Detmold, Landestheater Detmold, Der Wildschütz – Albert Lortzing, IOCO Kritik, 09.01.2020

Januar 8, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Der Wildschütz – Albert Lortzing

– Die Anti-Oper des Biedermeier –

von Karin Hasenstein

Der Premierenabend im Landestheater Detmold begann mit einer Ansage. Meist verheißt es ja nichts Gutes, wenn vor der Vorstellung ein Mitarbeiter vor den Vorhang tritt. An diesem Abend hatte Eungdae Han sein überraschendes Debüt als Baron Kronthal. Eigentlich war er als Mitglied des Opernstudios als Studienbesetzung vorgesehen und sollte erst eine der späteren Vorstellungen singen. Aufgrund der Erkrankung von Stephen Chambers hatte er seinen großen Auftritt nun schon in der Premiere.

Vor dem geschlossenen Vorhang erblicken wir Geweihe (oder sind es Gehörne? Die Waidmänner unter den Leserinnen mögen mir verzeihen) und englische und deutsche Begriffe in Leuchtschrift: „Lovedom“ und „Aureal“, „Liebe“, „Phantasie“, „real“. György Mészáros nimmt die Ouvertüre unaufgeregt in ruhigem Tempo. Der Charakter der Waldidylle wird unterstrichen von Hörnern und Flöten.

Der Wildschütz – Albert Lortzing
youtube Trailer Landestheater Detmold
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf sechs Figuren, die noch im Dunkeln stehen. Auf eine Gaze wird ein dichter Wald projiziert, durch den ein Jäger mit seiner Flinte streift. Die Melodie von „Auf des Lebens raschen Wogen“ erklingt und der Jäger und die weiteren Figuren bewegen sich. Die Personen tragen „moderne“, also heutige Kostüme mit poppig bunten Elementen und Versatzstücken. Der Jäger erschießt einen Hirsch und wird der Wilderei überführt. Auf der Bühne fällt der Blick auf ein technisches Gerät, das am ehesten an eine große Radio-Antenne oder ein Radar erinnert.

In der nun folgenden Hochzeitsszene tritt der kleine aber feine Chor des Landestheaters auf. In Gelb-, Grün- und Erdtöne gekleidet gibt er „So munter und fröhlich wie heute“ zum Besten. Der Schulmeister Baculus (herrlich bieder und spießig: Seungwoen Lee) begrüßt seine junge Braut Gretchen (niedlich mit Zöpfen und Kleidchen: Annina Olivia Battaglia, quasi eine Vorzeige-Soubrette), die resigniert feststellt „Er könnte etwas jünger sein…!“ Die geheimnisvoll Maschine spuckt eine Rohrpost vom Grafen aus nebst Wein für die Feier. Praktisch, vielleicht gibt das Landestheater die Maschine später ab…

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Im nun folgenden Dialog lernen wir, dass der Baron den Schulmeister wegen Wilderei entlässt. Ein Plan muss her, sonst ist es mit der Hochzeit aus. („Lass er doch hören!“) Gretchen will aufs Schloss, um den Grafen umzustimmen. Annina Olivia Battaglia kann hier ihren leichten klaren Sopran strahlen lassen und brilliert mit perfekter Höhe. Begleitet wird sie von Flöte und den wiederholt äußerst angenehm auffallenden Hörnern. „Wie kannst Du so mein Herz nur schüren“ ist kantabel, gut deklamiert und gestaltet, dramatisch und gleichzeitig komisch, was bekanntlich viel schwerer ist, als ernst oder tragisch. Letztendlich ist alle Mühe jedoch vergeblich, Gretchen darf nicht aufs Schloss.

Die Maschine beginnt sich zu drehen und brummt, nimmt die Funktion eines Flugobjekts oder einer Rakete an. Sie könnte auch das Schiffchen darstellen, das die Baronin im nun folgenden Titel besingt, „Auf des Lebens raschen Wogen“. Dazu ziehen sich die Baronin und ihre Zofe (herrlich im Zusammenspiel: Emily Dorn und Lotte Kortenhaus) Lollis aus der Wundermaschine. Die beiden Frauen legen eine Art Matrosenuniform an (in weiß und fliederfarben), dazu Bänder und Mützen wie Verbindungsstudenten. Derart „getarnt“ treffen sie auf den Schulmeister und Gretchen, die sich heftig streiten. Die Baronin will als „Mädchen“ verkleidet den Baron gewinnen, die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird herausgefordert: eine Frau verkleidet sich als Mann verkleidet sich als Frau.

Der folgende Dialog zwischen Gretchen und Nanette wird von der wunderbaren Horngruppe mit Jagdsignalen beendet. Auf der Bühne liegen nun die Worte „Blut“, „Rausch“ und blutige Handschuhe herum. Die dazu ablaufende recht blutige Choreografie bedient sich toter Hasen und ähnlichem. Die Baronin sing in ihrer „Mädchen-Verkleidung“ „Bin ein schlichtes Kind vom Lande“, der Chor antwortet mit „Auf dem Lande will ich bleiben“. Dadurch entsteht ein Ensemble wie schon bei Mozart, dazu heult der Wind Unheil verkündend.

Der Graf spendiert aus der Maschine Süßigkeiten. Er erkennt den Schulmeister und Wilderer. Die Szene wird noch absurder, als zwei Züge aufgezogen werden und die Gräfin in einem Theater auf dem Theater als Antigone erscheint. Da bleibt kein Auge trocken. Die Zuschauer in ihrem Theater, die das offenbar regelmäßig erdulden müssen, sind bereit alle eingeschlafen. Pankratius hat auch seine liebe Not… Der Chor ist sehr überzeugend, in deutlicher Textverständlichkeit, differenzierter Dynamik erscheint auch diese Chorszene exzellent durchhörbar.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Dem kurzen Dialog zwischen dem Schulmeister und Pankratius folgt eine Arie des Barons, ein schöner und leichter Buffotenor, allenfalls ein wenig eng in der Höhe. Hinter dem Vorhang singt die GräfinAuf dem Lande“ und stellt fest „Ich werde glücklich sein!“ Das ist jedoch ein Irrtum…

Das nächste Unglück ist, dass die Musikanten abgesagt haben, glücklicherweise kann der Schulmeister Klavier spielen. Der Baron ist gar nicht einverstanden „Was hör‘ ich, mir aus den Augen!„, hat er den Wilderer doch verbannt. Unterbrochen wird er jedoch von dem „Kind vom Lande“ mit den Worten „Ach, Sie verzeihen, dass ich hier so trete ein“. Das sich daraus entwickelnde Quintett gelingt den Solisten ausgesprochen gut. Beschwingt werden die Zuschauer in die Pause entlassen.

Nach der Pause steht Antigone immer noch in dramatischer Pose auf dem Podest…Beim anschließenden gesprochenen Text des Barons fällt wiederholt der starke Akzent Eungdae Hans auf, den er beim Singen besser im Griff hat.In der darauffolgenden Arie ist das Orchester ein stets wacher zuverlässiger Begleiter. Es folgen weitere Dialoge, Arien und Ensembles, allesamt in gleichmäßiger guter Qualität.

Langsam gleitet das Ganze ein bisschen ins Slapstick ab, als der Graf und der Stallmeister in Strapsen und rosa Mieder um das Mädchen spielen. Der Graf fesselt sie mit ihrer roten Wolle, mit der sie kurz zuvor noch gestrickt hat, das Ganze erinnert fast ein bisschen an eine Bondage-Szene. Zu amourösen Verwicklungen entspinnt sich wieder ein Mozartesques Quintett, als die Gräfin dazukommt. Der Stallmeister will die Braut des Schulmeisters und bietet ihm für sie 5.000 Taler. „5.000 Taler! Träum‘ oder wach‘ ich?“ fragt sich da nicht nur der Schulmeister. Immer wieder erklingt im Orchester leicht und spielerisch das Jagdmotiv. Bei der Instrumentierung dominieren klar die Hörner.

