsche Operntruppe ihre Saison noch im dortigen Lexington Theatre. Da nicht alle Künstler beliebig lange ihren festen Verträgen in der Heimat untreu werden konnten, sprangen z.B. Claire Dux und Maria Ivogün helfend ein:

Im November 1924 gab Meta Seinemeyer an der Staatsoper Dresden ein Gastspiel als Margarethe in Gounods gleichnamiger Oper, und dieses Auftreten gestaltete sich derart triumphal, dass die Künstlerin sofort – beginnend mit Januar 1925 – ohne zeitliche Begrenzung – fest an dieses Institut verpflichtet wurde. In kürzester Frist wurde sie hier der führende jugendlich-dramatische Sopran, eroberte sich die Herzen des Opernpublikums im Sturm, und was bei einer Neunundzwanzigjährigen äußerst selten ist, sie war fortan nur noch „die Seinemeyer“.

Am 21. Mai 1925 kreierte sie die Partie der Herzogin von Parma in der Welt-Uraufführung von Ferruccio Busonis Oper „Doktor Faustus“, und das nächste Jahr brachte zwei Höhepunkte ihrer Dresdener Tätigkeit: die Leonore in Verdis „Macht des Schicksals“ und die Madeleine de Coigny in der deutschen Erstaufführung der Oper „Andrea Chenier“ mit Tino Pattiera in der Titelrolle. Das Urteil des anwesenden Komponisten Umberto Giordano lautete kurz aber inhaltsschwer: „In ganz Italien gibt es keine so herrliche Frauenstimme wie die der Seinemeyer!“

Anlässlich der Verdi-Renaissance mit La Forza del destino (Uraufführung: 11.11.1862 in Petersburg; deutsche Erstaufführung: 1878 in Berlin) schrieb die Kritik; „Man findet diese Oper nur äußerst selten auf deutschen Bühnen, jedoch brachte die Dresdener Staatsoper im März (1926) eine Neueinstudierung des Werkes in glänzender Besetzung und Ausstattung heraus – ein Ereignis für das deutsche Theaterleben! Die Leonore ist eine Glanzrolle für erstklassige Sopranistinnen, und in Dresden wurde sie von Meta Seinemeyer darstellerisch wie musikalisch vorbildlich verkörpert; mit ihrem schlackenlosen Sopran berauschte sie die Zuhörer geradezu. Für die Dresdener Neueinstudierung wurde zu dieser Oper von dem bekannten Dichter und Bühnenschriftsteller Franz Werfel ein neues Textbuch geschrieben, das den Stoff dem italienischen Vorbild frei nachdichtet, wobei es die Motive verdeutlicht, die Charaktere vertieft und die Handlung einfacher und klarer durcharbeitet. In dieser Uraufführung der Werfelschen Bearbeitung wird dieses großartige Werk sicherlich eine glanzvolle Auferstehung auf allen deutschen Bühnen erleben.“

Franz Werfel aber schrieb an Meta Seinemeyer noch am Abend dieses triumphalen Ereignisses: „Fräulein Seinemeyer, Sie haben heute Abend eine ganz große Gesangstat vollbracht, ich muss Ihnen das sagen! Es gibt keine solche warme Stimme mehr auf der deutschen Bühne. Die Linie Ihres Gesanges ist vollendet. Die Friedensarie “ war in ihrer ruhigen, schönheitstrunkenen Führung für das ganze Haus tieferschütternd. Ich glaube, Verdi selbst hätte an Ihrem Gesang seine helle Freude gehabt!“  Noch im gleichen Jahre 1926 unternahm die Sängerin eine große Südamerika-Tournee, und 1927 gab sie mehrere Vorstellungen an der Wiener Staatsoper, so am 22.Juni als Tosca in einem Ensemble, dem Alfred Piccaver und Emil Schipper angehörten (Dirigent: Reichenberger) und am 24.Juni als Aida neben Piccaver, Alfred Jerger und Rosette Anday (Dirigent: Robert Heger).

