Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Die Frau ohne Schatten – Richard Strauss, IOCO Kritik, 08.10.2019

Oktober 8, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DIE FRAU OHNE SCHATTEN  –  Richard Strauss

 – Wahre Humanität findet der Mensch nur  ……  –

von Uschi Reifenberg

Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 10. Oktober 1919 wurde Die Frau ohne Schatten  an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Am 8. September 2019 jährte sich der Todestag des Komponisten Richard Strauss zum 70. Mal, eine wichtige Zahl für den Umgang mit den Urheberrechten von Komponisten, denn nach der ablaufenden Schutzfrist von 70 Jahren werden deren Werke dann erstmalig gemeinfrei.

Nun feierte am Nationaltheater Mannheim (NTM) zu Beginn der Spielzeit 2019/20 als eine der größten Wiederaufnahmen das monumentale Werk Die Frau ohne Schatten aus den Federn des genialen Künstlergespanns Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sein glanzvolles Comeback.

Die schwer zu realisierende Oper geht nicht nur szenisch, sondern vor auch musikalisch an Grenzen des Möglichen, die das exzellente Ensemble des NTM  mit Bravour bewältigte.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Catherine Foster als Färberin © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Catherine Foster als Färberin © Hans Joerg Michel

Die Frau ohne Schatten, vierte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, wurde 1917, mitten im 1. Weltkrieg vollendet. Sie ist vom Textdichter des Stückes in der „Märchenwelt“ zur „Märchenzeit“ angesiedelt, was auch als Weltflucht oder Gegenentwurf zur schweren und leidvollen Zeit während der Kriegsjahre interpretiert werden könnte. Strauss bezeichnete das Werk als „letzte romantische Oper“ und die Autoren sparten nicht mit bühnenwirksamen Schauplätzen und phantastischem Personal wie Tempeln, Palästen, Hütten, unterirdischen Klüften, Geisterboten, Zauberei, Verwandlung, mythischen Verweisen, Tierwesen, sowie Menschen- und Geistersphäre. Die Oper bietet ein ganzes Füllhorn an Symbolen und Metaphern, enthält aber auch zum Teil verworrene Handlungsstränge und komplizierte Bezüge.

Drei starke Frauen mit unterschiedlichen psychologischen Strukturen stehen im Mittelpunkt des Geschehens; sie gehören verschiedenen Sphären der fernöstlich angehauchten Geschichte an: Die Kaiserin und die Amme, ihre Begleiterin, stammen ursprünglich aus der Geisterwelt, die Frau (Färberin) lebt in der Menschenwelt. Der Schatten ist das Fruchtbarkeitssymbol, den die Kaiserin erlangen möchte, damit ihr Gatte, der Kaiser, nicht versteinern muss. Die frustrierte Färberin hingegen, verheiratet mit dem einfachen Färber Barak, der sich Eheglück und Kinder wünscht, ist mit ihrem Leben unzufrieden und lehnt es ab, Mutter zu werden. Die Amme, Abgesandte des Geisterfürsten Keikobad, Vater der Kaiserin, verkörpert das negative Prinzip, sozusagen „den Geist, der stets verneint“. Sie ist Seelenfängerin und trägt diabolische Züge. Als Begleiterin der Kaiserin hasst sie alles Menschliche und wird – märchengerecht – am Schluss gegen „das Gute“ verlieren. Aber bis dahin steht den beiden Ehepaaren – wie in Mozarts Zauberflöte ein beschwerlicher Prüfungsweg bevor, auf dem Kaiserin und Färberin einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen und in einem schmerzlichen Erkenntnisprozess ihren Egoismus zu überwinden lernen, Verzicht leisten und zu Menschlichkeit, Empathie und Mutterglück finden.

Richard Strauss (1864-1949), „Operntitan“ und bedeutendster deutschsprachiger Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts, gilt als Meister orchestraler Klangfarben und der Instrumentation, die in ihrer Einzigartigkeit als Essenz seines Schaffens angesehen werden kann.

Strauss begann seine musikalische Entwicklung zunächst als Komponist Sinfonischer Dichtungen in der Tradition Franz Liszts, folgte dann aber immer mehr der Idee des Gesamtkunstwerks Richard Wagners. In seinen Opern knüpfte er an dessen leitmotivisch geprägten durchkomponieren Kompositionsstil an, erweiterte diesen in kunstvoll polyphoner Verarbeitung und intensivierte die tonmalerische Ausgestaltung der Motive. Er überarbeitete die grundlegende Instrumentationslehre von Hector Berlioz von 1844, entwickelte sie in der Wagner Nachfolge konsequent weiter und führte die klanglichen Möglichkeiten des modernen Sinfonieorchesters im 20. Jahrhundert zu einem absoluten Höhepunkt.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Miriam Clark als Kaiserin, KS Thomas Jesatko als Barak, der Färber © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Miriam Clark als Kaiserin, KS Thomas Jesatko als Barak, der Färber © Hans Joerg Michel

Strauss erweiterte die romantische Tonsprache bereits in seinen früheren Werken Salome (1905) und Elektra (1909) und ging bis an die Grenzen der Tonalität, mit einer bis dahin nie gehörten Häufung von Dissonanzen, Clustern, Verfremdungen und exotischen Klangfarben. Viele dieser für die damalige Zeit neuartigen Stilelemente griffen Komponisten wie Schönberg, Berg oder Hindemith auf, die unter anderem als Repräsentanten der atonalen Kompositionsweise in die Musikgeschichte eingingen.

Frau ohne Schatten stellt mit seiner Instrumentation einen Höhepunkt romantischer Ausdruckskunst darstellt. Strauss erweitert dazu die Orchesterbesetzung nicht nur zahlenmäßig, sondern bezieht auch seltene Instrumente wie Glasharmonika, Rute oder mehrere chinesische Gongs ein. Er fordert insgesamt 64 Streicher, 33 Bläser, 2 Harfen, 2 Celestas, ausgedehntes Schlagwerk, darunter Tamtams, Wind- und Donnermaschine, Orgel, sowie ein Bühnenorchester mit zusätzlich 19 Bläsern.

GMD Alexander Soddy und das blendend disponiere Nationaltheater- Orchester ließen keinen Zweifel, dass sie sich in der spezifischen Strauss‘schen Tonsprache wie zu Hause fühlen. Soddy, der die Oper in kompletter Länge dirigierte, erwies sich erneut als Strauss Dirigent par excellence. Er fächerte das Klangfarbenspektrum der komplexen Partitur kaleidoskopartig auf, ließ in den Zwischenspielen die Orchestermassen aufblühen und zauberte magische Momente. Gleichzeitig hielt er den Riesenapparat von Bühne und Orchester immer unter Kontrolle.

Bereits die Eröffnung des 1. Aktes mit den brachialen Schlägen des Keikobad Motivs ging unter die Haut, schwelgerisch gelangen die melodienseligen weit geschwungenen Bögen, ebenso die elektrisierend flirrenden und unruhig flackernden Motive, besonders innig und fein austariert die kammermusikalischen liedhaften Stellen der Barak Szene und der Wächtergesänge am Ende des 1. Aktes. Geriet der 1. Akt spannungsmässig noch nicht vollends überzeugend, bündelte Soddy im 2. und 3. Akt dann die Energien, entzündete pathetische Wucht mit kompromissloser Expressivität und vereinigte in der C-Dur Schluss- Apotheose Solisten und Orchester zum ekstatischen Höhepunkt.