Bei diesem verlockenden Angebot kann der Schulmeister nicht widerstehen und er verschachert seine junge Braut. Die Gräfin / Antigone und andere Personen lösen sich mit Chipkarten verschiedene Dinge aus der Wundermaschine, die inzwischen in einem Winterwonderland steht. Die Arie des Grafen „Wie strahlt die Morgensonne!“/ „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ gerät ausgesprochen brillant und überzeugend.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

In der nun folgenden Dialogszene zwischen dem Grafen und dem Stallmeister herrscht Irritation darüber, wer nun Gretchen ist, von der es plötzlich zwei identische Ausgaben gibt! Es stellt sich schnell heraus, es ist des Grafen Schwester! Ein Bürgerlicher und eine Gräfin? Ja, geht das denn? Die Maschine im Winterwald beginnt zu brummen und färbt sich rot. An drei roten Bändern sind die Personen angebunden und in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt. Die Aufklärung lässt nicht lange auf sich warten, es ist die Schwester, also „die Stimme der Natur“. „So hat mich nicht getäuscht die Stimme der Natur!“ Nun ziehen alle vier an den roten Bändern, zwei Geschwisterpaare, und das Fazit ist: „Unschuldig sind wir alle!“ Konfettikanonen versprühen Partylaune und Blumengirlanden schmücken die glücklichen Geschwister.

Wie sich das für eine gute Komische Oper gehört, wird zum Schluss die Auflösung präsentiert. „Der Unschuld Augen rühren mich“ und der Graf klärt auf: der Schulmeister hat gar keinen Hirschen gewildert, sondern nur den eigenen Esel erschossen. Damit entfällt auch der Grund für die Verbannung. Der Schulmeister muss erkennen „So hat mich denn getäuscht die Stimme der Natur!“ Er darf im Amt bleiben und behält obendrein auch noch sein Gretchen, denkt er. Die Zofe jedoch schneidet Gretchen von ihrem Band los und nimmt sie mit sich fort. Als die Schere das Band zerschneidet, fallen alle anderen um. Das Licht erlischt, der Vorhang fällt. Ende.

Was an diesem Premiereabend im Landestheater Detmold auffällt, ist wieder die homogene Ensembleleistung. Solisten, Chor und Orchester agieren über zweieinhalb Stunden auf gleichbleibend hohem Niveau. Das ist viel für eine Komische Oper, denn irgendwie muss man ja bei relativ dürftiger Handlung die Zuschauer „mitnehmen“, wenn es schon keine große intellektuelle Herausforderung ist. Dann doch bitte wenigstens gute und kurzweilige Unterhaltung. Die wird in Detmold konsequent geboten, eine eindeutige Stärke des kleinen Hauses in der Residenzstadt. Einzelne Solisten herausheben hieße andere herabsetzen, was hier ausdrücklich nicht geschehen soll. Daher sei stellvertretend Anna Olivia Battaglia genannt, die ein wirklich zauberhaftes Gretchen gibt. Sängerisch wie darstellerisch bleiben hier keine Wünsche offen. Bei den Herren sei der Retter der Premiere, Einspringer Eungdae Han genannt. Er lieferte an diesem Abend sein bravouröses Debüt. Der spielfreudige Opern- und Extrachor (Einstudierung Francesco Damiani) trug ganz wesentlich zum guten Gelingen des Abends bei und ist immer eine sichere Bank. Das Orchester des Landestheater Detmold unter György Mészáros ist Solisten und Chor durchweg ein sicherer und sensibler Begleiter. Solisten werden nicht zugedeckt, der Gesamtklang in dem kleinen Haus bleibt stets ausgewogen. Mészáros kennt sein Haus und seine Akustik und geht sensibel und gekonnt damit um.

Alles in allem ein rundum erfreulicher Premierenabend, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Applaus und standing ovations bedankte.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Detmold, Landestheater Detmold, My fair Lady – Frederick Loewe, 02.11.2019

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

My fair Lady – Frederick Loewe

– Es grünt so grün, doch nur !!  wenn Detmolds Blüten blühen

von Karin Hasenstein

Man nehme eine anrührende Geschichte, würze sie mit ein paar unverwüstlichen Melodien, sorge für ein Happy-End – und schon hat man das erfolgreichste Musical aller Zeiten. My Fair Lady wurde allein am New Yorker Broadway über 2.700 mal gespielt. Wo dieses Musical von Frederick Loewe auf dem Spielplan steht, darf man mit ausverkauften Häusern rechen, so war es auch nahezu am Premierenabend im Landestheater Detmold.

My fair Lady Frederick Loewe
youtube Trailer Landestheater Detmold
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Regisseur Christian Poewe erzählt die Geschichte vom einfachen Blumenmädchen Eliza Doolittle schwungvoll und ganz klassisch, wie man sich eine My Fair Lady vorstellt.
Dankenswerterweise übersetzt er die Geschichte nicht in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort, sondern belässt sie da, wo Alan Jay Learner sie angesiedelt hat. So öffnet sich der Vorhang nach der kurzen beschwingten Ouvertüre und gibt den Blick frei auf eine aufwändig und detailliert bebilderte Straßenszene. Dass Eliza ihre Veilchen vor der Londoner Oper Covent Garden verkauft, wird durch einen geschlossenen dunkelblauen Vorhang angedeutet, eine Bühne auf der Bühne. (Bühne: Markus Meyer)

Als die Besucher aus der Oper kommen und ein junger Mann, wir lernen ihn als Freddy Eynsford-Hill kennen, (Nando Zickgraf) Eliza im Gedränge anrempelt, ergießt sich eine Schimpftirade in übelstem Straßenjargon auf den armen Freddy. Das erregt die Aufmerksamkeit von Sprachforscher Henry Higgins (wunderbar steif: Andreas Jören), edlem Verfechter einer ehrlichen und reinen englischen Muttersprache. Eine derartige Beleidigung der Sprache ist ihm ein Gräuel und großspurig verkündet der Professor, dass er binnen sechs Monaten allein durch seinen Sprachunterricht aus dem einfachen Blumenmädchen eine feine Lady machen kann und damit sind wir auch schon beim ersten „Hit“ des Abends „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?“

Offenbar kann es keiner, denn kurz darauf schon erfahren wir, was Elizas sehnlichster Wunsch ist: „Nur ein Zimmerchen irjendwo, mit ’nem Sofa drin, sowieso, und Gasbeleuchtung, oh, oh wäre det nich‘ wundascheen?“ „Wundascheen“ ist vor allem der Background-Chor aus Obdachlosen, (Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer, Ognjen Milivosja), die ungemein pittoresk und mit netter Choreografie Eliza auf einer riesigen Ratte reiten lassen. Alle sehen bereits ausgesprochen abgerissen aus, doch ein Schild, das einer von ihnen um den Hals trägt, verkündet „It’s going to get worse“.

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

In der drehbaren Wand öffnet sich die Kneipentür und Elizas Vater, der Müllkutscher Alfred P. Doolittle (herrlich rustikal: Rudi Reschke) stolpert heraus. Es folgt der Song „Der Herrgott schuf den Männerarm wie Eisen“ (Mit ’nem kleenen Stückchen Glück) und die hierzu getanzte Müllsack-Choreografie ist einfach großartig. Überhaupt ist dieses ganze „Arme-Leute-Viertel-Ambiente“ ganz entzückend mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt (Kostüme: Maren Steinebel, Choreografie: Kirsteen Mair).