In den letzten Jahren ihres so überaus kurzen Lebens wandte sie sich neben den lyrischen immer mehr den Jugendlich-dramatischen Partien zu, und als sie am 9.Nai 1929 ihr Debüt am Londoner Covent Garden gab, da war es die Sieglinde in Wagners Walküre. Es folgten die Lohengrin-Elsa und am 16.Mai eine ihrer liebtesten Gestalten, die Eva in Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ Obwohl ihre Stimme noch die alte Schönheit und den alten Glanz besaß, war ihre tödliche Blutkrankheit z.Zt. ihres Londoner Gastspiels doch schon so weit fortgeschritten, dass ihr nur noch drei Monate blieben. Am 19.August 1929. starb Meta Seinemeyer zu Dresden im Alter von nur 33 Jahren. Ihre sterbliche Hülle wurde nach Berlin übergeführt und im dortigen Familiengrab beigesetzt.

 

Meta Seidemeyer  - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Erlebnisse mit Meta Seinemeyer

Im Herbst 1925 ließ mich der Odeon-Direktor Alfred Guttmann, dem seit vielen Jahren der Abschluss von Künstler-Verträgen oblag, in sein Büro kommen und fragte mich, ob ich bei meinen zahlreichen Besuchen im Charlottenburger Opernhaus auch eine Sängerin namens Meta Seinemeyer gehört habe. Auf meine begeisterte Schilderung der großen Vorzüge dieser Sopranistin erwiderte er, dass ihm dies gerade eben auch von seinem Freunde Frieder Weißmann berichtet worden sei und er sich jetzt um einen Vorvertrag mit ihr bemühen wolle.

Wenig später teilte mir mein Chef mit, dass voraussichtlich im November (1925) die ersten Probe-Aufnahmen mit der Seinemeyer erfolgen sollten: „Horst, ich möchte, dass Du dabei bist“ (er sagte immer „Horst“ und „Du“ zu mir, egal wie alt ich auch wurde). Nun war dies zwar eine große Ehre für mich, und ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass er mich wie einen Sohn behandelte, aber ich machte mir dennoch keine Illusionen darüber, dass ich als junger Anfänger in der Firma trotz meiner Erfahrungen mit Trichter-Aufnahmen in meinem eigenen Laden-Studio zunächst keinen leichten Stand bei den alteingesessenen Aufnahme-Experten haben würde.

Am Dienstag, dem 17.November 1925 war es dann soweit: die beiden Seiten der ersten Seinemeyer-Parlophon-Platte waren „in Arbeit“. Ich hatte mich zwar auf: „Zusehen“ und „Zuhören“ zu beschränken, doch in der Pause zwischen den beiden Stücken gelang es mir, mit der Sängerin ins Gespräch zu kommen, und wir konnten unsere beiderseitigen, nicht immer positiven Erfahrungen mit Trichter-Aufnahmen austauschen.

Selbstverständlich bemerkte sie meine Bewunderung für ihre Stimme, und mein in jugendlicher Begeisterung (ich war damals knapp 20 Jahre alt und studierte bei Professor Bernhard Ulrich Gesang) vorgetragener Bericht von den Besuchen im Charlottenburger Opernhaus ließen sehr schnell jenen Funken des Verstehens überspringen, der immer da entsteht, wo zwei Menschen mit der gleichen Begeisterung von einer Sache reden. Als ich sie darauf ansprach, dass jetzt in Amerika ein ganz neuartiges System von elektrischen Mikrophon-Aufnahmen im Gange sei, welches die hohen Frequenzen der Obertöne einer Stimme mit weit größerer Natürlichkeit wiederzugeben vermochte, da horchte sie auf. Sie meinte, dass dann ja wohl der „seidige“ (sie meinte zwar, sagte aber nicht „sinnliche“) über ihrer Stimme liegende Glanz herauskommen würde, den der Trichter verschluckte.