Dass das NTM traditionell einen hervorragenden Ruf in der Wagner– und Strauss- Pflege genießt, konnte man an diesem Abend nicht nur bezüglich der außergewöhnlichen Sängerriege bestätigt sehen. Die fünf sehr anspruchsvollen Hauptrollen waren bis auf eine Ausnahme mit hauseigenen Solisten besetzt; es war beglückend zu erleben, wie sich das hoch motivierte Ensemble, Solisten, Orchester, der fantastische Chor (Danis Juris) und Kinderchor (Anke-Christine Kober) zu großer Homogenität auf hohem Niveau zusammenfand.

Catherine Foster, vielumjubelte Bayreuther Brünnhilde ( 2013-2018), wartete mit einer stimmlich wie darstellerisch grandiosen Charakterstudie auf. Ihre Färberin ist keine am prekären Milieu zerbrechende Frau, die sich gegen ihr kleinbürgerliches Dasein als Ehefrau und Mutter aufbäumt, sondern eine selbstbewusste Persönlichkeit, die sich emanzipieren will und für ihre Ziele kämpft, allerdings um den hohen Preis der Fruchtbarkeit. Foster stattet die zerrissene Figur mit allen Facetten ihres hochdramatischen Soprans aus, findet im Streit mit Barak zu beißendem Spott mit stählerner Tongebung und gleissenden Höhen. Im Zeichen ihrer Wandlung und ihrem Bekenntnis zu Liebe und Mutterglück lässt sie ihren schön timbrierten, weichen Sopran innig und in zartesten Farben strahlen.

Die schillernde Figur der Amme wird von Julia Faylenbogen mit jugendlicher Ausstrahlung und einer beeindruckenden Vielfalt an Gestaltungs- und Klangfarben ausgestattet, die sie mit großer  Souveränität variiert. Die kraftvollen Höhen ihres ausgeglichenen Mezzosopran strahlen mühelos über die Orchesterwogen, ihr tiefes Register leuchtet in satten Farben und trägt problemlos auch an den leisen Stellen. Die vertrackten Intervallsprünge meistert sie mit bestechender Präzision. Faylenbogen zeichnet die dämonischen Züge dieser ambivalenten Figur eher zurückhaltend und beweist hingegen viel Sinn für Sarkasmus, Ironie und Schmeichelei. Hervorragend ist auch ihre differenzierte Textausdeutung.

Hauptfigur ist die Kaiserin, die Frau ohne Schatten, von Miriam Clark  mit glitzernden Koloraturen und mühelosen, jubelnden Spitzentönen und starker Leuchtkraft gesungen wird. Ihre Entwicklung von der noch etwas blutleeren Feen-Erscheinung am Anfang bis zu ihrer Entscheidung zur Mitmenschlichkeit, gestaltet sie zutiefst anrührend. Die verschiedenen Stadien ihrer „Menschwerdung“, der bewusste Verzicht auf ihre Mutterschaft zugunsten des Glücks von Färber und Färberin, die suggestive Traumszene, aber vor allem ihr großer Monolog „Vater, bist Du’s“, in der sie „durch Mitleid wissend“ wird, ist von großer Intensität. Sie verströmt ihren Sopran in weichen Lyrismen und hauchzarten piani. Umso ergreifender wirkt ihre hochexpressive Deklamationsszene, die melodramatische Steigerung, welche sie bis an die Grenzen des Ausdrucks führt und ein umfassende Identifizierung mit ihrer Rolle erreicht.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Miriam Clark als Kaiserin, Julia Faylenbogen als Amme © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Miriam Clark als Kaiserin, Julia Faylenbogen als Amme © Hans Joerg Michel

Thomas Jesatko ist als Barak, der Färber eine Idealbesetzung. Sein samtener, immer voll tönender und hell timbrierter Bariton ist prädestiniert für die seelenvollen Kantilenen des einfachen, aber gutherzigen Barak. Vorbildlich auch seine Phrasierungskunst sowie die perfekte  Textverständlichkeit. Der Traum von einem bescheidenen Glück an der Seite einer liebevollen Ehefrau, einer Kinderschar und harter Hände Arbeit wird ihm vorerst nicht erfüllt, was er geduldig erträgt. Jesatko gestaltet die liedhaften Passagen mit berührender Innigkeit und Sensibilität, findet aber auch zu heldenbaritonaler Wucht, wenn er letztendlich die Demütigungen seiner Frau nicht mehr aushält und sich endlich zur Wehr setzt.

Den Kaiser singt Andreas Hermann mit jugendlich- heldischem Tenor, durchweg höhensicher und durchschlagskräftig, zuweilen allerdings mit etwas enger Tongebung. Sein Kaiser ist eher ein Jäger, der sich mit seiner Beute schmückt und sie sich unterwirft, als ein hingebungsvoll liebender Mann. Seine Jagdtrophäe, die Kaiserin, die er als Gazelle gejagt hat, nun aber jede Nacht als Frau in seinen Besitz bringt, erreicht sein Herz nicht, nur seinen verliebten Ehrgeiz. Erst durch das liebende Entsagungsopfer der Kaiserin kann er sein Herz öffnen und erlöst werden.

Die drei Brüder des Färbers sind als Kriegsversehrte gezeichnet und singen und agieren ebenfalls auf hohem Niveau. Ilya Lapich als „der Einäugige“ mit klangschönem Bariton, „der Einarmige“ Marcel Brunner mit profundem Bassbariton und Benedikt Nawrath, „der Bucklige“ mit klarer Tenorstimme. Sie brachten als klanghomogenes Trio viel Lebendigkeit, aber auch soziale Tristesse in den Alltag der Färber.

Joachim Goltz gab mit seinem beeindruckenden heldischen Bariton dem Geisterboten Gewicht und Autorität, Estelle Kruger sang mit leuchtenden Tönen den Hüter der Schwelle des Tempels. Der Erscheinung eines Jünglings gab Juray Holly feinen Tenorglanz, Natalija Cantrak ließ als Stimme des Falken aufhorchen und Susanne Scheffel überzeugte als Stimme von oben. Jost-Jochen Wacker war verhalten präsent in der Rolle des Hugo von Hofmannsthal.

Die Inszenierung von Gregor Horres aus dem Jahr 2007 gewinnt ihre heutige Faszination aus  symbolischer Zeichensprache, Reduktion der Mittel und Abstraktion, komplettiert durch eine raffinierte Lichtregie (Bernard Häusermann), die dem opulenten Werk das nötige Quantum Magie verpasst.