In der nun folgenden Szene befinden wir uns im Haus von Professor Higgins. Hierfür wird geschwind die Wand erneut gedreht und „frisch tapeziert“ fügt sich diese in die Kulisse ein. Aus zwei Teilen wird ein riesiges Sofa, ein komfortabler Sechs-Sitzer, zusammengebaut, zwei große Grammophone runden das Bild ab. Begeistert lauscht Higgins seinen Aufnahmen von verschiedenen Dialekten, während sein Gast, der arme Oberst Pickering „Zuflucht“ unter einer Zeitung sucht. Bereits beim Song „Doch lass‘ ein Weib an dich heran – kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ begeistern Andreas Jören und Hannes Fischer mit wunderbarer Bühnenpräsenz und hinreißender Mimik in dieser Hymne auf das Junggesellendasein.

Die Haushälterin Mrs. Pearce (herrlich trocken: Brigitte Bauma) kündigt Besuch an. Eliza hat ihr Erspartes genommen, um bei Professor Higgins Sprachunterricht zu nehmen. Schließlich habe er gesagt, er könne eine Lady aus ihr machen und das will sie sein, eine Lady in einem Blumenladen. Higgins‘ Empfindung für den Eindringling ist irgendwo zwischen Abgestoßensein und Faszination über die Dreistigkeit und den Mut von Eliza. Diese hat es schließlich Pickering zu verdanken, dass Higgins einwilligt, ihr Sprech- und Benimmunterricht zu erteilen. So wird Eliza Gegenstand einer Wette zwischen den beiden Männern.

Während Eliza nun mit endlosen Übungen „gequält“ wird, hat es sich auch zu ihrem Vater herumgesprochen, dass seine Tochter bei einem piekfeinen Herrn wohnt. Es gibt eine Liste mit Dingen, die man ihr nachschicken soll, ihre Kleider brauche sie jedoch nicht. Was soll Alfred P. Doolittle davon halten?! Er sucht den Professor auf und versucht noch etwas Kapital aus der Sache zu schlagen.

Aus der wunderbar wandelbaren Wand wird das Wohnzimmer, wird die Straße, wird das Wohnzimmer…  Zu Elizas Song „Wart’s nur ab, Henry Higgins!“ tanzt die Queen mit drei Soldaten und schon geht der Sprechunterricht weiter. Als schließlich beim gefühlt 100. Mal „es grient so grien“ endlich der Knoten platzt, hängt das Publikum vor Lachen auf der Sesselkante und Hannes Fischer alias Oberst Pickering hat endgültig sämtliche Sympathien auf seiner Seite.  Aber auch der Chor, (Foto unen), der hinter den sich öffnenden und schließenden Fenstern in gelben Kostümen und schwarzen Pottschnitt-Perücken ein graßartig absurdes Bild abgibt, treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen.

Elizas Begeisterung über ihre Fortschritte drückt sich in den Songs „Es grünt so grün“ und „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ aus. Die Herren sind sich einig: Eliza ist bald so weit, dass sie sich in der feinen Gesellschaft bewegen kann, doch vorher soll es sozusagen eine Generalprobe geben. Und was würde sich da besser anbieten als das Pferderennen in Ascot?

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Für den nun folgenden Chorauftritt („Jeder Duke und Earl und Peer ist hier“) hat die Kostümabteilung des Landestheaters alles gegeben. Die Herren erscheinen in Frack und Zylinder, die Damen in wunderschönen farbenfrohen Kleidern mit großen Schleifen und riesigen phantasievollen Hüten, Handschuhen und Handtaschen, eine wahre Kostümschlacht und Augenweide.

Auch hier wieder ein liebevolles Detail: eine Krankenschwester schnappt sich einen Besucher, der ohnmächtig geworden ist. Ob die Ursache das aufregende Pferderennen war oder Elizas verbaler Rückfall in ihre alten sprachlichen Gewohnheiten: “Lauf, Dover, lauf! Sonst streu ick dir Pfeffer in den Arsch!” sei hier dahingestellt. Der etwas tollpatschige Freddy Eynsford-Hill jedenfalls ist spätestens jetzt hoffnungslos verliebt in die schöne Fremde.

Die nächste Szene spielt vor dem Haus von Professor Higgins, und während eine Straßenlaterne kopfüber aus dem Schnürboden baumelt, tanzt Freddy vor der Tür auf und ab und singt sein berühmtes „Ging die Straße schon oft hinunter hier und das Pflaster lag gewöhnlich ruhig unter mir“. Der Position der Laterne nach zu urteilen, liegt es jetzt wohl über ihm.

Schließlich ist der Tag des Balls gekommen. Mittels eines Prospekts mit wunderbarer Tiefenwirkung verwandelt sich die Bühne in einen Ballsaal.  Higgins und Pickering sind bereits im Smoking und warten auf Eliza. Als diese schließlich erscheint, sind die beiden Herren überwältigt von ihrer Anmut. In ihrem langen weißen Kleid mit Schleppe wirkt Eliza wie ein Braut. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Pickering ihr die Schleppe richtet und sie am Arm der beiden Herren zum Ball geführt wird. Auch hier ist wieder eine relativ kurze Szene wunderschön und aufwändig ausgestattet. Drei Paare tanzen, doch als Eliza auftaucht, haben alle Herren nur noch Augen für sie.

Wieder zurück im heimischen Wohnzimmer feiern Higgins und Pickering ausgelassen ihren Erfolg: „Sie sind’s, der es geschafft hat!“ Der Chor tanzt – nun wieder in gelben Dienstboten-Uniformen – und stimmt an „Wir gratulieren, Professor Higgins! und sorgt somit wieder für Lachtränen beim Zuschauer.  Eliza ist bei all dem nur enttäuscht, da von ihr niemand Notiz zu nehmen scheint und die Herren nur sich selber feiern. Wütend stimmt sie ihr „Wart’s nur ab, Henry Higgins, wart’s nur ab“ an.

Eliza kehrt nach Hause zurück. Auf der Straße sehen wir wieder die großartige Ratte und den Trupp der Verlierer, diesmal verkündet das Schild „Let’s join EU!“ was wieder für allgemeine Erheiterung im Publikum sorgt. Ähnlichkeiten mit aktuellen politischen Ereignissen wären rein zufällig! Die Gang der Obdachlosen stimmt am Ende übrigens für “Remain”.  Elizas Vater hat es offenbar durch Reden bei der Gesellschaft für moralische Erneuerung zu einem bescheiden Vermögen gebracht und schmiedet Hochzeitspläne. Statt des blauen Opern-Vorhangs dominiert nun ein Glitzer-Vorhang die Szene und zum Song „Hei, heute Morgen mach‘ ich Hochzeit!“ gibt es wieder eine rauschende Chorszene mit Tanzeinlage.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Mittlerweile hat man auch im Hause Higgins entdeckt, dass Eliza ausgerückt ist. Ein schauspielerisches Highlight des Abends ist die wiederholte Feststellung Pickerings „Ich bin platt!“ Niemand sagt das so schön fassungslos erstaunt wie Hannes Fischer ! In der Reprise von „Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ gelangt Higgins zu der Frage „Kann eine Frau nicht sein wie… Sie?!“ Die Szene zwischen Andreas Jören und Hannes Fischer ist einfach wunderbar mit großer Spielfreude, Schwung und Witz dargeboten und die beiden ernten zu Recht Szenenapplaus.

