Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – La Donna del Lago, IOCO Kritik, 13.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini

  Internationalen Maifestspiele 2019

von Ljerka Oreskovic Herrmann     

Ein musikalisches selten gespieltes Kleinod von Gioacchino Rossini präsentierten die diesjährigen Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden – leider nur ein einziges Mal. Es war ein Gastspiel der Opéra de Lausanne in Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb.

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Opéra de Lausanne zur Inszenierung
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

1810 schrieb Walter Scott The Lady of the Lake und erzielte einen weltweiten Erfolg. Gioacchino Rossini war von  dessen Gedicht aus sechs Cantos – Gesängen – so berührt, dass er daraus die Oper La Donna del Lago komponierte.  Nicht nur durch La Donna del Lago (The Lady of the Lake) führte Sir Walter Scott (1771 – 1832) die englischsprachige Literatur auch auf die italienische Opernbühne. 1819 fand in Neapel die Uraufführung statt, mit der damaligen primadonna assoluta Isabella Colbran in der weiblichen Hauptpartie. Der zunächst künstlerischen Beziehung von Rossini und Colbran folgte auch eine private Entsprechung: 1822 heirateten der Komponist und die berühmte Sängerin bei Bologna in einer Villa, die diese von ihrem Vater geerbt hatte. 1837 trennten sich die beiden, musikalisch waren sie aber bis dahin ein unschlagbares Paar. Eine „Premiere“ bot dann diese Produktion auf: die Hosenrolle des Malcolm – für eine Mezzosopranistin geschrieben – wurde von einem Countertenor übernommen. Max Emanuel Cencic, als Chevalier de L‘Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich geehrter und verehrter österreichischer Altus, war als Malcolm zu hören.

 

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Inszenierung – Überfrachted mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“

Cencic, zugleich Regisseur dieser Inszenierung, tat sich allerdings keinen Gefallen damit, mit Freudschen Mitteln die Seele und Gelüste der Frauen erkunden zu wollen. Schon Dr. Freud hatte seine liebe Not mit der weiblichen Erotik, die er nicht zu fassen vermochte, und so blieb es auch beim Regisseur ein männlicher Blick von außen. Wobei die Grundidee, eine Frau liest ein Buch, dass sich dann als (ihr imaginiertes) Geschehen auf einer zweiten Ebene entwickelt, durchaus als  Ausgangspunkt interessant ist, aber die Überfrachtung mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“ – verkörpert durch barbusige Frauen – überladen das Stück unnötig. Wie so oft gilt der Spruch: „Weniger ist mehr.“ Die sozial unterdrückte Frau im 19. Jahrhundert zu zeigen, über die er im Programmheft räsoniert, ist zwar an löbliches Ansinnen, allerdings kein neuer, spritziger oder gar verwegener Erkenntnisgewinn. Hätte Cencic das Geschehen stärker zugespitzt und ironisch aufgeladen, um diesen männlichen Blick zu denunzieren und zu brechen, hätte seine Deutung mehr Wirkung entfalten können: Sie wäre quasi verpackt in wunderschöne Rossini-Musik glatt unter die – auch männliche – Haut gegangen. So wirkte es etwas bemüht.

Nichtsdestotrotz gelingen Cencic berührende Bilder, so z.B. das Duett von Malcolm und Elena, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, in dem beide ihre Liebe beschwören. Ganz oben auf der Treppe sitzen sie dicht beieinander, jederzeit bereit, sofort aufzuspringen. Es ist kein geräumiger oder gar romantischer Ort, und doch erzeugt er eine innige Situation. Die glückliche Begegnung dauert nur kurz, dann trennen sich ihre Wege wieder; er entschwindet über die Balustrade, sie nach unten in den Salon. Überhaupt sind die Duette in La Donna del Lago von Rossini mit einer derartigen musikalischen Präzision der menschlichen Gefühle komponiert, dass einem der Atem stocken kann angesichts der Zartheit und Feinheit des Ausdrucks. In diesen Momenten gewinnt Cencics Personenführung deutlichere Konturen. Eingerahmt – im sprichwörtlichen Sinne – wird die Handlung von einem überdimensionalen Rahmen an der Rampe am Anfang und Ende der Inszenierung. Dahinter ist eine Art Salon mit Wendeltreppe und Möbeln im Stil des Fin de siècle des 19. Jahrhunderts zu sehen, in dem sich das Geschehen, wie in einem Kammerstück, abspielt.