Die Frau ohn Schatten – Making of … hier mit Korrepetitor Elias Corrinth
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Das Bühnenbild von Sandra Meurer (Bühne und Kostüme) symbolisiert mit beweglichem Deckensegment und vielfach einsetzbarer Drehbühne die obere und untere Sphäre, die sich am Ende versöhnlich aufeinander zubewegen. Angesiedelt ist die Oper in ihrer Entstehungszeit, der Textdichter Hugo von Hofmannsthal ist als eingefügte Figur fast die ganze Zeit auf der Bühne anwesend und reagiert schreibend auf den Ablauf des Geschehens. Er ist Doppelgänger von Barak, der hier kein Handwerker ist, sondern eher ein weltfremder Schriftsteller in seinem Elfenbeinturm zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Färberin trägt Züge von Strauss‘ Ehefrau, man sieht sich in „Szenen einer bürgerlichen Ehe“ in eben jene Zeit hineinversetzt.

Das Kaiserpaar mit langen weißen Haaren und Gewändern scheint aus der Mythologie zu stammen, die Amme mit exotischer Frisur und gelbem Kleid ist eher in der Märchenwelt beheimatet Auf märchenhafte Attribute verzichtet der Regisseur weitgehend und betont die      psychoanalytischen Aspekte, denn zeitgleich veröffentlichte Siegmund Freud seine bahnbrechenden Hauptwerke über Psychopathologie und weibliche Hysterie. Faszinierend in Szene gesetzt ist der Traum der Kaiserin mit surrealen Traumsequenzen, Tiersymbolik, perspektivischen Verschiebungen und geheimnisvollen Farbwechseln. Ein überdimensionaler roter Handschuh schiebt sich  im Wechsel mit einem ebenso großen Federhalter von oben in die Szene, ansonsten bestücken ein Bett, eine Tür, Tisch und Schreibpult die karge Bühne.

Die „Frauenthemen“ des Werkes, Fruchtbarkeit, Emanzipation oder Gendergerechtigkeit setzt Horres in einen zeitlosen Kontext. Er gibt Anstöße zu aktuellen Fragen wie Doppelbelastung von Familie und Beruf, Beziehungs -und Ehekrisen, Konsumverhalten, Geburtenraten oder Mutterglück.

Das begeisterte Publikum spendete nach dieser hinreißenden Aufführung frenetischen Beifall und feierte mit Blumen und Jubelrufen die Solisten und alle Beteiligten. 100 Jahre Frau ohne Schatten  – mit Themen ungebrochener Aktualität.

Die Frau ohne Schatten am NTM, die weiteren Vorstellungen 13.10.; 1.11.; 17.11.; 1.12.2019; 12.1.2020

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 03.10.2019

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Salome – Richard Strauss

– In der Jetztzeit – Eine Familientragödie in besseren Kreisen –

von Viktor Jarosch

„Salome bringt in 100 Minuten drei Männer zur Strecke“, kündigte Mönchengladbachs OB Hans Wilhelm Reiners den gespannten Besuchern im Theater Mönchengladbach zur Saisoneröffnung und Premiere der Salome am 22.9.2019 an. OB Reiners verkündete aber auch positives: die Zuschüsse zum Theater steigen ab 2019 um Euro 2 Mio jährlich: ein starker Einstieg in die folgende Premiere der szenisch und stimmlich begeisternden Salome.

Salome, das vielleicht größte Werk von Oscar Wilde (1856-1900), entstand in Paris, wurde 1891 in London publiziert, wo  Wilde als Schriftsteller schon früh sehr erfolgreich war. Die Tragödie Salome wurde Ausdruck von Wildes gelebtem Weltbild; es galt hinfort als eine Art „Dekadenzdichtung“, welche sich gegen prüde bürgerliche und  moralische Werte der Zeit auflehnt. Durch extravagant ungewöhnlichen Lebenswandel,  große Sprachgewandtheit und hohe öffentliche Präsenz hatte sich Oscar Wilde neben Bewunderen auch viele Gegner gemacht. Die englische Gesellschaft tolerierte Wilde nicht; sie schlug zurück: mit 44 Jahren stirbt Wilde aus England vertrieben und verarmt in Paris; dort, wo die Salome 1890 entstand.

 Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Salome  entstammt dem  Matthäus Evangelium, wenn auch dort nicht namentlich genannt; in Kapitel 14 heisst es..“Herodes hat Johannes ergriffen, gefesselt und ins Gefängnis geworfen, wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist nicht recht, dass Du sie hast  .. Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte   die Tochter der Herodias (NB  Salome)  vor ihnen ..  Darum versprach er ihr mit einem Eid, er wolle ihr geben, was sie fordern würde ….Und sie sprach: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers!…“

Richard Strauss beeindruckte der große öffentliche Widerhall, welchen die Premiere des Dramas Salome 1901 in Breslau, Max Reinhardt inszenierte, ausgelöst hat. In Wien war  die Premiere der Salome 1901 zuvor von der Zensur  untersagt. Alles geschah  zu einer Zeit im deutschen Kaiserreich, als Frauen dort erstmals öffentlich  um ihre Rechte kämpften. Strauss hatte zuvor das Drama  mehrfach in Berlin besucht und wusste: „das Stück schriee nach Musik“.

Salome war zentral in Strauss´ Wirken, der kompositorische Durchbruch: mit  Salome fand Richard Strauss, er war bereits 56 Jahre alt, endgültig seine künstlerische Individualität:  dreißig Leitmotive und komplexe Tonarten (so das seltene cis-Dur zur Erotik der Salome; ihre Schwärmereien über die strahlenden Haare des Jochanaans in glücklichem, walzerhaftem D-Dur, es-Dur zeichnet den Mond, Jochanaan wird mit Hörnern ein wenig majestätisch gezeichnet): zusammen bildet es ein musikalisches Fundament inmitten changierender Thematik und Harmonik

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Nicht  einfach war es, 65 Musiker der Niederrheinischen Symphoniker mit ihren teils großen Instrumente im Orchestergraben des Theater Mönchengladbach zu positionieren, um trotzdem Salome mit kammermusikalischer Kraft zu spielen. Die kammermusikalische Intonierung war für GMD Mihkel  Kütson jedoch zentral für diese Inszenierung. Richard Strauss hatte Salome in mehreren Orchester-Fassungen komponiert; in Fassungen mit bis zu 125 Musiker. In Mönchengladbach wurde die etwas „verkleinerte“ Orchesterfassung aufgeführt. Inmitten der Enge des Orchestergrabens unterlegen in der Folge des Abends denn auch wunderbar feine Klangfarben des Orchesters die komplexe Handlung  auf der Bühne. In ausdrucksstarken musikalischen Klängen werden dunkle Mächte, die Ängste und Visionen des von seinem Brudermord getriebenen Herodes, die lasziven Wünsche der jungen Salome…… sichtbar.

Regisseur Anthony Pilavachi inszeniert Salome in Mönchengladbach im modernen Gewand des Art déco der 1920er Jahre, ohne Bezug auf die judäische  Antike, ohne Tempel des Herodes.  Das Bühnenbild: Weite Treppen führen zur Fassade einer mit goldfarbenen Reliefs geschmückten die Bühne beherrschenden herrschaftlichen Villa. Durch hohe, helle Fenster erkennt man  im ersten Bild eine elegante jüdische Gesellschaft (Männer mit Kippa und Schläfenlocken in Frack, Frauen in Abendkleidern) bei einem Festmahl (Bühnenbild, Kostüme Markus Meyer). Vor dem Palast ein offener Platz, in dessen  Mitte – eine runde Zisterne: Das Gefängnis des Jochanaan.