Eliza sucht Trost und Rat bei Higgins‘ Mutter. Ein Prospekt versetzt uns in eine üppige Orangerie. Eine „lebende Pflanze“ verhindert, dass diese Szene allzu ernst werden kann.
Higgins stürmt herein und will sich bei seiner Mutter darüber beklagen, dass Eliza verschwunden ist und gerät im Verlauf der Szene immer wieder in die „Reichweite“ der Grünpflanze. Eliza macht ihm deutlich, es geht auch „Ohne dich!“, während Higgins immer noch darauf beharrt „Ich bin’s, der das geschafft hat!“ Als Eliza nun endgültig gehen will, erkennt der Professor „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“. Jören singt diesen Song alleine vor dem geschlossenen Vorhang, nachdenklich und mit dem Ausdruck von aufrichtigem Bedauern und Verlust.

Mit Elizas Ruf „Henry, wo zum Teufel sind meine Pantoffeln?“ fällt der Vorhang. Und so findet zu guter Letzt doch noch zusammen, was zusammengehört.

Das Landestheater Detmold bringt mit dieser Produktion eine My Fair Lady heraus, wie man sie sich vorstellt. Mathias Mönius leitet das Symphonische Orchester und den Chor des Landestheater Detmold sowie die Solisten mit sicherer Hand und gutem Gespür für Atmosphäre und Stimmungen durch den Abend. Das Tempo ist schwungvoll und lebendig. Obwohl die Dynamik der Größe des Hauses angemessen ist, hat die Sängerin der Eliza, Caterina Maier (seit 2015/16 Ensemblemitglied des Nationaltheater Weimar) hin und wieder Schwierigkeiten, mit ihrem leichten Sopran über das Orchester zu kommen. Schauspielerisch vollzieht sie die Wandlung vom Blumenmädchen zur feinen Lady überzeugend. Allerdings hätte man sich anfangs noch etwas mehr „Gosse“ gewünscht, denn so „entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig“ wie Higgins sie beschreibt, zeichnet sie die Eliza gar nicht. Dafür gerät die zarte zerbrechliche junge Frau, die auf dem Ball alle Blicke auf sich zieht, sehr authentisch.

Freddy, der so für Eliza schwärmt und doch nie eine Chance bei ihr hat, wird von Nando Zickgraf liebenswert und charmant porträtiert. Der Tenor gestaltet seine Songs mit sicherem Gespür für die Rolle und viel Leichtigkeit. Andreas Jören (seit 2005 Ensemblemitglied des Landestheater Detmold) gibt den steifen Professor und eingefleischten Junggesellen sehr routiniert. Seine wandlungsfähige Stimme ermöglicht ihm den raschen Wechsel zwischen gesprochenem Text und Gesangspassagen, was für Opernsänger eher ungewohnt ist und deshalb das Singen von Operetten und Musicals so anspruchsvoll macht.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Rolle des Oberst Pickering ist bei Hannes Fischer in den besten Händen. Der Schauspieler war an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zuhause und ist auch als Fernsehschauspieler einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Seit seinem 65. Lebensjahr gastiert er freischaffend und es ist ein großer Glücksfall, dass das Landestheater Detmold Hannes Fischer für die Rolle des Pickering gewinnen konnte. Er gibt den Freund und Partner Higgins‘ in der Wette um Eliza so liebenswürdig-kauzig und überzeugt auch in den kleinen Choreografien und Gesangseinlagen mit seiner einzigartigen Bühnenpräsenz, dass ihm an diesem Premierenabend dafür verdient üppiger Applaus gespendet wird. Eine Traumbesetzung!

Sehr gut besetzt waren auch die Rollen der Mrs. Pearce mit Brigitte Bauma, die eine in jeder Situation souveräne Hausdame gab, die den Junggesellen-Haushalt inklusive der weiteren dienstbaren Geister (Chor und Tänzerinnen) bestens im Griff hatte sowie der Mrs. Higgins mit Kerstin Klinder. Elizas Vater Alfred P. Doolittle wurde von Rudi Reschke mit rustikal-derbem Müllkutscher-Charme passgenau verkörpert. Der Sänger, Tänzer und Schauspieler ist in zahlreichen Musicalproduktionen und verschiedenen Fernsehrollen aufgetreten.

Auch Jürgen Strohschein und Steven Armin Novak als Harry und Jamie konnten in den Ensemblestellen positiv zum Gesamteindruck der Produktion beitragen. Die beiden Musical-Darsteller sorgten für viel Schwung mit rasanten, bisweilen akrobatischen Tanzszenen. Davon hätte man gerne noch mehr gesehen! Ebenso der Background-Chor der Obdachlosen! Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer und Ognjen Milivosja sangen und spielten sich mit Charme und Mut zur Hässlichkeit gepaart mit sehr viel Spielfreude in die Herzen des Publikums.

Abgerundet wird das positive Bild durch den wunderbar beweglich singenden und agierenden Chor und die Statisterie des Landestheaters Detmold. Diese Ensembleleistung aller Beteiligten auf, neben und hinter der Bühne belohnte das begeisterte Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall, zahlreichen Bravi und standing ovations.

Wer also Lust hat, sich in bester Musical-Manier einen Abend lang mit den nicht totzukriegenden Evergreens, die man am liebsten alle mitsingen würde, unterhalten zu lassen, dem sei der Weg ins Landestheater Detmold wärmstens empfohlen.

My fair Lady am Landestheater Detmold; die weiteren Termine 10.11.; 13.11.; 15.11.; 17.11.; 20.11.; 22.11.; 23.11.; 8.12.; 14.12.; 19.12.2019 und mehr..

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2019

Oktober 30, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

Staastoper Hannover.jpg

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

TOSCA –  Giacomo Puccini
…   zwischen Glocken, Missbrauch und Kanonen …

von Karin Hasenstein

„Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Mit diesen Worten kündigt der Komponist Giacomo Puccini an, worum es in Tosca geht. Es ist nicht mehr die lyrisch-romantische Stimmung einer La Bohème, nicht die liebenswürdigen weichherzigen Helden wie Mimí und Rodolfo, es wird leidenschaftlich, düster und qualvoll. Brutale, grausame Charaktere, Scarpia und Spoletta, tauchen auf und verlangen von Cavaradossi und Tosca Mut und Entschlossenheit.

Tosca – Giacomo Puccini
youtube Trailer Staatsoper Hannover
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wieder. Bei Tosca sind es nicht so sehr die lyrischen Phrasen und anrührenden Melodien, mit denen Puccini in La Bohème oder Madama Butterfly den Zuhörer begeistert. In Tosca sind es vor allem dramatische, beinahe brutalen Orchesterklänge, mit welchen der Komponist die dramatischen Vorgänge der zugrundeliegenden Geschichte in musikalische Effekte umsetzt.

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov (geb. 1983 in Moskau) scheint sich Puccinis Satz „Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“ als Motto genommen zu haben. Er verändert einige grundlegende Elemente der Handlung und macht aus einem Klassiker der Opernliteratur einen Thriller für die Opernbühne, gespickt mit einer Portion Gegenwartsbezug. Leider bleiben dabei einige Ansätze dem Zuschauer unverständlich.

Schon bevor in der Staatsoper Hannover die Musik erklingt, wird der Zuschauer in eine Art Rahmenhandlung eingeführt. Mittels eingeblendetem Text erfahren wir, dass wir uns in einem System befinden, in dem sowohl der Staat als auch die Kirche totalitäre Macht haben. Macht und Missbrauch verschiedener Art sind an der Tagesordnung.