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Auch die Kostüme verweisen auf diese Epoche, die Frauen sind frivoler gekleidet, die Männer verschanzen ihre Gefühle eher hinter Uniformen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind vertrackt, weil Elena einen anderen liebt, als ihr Vater für sie vorgesehen hat, andererseits die Politik bzw. Kämpfe zwischen König und Aufständischen in das private Leben aller Beteiligten hineinwirken. Die Handlung ist im schottischen Hochland angesiedelt, wo Elena als die „Dame vom See“ auf König Giacomo trifft, der als Uberto verkleidet, sich sofort in sie verliebt; enttäuscht muss er feststellen, dass ihr Vater Douglas zu den gegen ihn kämpfenden Rebellen gehört. Elena soll den von ihr ungeliebten Clan-Führer Rodrigo heiraten. Ihr Herz jedoch gehört Malcolm. Drei Männer, die um eine Frau kreisen, zugleich aber in die Schlacht müssen, da die Königstruppen nahen. Uberto alias König Giacomo begibt sich auf das schwierigste Kriegsfeld, nämlich das der Liebe, und öffnet Elena sein Herz. Sie kann ihn nur zurückweisen, Uberto – ganz Gentleman – verzichtet, schenkt ihr gleichwohl einen Ring, der ihr in der Stunde der Not hilfreich sein soll. Die beiden überrascht Rodrigo, und rasend vor Eifersucht fordert er Uberto zum Zweikampf auf. Das Kampfglück – Cencic hat daraus eine durchaus packende und komische Balletteinlage gemacht – hat sich gegen die Aufständischen gewendet. Rodrigo ist ums Leben gekommen, und Malcolm macht sich auf den Weg zu Elena, um ihr zur Seite zu stehen. Douglas derweil sucht König Giacomo in seinem Schloss auf, um ihn um Gnade zu bitten, doch dieser weist sein Gesuch zurück. Als aber Elena mit dem Ring erscheint und dabei erstaunt erkennt, dass sich hinter Uberto der König verbirgt, lässt sich dieser erweichen. Nun können die beiden Liebenden zueinanderfinden.

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Endlich vereint, friert das Geschehen ein, der Rahmen kündigt das Ende an. Doch zum Schluss sehen wir Elena erneut mit ihrem Buch umhergehend und ihren Zeitung lesenden Mann – der ehrbare, aber wohl wenig geliebte Rodrigo – davor. Es ist die „biedere“ Eheidylle des 19. Jahrhundert. Der Rahmen schafft eine Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit, unerfüllten Sehnsüchten und Wünschen, überwunden wird sie allein durch die Musik: „Tanti affetti in un momento“ – so viele Gefühle in einem einzigen Augenblick! Kaum einer hätte das musikalisch treffender zum Ausdruck bringen können, als Rossini in seinem Schluss-Rondo voller brillanter Koloraturen. Eine gleichsam wunderbare Diagnose (der Zustände) und klangvolle Behauptung, der man nicht widersprechen möchte.

Für das ansprechende Bühnenbild und die Kostüme zeichnete Bruno de Lavenere, für Videoprojektionen war Étienne Guiol verantwortlich. Der Chor des Nationaltheater Zagreb unter der Leitung von Luka Vukšic zeigte sichtlich eine Spiel- und Sangesfreude, wie auch alle Solisten überragend waren: kurzum grandios. Nian Wang als Elena steigert sich im Lauf des Abends immer mehr, beide Tenöre – Daniel Behle als Giacomo V./ Uberto und Antonio Garés als Rodrigo – waren vokal wie darstellerisch glänzend aufgelegt. Die weiteren Solisten sind Sonja Runje als Vertraute Elenas – eine junge Mezzosopranistin, die bei den diesjährigen Pfingstfestspielen in Salzburg auftritt und eine beeindruckende Präsenz besitzt. Neven Palecek gibt einen sonoren und stimmgewaltigen Vater Douglas. Ivo Gamulin und Nikša Radovanovic sind die als komische Figuren angelegten Serano und Bertram. Und last but not least Max Emanuel Cencic als Malcolm, der perfekt zu dieser Rolle passte und damit einen vokalen Höhepunkt des Abends bildete.

Der junge griechische Dirigent George Petrou beweist sicheres Gespür für die Melodien, Dynamik und Rhythmik der Musik Rossinis. Nie forcierend, den Stimmen Raum zur Entfaltung lassend, nie nur schöne Begleitmusik, im Gegenteil! Petrou besitzt die Fähigkeit, Rossinis musikalische Ausdrucksfülle zum Blühen zu bringen, sie wie ein klangliches Füllhorn auszuströmen, es gelingt ihm mit dem Orchester des Nationaltheater Zagreb eine starke musikalische Interpretation. Allein schon, dieses frühe Rossinische Meisterwerk präsentiert zu haben, ist dankenswert. Das Publikum sah es genauso und belohnte Solisten und das Team mit einhelligem Applaus. Mit Rossinis Melodien im Ohr verließ man beschwingt das Hessische Staatstheater Wiesbaden.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tannhäuser – Galavorstellung, IOCO Kritik, 31.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Galavorstellung

…. Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…

von Ingrid Freiberg

Im April 1845 vollendete Richard Wagner die Partitur des Tannhäuser „durch äußersten Fleiß und durch Benutzung der frühen Morgenstunden selbst im Winter“ und schreibt sie selbst, um den Kopisten zu sparen – mit seiner herrlichen, charaktervollen Schrift, der schönsten Musikerschrift, die es je gegeben hat. Wagner sagte zum Ende seines Lebens: „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…“ – und er meinte eine endgültige Fassung, hat er doch das Werk zwischen den Aufführungen in Dresden, Paris, München und Wien ständig verändert.

 Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Es ist anzunehmen, dass Wagner für seinen Mittelalter-Minnesänger Tannhäuser ein besonderes Faible entwickelte. Denn der ist ebenso unkonventionell wie der Komponist selbst. Ein Künstler, der in einem Zwiespalt aus Erotik und heiliger Messe gefangen ist, in dessen Herzen zwei Seelen um Befriedigung buhlen: die fleischliche Lust und die religiöse Leidenschaft. Ein Künstler, dem es leicht fällt, Konventionen zu ignorieren. Mutig wie trotzig-­rebellisch sucht er nach Grenzüberschreitung, will als Künstler ein anerkanntes Mitglied der Wartburggesellschaft sein. Welcher Weg führt zum Heil, die Pilgerschaft nach Rom oder der Rückzug in den Venusberg? Zunächst in sinnlicher Liebe mit Venus schwelgend, kehrt er später auf die Wartburg zurück, in eine Welt der Kunst und der Künstlichkeit. Als Tannhäuser während des Sängerwettstreits von seiner Leidenschaft zu Venus erzählt, droht ihn die edle Gesellschaft zu töten. Elisabeth bittet für ihn und verhindert seinen Tod – sicherlich ein tolles Gefühl, als einzige Frau gegen den Männerchor „Haltet ein!“ zu schreien, und alle hören ihr zu. Einsichtig schickt ihn Hermann, Landgraf von Thüringen, zur Buße nach Rom.