Modernes Bühnenbild, Lichteffekte und Kostüme verleihen der Tragödie um Herodes, Salome und Jochanaan nachfühlbare Aktualität und harmonieren  mit schauspielhaft präziser Gestik und Personenführung. So bildet die Inszenierung und das moderne Libretto von Richard Strauss den  Geist der Jetztzeit, des Hier und Heute ab. Verbunden mit einem darstellerisch und stimmlich blendend aufgelegtem Ensemble waren die Besucher von Beginn an gebannt; mit Beifallstürme wurde die ergreifende Premiere der Salome  im Theater Mönchengladbach gefeiert.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan vor der Zisterne © Matthias Stutte

Narraboth (David Esteban) schwärmt mit Beginn vor der chiquen Villa eines offensichtlich gutsituierten Herodes in lyrischem Tenor in modern schwarzer Uniform: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“, derweil  uniformierte Soldaten mit turbanhafter Kopfbedeckung (Matthias Wippich, Alexander Kalina) patrouillieren und die in der Villa sichtbare Festgesellschaft beschreiben:  „Die Juden; sie sind immer so. Sie streiten über ihre Religion“.  Aus der Zisterne erklingt die Mahnung des Jochanaan: Nach mir wird einer kommen…“; dann erscheinen die Protagonisten auf der Bühne; Salome in silbrig glitzerndem Abendkleid, klagt sich auf der Zisterne räkelnd: „Ich will nicht bleiben, Ich kann nicht bleibend…“.  Inmitten des großen Ensembles gestaltet Regisseur Anthony Pilavachi für jeden Akteur einen sichtbar eigenen aber immer modernen Charakter: Herodes in lässigem Anzug seiner Stieftochter Salome nachstellend, dann, zu seinem, schon im Evangelium beschriebenen Geburtstag, mit großem Festkuchen erscheinend; der Page wird zum Dandy; der „Tanz der sieben Schleier“  der Salome in weitem, weißen Umhang und mit riesigen Schmetterlings-Flügeln berührt anmutend esoterisch und nicht – wie oft inszeniert – billig lasziv oder verführerisch überzeichnend. Mit den Befehl: „Man töte dieses Weib“, weist Herodes bekanntlich zum Ende der Oper seine Soldaten an, die Stieftocheter zu erchiessen. Doch in Mönchengladbach endet die Oper überraschend:  Als die Soldaten Salome töten wollen erschießt diese, die Oper beendend, in einer sich verdunkelnden Bühne, ihren Stiefvater Herodes; mit dem zwiespältigen Ende schafft die Inszenierung Raum für weitere Träume, Visionen.

So wird Salome wird im Theater Mönchengladbach zu einem expressiven Drama einer Familie „in heutigen besseren Kreisen“, dessen komplexes aber höchst fragiles Beziehungsgeflecht durch eine unreif junge Frau, der selbstsüchtigen Salome, zum Einsturz gebracht wird.  OB Reiners hatte dies, welch eine Überraschung, schon gewusst und angekündigt!

Dorothea Herbert, ab 2019 neues Ensemblemitglied im Theater Krefeld Mönchengladbach,  überzeugt fulminant in der großen, gestaltenden Partie der Salome: Mit guter Verständlichkeit ( zentral für alle Richard Strauss Opern) und besonders in hohen Tonlagen überwältigendem Sopran erzeugt Dorothea Herbert von Beginn an bei den Besuchern Spannung, Neugierde, Faszination. Doch auch die anderen großen Partien der Produktion sind bestens besetzt: Markus Petsch als Herodes zeichnet die Unsicherheiten („ich bin sicher, es wird ein Unheil geschehen..“) im komplexen Beziehungsgeflecht mit Herodias und Salome mit lyrisch timbriertem, sicherem Tenor. Überwältigend erneut Johannes Schwärsky, hier als Prophet Jochanaan: Schon zu Beginn, aus den Tiefen der Zisterne, klingt sein kraftvoll schwerer Bass-Bariton drohend; akustisch noch ein wenig gedeckt; doch auf der Bühne wächst Schwärsky zu einem leibhaftigen Propheten Jochanaan, der mit mächtiger Stimme und großer physischer Präsenz Salome kraftvoll verflucht und die nahende Ankunft Gottes verkündet. Eva Maria Günschmann überzeugt in diesem starken Ensemble als intrigierende Herodias in gepflegtem Abendkleid mit optisch zurückgenommener Präsenz.

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa © IOCO

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa des Herodes © IOCO

GMD Mihkel  Kütson zeichnet mit seinen Niederrheinischen Symphonikern  zuvorderst den kammermusikalischen Charakter  der Oper Salome, welcher in Tonarten und Leitmotiven das Unterbewusste,  Stimmungen, Ängste, Träume und Visionen der Protagonisten betont, doch dies Unterbewusste ebenso farbig ausmalt wie das wahrnehmbare, sichtbare Handeln. Ein schwieriger Spagat für großes Orchester in einem relativ kleinen Haus; den Kütson und die Niederrheinischen Symphoniker mit Kunst und Können wunderbar umsetzen.

So feierte das Publikum zum Saisonanfang  im Theater Mönchengladbacher mit viel Bravos und Beifall  eine auch uns unerwartet mitreißende Inszenierung der Salome, welche heutiges Leben im Sichtbaren und mit konspirativen, hintergründigen, versteckten Untertönen spürbar abbildete.

Salome am Theater Mönchengladbach; die nächsten Vorstellungen 8.10.; 19.10.; 9.11.; 19.12.; 27.12.2019

Hans Pfitzner – Complete Lieder, IOCO CD-Rezension, 29.09.2019

September 29, 2019 by  
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Hans Pfitzner - Complete Lieder - Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos 8572603

Ist der Himmel darum im Lenz so blau, Zweifelnde Liebe, Lockung, Die Nachtigallen.

von Julian Führer

Hans Pfitzner (1869-1949) hatte zu Lebzeiten erheblichen Erfolg. Bekannt ist vor allem seine Oper Palestrina, die über viele Jahre hinweg einen Stammplatz im Repertoire hatte, heute jedoch nur noch selten zu erleben ist. Zu seinem 125. Geburtstag im Jahr 1994 erschien noch eine Briefmarke der Deutschen Bundespost. Zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2019 gab es nur wenige Veröffentlichungen, die vor allem die politische Haltung des Komponisten thematisierten; in Trier wurde bei einem für Ende September geplanten Konzert sogar das Programm geändert, weil Pfitzner inzwischen in Teilen der Öffentlichkeit als untragbar gilt.