Wir blicken zunächst in zwei Räume, deren Fenster allesamt mit Jalousien verdunkelt sind. Im größeren der beiden Räume beobachtet Scarpia die Hochrechnungen politischer Wahlen auf dem Fernseh-Monitor, führt am Schreibtisch Verhöre durch. Im kleineren Raum, einer Art Hinterzimmer, befindet sich eine große Truhe mit Kleidern und Bildern der Sängerin Floria Tosca, die Scarpia obsessiv verehrt, seine Fetisch-Sammlung.

Den stärksten Eingriff in das Grundgerüst der Oper nimmt Barkhatov vor, indem er die Person des Scarpia umdeutet. Er ist hier nicht mehr der Polizeichef, sondern ein hoher katholischer Würdenträger, ein Kardinal, was an der schwarzen Soutane und der roten Schärpe erkennbar ist. Die Zeit der Handlung, von Puccini konkret mit „Mittwoch, 17. Juni 1800, und im Morgengrauen des folgenden Tages“ angegeben, verlegt Barkhatov in eine nicht näher bestimmte Gegenwart, jedenfalls legt das die moderne „heutige“ Kleidung der Personen nahe. (Kostüme: Olga Shaishmelashvili)

Staatsoper Hannover / Tosca, -  hier :  Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Die Ebene der Rahmenhandlung um Scarpia wird hochgefahren und gibt den Blick frei auf eine kalten grauen Innenraum, der als Gefängnis oder Kloster durchgehen könnte. An eine Kirche erinnert hier erstmal nichts. (Bühne: Zinovy Margolin) Auf zwei Etagen befinden sich zahlreiche Türen, im Innenhof ist eine Tribüne aufgebaut, den Vordergrund dominiert eine übergroße Krippenszene in einem braun furnierten Holzkasten mit dunkelblauem Sternenhimmel und über der Tribüne verkündet ein Leuchtschriftzug „Merry Christmas“.

Der junge Maler Mario Cavaradossi (hier vielleicht eher ein Bildhauer) verziert eine Madonnenfigur, als sein Freund, der flüchtige Gefangene Angelotti, bei ihm in der Kirche Schutz und Hilfe vor den Häschern Scarpias sucht.

Die Auftrittsarie des Cavaradossi,Recondita armonia“ („Sie gleichen sich an Schönheit“), gestaltet der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo überzeugend leidenschaftlich mit guten fließenden Tempi und angenehm warmem Timbre. Das anschließende Liebesduett mit der eifersüchtigen Tosca, die zunächst glaubt, ihr Geliebter verstecke eine Frau in der Kapelle, gerät musikalisch sehr überzeugend, Garulo und die lettische Sopranistin Liene Kinca als Tosca harmonieren sehr gut und gestalten hier einen der musikalischen Höhepunkte des Abends. Dass die Regie das Liebespaar dazu jedoch in der Krippenszene platziert und der arme Tenor nicht nur singen und die Partnerin im Arm halten sondern auch noch möglichst unauffällig das (Sternen-) Licht anknipsen muss, verursachte der Rezensentin ein wenig Stirnrunzeln und Rätseln nach dem Warum. Cavaradossi und Tosca als Maria und Josef? Hier eine Analogie herstellen zu wollen wäre doch arg konstruiert. Das Krippenmotiv wird zum Ende der Oper noch einmal aufgenommen, jedoch ohne dass die Motivation dahinter deutlich wird.

Ohnehin liegt der Schwerpunkt der Inszenierung auf der Figur des Scarpia. Die zweite Handlungsebene wird hier buchstäblich übersetzt, indem die Diensträume Scarpias je nach Bedarf herabgesenkt oder hochgezogen werden und so die Kapelle oder den Palast Farnese ganz oder teilweise freigeben oder verdecken. So kann der Zuschauer gleichzeitig und quasi aus Scarpias Perspektive beobachten, wie Toscas Auftritt auf Scarpias Fernsehbildschirm übertragen wird, während unten auf der Tribüne der Chor Aufstellung zum Te Deum nimmt.

Sein „Va, Tosca“ gerät beeindruckend düster und bedrohlich. Der amerikanische Bariton Seth Carico (seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) verfügt als Scarpia über die nötige Schwärze in der Stimme. Dass in Barkhatovs Inszenierung Scarpia nicht Polizeichef ist, sondern ein hoher Würdenträger der Kirche, gibt dem Satz „Tosca, Du machst, dass ich Gott vergesse!“ eine besondere Brisanz. Carico kann in dieser Szene nicht nur seinen dunkel timbrierten Bariton optimal zur Geltung bringen, sondern auch seine starke schauspielerische Leistung. Vor diesem Scarpia zittert buchstäblich ganz Rom.

Staatsoper Hannover / Tosca, - hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Dieser Eindruck vermittelt sich auch im weiteren Verlauf der Oper. Die zweite räumliche Ebene wird wieder herabgesenkt und während auf der rechten Seite Cavaradossi in Scarpias Diensträumen gefoltert wird und dieser seinen Gästen verkündet „Was ich begehre, nehme ich mir“, sehen wir kurz darauf Tosca in Scarpias „Hinterzimmer“, wo er sie quält und bedrängt, ihm zu verraten, wo sich der geflohene Angelotti aufhält. Schließlich kann Tosca ihrem Peiniger nicht länger standhalten und verrät das Versteck.
Scarpia bekennt „Schon lange glühe ich für die Diva Tosca, ich will dich besitzen!“, worauf Tosca erwidert „Lieber stürze ich mich aus dem Fenster!“. Scarpia entgegnet, dass er sie nicht mit Gewalt nehmen wird, aber dann… die Schläge der Trommel verdeutlichen, dass die Zeit verrinnt.

Im nun folgenden Bekenntnis Toscas, „Vissi d’arte, vissi d’amore…“ zeichnet Liene Kinca mit großer Ausdruckskraft die Verzweiflung dieser Figur, einer Künstlerin, die nur für ihre Kunst und die Liebe gelebt hat und nun in die Fänge des Machmenschen geraten ist und gezwungen ist, ihren Geliebten zu verraten. Ihr leicht metallischer Sopran klingt strahlend und leicht in der Höhe und warm in der Tiefe und sie berührt auch mit ihrer Bühnenpräsenz die Zuschauer, die spontan Szenenapplaus spenden.

Nach einem Kuss verkündet Scarpia, er werde seine Anweisungen ändern. Beide beginnen sich zu entkleiden, Scarpia legt Tosca seine Soutane um; bevor er sie jedoch zum Liebesakt zwingen kann, ergreift sie ein Messer vom Tisch und ersticht ihn. Mit den Worten „Er ist tot, nun vergebe ich ihm.“ lässt sie Scarpia zu Boden sinken. Zwischen den Pässen und dem Passierschein, der ihr und Cavaradossi freies Geleit sichern soll, findet sie einen Umschlag mit der Aufschrift „Für Tosca. Er enthält eine DVD. Sie schaltet den Player ein und auf dem Bildschirm erscheint Scarpia. Was nun folgt, ist eine Videobotschaft, die Lebensbeichte Scarpias. Jetzt endlich erfährt Tosca – und mit ihr der Zuschauer-, dass Scarpia als Kind von einem Priester missbraucht wurde. Dieser Film läuft wieder auf der oberen Ebene ab, während unten im Kircheninnenraum ein Chorknabe (Ben Waltz, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) glockenhell sein „Io de‘ sospiri“ („Ach, ihr meine Seufzer„) anstimmt. Die von Puccini vorgesehene Glocke wird auf der Bühne vom jungen Scarpia angeschlagen, ein weiterer Missbrauch vollzieht sich in den Nebenräumen.