Tannhäuser – Wiesbadener Fassung

Der Mensch und sein Drama, der Konflikt Tannhäusers, die Tragik der Elisabeth: Dies sind für Wagner die zentralen Themen im Tannhäuser, und dies gilt es für Uwe Eric Laufenberg zu inszenieren. Er greift vor allem Elemente der Pariser Version auf, verfasst eine ungewohnte, aber schlüssige Mischfassung, eine „Wiesbadener Fassung“. Sein Verständnis des Tannhäuser ist eine verschlankte, verdichtete Erzählung eines zwischen zwei Lebensformen hin und her gerissenen Wanderers, eine Umsetzung des Librettos von Wagner. Die subtile Inszenierung lässt die inneren Widersprüche erkennen. Der Vorhang öffnet sich: Andächtige Pilger auf langen Bankreihen sitzend sehen sich eine Videoübertragung (Gérard Naziri, Falko Sternberg) vom Petersplatz in Rom mit Papst Franziskus an. Unter ihnen Tannhäuser… Auf dem Brustkreuz des Papstes ist das Motiv des „Guten Hirten“ mit Schafen zu sehen. Weltuntergangsstimmung, Zerstörung, wilde Leidenschaften und Orgien werden im Schnelldurchlauf gezeigt: Schuld und Sühne, Fluch und Erlösung, Engel und Teufel, eine Gemengelage der widersprüchlichsten Art. Blitzartig wechselt das Geschehen. Einige Männer tanzen leichtgeschürzt oder völlig nackt und springen um die Pilger in einem lasziv posierenden Höllenballett herum… es kommt zu orgiastischen Szenerien. Die Pilger ergreifen die Flucht. Bankreihen werden je nach Bedarf umgestellt, der Venusberg wird zur Tanzfläche, auf der nackte Tanzeleven posieren. Geringfügige Veränderungen genügen, die beiden Welten zu markieren, die gegeneinander antreten: Der Venusberg, verrufen erotischer Sündenpfuhl und die Welt der Elisabeth, in der Liebe und Anbetung Bedeutung haben.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Dazwischen Elisabeth, eine Halb-Heilige und Tannhäuser, der mehr oder weniger hilflos nach beiden Richtungen austeilt. Er strandet, von der Dauerlust gelangweilt und von der frommen Gesellschaft verfemt, im Niemandsland. Mit dem 3. Akt, einer Schneelandschaft mit Campingzelt und einem großen weißen Kreuz gelingen Laufenberg poetische Bildwirkungen. Elisabeth verharrt reglos in der Schneelandschaft, während Wolfram im kleinen Zelt die Nachtwache hält. Die Pilger kehren heim, Tannhäuser ist nicht dabei… Am Kreuz vergebens für seine unbeschadete Rückkehr betend, schreitet Elisabeth danach gebrochen, nackt wie Gott sie schuf, ins suizidale Dunkel. Tannhäuser, der zu spät kommt, berührt mit seiner „Rom-Erzählung“ rücklings auf dem Kreuz liegend… Am Ende entschwindet er in eine beeindruckende Lichtpyramide. Das sind szenisch sehr starke Momente.

Geniales Bühnenbild und überzeugende Kostüme

Das geniale Einheitsbühnenbild von Rolf Glittenberg mit einem großen, tiefen Raum und einer transparenten Rückwand, die verschiedene Lichteffekte (Andreas Frank) ermöglicht, ist der Rahmen für Pilger, Venusberg und Sängerwettstreit auf der Wartburg. Vor allem die vorzügliche Akustik der Raumgestaltung ist zu loben. Besonders ausdrucksstark ist die Gestaltung des 3. Aktes, die in einem schwarzen Kasten von einem schräg liegenden, begehbaren weißen Kreuz beherrscht wird, und wo ein kleines Zelt zu sehen ist. Die Kostüme von Marianne Glittenberg sind im 1. Aufzug gegenwartsbezogen, und während die Festgesellschaft auf der Wartburg in mittelalterliche Kostüme gewandet ist, erscheinen die Minnesänger in Ordensrittermänteln, die das Ritual betonen. Hiermit wird die Aktualität des Tannhäuser unterstützt. Das ist überzeugend.

Großartige Gäste

Albert Pesendorfer (Hermann, Landgraf von Thüringen) ist einer der prominenten Gäste des Abends. Erst mit 30 Jahren wird er Mitglied des Wiener Staatsopernchors, mit 35 singt er in Erfurt seine erste Solopartie. Seither hat sich viel getan. Sein Opernrepertoire umfasst ca. 70 Partien, vorwiegend die des Deutschen Wagner-Fachs, und er wird an große Häuser weltweit engagiert. Pesendorfer betont das Singen, er hält sich fern vom Überzeichnen. Bewundernswert ist seine gute Artikulation. Sein wohltemperierter Bass hat ein herrliches Volumen, welches diese Partie zum Leuchten bringt.