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Pfitzner komponierte in spätromantischer Tradition, entwickelte diese jedoch deutlich weiter. Seine Melodien sind oft grüblerisch, seine musikalischen Gedanken manchmal verstiegen, es fehlt ihm die Süffigkeit eines Richard Strauss – und doch gilt er vielen auch musikalisch als rückwärtsgewandt, weil er die neuen Strömungen wie etwa die Musik Arnold Schönbergs und ihre Verteidiger wie Paul Bekker publizistisch bekämpfte. Dennoch haben seine Kompositionen viel Neues. Sein Komponistenkollege Gustav Mahler, der Schriftsteller Thomas Mann und der Dirigent Bruno Walter hielten seine Werke gleichermaßen für bedeutend. Über ein halbes Jahrhundert hinweg komponierte Pfitzner über hundert Lieder, von denen es eine 2001 auf 5 CDs erschienene Gesamteinspielung bei CPO gibt. Bei Naxos ist nun die zweite CD einer neuen Gesamtaufnahme erschienen. Anders als beim Vorgängerunternehmen von 2001 werden die Lieder hier nicht in rein chronologischer Reihenfolge geboten. Von den Sieben Liedern Opus 2 finden sich hier beispielsweise nur vier; die Gruppierung der Stücke ist eher künstlerisch motiviert als dem Gedanken eines systematischen Werkkatalogs verpflichtet.

Der CD ist leider (anders als bei CPO) im Booklet kein Text beigegeben, doch sind die gesungenen Texte (auch mit englischer Übersetzung) auf https://www.naxos.com/sungtext/pdf/8.572603_sungtext.pdf  zu finden. Bei CPO wechseln die Sängerinnen und Sänger, die Pianisten ebenfalls. Auf der vorliegenden CD sind der Tenor Colin Balzer und am Klavier Klaus Simon zu hören. Der Klavierpart ist hier oft deutlich überzeugender präsentiert und besser aufgenommen als bei der etwas älteren Gesamteinspielung. Aufgenommen wurden die Lieder bereits im Jahr 2010, nun sind sie im Jahr des 150. Geburtstages und des 70. Todestages Pfitzners erschienen.

Die 26 Stücke der CD umfassen Lieder der Jahre 1884 bis 1916; es ist deutlich hörbar, dass sich Pfitzners Stil im Laufe dieser drei Jahrzehnte massiv gewandelt hat. Nicht ganz nachvollziehbar ist, dass die Jugendwerke (WoO 9, 6, 5 und 12) am Ende und nicht bei den frühen Liedern Opus 2/6/7 stehen.

Die ersten vier Stücke der Sieben Lieder Opus 2 von 1888/1889 eröffnen den Zyklus. „In der Früh, wenn die Sonne kommen will“ nach einem Text von Richard Leander thematisiert recht kurz die Erwartung des Liebenden. Das Lied beginnt wie bei Schubert, mündet dann aber in eine fragende Linie nach oben, die schmerzhaft dissonant endet. Opus 2,2 „Ist der Himmel darum im Lenz so blau“ ist eines der bekanntesten Lieder Pfitzners. Die ersten Takte lassen bereits das Kyrie eleison im ersten Akt der Oper Palestrina vorausahnen. Melodisch ist das Stück sehr schwelgerisch und reichhaltig, obwohl es zweistrophig angelegt ist und nur eine reichliche Minute umfasst. Am Ende wird die Tonika vermieden. Opus 2,3 („Kalt und schneidend weht der Wind“ nach Hermann Lingg) hingegen hat bei unregelmäßiger Länge der musikalischen Phrasen eine düstere, fahle Atmosphäre, dissonante Haltetöne, und die Singstimme geht weit nach unten, um dann auf einem schwer zu fassenden hohen Ton zu enden: „Was sind Rosen ohne dich?“ Opus 2,4 („Im tiefen Wald verborgen“) ist eine Naturschilderung mit Sextenketten als Begleitung und einem Tonfall, den man auch bei Flotow und Brahms findet. Die Männer auf der Jagd treffen das Wild im Herzen, die Frauen treffen dort die Männer.

Im ersten Stück der Sechs Lieder Opus 6 (1888/1889) komponiert Pfitzner eine Barcarole, die bei den Worten „Feucht und kühl der Wasserfluten licht Geflimmer“ den dritten Akt von Wagners Tristan aufscheinen lässt und diesen Anklang bei der Frage „Liebst du mich?“ auf einem nicht aufgelösten Akkord mit folgender Generalpause noch einmal aufnimmt. Auch in Opus 6,3 (nach dem Text „Zugvogel“ von James Grun) ist Wagner gegenwärtig, als die Perspektive eines Zugvogels über dem endlosen Meer geschildert wird. Düstere Momente wie der tote Schwan im ersten Akt des Parsifal und Brünnhildes Grübeln im zweiten Akt der Walküre sind zu erahnen. Colin Balzer gestaltet dieses Stück mustergültig, die Stimme ist nie zu eng geführt und verfügt über die nötigen Höhen und Tiefen, um den Kompositionen gerecht zu werden. Sehr anspruchsvoll ist die Kontrolle der Stimme bei der Fermate auf „und das Land, die Rast noch so weit, so weit“. Deutlich üppiger ist die „Wasserfahrt“ (Opus 6,6) nach einem Text von Heinrich Heine, die auch von Mendelssohn vertont wurde.

„Hast du von den Fischerkindern das alte Märchen vernommen?“ von Wolfgang Müller von Königswinter lieferte den Text für Opus 7,1. Aus einer düsteren Grundstimmung entwickelt sich am Schluss ein mächtiger Ausbruch. Hier wie fast durchgehend schreibt Pfitzner gemächliche, oft langsame, mitunter stockende Tempi vor. Ganz anders ist der rasend schnell vorgetragene „Nachtwanderer“ nach Joseph von Eichendorff, der hörbar Schuberts Erlkönig-Komposition nachempfunden ist. Ein im Bass atemlos vorwärtstreibendes Klavier, das Motiv des Unheimlichen und des bedrohten Kindes sind deutlich. Das buchstäbliche Hämmern auf der Basslinie gibt es auch bei Ludwig van Beethoven (Sonate Nr. 1 Opus 2 sowie die „Appassionata“ Opus 57, beide in f-Moll). Dieses Gedicht wurde auch von Erich Wolfgang Korngold vertont. Zu Opus 7,4 („Lockung“, ebenfalls nach Eichendorff) gibt es ebenfalls eine weitere Vertonung, diesmal von Fanny Hensel. Pfitzner lässt vier Takte mit Gesang und fast nur Stützakkorden im Klavier mit zwei Takten Piano solo mit Verzierungen alternieren. Es folgen im Bass des Klaviers Arpeggien und im oberen Register spannende Harmoniewechsel, die den Gesang begleiten. Hier und auch in Opus 7,5 begleitet Klaus Simon am Klavier sehr orchestral, passend zur Stimmung des Liedes fast opernhaft.