Monate später war ich soweit in die Firma integriert, dass mir die Ausgestaltung der Monats-Nachträge mit den Seinemeyer-Platten übertragen wurde, zu welchen mir die Künstlerin selbst die Bilder zur Verfügung stellte. Da ich inzwischen bereits mittels eines von meinem Onkel Gregor aus den USA mitgebrachten Pick-up (in Verbindung mit einem Radio-Apparat als Verstärker) in meinem Studio selbst elektrische Aufnahmen hergestellt hatte, war ich diesmal meinen Kollegen um einiges voraus und durfte zum Einfangen des ganzen kostbaren Stimmtimbres der Seinemeyer selbständig Entfernungstests mit ihr vor dem Mikrophon durchführen.

Gleich ihre erste, noch akustische Aufnahme (veröffentlicht als Parlophon P 2089 zu Weihnachten 1925) war der Maddalena di Coigny in Giordanos Oper Andrea Chenier gewidmet. Die Arie „La mamma morta“ (Von Blut gerötet war meine Schwelle) wurde später elektrisch wiederholt, und ihr folgten bald die herrlichen Duette aus dieser Oper mit Tino Pattiera. Bereits bei der 2, akustischen Sitzung begann die Reihe der wundervollen Aufnahmen aus Verdis Macht des Schicksals, die ebenfalls in der elektrischen Ära wiederholt bzw. fortgesetzt wurden. Die ersten elektrischen Aufnahmen waren der Gioconda und Aida vorbehalten.

Auf Dr. Weißmanns ganz besonderen Wunsch sang Meta am 2.November 1927 die Wahnsinnsszene der Marfa aus der Oper Die Zarenbraut von Rimsky-Korssakoff in das Mikrophon. Diese Arie „Iwan Sergeiwitsch, komm in den Garten“ zählt zu den schönsten Eingebungen des russischen Komponisten.

Es ist interessant und aller Ehren wert, dass beide Künstler, Seinemeyer wie Weißmann, darin übereinstimmten, keine im Tempo gehetzten oder gekürzten Arien möglichst noch auf einer Plattenseite unterzubringen, sondern evtl. sogar mit dem Rezitativ auf die beiden Seiten einer Platte zu verteilen (Aida, Figaros Hochzeit, Don Carlos usw.). Schon zu Zeiten der akustischen Ära begannen beide damit, ganze zusammenhängende Szenen lückenlos auf Platten festzuhalten (z.B. Tosca, Walküre, Aida, Fliegender Holländer). Von den Partnern der Seinemeyer sei neben Tino Pattiera, Robert Burg, Emanuel List, John Gläser, Jaro Dworsky und Curt Taucher vor allem Ivar Andresen hervorgehoben, der gleich ihr 1925 an die Dresdener Staatsoper berufen worden war (ab 1931 auch in Charlottenburg) und wie Pattiera maßgebend an der Verdi-Renaissance beteiligt war. Er besaß eine der schönsten Bassstimmen, welche uns die Schallplatte überliefert hat.

In den beiden letzten Jahren ihres Lebens war mein Verhältnis zu Meta Seinemeyer, ihrem Vater und ihrem Verlobten immer freundschaftlicher geworden, so dass wir uns bald nicht mehr nur im Lindström-Studio sondern gelegentlich auch in meiner eigenen, dicht neben meinem Studio liegenden Wohnung trafen. Bei einem dieser Abende fragte mich die Sängerin, ob es nicht möglich sei, meinen Nachbarn, Herrn Kammersänger Joseph Schwarz zu uns herüberzubitten. Zu unserer aller Freude sagte der große Bariton sofort zu, und im Verlaufe des sehr fröhlichen Beisammenseins bat Dr. Weißmann unseren Ehrengast, ob er nicht mit der Meta einmal ein Duett singen wolle, er würde gern am Klavier begleiten. Was kann man da viel sagen – es wurde ein unbeschreibliches Ereignis. Das Zusammenklingen von zwei der herrlichsten Stimmen, die es gegeben hat, ließ das Crucifixus von Jean-Baptiste Faure in geradezu überirdischer Schönheit erstrahlen, und die Zelluloidfolie, die ich von dieser Darbietung mitgeschnitten hatte, gehörte fortan zu Metas kostbarem Besitz. Schon am nächsten Tage suchte ich Direktor Wünsch von der Deutschen Grammophon auf, um ihn um Freigabe von Schwarz für einige Parlophon-Duette zu bitten. Der stets sehr kulante Wünsch stimmte zu meiner Freude sofort zu – doch das Nierenleiden des Sängers hatte sich bereits derart „verschlimmert, dass er kurze Zeit später (10.01.1926) für immer von uns ging.