Ein weiterer internationaler Gast ist Andreas Schager als Tannhäuser. Auch bei ihm entwickelt sich die Karriere, nach langsamem Start, dynamisch schnell… 2013 bringt die Wendung: Nach zehnminütiger Vorbereitungszeit springt er unter der Leitung von Daniel Barenboim als Siegfried an der Staatsoper Berlin ein und wird so weltweit bekannt. Als erfahrener Wagner-Tenor meistert er die stimmlichen Anforderungen des Tannhäuser und stemmt diese Monsterpartie mit ausgezeichneter Technik und außergewöhnlich großer Stimme, die es ihm erlaubt, große Bögen mit endlos erscheinendem Atem zu singen. Sein „Da ekelte mich der holde Sang“ explodiert mit großer Expressivität. Mit „…Inbrunst im Herzen, wie kein Büßer noch…“ gelingt es ihm meisterlich, seine Wut über die Gegensätze zwischen ihm und den anderen Pilgern auszudrücken. Seine packende „Rom-Erzählung“ tendiert zur Exzentrik einer musikalischen Prosa. Sie erweckt die Illusion, die Erzählung sei nicht von Wagner komponiert, sondern von Tannhäuser selbst improvisiert. Schagers Stimme ist fast zu groß für das vergleichsweise kleine Haus.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Die europaweit verpflichtete Betsy Horne (Elisabeth) brilliert mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung und einer faszinierenden Bühnenpräsenz. Es ist ein großartiges Porträt der reinen Elisabeth. Schon ihre Auftrittsarie „Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder“ ist fabelhaft gestaltet und zeigt unmissverständlich, wie individuell sie diese Rolle anlegt. Zu hören ist keine zurückgenommene keusche Jungfrau, sondern eine selbstbewusste Fürstentochter, die nicht nur ihren dramatischen Sopran zum Blühen bringt, sondern auch den Mut zum hüllenlosen Abgang beweist. In leiseren Passagen wie „Verzeiht, wenn ich nicht weiß, was ich beginne!“ (2. Akt) erzeugt sie eine enorme Spannung, öffnet dann aber wieder zum lauteren Klang mit angenehmem Vibrato. In dieser Inszenierung gibt es eine „doppelte“ Venus: Eine im Pelz auf nackter Haut und im eleganten Abendkleid agierend, die andere ist Jordanka Milkova, die eine dunkeltönige, satte, samtene Stimme einbringt, passend zur an dieser Stelle gewählten so genannten Pariser Fassung, Musikalisch bewältigt die attraktive Sängerin die heikle Partie der Liebesgöttin mit gut geführtem Mezzosopran, dem es aber ein wenig an Sinnlichkeit fehlt.

Sehr überzeugend entwickelt der junge Bariton Benjamin Russell seinen Wolfram von Eschenbach aus den Tugenden eines Liedsängers. Seine Stimme ist hell, gut fokussiert und verbreitet ganz ohne Druck bei klarer Diktion einen balsamischen Wohllaut. Vorzüglich die Textverständlichkeit und die Linienführung seiner Phrasierungen. Wie wohltönend elegant gesungen sein Einsatz für Freund Tannhäuser, wie lyrisch vorgetragen seine Liebe zu Elisabeth und wie atemberaubend sein „Lied an den Abendstern“, ein berührender Moment im 3. Akt. Seine sanften Lyrismen werden umjubelt. Aaron Cawley ist ein heldisch auftrumpfender Walter von der Vogelweide, ein Heißsporn, der versucht, den Sänger der Titelpartie auch als Heldentenor herauszufordern. Thomas de Vries als Biterolf, ironisch-abgeklärt, erfreut mit seinem eleganten Bariton. Unter den Minnesängern ragt er mit seiner überzeugend charakteristischen Gestaltung heraus.

Von so viel Verve und Eindringlichkeit lassen sich auch John Heuzenroeder (Heinrich der Schreiber), Daniel Carison (Reinmar von Zweter) und die stimmfrische Stella An (Ein junger Hirte) anstecken. Ihre Ensembleleistung beeindruckt. Die Nymphen und Grazien (Charlotte Dambach, Laurin Thomas, Rouven Pabst, Sacha Glachant, Veronica Bracaccini) und die Vier Edelknaben (Eunshil Jung, Hyerim Park, Isolde Ehinger, Daniela Rücker) tanzen und spielen beeindruckend und sind ebenso überzeugend auf Video nachempfunden. Der Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kommt eine delikate Rolle zu: Attraktive Damen und Herren sind sehr ästhetisch in erotischen Nacktszenen zu sehen.

Der Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne zeigt zum wiederholten Male seine große Wagner-Affinität. Damen wie Herren, getrennt und zusammen, als Pilgerchor, als Festgäste auf der Wartburg und als Ritterchor gehören zum belebenden Part dieser Inszenierung. Differenziert und klangschön im Ausdruck, darstellerisch beweglich zeigt er ein homogenes und fülliges Klangbild.

Unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange führen glasklare Fagotte, Hörner und Klarinetten in die Ouvertüre ein und bereiten den langen Weg für eine ausgewogen dynamische Interpretation des Tannhäuser. Wenn das Anfangsthema, die Melodie des Pilgerchors einfach und schlicht anhebt und ein ruhiges Schreiten evoziert, kreist es in größter Ruhe nur um die Grundtonarten und führt in eine andere Welt. Mit den einsetzenden Celli tritt ein sehnsüchtiges Motiv hinzu. Unter Patrick Langes Leitung entfalten Orchester und Sänger eine ambivalente Klangvielfalt von dissonanten Reibungen über kurze virtuose Eruptionen – bis zum Verlöschen. Der zurückgenommene Venusberg-Rausch erklingt als von den Beteiligten selbstinszeniertes Kunstprodukt. Mit umsichtiger Dynamik, nie zu laut, immer den Sängern den Vortritt lassend, die Blechbläser, die seitlichen Logen besetzend, immer temperiert, dabei aber nie ohne Glanz, stimmt er alle Instrumentengruppen bestens aufeinander ab. Dazu die Tempi, vorwärtsstrebend, der Dramaturgie der Bühnenhandlung angepasst. Die Trompeten schmettern präzise ihre Fanfaren in den Saal, die Streicher zeigen Homogenität, die Holzbläser überzeugen.

Lang anhaltender Beifall, stehende Ovationen und große Begeisterung für einen glanzvollen Tannhäuser – Gala-Abend.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, 21.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Im Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume

von Ingrid Freiberg

Zunächst hatte der Roman Madame Butterfly des Amerikaners John Luther Long großen Erfolg, das Theaterstück von David Belasco war in der Folge am Broadway und im angelsächsischen Ausland erfolgreich. Giacomo Puccini sah das Stück in London und fühlte die „Opern-Eignung“ des sentimentalen Stoffs. Durch Puccinis melodiengetränkte Partitur und das alle Nebenhandlungen eliminerende Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa entstand ein tief berührendes Musikdrama: Stimmungsvoll, tief empfunden, ins Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume entführend. Die Oper Madama Butterfly entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, der letzten Hochphase des weltumspannenden Kolonialismus. Puccini bettete Anleihen bei japanischer Volks­musik in seine ganz eigene italienische Tonsprache ein. In der Welt der kleinen Leute, aus der Cio-Cio-San stammt, hinterließ der „Austausch“ mit den fremden Mächten tiefe Wunden. Selbst der Skandal, der Misserfolg der Uraufführung seiner Madama Butterfly 1904 am Teatro alla Scala in Mailand, konnte Giacomo Puccini nicht von der Überzeugung abbringen, mit ihr seine „am tiefsten empfundene und stimmungsvollste Oper“ geschrieben zu haben. Er war sich sicher „eine Revanche zu bekommen“. Tatsächlich feierte er im gleichen Jahr in der Provinzstadt Brescia, was die Metropole noch verhöhnte.

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly - Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly – Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Auch heute noch ist Madama Butterfly eine der beliebtesten und bekanntesten Opern überhaupt. Die Geschichte der fünfzehnjährigen Geisha Cio-Cio-San, die, um die verarmte Familie zu retten, 15jährig an den amerikanischen Marineoffizier B. F. Pinkerton verkauft wird, dies aber für eine legitime Ehe hält, berührt. Pinkerton sucht Amüsement und mietet eine Braut samt Wohnung für „999 Jahre“. Sie konvertiert zu seinem Glauben und wird deshalb von der Familie verstoßen. Auch nach drei Jahren der Einsamkeit sieht sie, inzwischen Mutter eines blonden, blauäugigen Jungen, sich als Madama Pinkerton und nicht mehr als Madama Butterfly. Heiratsanträge und Angebote einer erneuten Arbeit als Geisha lehnt sie ab. Denn sie ist sich sicher „un bel di vedremo“: Er kehrt zurück… nun mit amerikanischer Gattin und nur um das gemeinsame Kind in die Staaten zu holen. Dies bricht Butterfly, dem zarten Schmetterling, Flügel und Herz; sie nimmt sich das Leben. „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger leben kann in Ehren“, so lautet auch die Inschrift auf dem Dolch ihres Vaters.

John Dews Inszenierung erlebt ein Recycling

John Dews Inszenierung, die 2012 im Staatstheater Darmstadt höchstens Freunde des Regietheaters irritierte, erlebt im Hessischen Staatstheater Wiesbaden ein Recycling, das nicht nur die Kostüme von José-Manuel Vázquez, sondern auch die Gemälde auf der Bühne von Heinz Balthes sichtlich unbeschadet überstanden hat: die Totale einer abendlichen Bucht, Schiffe, Kraniche, das Meer, später ein Schmetterling sogar. Hübsch anzuschauen ist das einmal mehr beim Wiesbadener Gala-Abend. In der Bearbeitung von Magdalena Weingut entfaltet sich der Zauber dieses Werkes besonders eindrucksvoll.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly  © Sven-Helge Czichy

Ermonela Jaho – weltweit gesucht – Cio-Cio-San

Mit der albanischen Sopranistin Ermonela Jaho kommt eine Sängerin nach Wiesbaden, der man nachsagt „sie ist zuerst und vor allem Madama Butterfly“. Die Sängerin ist zur Zeit eine der weltweit gesuchtesten Cio-Cio-Sans. So sind die Erwartungen entsprechend hoch… und werden noch übertroffen! Diesen rundum hochklassigen Gala-Abend hebt sie vokal und emotional auf ein außergewöhnlich hohes Niveau. Ihre Darstellung und ihr Aussehen sind untrennbar miteinander verbunden. Ihre Stimme klingt im ersten Akt jugendlich und lieblich. Tief ergreifend ist sie dann im verzweifelten Hoffen des zweiten Akts. Sie spinnt berückende Piani, in denen stets ihre ganze Seele mitschwingt. Nachdem sie feststellt, dass Pinkerton nicht mehr zu ihr zurückkehren wird, weichen die warmen verliebten Klangfarben der puren Verzweiflung. Zutiefst erschütternd gestaltet sie mit dramatischen, vokalen Ausbrüchen den Abschied von ihrem Sohn und die finale Selbsttötung. Diese Frau ist ein emotionales Großereignis… Ihrer Interpretation sollte eigentlich ein Warnhinweis vorangestellt werden, rechtzeitig die Taschentücher bereitzuhalten.