Aus den Fünf Liedern für eine Singstimme und Klavier Opus 11 von 1901 ist auf dieser CD nur Eichendorffs recht bekannte „Studentenfahrt“ Opus 11,3 vertreten. Die musikalischen Stimmungen wechseln sehr stark, Pfitzner löst sich hier hörbar von seinen Vorläufern. Das „Herbstbild“ nach Friedrich Hebbel Opus 21,1 von 1907 markiert einen deutlichen Wandel in den kompositorischen Mitteln. Der Beginn („Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah“) ist sehr dissonant, erst gegen Ende beruhigt sich die harmonische Situation. In Opus 21,2 gibt es einen dissonanten und recht hohen Schlusston, der wieder einen sicheren Sänger erfordert. Petrarcas Sonett 92 liefert den Text für Opus 24,3. Die unterschiedlich langen Phrasen und die polyphone Struktur, vor allem das Zwischenspiel weisen auf den 1915 vollendeten Palestrina voraus.

Aus den Fünf Liedern Opus 26 von 1916 findet sich Opus 26,3 („Neue Liebe“ von Joseph von Eichendorff) mit vielen Wechseln in den Klangfarben. In der zweiten und vierten Strophe hämmert das Pedal etwas (ebenfalls im „Kuckuckslied“ WoO 6) – dies ist aber die einzige Kritik, die am sonst prachtvoll ausgeleuchteten Klavierpart zu äußern ist. Im „Mailied“ (nach Goethe) Opus 26,5 klingt Walther von Stolzings Preislied aus den Meistersingern von Nürnberg an.

Heinrich Heine Paris © IOCO

Heinrich Heine Paris © IOCO

Die abschließenden Stücke aus dem Frühwerk zeigen abermals die große Bandbreite der kompositorischen Mittel, über die Pfitzner bereits als junger Mann verfügte. „Naturfreiheit“ WoO 9,3 nach Ludwig Uhland baut sehr langsame, düstere Stützakkorde auf bei zunächst langsamem Gesang, der sich bei der dritten (von sechs) Strophen dann deutlich belebt. Die „Kuriose Geschichte“ von Robert Reinick WoO 9,6 hingegen ist volksliedhaft gehalten. Dreimal zwei kurze Strophen bilden eine Struktur, der leicht zu folgen ist, wobei musikalisch immer wieder variiert wird. Das „Kuckuckslied“ WoO 6 von 1885 wurde erst ein Jahrhundert später erstmalig vollständig herausgegeben und fehlt im 1998 durch Richard Mercier publizierten Katalog der Lieder. Die fallende Kuckucksterz steht für einen fröhlichen Beginn. Als es im Lied um Menschenkinder geht, düstert sich die Stimmung auf einmal drastisch ein. In diesem Lied ist ausnahmsweise ein hoher Ton der Gesangsstimme nicht optimal aufgenommen (er reißt etwas ab). Die CD endet mit „Ein Fichtenbaum steht einsam“ WoO 12 nach Heinrich Heine. Einmal mehr ist das Klavier sehr düster gehalten, die Stimme bewegt sich in einer recht hohen Lage und steuert auf Dissonanzen mit der Begleitung zu – ein Vorgehen, wie es in dieser Zusammenstellung mehrmals zu erleben ist.

Im Jahr 2019 Werke von Hans Pfitzner publizieren – kein ganz einfaches Unterfangen, wie man an der Absage eines Konzertes in diesem doppelten Jubiläumsjahr sehen kann. Seltene, aus politischen Gründen oft umstrittene Aufführungen, aus dem Repertoire inzwischen fast verschwundene Werke – und doch lohnt sich die Auseinandersetzung auf jeden Fall. Pfitzner hat eine ganz eigene Klangsprache, die ihn manchmal moderner sein lässt als sein Zeitgenosse Strauss. Das Unterfangen, das Gesamtcorpus der Lieder in einer aktuellen Aufnahme zu präsentieren, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Bei der vorliegenden CD kommt hinzu, dass Colin Balzer und Klaus Simon der anspruchsvollen Aufgabe voll und ganz gerecht werden und somit Werbung für die (Wieder-)Entdeckung eines bereits zu Lebzeiten oft angegriffenen und manchmal auch diffamierten Komponisten machen. Der ausgesprochen preiswerten Aufnahme ist eine breite Rezeption, dem Gesamtunternehmen weiter gutes Gelingen zu wünschen. Pfitzners Musik ist anspruchsvoll, sie verknüpft viele Fäden der Tradition und spinnt sie auf ganz eigene Art weiter. Möge sie häufiger zu hören sein!

—| IOCO CD-Rezension |—

Brüssel, Theatre Royal de la Monnaie, Macbeth Underworld – Pascal Dusapin, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Theatre Royal de la Monnaie

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel © Pierre Stubbe

Theatre Royal de la Monnaie

Macbeth Underworld  – Uraufführung

„Du lässt die Narren glauben, dass aus der Lüge eine Wahrheit entsteht“

von Ingo Hamacher

Diese ersten Worte der Hecate im Shakespeareschen Macbeth, lässt in diesen turbulenten Brexitzeiten ganz Europa, aber natürlich besonders Brüssel, an Boris Johnson denken, der über dieses Zitat hinaus noch überraschend viele andere Gemeinsamkeiten mit der Person Macbeths und dessen Verhalten aufweise, so Peter de Caluwe, Intendant des Theatre Royal de la Monnaie in Brüssel, in seiner Begrüßungsrede zur Premiere der Uraufführung von MACBETH UNDERWORLD.

Pascal Dusapin, Komponist dieser Auftragsarbeit für die Königliche Muntschauburg, verweist ebenfalls mit Blick auf den europäischen Zusammenhalt darauf, daß sowohl die großen Historiendramen, als auch die shakespearschen Tragödien das Kernmaterial des europäischen Geistesleben und somit unser alle kulturelle Wurzeln darstelle, weswegen er sich auch bewußt für den Stoff des Macbeth entschieden habe, den aufzugreifen, zeitgemäß zu interpretieren und zur Diskussion zu stellen, ihm ein besonderes Anliegen gewesen sei.

Macbeth Underworld – Theatre Royal de la Monnaie
youtube Trailer des Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel
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Knapp vier Jahre nach Penthesilea, seiner letzten Komposition, liefert Pascal Dusapin dem belgischen Opernhaus La Monnaie / de Munt ein neues Werk. Mit seinem Librettisten Frédéric Boyer taucht er in die dunkelsten Regionen der menschlichen Seele ein und dies mit Hilfe zweier der sinnbildlichsten Charaktere des menschlichen Bösen: dem Macbeth-Paar. Pascal Dusapin, 1955 in Nancy geboren, man hat ihn auch schon als den „französischen Wolfgang Rihm“ bezeichnet, schafft Musik, die schillert, fluktuiert, ständig in Bewegung ist, stets im Wandel und dadurch etwas ungreifbares bekommt.

Ein reguläres Kompositionsstudium hat er zwar nie absolviert, aber mit großer Hingabe hat er vier Jahre lang an der Sorbonne die Vorlesungen von Olivier Messiaen und Iannis Xenakis gehört. Letzterer wurde für Dusapin zu einem „musikalischen Vater“, unter dessen Einfluss er sich mit den mathematischen und akustischen Gesetzmäßigkeiten von Musik beschäftigte. Doch während die Musik von Xenakis wie ein Vulkan, wie ein Erdbeben, wie ein Felssturz über die Zuhörer hereinbricht, kann Dusapins Musik so leicht und licht klingen wie der Wind, die Wellen, die Wolken.