Das also ist Scarpias Motivation? Das Opfer wird zum Täter? Wir erinnern uns wieder daran, dass Scarpia hier nicht Polizeichef sondern ein Mann der Kirche ist. Alle ihn begleitenden Personen wie Spoletta und Sciarrone werden jedoch als polizeizugehörig belassen und nicht in das Kirchenmilieu „übersetzt“. Auch das gehört zu den ungelösten Rästeln dieser Inszenierung. Tosca findet in dem Hinterzimmer die Truhe mit Scarpias Andenken, seine Fetischsammlung, und beginnt zu begreifen, was sie für ihn war.

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Im anderen Raum sehen wir in einer Art Rückblende Scarpia mit Angelotti, dessen Schwester und Cavaradossi und Scarpia macht ihnen deutlich Toscas Ehre gegen eure drei Leben!“ Resigniert bittet Cavaradossi um Papier und Tinte, um seiner geliebten Tosca einen Abschiedsbrief zu schreiben. Das nun folgende berühmte „E lucevan le stelle“ wird zu einem der Höhepunkte des Abends. Rodrigo Porras Garulo gibt den gebrochenen Mann so authentisch, gestaltet die gut drei Minuten lange Arie so intensiv, mit warmem lyrischen Tenor und sehr differenziert in der Dynamik, schreit seine Verzweiflung so leidenschaftlich heraus, dass er dafür Szenenapplaus und Bravi erntet.

Tosca weiht ihren Geliebten in den Plan ein, erzählt ihm von der Scheinhinrichtung. Hier tauchen nun wieder die Krippenfiguren aus dem ersten Akt auf, jetzt allerdings auf Lebensgröße angewachsen. Während die beiden von einem gemeinsamen Leben träumen („Wir entschweben in den Himmel“), holt Cavaradossi immer mehr der Krippenfiguren nach vorne.

Die Erschießung des Cavaradossi findet schließlich statt, akustisch glasklar und eindruckvoll von den Posaunen untermalt. Irritiert sehen wir, wie Tosca den toten Scarpia im Arm hält, immer noch in seine Soutane gehüllt, ein Bild gleich einer Pietà. Ihre letzten Worte „O Scarpia, avanti a Dio!“ („Oh Scarpia, gehen wir zu Gott!“) erhalten so eine ganz andere Bedeutung. Die Bühne fährt hoch, im unteren Teil sitzt Cavaradossi einsam in der Krippe. Der Vorhang fällt.

Tosca wird zu den Verismo-Opern gezählt, also zu jenen Opern, deren Handlung realistisch sein soll, sich tatsächlich so abspielen könnte im Gegensatz zur Opera seria.
Vasily Barkhatov versucht hier einen aktuellen Bezug herzustellen zu den Missbrauchsfällen in der Kirche. Es erscheint aber nicht logisch, dass ein Opfer in die Institution zurückkehrt, in der es selbst so viel Leid erfahren hat. Nicht alle Opfer werden zu Tätern! Aber es ist nicht Rache, die Scarpia antreibt und ihn selbst zum Täter werden lässt: es ist Machtgier. Letztendlich benutzt er Tosca als Werkzeug, als Mittel in seinem Spiel, um sein Leben nicht mit eigener Hand zu beenden und dadurch, als Priester, eine große Sünde zu begehen. Das Perfide an Scarpias Spiel ist, dass er Tosca über seinen eigenen Tod hinaus bestraft, indem er sie zu seiner Mörderin macht.

Musikalisch ließ dieser Premierenabend kaum Wünsche offen. Die drei Hauptdarsteller beeindruckten durch sehr gute sängerische und darstellerische Leistung. Mit dem Te Deum im ersten Akt hat Puccini eine der monumentalen Nummern für Chor geschrieben. Chor, Extrachor und ein stimmlich bestens aufgestellter Kinderchor mit 30 Kindern haben diese große Chorszene eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Besonders herzlichen Applaus erhielt der Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund (Ben Walz). Aber auch alle Nebenrollen waren durchweg gut besetzt und vermochten stimmlich wie darstellerisch zu überzeugen.

Da die Stelle des GMD an der Staatsoper Hannover neu zu besetzen ist, sind aktuell verschiedene Dirigenten an der Staatsoper zu Gast. An diesem Abend leitete Kevin John Edusei das Niedersächsische Staatsorchester Hannover. Edusei, der Rezensentin aus seiner Bielefelder Zeit gut bekannt, führte die Musiker sicher durch den Abend und war dabei sensibler Begleiter für die Solisten. Die „Hits“ der Oper, wie Vissi d’arte, Va, Tosca, aber auch die erwähnte Chorszene mit dem großen Te Deum gestaltete er mit sicherem Gefühl für die Tempi und akzentuierter Dynamik. Große Freude machte an diesem Abend vor allem das Blech, namentlich in der Angelotti-Szene im 1. Akt. So geriet die Premiere zumindest musikalisch zu einem großen Erfolg.

In den lang anhaltenden Applaus für Solisten, Dirigent und Orchester mischten sich jedoch zahlreiche wiederholte Buhs für das Regieteam. Das hat die Rezensentin in Hannover und anderswo in dieser heftigen Form selten erlebt, zeigt aber, dass Vasily Barkhatov mit seiner Sichtweise auf Tosca, eine der weltweit beliebtesten Opern nicht in Gänze überzeugen konnte.

———————

Tosca:  hier Die vollständige Besetzung: Floria Tosca –  Liene Kinca, Mario Cavaradossi – Rodrigo Porras Garulo, Baron Scarpia – Seth Carico, Cesare Angelotti – Yannick Spanier, Mesner – Daniel Eggert,  Spoletta – Uwe Gottswinter, Sciarrone – Gagik Vardanyan, 

————————————

Tosca an der Staatsoper Hannover; die nächsten Vorstellungen 30.10.; 3.11.; 7.11.; 9.11.; 17.11.; 29.11.; 3.12.; 18.12.2019; 27.03.2020.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Parsifal – Mythen und Karfreitagszauber, IOCO Kritik, 07.05.2019

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Parsifal – Richard Wagner

 Mythen und Karfreitagszauber in Charlottenburg

von Karin Hasenstein

Mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, dem “summum opus” Richard Wagners, wurden am 26. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet. Die ersten Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war Wagner erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des Parsifal, ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz “Amerikanisch sein wollend”. Der Entschluss, den Parzival zu beginnen, reifte am 25.01.1877, am 23.02. wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03.1877 der Name Parzival in Parsifal geändert. In der Zeit vom 14.-19.03. verfasste Richard Wagner die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1. Aufzuges. Am 25.12. wurde das Vorspiel zum 1. Aufzug im Haus Wahnfried anlässlich Cosimas Geburtstags uraufgeführt.

Die Arbeiten am 2. und 3. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882. Wagner beendete die Partitur des 3. Aufzuges am 13.01.1882 und erhielt vom Verlag Schott für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

Parsifal – Richard Wagner
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Am 26. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. In der letzten Aufführung dieser Festspiele dirigierte Wagner ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3. Aufzug zu Ende.

Das Festspielhaus in Bayreuth wurde eigens für das Bühnenweihfestspiel Parsifal erbaut. Man könnte auch umgekehrt sagen, der Parsifal wurde für das Festspielhaus geschrieben. Es heißt, nirgends kann man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach Wagners Wunsch sollte der Parsifal für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen.

“Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”, schrieb er 1880 an König Ludwig II. von Bayern. “Nie soll der Parsifal auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.”   Er konnte es nicht.