Schmerzlich bis zum bitteren Ende

In Verzweiflung gestürzt wird sie von Vincenzo Costanzo (Pinkerton), der rollenbedingt nicht den leichtesten Stand beim Publikum hat. Er zieht das Publikum dennoch schnell in seinen Bann. Überzeugend gibt er den machohaften Amerikaner, der in dieser Produktion von Anfang an dem Whisky zuspricht. Dass seine Stimme nur zu Beginn leicht angestrengt klingt, verdankt er seiner guten Technik. Sie erlaubt ihm sehr bald strahlende Höhen, betörend schöne Decrescendi- und Pianopassagen und ein schmerzlich zu Herzen gehendes „Butterfly, Butterfly …“.

An Cio-Cio-Sans Seite leidet Silvia Hauer als treue Dienerin Suzuki mit glühend starker Präsenz. Ihren in allen Lagen herrlich ansprechenden Mezzo und ihre starke Bühnenpräsenz setzt sie herzergreifend ein. Sie kommen besonders im Duett mit ihrer Herrin brillant zur Geltung. Sehr spannend ist das Duell zwischen Pinkerton und Sharpless. Der ausdrucksstarke Benjamin Russell (Sharpless) kann dramatische Ausbrüche mit Furor glaubhaft gestalten, aber auch weich und nachdenklich im flüsterzarten Piano singen. Das ebenso elegante wie warme Timbre seiner Stimme ergänzt die Interpretation ideal. Er positioniert sich vom ersten Ton an als herzensguter Mann, der Pinkertons Absichten durchschaut und ablehnt. Ganz distinguiert versucht er, auf Butterfly einzugehen.

Erik Biegel (Goro) ist ein hyperaktiver, schmieriger Heiratsvermittler. Daniel Carison (Fürst Yamadori) wirbt mit strömenden Bariton erfolglos um Cio-Cio-San. Als elegante, weich und voll klingende Kate Pinkerton tritt Lena Naumann hervor. Mit bösen Einwürfen, die Verstoßung Cio-Cio-Sans aus der Familie verkündend, lässt Doheon Kim (Onkel Bonzo) seinen Bass kräftig und klangschön strömen. Mit John Holyoke (Der kaiserliche Kommisar), Ayako Daniel (Mutter von Cio-Cio-San), Eunshil Jung (Die Base) und Yeonjin Choi (Die Tante) sieht man sich einem mitreißenden Sängerensemble gegenüber. Einen herzlichen Extraapplaus erhält Vanessa Ünver (Kind).

Der Chor des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Albert Horne überzeugt in seiner Geschlossenheit: Punktgenau werden die Personen geführt und mit dem Intermezzo vor der Finalszene „Voci misteriose a bocca chiusa – Summchor“ brilliert er ganz besonders.

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Mit Zeit und Ruhe für herrliche Puccini-Bögen kostet Christina Domnick (Musikalische Leitung) die großen Emotionen des Werks wunderbar aus. Die Musiker beweisen dabei Sinn für das breite Farbspektrum in vielfältigen Facetten: etwa in den seufzenden Streichern, die im Intermezzo mit den Figuren regelrecht weinen. Selbst in den dramatischeren Momenten geht weder der Dirigentin noch dem Orchester die Dynamik durch; eine bestechende Balance zwischen Stimmen und Instrumenten zeichnet den Abend aus. Die Kontraste zwischen hartem tragischem Sound und duftig fließendem Melos werden bis zur Schmerzgrenze, bis zum bitteren Ende stark herausgearbeitet.

Lange Stille nach dem letzten, schneidend dissonanten Akkord im ausverkauften Haus gefolgt von tosendem Applaus…

  Butterfly  – Opern Air – Auf Großbild Leinwand – Wieder am 16.6.2019

Für Opernenthusiasten, die nicht das Glück hatten, eine Karte zu ergattern und  nicht die Live-Übertragung aus dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden auf Großbild-Leinwand verfolgen konnten: Am 16.6.2019 wird Butterfly erneut Open Air – auf der Großbildleinwand übertragen. Die Zuschauer / Zuhörer können dann auf Picknick-Decken  die Oper in Stereo und höchster Qualität genießen; zudem ist das “Wiesbaden Opernpicknick” kostenfrei.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – Idomeneo – Titus, IOCO Kritik, 08.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Idomeneo – La clemenza di Titus – Wolfgang Amadeus Mozart

Internationale Maifestspiele 2019

von Ingrid Freiberg

Die Internationalen Maifestspiele 2019 in Wiesbaden stehen unter dem Motto „Die Stille dazwischen“. Das Genie Mozart ist Mittelpunkt der Festspiele. „Die Stille dazwischen“ ist ein Kerngedanke des Komponisten: „Die Musik steckt nicht in den Noten, sondern in der Stille dazwischen…“