Dusapins Kompositionen umfassen neben Orchesterwerken und Kammermusik auch zahlreiche Opern, etwa Medeamaterial (1990/91) nach Heiner Müller, die Kammeroper To Be Sung für Sänger, Sprecher, Ensemble und Tonband (1993) nach Gertrude Stein oder Faustus. The Last Night (2006) nach Christopher Marlowe. Neben literarischen Vorbildern bezieht sich Pascal Dusapin in seinen Werken immer wieder auch auf Theater, Tanz und bildende Kunst.

 Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier : Georg Nigl als Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Georg Nigl als Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Pascal Dusapins Schaffen ist in besonderem Maße angeregt durch außermusikalische Inspirationen aus den Bereichen der Literatur, des Theaters sowie der bildenden Künste. Die starke Betonung des kompositorischen Handwerks schlägt sich nieder in Partituren, in denen sich Polyphonie als Resultat sorgsam gezeichneter Stimmverläufe und ins Einzelne verästelter Kontrapunktik ergibt. Er schafft rhythmisch hochkomplexe, für die Musiker aufwendig zu erlernende Partituren. Seine Musik lässt sich der mathematisch-intellektuellen Strömung zuordnen.

Die Regie lag in den Händen des jungen französische Regisseurs Thomas Jolly, der umfangreich mit Shakespeares Welt vertraut ist. Thomas Jolly, geboren 1982 in Rouen, ist Schauspieler und Regisseur des französischen Theaters und der französischen Oper. Er ist künstlerischer Leiter von La Piccola Familia, einer Theatergruppe mit Sitz in Rouen. Der Dirigent Alain Altinoglu bringt das intensive Drama und den stimmlichen und orchestralen Reichtum der Partitur zum Ausdruck.

Das Ergebnis ist die blutbefleckte düstere Oper Macbeth Underworld, in der das unglückselige Paar dazu verurteilt wird, seine eigene Tragödie zu erleben, und ihre eigenen Erinnerungen zu verfolgen – und unsere!

Macbeth (engl. The Tragedy of Macbeth) ist eine Tragödie von William Shakespeare.   Das Werk handelt vom Aufstieg des königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland, seinen Wandel zum Königsmörder und nach weiteren Mordtaten, die der Erhaltung seiner Macht dienen sollen, zu seinem Fall. Der Autor verknüpfte in seinem Drama geschichtliche Fakten über den historischen Schottenkönig Macbeth und den zeitgenössischen englischen König Jakob I. mit Aberglauben, Mythologie und Fiktion.

Das Schauspiel Macbeth, eines der bekanntesten Dramen Shakespeares, basiert nicht auf den geschichtlichen Tatsachen, sondern auf einer Darstellung durch den Chronisten Raphael Holinshed aus dem 16. Jahrhundert. Sie schildert Macbeths Wandlung vom Getreuen Duncans zum Königsmörder, der zunehmend dem Wahnsinn verfällt.

Shakespeares Geschichte lässt mehrere, voneinander verschiedene Interpretationen zu: Von der Parabel über die Machtgier der Menschen über die Frage nach Vorherbestimmung des Schicksals bis hin zu Sünde und Schuld als ewiges Menschheitsthema. Ein zentrales Thema des Dramas ist das Divine Right, das göttliche Recht. Macbeth verstößt durch seine gewaltsame Machtergreifung gegen diese Ordnung, was nicht nur Chaos und Schreckensherrschaft in Schottland, sondern schließlich auch Macbeths gewaltsamen Tod zur Folge hat.

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier : Georg Nigl als Macbeth, Magdalena Kozena als Lady Macbeth, K Sigmundsson als Ghost © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Georg Nigl als Macbeth, Magdalena Kozena als Lady Macbeth, K Sigmundsson als Ghost © Baus / La Monnaie De Munt

Die Besonderheit von Macbeth ist durch charakteristische Eigenschaften des Werkes bestimmt wie seine besondere Zugänglichkeit und Verständlichkeit. Die einsträngige, klarlinige Handlung ist relativ leicht zu verfolgen; ebenso sind die Hauptcharaktere trotz ihrer Komplexität nicht grundsätzlich rätselhaft oder unbegreifbar. Die Bühnenwelt, in der das Stück spielt, ist zwar mit ihren feudalen Herrschern, Thanen und Hexen von der realen Alltagswelt weit entfernt, zeigt aber Figuren, die nicht fremder sind als die Könige oder Hexengestalten im Märchen.

Und in eine solche Märchenwelt entführt uns Bruno de Lavenère, der für die Bühne verantwortlich ist. „HERE MAY YOU SEE THE TYRANT“ verkündet eine Leuchttafel, die im Bühnenhintergrund steht. Zu Beginn schon ist der Vorhang offen und gibt den Blick frei auf knorrig gewachsene riesige Zauberbäume, bei denen gar nicht vorstellbar ist, dass dort keine Hexen wohnen würden. Die die gesamte Aufführung hindurch nur eine spärlich beleuchtete Bühne, deren wabernde Nebel und stroboskopische Lichteffekte uns in die mittelalterliche Welt Schottlands versetzen. „Die Hölle kann es nicht sein, dafür ist es hier zu kalt“, werden wir im Verlauf der Handlung hören. Ein interessanter Hinweis, denn denkbar wäre auch das gewesen.

Banquo, sein späteres Schicksal schon verkündend, tritt direkt zu Anfang bereits als Geist auf. Blut klebt in seinem Haar; Blut fließt von seiner Schulter; ein Dolch steckt in seinem Rücken. Macbeth und seine Gattin erscheinen in strahlendem Weiß. Sie erscheinen so unendlich rein, in dieser düsteren Welt. Das wird sich jedoch noch ändern…

Macbeth Underworld – mit Magdalena Kozena als Lady Macbeth
youtube Trailer des Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel
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Die gesamte Bühne ist mit verschiedenen Dreh- und Schiebeelementen in ständiger Bewegung. Alles dreht, alles wandelt sich; nichts bleibt, wie es ist. Ebenso unmerklich, wie Bäume verschwinden, tauchen turmhohe Schlosselemente auf der Bühne auf. Auf mehreren Ebenen bespielbar sind die einzelnen Ebenen durch Wendeltreppen mit einander verbunden. Die Handlung nimmt seinen Lauf und die Bühnenelemente wandeln sich in ständigen Fluss, ganz wie es die Musik Dusapins tut. Auf sehr ungewöhnliche Art leicht-zu-hören, aber ganz Emotion und Gefühl, lässt sie uns das Seelenleben der Protagonisten sinnlich erleben.

Magdalena Kožená, (* 1973 in Brünn), in der Rolle der Lady Macbeth ist eine tschechische Mezzosopranistin. Georg Nigl (* 1972), Interpret der Titelfigur des Macbeth, ist österreichischer Opern- und Konzertsänger (Bariton). Beide verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit Pascal Dusapin, der die Beiden bereits zu Beginn des Projektes für die Rollen vorgesehen hatte, und ihnen die Partien auf den Leib geschrieben hat.