Die letzte Zusammenkunft mit Meta und Frieder war in den ersten Maitagen des Jahres 1929. Ihre Kräfte schwanden rasch. Sie starb ja schon drei Monate später. Wenige Tage danach begleitete ihr Vater sein geliebtes Kind zu dem letzten Gastspiel ihres Lebens nach London, da es ihm unmöglich war, sie bei ihrem schlechten körperlichen Zustand noch allein reisen zu lassen. Kurz vor diesem englischen Gastspiel, am 3.Mai 1929 hatte sie noch mit dem Bariton Robert Burg die letzten vier Aufnahmen (eine Szene aus Wagners, „Fliegendem Holländer“) getätigt, die aber leider zunächst infolge Terminschwierigkeiten vor der Reise, nach ihrer Rückkehr aus London dann jedoch wegen ihres stark angegriffenen Gesundheitszustandes nicht mehr korrigiert werden konnten und daher unveröffentlicht blieben.

Die Aufnahmen

Wir werden sie nie wiedersehen, doch ihre Stimme ist uns nicht verloren: all ihre Lebenskraft, ihre reine Schönheit und ihre Beseelung lebt in ihren Schallplatten-Aufnahmen weiter. Der bedeutendste Teil ihres Lebenswerkes ist uns erhalten geblieben: Andrea Chenier, Forza del Destino, Aida, Otello, Faust, Manon, Boheme, Butterfly und Tosca, Richard Strauss Rosenkavalier, Wagners Musikdramen und das deutsche Lied – dies alles ist weit mehr als ein kleines Erinnern, es ist ein bleibendes Denkmal!“

Was die Schallplatten der Seinemeyer betrifft, so können wir glücklich sein, dass gerade bei dieser Künstlerin eine Anzahl von glücklichen Umständen zusammentreffen, die ihre Aufnahmen trotz des kurzen Lebenslaufes zu einem reichen Erbe werden lassen. Einmal traf es sich, dass die Stimme der Sängerin gerade zu einer Zeit voll erblüht war, als das elektrische Verfahren auch in Deutschland eingeführt wurde. Zum anderen waren glücklicherweise sowohl die Seinemeyer als auch Frieder Weißmann bestrebt, bei der Erörterung der von ihr aufzunehmenden Stücke eine wohlüberlegte Auswahl unter ihren erfolgreichsten Rollen zu treffen, ein Umstand, der leider nur allzu häufig bei Plattenkünstlern nicht berücksichtigt wurde.

Hinzu kam, dass Dr. Weißmann der Hausdirigent des Lindström-Konzerns war und sowohl seine Stellung wie seine persönliche Beziehung zu der Künstlerin der Nachwelt trotz des kurzen Zeitraums von nur 3 4/2 Jahren die erstaunliche Fülle von immerhin rund 100 Aufnahmen bescherte, von denen ich keine einzige missen möchte. Ein weiterer glücklicher Umstand ist der, dass ihre Dresdener Kollegen und Mitstreiter bei der Verdi-Renaissance, Tino Pattiera und Ivar Andresen, bei der gleichen Plattenfirma verpflichtet waren und somit eine Reihe herrlicher Duett- und Ensemble-Aufnahmen aus den von ihr geliebten Opern mit ihr zusammen tätigen konnten.

Schließlich dürfen wir uns glücklich schätzen, in Preisers Serie „Lebendige Vergangenheit“ eine so ausgezeichnete Überspielung des weitaus überwiegenden Teiles ihrer Gesamt-Discographie heute noch auf CDs erwerben zu können.