Mit dem Mozart-Doppelprojekt Idomeneo und Titus, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der Musikalischen Leitung von Mozartspezialist Konrad Junghänel und der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg wird sein Schaffen vom Anfang und vom Ende her beleuchtet. Zwei Opern über zwei Herrscher, die auch das Heutige reflektieren: Machtstrukturen, Heimat haben und nehmen… Kreta ist vom Krieg verwüstet, trojanische Flüchtlinge und Naturkatastrophen bedrohen Idomeneos Insel. Titus hingegen ruft im glänzenden Machtzentrum Rom gegen die destruktiven politischen Ränkespiele Gnade und Vergebung als oberste Staatsräson aus. In beiden Werken verzweifeln Menschen an den Prüfungen, die ihnen auferlegt werden. Mozarts Musik lässt Utopie und Abgrund als zwei Seiten einer Medaille erscheinen.

Idomeneo – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Idomeneo

Mit 24 Jahren ließ Mozart noch keine „Köpfe“ rollen. Als er Idomeneo, ein Auftragswerk für den Münchner Fürst Karl Theodor schreibt (Uraufführung 1. Fassung 1781 in München, 2. Fassung 1786 in Wien), fügt er sich noch den Zwängen übergeordneter Autoritäten und komponiert als Dramma per musica auf ein vorgegebenes Libretto. Freilich nur nach außen hin – hinter der steifen Formfassade brennt sein Unabhängigkeitsfeuer längst lichterloh. Idomeneo ist Mozarts Sturm-und-Drang-Oper, womöglich sein wildestes Werk überhaupt. Mozart hielt sie für seine beste: ein spannungsgeladenes Menschwerdungsdrama. Seine enormen seelischen Emotionen vermochte der Komponist musikalisch in lyrischen wie in melancholischen Stimmungen zu spiegeln, in eruptiven Koloraturen und groß angelegten Chören. Es sind Botschaften der Aufklärung und des humanistischen Gedankens.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung

Idomeneo ist die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, den die Zerstörung bis in die Heimat verfolgt. Als Preis für die glückliche Heimkehr hat er dem Gott des Meeres einen Menschen als Opfer versprochen. Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen. Immer noch aktuell: Der Generation der Kinder wird auferlegt, Prüfungen zu bestehen und das Leben in eine heilere Welt zu überführen.

Stringente Herleitung aus der Musik

Dramaturgisch ist das Werk nach wie vor schwer zu knacken. Eric Uwe Laufenberg verbindet die erste Fassung (1781, München) mit der zweiten (1786, Wien), streicht bzw. ergänzt, nimmt aus beiden das Beste. Er überträgt Arien und Rezitative des Arbace auf den Oberpriester und erhöht damit das Geschehen. Schwerpunkt seiner Regie ist die stringente Herleitung aus der Musik. Laufenberg jongliert souverän in einem ästhetisch stark reduzierten Streifzug, erzählt eine zeitnahe Geschichte von komplexen Verwirrungen aus Schicksalsschlägen und Liebesleiden. Sein Idomeneo ringt um Macht, will trotz Krieg und Naturgewalten daran festhalten – bis hin zum Undenkbaren, seinen Sohn für eine bessere Zukunft zu opfern. Es ist eine rätselhafte Welt, in der der Meeresgott Neptun das Geschehen zu lenken scheint. Erst am Ende, wenn die Stimme des Orakels aus dem Off den Machtwechsel als überirdischen Kompromiss zwischen Meeresgott und Erdenwelt anordnet, überträgt Idomeneo seine Macht auf Idamante. Eric Uwe Laufenberg gelingt es, durch die vielfältigen Gefühlswelten zu führen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Schöpferische Phantasie und szenische Ästhetik

Seit langem stehen die Ausstattungen von Rolf und Marianne Glittenberg für schöpferische Phantasie, szenische Ästhetik und handwerkliche Perfektion. Die ethnologisch betonten Kostüme in vielgestaltigen Farben von Marianne Glittenberg für den Chor, und nicht zuletzt die prächtigen Gewänder von Idomeneo und Idamantes sind eine Augenweide. Der Bühnenrundraum von Rolf Glittenberg zeigt eindrucksvoll eine auseinandergeborstene Weltordnung. Es ist eine trostlose Trümmerwüste zwischen kaltem Beton, ein vor- bzw. nachzivilisatorischer Raum mit einem von Bomben zerschossenen Durchbruch, der erlaubt, auf das sich langsam wie auch stürmisch bewegte Meer zu blicken. Gérard Naziri (Video) und Andreas Frank (Licht) unterstützen diese Konzeption aussagekräftig.

Überzeugende Leistungen

Das Sänger-Ensemble bleibt den anspruchsvollen szenischen Herausforderungen nichts schuldig; hervorzuheben sind dabei die schauspielerischen Leistungen. Mirko Roschkowski, ein „Tenor zwischen Samt und Drama“, fesselt als Idomeneo durch seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs. Er ist keiner der femininen Mozart-Tenöre. Sein viriler Kern bekommt der Titelrolle ebenso gut wie die sanfte Belcanto-Politur, mit der er seine Partie veredelt.