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der Parsifal nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einer speziellen “Lex Parsifal” sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu Wagners 100. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe Richard Wagners, Cosima, einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als “Lex Cosima” betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar Kaiser Wilhelm II. bemühte.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

So versiegte mit dem 1. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie Wagner, nämlich die Tantiemen aus den Werken Richard Wagners, die – einschließlich des Weltabschiedswerks Parsifal, nun überall nachgespielt werden durften.

Am 24. Dezember 1903 hatte Heinrich Conried, der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, Parsifal erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des Parsifal außerhalb von Bayreuth ließ sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das Deutsche Opernhaus Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen Deutschen Oper Berlin, bringt den Parsifal am Neujahrstag 1914 heraus, viele andere Häuser folgen.

Thomas Mann musste nach seinem Parsifal-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.” Damit mag der Autor Recht gehabt haben. Der Kraft des Parsifal kann man sich nur schwer entziehen.

—————————————-

So war es auch am Karfreitag 2019 an der Deutschen Oper Berlin, als das Publikum mit Elena Pankratova (Kundry), Günther Groissböck (Gurnemanz), Derek Welton (Klingsor) und Paul Kaufmann (3. Knappe) zudem fast die halbe Besetzung der Bayreuther Festspiele 2018 erlebte

Auch hier schwebte die Frage im Raum, ob nach dem ersten Aufzug des Parsifal applaudiert werden darf, noch dazu am Karfreitag, dem stillsten aller christlichen Feiertage. Nach einem Moment der Stille setzte an diesem Karfreitag nur zögerlicher Applaus ein, doch  die Gruppe der Applaudierenden setzte sich schließlich durch. Das soll nicht gewertet werden; ein jeder soll dies für sich allein entscheiden. Parsifal ist ein Bühnenweihfestspiel; kein Gottesdienst, keine Liturgie, letztlich ist er “nur” Theater, die Kunst des “so tun als ob”.

Richard Wagner erfindet nichts wirklich selbst, er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des Parzival Wolfram von Eschenbachs. Wagner benannte die Figur des Parzival, wie er bei Wolfram von Eschenbach heißt, eigenmächtig in Parsifal um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort “fal” in etwa “rein” bedeutet und “parsi” dem deutschen Wort “Tor” entspricht. Diese Etymologie, die Wagner von dem Publizisten Joseph Görres übernommen hatte, stellte sich später als falsch heraus, klingt aber gut.

Wagner bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei Eschenbach war der Gral noch ein wundertätiger Stein.

Im ersten Akt des Parsifal erzählt Gurnemanz die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche. Die Gralsritter müssen keusch sein; so kommt die Moral in die Welt. Klingsor will besonders keusch sein; aus tiefer innerer Überzeugung, weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst.  Er errichtet ein Gegenreich, Klingsors Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

Amfortas bewaffnet sich mit dem Heiligen Speer und missbraucht die Reliquie als Waffe. Kundry verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Verführerin. Kundry stellt aber auch die Verbindung zwischen beiden Reichen dar, da sie sowohl Gurnemanz und den Gralsrittern als auch Klingsor dient. Amfortas leidet an einer nicht heilenden Wunde: ein Synonym zu Klingsors Kastrationswunde.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Parsifal unterscheidet sich von anderen Opern Richard Wagners. Er ist doch „religöser“. Wagner verwendet hier religiöse Elemente, weihevolle Musik, Monstranz-enthüllung (Gralsenthüllung), Taufe, christliches Abendmahlsritual und entwickelte die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. In “Religion und Kunst” schreibt er: “Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.”

Opulente Bilderflut mit christlichen Symbolen und Ritualen

Regisseur Philipp Stölzl bringt in seiner Berliner Parsifal- Inszenierung (Premiere 2012) viele christliche Symbole und Rituale greifbar und realistisch auf die Bühne und nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise. Mittels zahlreicher “Tableaux vivants” erzählt der Film- und Opernregisseur bildgewaltig die an eigentlicher, stattfindender Handlung armen, aber an erzählter Handlung sehr reichen Oper und kommentiert so immer wieder eben diese erzählte Handlung.

Während des von Donald Runnicles sehr langsam genommenen Vorspiels öffnet sich der Vorhang und man blickt auf eine kahle Felsenlandschaft, wie aus einem Hollywood -Monumentalfilm. Links ein Berg, obenauf eine angedeutete Burg der Gralsritter, rechts ein Berg mit einem Kreuz, die Assoziation zu Golgatha drängt sich auf und ist sicherlich gewollt. Wir werden Zeuge einer Kreuzigungsszene, sehen römische Soldaten, Ritter, einfaches Volk, der Speer wird dem Gekreuzigten in die Seite gestochen, das Blut im Kelch beziehungsweise Gral aufgefangen. Immer wieder “baut” Stölzl diese lebenden Bilder, lässt sie bisweilen sehr lange im Freeze, bis sie sich wie wieder auflösen. Dank des Opernballetts und der Statisterie der Deutschen Oper entstehen so eindrucksvolle Massenszenen, die eine faszinierend hypnotische Wirkung auslösen.

Bei viereinhalb Stunden Aufführungsdauer wirkt die Bilderflut der Inszenierung massiv, zumal sie bisweilen von der Musik ablenkt, statt sie zu unterstreichen. Es “passiert” sehr viel auf der Bühne, der Zuschauer kann der Bilderflut nur schwer folgen. Leider gehen so auch liebevolle Details verloren; in einem so großen Haus wie der Deutschen Oper Berlin nicht unproblematisch. So ist über große Entfernungen zur Bühne manchem Besucher nicht  erkennbar, dass alle Protagonisten auf der Bühne Kreuzigungsmale an den Händen tragen. 

Die aufwändigen Kostüme (Kathi Maurer) reichen historisierend von Zeiten der Kreuzritter bis hin zu “heutiger” Kleidung im 3. Aufzug. Zwischen dem ersten und dritten Aufzug vergehen viele Jahre der Irrfahrt Parsifals, so ist die Kleidung letztlich alt, gebraucht, beschmutzt und drückt aus: die Gesellschaft ist nicht in der Lage, sich zu erneuern, der Erlöser ist (noch) nicht in Sicht. Mit den realistischen Kostümen, dem, was wir für typische Kleidung der Ritter betrachten und jenem, was wir als modern oder heutig ansehen, wird die Klammer vom ersten zum dritten Aufzug hergestellt.

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Der zweite Aufzug ist da herausgenommen, wie auch Klingsors Zaubergarten nicht in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Platz zu verorten ist. Hier nimmt Stölzl eine Anlehnung an Exotismus des 19. Jahrhunderts in der Oper vor. Zwischen den Felsen des ersten und dritten Aufzuges sehen wir nun eine Art Tempel, etwa in der Art der Hochkulturen Südamerikas. Auch die Kostüme haben nun einen gänzlich anderen Charakter, Baströcke, Fell, Knochenschmuck dominieren das Bild. Wilde brutale Rituale vollziehen sich, Klingsor erscheint als Herrscher über ein Naturvolk, der im Blutrausch seinen Opfern das Herz aus der Brust reißt, von den Blumenmädchen extatisch verehrt. Sind diese anfangs noch verhüllt, legen sie später ihre Gewänder ab und werden zu exotischen Schönheiten, die Parsifal verführen sollen.  