Nachrufe – 1933 zum Tod von Meta Seinemeyer

Die Nachrufe überschritten das übliche Maß von dergleichen oft nur pflichtgemäß absolvierten Zeitungsartikeln bei weitem. Allen merkte man die tiefe Betroffenheit an, durch ein grausames Geschick so jung eine solche wunderbare Künstlerin verloren zu haben. Fast alle wiesen auf die Unersetzlichkeit des Menschen und der Künstlerin Meta Seinemeyer und ihrer unvergleichlichen Stimme hin. Sämtliche beklagten ein Schicksal, welches eine Künstlerin gerade in dem Augenblick abberief, da sich ihre Kunst zu höchster Reife entwickelt hatte.

Dresdener Neueste Nachrichten: „Die Seinemeyer“, das ist ein höchst ehrenvoller Titel, der eine bereits seit einigen Jahren bestehende innige Verbindung mit ihrem Publikum ausdrückte. „Die Seinemeyer“, das ist zu einem Begriff für das Gold und den Schmelz einer seltenen Stimme, für den Liebreiz einer wahren Frau geworden. „Die Seinemeyer“, das war der hellglänzende Stern in: dem großartigen Ensemble der Dresdener Staatsoper – aber kein „Star“, wie er es üblicherweise in diesem jungen Alter ist, dem Kunst ein Fremdwort ist.“

Dresdener Nachrichten:Dies war ein lyrischer Sopran, wie man ihn schon lange Zeit nicht mehr gehört hatte, voll Süße und weiblicher Anmut, ausgestattet mit einer Stimme, die Nicolaus Rothmühl zu hoher Meisterschaft entwickelte, geschmeidig in den Kantilenen und voll reinen Entzückens in den Höhen. Die Stimme der Seinemeyer eignete sich in hohem Masse für Schallplatten-Aufnahmen. Die Wärme, Süße und Intimität ihres Timbres, in dem sich – wie man heute nur zu gut weiß – bereits die schwermütige Träne eines viel zu frühen Endes ankündigte, tritt uns auch in ihren Platten entgegen, die kein starrer stimmlicher Abklatsch sind, sondern verewigtes tönendes Leben.“

Hamburger Anzeiger: Die silberne Pracht dieses Soprans erreichte das Herz jedes Zuhörers. Ihre Technik war makellos, ihre Musikalität und die Frische ihres mädchenhaften Temperamentes waren bezwingend und es war selbst für einen Partner vom Range eines Tino Pattiera nicht leicht, neben dieser wundervollen Frau zu bestehen.“

Dr. Albert Henschel schrieb in seinem für Parlophon verfassten Nachruf: „Als am 20.August die Meldung vom Tode Meta Seinemeyers aus Dresden hier eintraf, waren wir alle tief erschüttert. Es war mehr als Trauer. Es war die Gewissheit, dass etwas Unersetzliches, Unwiederbringliches all jenen genommen worden war, denen Musik etwas bedeutet. Am nächsten Tag ging die Nachricht durch alle großen Blätter dieser Erde, und die ganze musikalische Welt stand im Geiste trauernd am Sarge einer großen, einer einzigartigen Künstlerin und beweinte das Verlöschen einer der schönsten Sopranstimmen, welche sie gekannt und geliebt hatte – auf der Bühne oder von Platten. Aus allen Ländern, wo sie gewirkt hatte, aus Deutschland, Amerika und England, kamen die Beileidsbezeugungen. Allgemein wurde es tief empfunden, dass dieser sinnlose Tod eine Lücke gerissen hatte, die nicht mehr zu füllen war, dass es für diesen warmen, strahlenden Sopran keinen Ersatz gab. Jene, die ihr näher gestanden hatten, wussten, dass es auch für den Menschen Meta Seinemeyer keinen Ersatz geben konnte. Dass sie schon mit 27 Jahren die Bühne der MET betreten konnte, muss sie mit Stolz erfüllt haben; ihre Liebe aber galt der Dresdener Staatsoper, jenem Institut, wo sie vom jungen lyrischen Sopran zur lyrisch-dramatischen Sängerin reifte und als „die Seinemeyer“ beliebt, ja geliebt wurde.“

—| IOCO Portrait |—

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