Für alle Sänger seien Uraufführungen immer eine große Herausforderung, weil es weder Vorbilder für den Gesang, bzw. in der Produktionsphase über viele Monate keine genauen Vorstellungen über die Strukturen des Werkes gäbe, da diese ja erst noch erarbeitet werden müsste, verraten sie uns. Als um so spannender und herausfordernder hätten sie es jedoch erlebt, Teil dieses Projektes zu sein, und zunehmend in die Bühnenfiguren hinein zu wachsen. Vollumfänglich können sie ihn ihren nicht leicht zu singenden Partien überzeugen. Aber wenn sie zum Schlussapplaus auf der Bühne stehen, sieht man ihnen an, welche Kraft es sie gekostet hat. Auch die anderen Sängerinnen und Sänger, sowie der Frauenchor der La Monnaie lassen stimmlich nichts zu wünschen übrig.

Macbeth Underworld:  Die Handlung folgt der literarischen Vorlage

Die Schlacht ist erfolgreich beendet, Schottland kann einem neuen Frieden entgegensehen. Aber auf dem Weg zu ihrem König Duncan begegnen den Feldherren Macbeth und Banquo  drei Hexen.

Than von Glamis, Than von Cawdor – und schließlich gar König von Schottland soll Macbeth, Banquo der Stammvater von Königen werden, so orakeln die Hexen. Than von Glamis weiß er sich schon, als Than von Cawdor huldigen ihm im nächsten Augenblick die Abgesandten des Königs. Da kann doch die Erfüllung der dritten Verheißung nicht mehr weit sein. Doch diesen Schritt tun, heißt einen Königsmord begehen.

Anders als der wohl begehrlich empfindende, aber zögerlich reflektierende Macbeth, ist seine Frau sogleich klar denkend zur Tat bereit, den Gatten anstachelnd und ermutigend, als das Schicksal auch noch die Gelegenheit schafft: König Duncan verbringt die Nacht in Macbeth‘ Schloß.

Macbeth tötet den wehrlosen Schlafenden; mit Hilfe der Lady wird der Verdacht auf die Wächter gelenkt. Von Grauen gepackt fliehen Duncans Söhne ins Ausland. Macbeth wird König von Schottland. Aber wenig Freude wird ihm an der Frucht der Tat. Keinen Moment sehen wir Macbeth seine Herrscherwürde genießen, seine Macht auskosten.

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld - hier  : Magdalena Kozena als Lady Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Theatre Royal de la Monnaie Brüssel / Macbeth Underworld – hier : Magdalena Kozena als Lady Macbeth © Baus / La Monnaie De Munt

Sorgen und Angst überschatten seine Zeit. Bald dingt er Mörder, um den Mitwisser der Hexenwahrsagungen, Banquo, zu töten, auch dessen Sohn Fleance. Den kinderlosen Macbeth, besonders abscheulich, hatten die Hexen doch darauf hingewiesen, daß aus Banquos Nachkommenschaft ein Geschlecht von Königen erwachsen werde. Banquo freilich fällt unter den Mörderdolchen, sein Sohn Fleance kann entkommen.

Und Banquos ruheloser Geist erscheint mahnend auf dem Gastmahl vor Macbeth‘ Augen. Die Lady Macbeth beschwichtigt die ob des Königs eigentümlichen Verhaltens beunruhigten Thans, aber längst haben sich die Wahrnehmungen von Macbeth und seiner Lady um Welten entfernt.

Von neuem sucht Macbeth die Hexen auf, sie um seine Zukunft zu befragen. Sie versichern ihm, daß er keinen Mann zu fürchten habe, der vom Weibe geboren sei und Macbeth niemals Gefahr drohe, bis der Birnamwald zum Berg von Dunsinane marschiert.

Doch während sich Macbeth sicherer fühlt, zerfällt die seelische Kraft von Lady Macbeht; schlafwandelnd versucht sie sich immerzu das unsichtbare Blut von den Händen zu waschen – das Blut des gemordeten Königs Duncan. Die Lady stirbt an ihrem Schuldgefühl.

Gegen Macbeth haben sich unter der Führung von Duncan Sohn Malcolm und Macduff, des Thans von Fife, Engländer und Schotten verbündet, die Truppen nähern sich getarnt mit den Zweigen des Birnamwaldes an Macbeth‘ Schanze. Im Zweikampf gegen Macduff, der vor der Zeit aus dem Mutterleib geschnitten wurde und so die Prophezeihungen der Hexen erfüllt, fällt Macbeth. Malcolm wird neuer König von Schottland.


Langanhaltender Applaus für eine rundum gelungene Uraufführung. Ovationen für das Produktionsteam und eine besondere Würdigung für Pascal Dusapin. Reichlich Blumen für alle Mitwirkenden

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 Macbeth – von Shakespeare zu Verdi, Strauss, Bloch, Chelard, Schostakowitsch, Pascal Dusapin

Die bekannteste musikalische Bearbeitung der Shakespeareschen Vorlage komponierte Giuseppe Verdi. Uraufführung 1847 in Florenz. Richard Strauss schrieb 1886–1888 seine erste Tondichtung Macbeth. Ernest Bloch schuf 1910 ein gleichnamiges lyrisches Drama, Uraufführung in Paris. Eine in der Handlung sehr frei an Shakespeares Macbeth anknüpfende Oper von Hippolyte Chelard wurde unter gleichem Titel 1927 an der Pariser Oper uraufgeführt. Der russische Komponist Dmitri Schostakowsch gestaltete 1930–32 die Oper Lady Macbeth von Mzensk, Uraufführung 1934, Leningrad.

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Inszenierung: Thomas Jolly, Bühne: Bruno de Lavenère, Kostüme: Sylvette Dequest, Licht: Antoine Travert, Dramaturgie: Katja Krüger, Künstlerische Mitarbeit: Alexandre Dain, Chor: Martino Faggiani, Alberto Moro, Symphonisches Orchester und Frauenchor der Oper La Monnaie / de Munt

Mit:  Lady Macbeth: Magdalena Kozena, Macbeth: Georg Nigl, Drei Hexen: Ekaterina Lekhina, Lilly Jorstad, Christel Loetzsch, Geist: Kristinn Sigmundsson, Hecate/Narr: Graham Clark, Archiluth: Christian Rivet, Kind: Naomi Tapiola, Elyne Maillard

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MACBETH UNDERWORLD

Auftragswerk, komponiert von Pascal Dusapin, Text: Frédéric Boyer, Vorlage: Macbeth von William Shakespeare (um 1608), Uraufführung: 20.09.2019 an der Oper Theatre Royal de la Monnaie, Brüssel, Sprache: Englisch,

Spieldauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten; keine Pause, Ort und Zeit der Handlung: Schottland, 11. Jahrhundert, Koproduktion Opéra Comique und Opéra de Rouen Normandie., Übertitel in Niederländisch und Französisch, Einführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn

Macbeth Underworld im Theatre Royal de la Monnaie / De Mun; die weiteren Vorstellungen: 20.09.; 22.09. (15:00); 24.09.; 26.09.; 29.09. (15:00); 01.10.; 03.10.; 05.10.2019

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