Regisseur Stölzl stellt den Parsifal in einen Kontext christlicher Mythen. Er illustriert, kommentiert, überlässt es aber dem Zuschauer, eine Lösung zu finden. Wie der Gral zu deuten ist, muss jeder für sich selbst eine Antwort finden. Häufig bleibt Stölzl eng am Text, kommentiert oder illustriert das Erzählte in eindeutiger Weise. An manchen Stellen durchbricht er jedoch dieses Vorgehen. So wäscht Kundry Parsifal nicht die Füße, Gurnemanz salbt ihm nicht das Haupt. Während dieser doch für den Verlauf der Handlung sehr zentralen Szene steht Kundry weitab von Parsifal ohne inneren oder äußeren Bezug zu ihm. Die Taufe vollzieht sich in einem Wasserbecken im Felsen, das im ersten Aufzug Amfortas als Bad diente, in einer großen Menschenmenge. Wir alle sind Kundry, bedürfen der Erlösung. Das in den Tableaux sehr gekonnt eingesetzte Licht kommt hier von einer Straßenlaterne und hinterlässt Stirnrunzeln und Fragezeichen beim Betrachter.

Wenig zu deuten gab es jedoch an der eindeutig großartigen musikalischen Gesamtleistung. Die größte Partie dieser Oper nimmt Gurnemanz ein. Der österreichische Bass Günther Groissböck, der in dieser Rolle bereits bei den Bayreuther Festspielen und an der Opéra National de Paris sowie De Nationale Opera Amsterdam Erfolge feierte, füllte die Rolle stimmlich wie darstellerisch hervorragend aus. Groissböck beeindruckte wieder durch außerordentlich deutliche Diktion, wodurch die langen Erzählungen des Gurnemanz eine enorme Präzision und Spannung erhalten. Jedes Wort, jede Silbe ist perfekt verständlich und macht ein Mitlesen der Übertitel überflüssig. Groissböck gestaltete diese große Partie vom ersten “He! Ho! Waldhüter…” bis zum großen Monolog im dritten Aufzug mit großem Ausdruck und perfekt geführten Legati. Er überzeugte mit großer Wandlungsfähigkeit in der Stimme sowohl in den tiefen dunkel timbrierten Lagen als auch mit Brillanz in den sicher geführten Spitzentönen.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Ebenfalls als Bayreuther Kundry bekannt ist Elena Pankratova. Mit ihrem warmen vollen Sopran bot sie auch in Berlin wieder eine überaus überzeugende sängerische wie schauspielerische Leistung und zog das Publikum mit ihrer enormen Bühnenpräsenz in ihren Bann. Mit großer Wandlungsfähigkeit gibt sie die Dienerin der Gralsritter, gestaltet unglaublich expressiv “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust” und lässt scheinbar mühelos die Kundry-Schreie erklingen, die in ihrer Intensität dem Zuhörer einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Sehr berührend gerät auch die Szene mit Parsifal “..sie beut dir heut’ als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss”. Elena Pankratova beeindruckt ebenso mit lyrischer Leichtigkeit in den Pianissimo-Stellen wie auch mit dramatischer Gestaltung und großer Strahlkraft.

Der Amerikaner Brandon Jovanovich schien sich als Parsifal zunächst ein wenig zurückzuhalten, bevor mit dem Ausbruch “Amfortas! Die Wunde!…” vielleicht ein bisschen zu sehr aufdrehte. Sehr ergreifend und intensiv gestaltete er Stellen wie “Erlöse, rette mich aus schuldbefleckten Händen!“ oder “nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!“ In den mittleren Lagen beeindruckte Jovanovich durch seine große Stimme und Durchschlagskraft, an den sensiblen Stellen wie “Wie büß’ ich Sünder meine Schuld?” stünde ihm etwas mehr Pianokultur ganz gut zu Gesicht. Insgesamt steht ihm der Naturbursche, der reine Tor, der Parsifal ist, gut. Einzig der amerikanische Akzent, der stellenweise noch etwas stark durchklingt, stört das Gesamtempfinden. In seinem “Sonntagsanzug” wirkte dieser Parsifal bisweilen etwas verloren und wie ein Fremdkörper, was aber auch an der Personenregie liegen mag. Warum er letztlich der ersehnte Erlöser ist, vermittelte sich der Rezensentin in dieser Regie nicht.

Eine überaus erfreuliche Besetzung war Mathias Hausmann als Amfortas. Mit seinem feinen, warm timbrierten Bariton stellte er den gebrochenen und von seinem nicht enden wollenden Leid gezeichneten Schmerzensmann Amfortas sehr überzeugend dar und nimmt das Publikum für sich ein. Sehr berührend gerät “Mein Vater! Hochgesegneter der Helden!”

Der australische Bassbariton Derek Welten war in der Rolle des Klingsor auch in Bayreuth zu erleben. Er vereint gekonnt die Gegensätze der Rolle, die brutale Darstellung  als Herrscher über ein Naturvolk, der blutige Rituale vollzieht, wie das bemitleidenswerte Opfer seiner eigenen Verstümmelung. Mit großer Energie und geschmeidiger Wendigkeit verbindet er seine enorme stimmliche wie darstellerische Präsenz zu einer großen Gesamtleistung. Auch Andrew Harris überzeugte souverän in der Rolle des Titurel mit seinem angenehmen dunklen Timbre und durch seine starke Bühnenpräsenz. Geradezu luxuriös besetzt waren 1. und 2. Gralsritter mit Burkhard Ulrich und Byung Gil Kim.

Donald Runnicles führte das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit sicherem Dirigat durch die viereinhalbstündige Vorstellung. Er wählte bewusst ruhige bis sehr ruhige Tempi und erreichte mit 1:45 Std. im ersten Aufzug exakt die Aufführungsdauer, die Richard Strauss 1933 in Bayreuth benötigte.

Das zumindest im ersten Aufzug sehr ruhige Tempo wurde von der Rezensentin als sehr angenehm empfunden und die Verfechter der These, dass sich Weihe vor allem durch Langsamkeit ausdrückt, müssen hier auf ihre Kosten gekommen sein. Bisweilen vermittelte sich jedoch der Eindruck, dass einzelne Sänger im Tempo stellenweise gerne etwas vorangegangen wären. Besonders berührend und überzeugend gerieten die Verwandlungsmusiken.

Der erfahrene Generalmusikdirektor der Deutschen Oper setzte die Reinheit und Tiefe der Partitur gekonnt um und lotete diese dynamisch vom zartesten Pianissimo bis zum Fortissimo in den großen Chorszenen klug aus. Besonders erfreulich trat die Solo-Oboe im 3. Aufzug bei “Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön!“ hervor, wie insgesamt die Holzbläser aber auch das tiefe Blech und die Harfen an diesem Abend überzeugen konnten.

Parsifal lebt nicht zuletzt auch von den beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter. Chor und Extrachor der Deutschen Oper beeindruckten einmal mehr durch Klangschönheit und gute Textverständlichkeit und gaben den Chören viel Intensität sowohl im ersten Aufzug im Unisono bei “Zum letzten Liebesmahle” als auch am Ende des dritten Aufzuges “Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!”. Musikalisch vermittelte sich der Zauber, der von Parsifal ausgeht, dem Publikum am Karfreitag 2019 stark: es dankte den Solisten, allen voran Pankratova und Groissböck, mit lang anhaltendem begeisterten Applaus.

Die bildgewaltige Inszenierung von Philipp Stölzl vermag nicht durchgängig zu überzeugen, sie ist aber sehr wirkungsvoll zwischen Hollywood-Monumentalfilm und Oberammergauer Passionsspielen einzuordnen. Zuschauern, welche sich gerne einmal Parsifal mit aufwändig reicher Bilderflut auf der Bühne hingeben möchten, sei diese Produktion für die kommende Spielzeit 2019/20 durchaus ans Herz gelegt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Nächste Seite »