Idamante und Ilia sind ein Paar, das seine Liebe hingebungsvoll lebt. Beide verschmelzen auf betörende Weise in den Liebesduetten. Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim (Idamante) betört mit seinem dunkelrubinroten Timbre. Patriotisch. Bewegt. Erotisch. Im Lauf des Abends wird er immer mehr zu einer männlichen Figur, der man alle innere Zerrissenheit zwischen Folgsamkeit und Liebespassion abnimmt. Er emanzipiert sich… Slávka Zámecníková (Ilia) singt bei ihrem Rollendebüt berückend mit fulminant aufblühendem Sopran. Aus der Barbarin wird ein menschliches Wesen. Ihre feenhafte Interpretation, die zarte Vielfalt der Farben, verbunden mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit überzeugen. Die furiose Elettra von Netta Or ist fordernd, leidend, zerbrochen. Nach ihrem bewegenden „Idol mio, se ritroso“ wünscht man ihr Liebe und Krone, und nicht, dass sie am Ende von Leichen umgeben in der Versenkung verschwindet. Ihre Furien-Dramatik gipfelt rachelüstern mit beachtlicher Koloraturtechnik in einer wild ausfahrenden Hass-Arie.

Eine besondere Rolle kommt dem Charaktertenor Rouwen Huther (Oberpriester) zu. Er übernimmt Arien und große Teile der Rezitative des Arbace und kann Idomeneo, der ihm von seinem Schwur erzählt, dominieren. Fein ausdifferenziert und nuanciert gewinnt seine Stimme mit exquisitem Timbre. Young Doo Park (Stimme des Orakels) vermittelt mit seiner Riesenstimme und sonoren Tiefe die Autorität Neptuns. Neben den vor Eifersucht getriebenen Rachegesängen Elettras, den lyrisch eindringlichen Arien Ilias und den Reflexionen Idomeneos steht das Quartett im 3. Akt „Andrò ramingo e solo“ mit Eka Kuridze, Barbara Schramm, Koan-Sup Kim und Slawomir Wielgus im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mehr als durch Albert Horne ist aus dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kaum herauszuholen: Er ist mit hoher Intensität ein wuchtiges Metaphern-Kollektiv, ein echter Hauptrollen-Gegenpart – klanglich wie darstellerisch souverän.

Konrad Junghänel lässt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden auf Festspiel-Niveau mit Klangkultur und federnder Geschmeidigkeit aufblühen. Dezent, zielgerichtet und sensibel blüht Mozarts experimentellste Opernpartitur in all ihren Facetten auf: die machtvolle Feierlichkeit der Ouvertüre, die fast schon impressionistisch getönte Empfindsamkeit Ilias etwa in ihrer „Zephyretten-Arie“ oder die expressive Wucht der großen Chorszenen… fein, von den Celli bis zu den Hörnern in der kleinsten Phrase ausformuliert. Das ist schlicht großartig!

Das Publikum spendet allen Mitwirkenden herzlichen Applaus. Die Vorfreude auf den kommenden Opernabend ist geweckt, auf Titus, der inhaltlich mit Idomeneo verbunden wird und doch Raum lässt für eine Einzelbetrachtung: zwei Herrscher in prekären Situationen, die sich redlich Mühe geben, das Richtige zu tun, und dabei unter dieser Bürde leiden. Der eine soll den eigenen Sohn töten, weil er in Lebensgefahr den Göttern ein unkluges Versprechen gab, der andere soll selbst sterben, weil eine enttäuschte Frau ein rachedurstiges Komplott plant. Es bleibt spannend!

 La Clemenza di Tito  – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

La Clemenza di Tito – Die Milde des Titus

La clemenza di Tito (Die Milde des Titus) ist eine Lobeshymne, eine Huldigungsoper, ein Dramma per musica in zwei Akten. Die Uraufführung fand 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen statt. Sie erzählt die Geschichte um Macht, Intrigen und das milde Vergeben des römischen Herrschers Titus, der sein Volk versöhnt, den Staat befriedet und selbst dem Attentäter Sesto verzeiht. Damit brachte Mozart seine Vision des friedvollen Zusammenlebens musikalisch zum Ausdruck.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Bomben auf das Wiesbadener Kurhaus

In einer durchorganisierten sterilen Zentrale übt Titus seine Macht in Form von Milde aus und gerät in Konflikte, weil seine Gnade als Zumutung gesehen wird. Seine unbegrenzte Gnade geht soweit, dass er auch jenen verzeiht, die ihn töten wollen. Er macht sich zu einem gottähnlichen Herrscher. In seinem Machtsystem gibt es keinen, der das aushält. Im inneren System des Staates sind Umsturz, Attentate und Machtübernahmen bis hin zur Folter möglich. Herrschaft mit Gnade kann auch grausam sein. Uwe Eric Laufenberg erzählt den Titus-Stoff packend, dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie zeitlos Machtmissbrauch und Intrige, die eigentlichen Inhalte von Mozarts Oper, immer waren und immer sein werden. Das Rezitativ „Oh Dei, che smania è questa“ singt Silvia Hauer (Sesto) – sehr passend aus der Kaiserloge – und wirft per Videoprojektion Bomben auf den römischen Titusbogen /Wiesbadener Kurhaus, dessen Inschrift in „Divo Vespasiano Augusto“ umgewidmet wird. Die Flammen lodern hell auf… Ein toller Regieeinfall und einer der Höhepunkte des Abends. Ein guter Ausgang war der Regie offenbar unheimlich. Vitellia trinkt Gift!

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Entgegen dem Bühnenrundraum von Idomeneo, in dem Empathie ausgelebt werden kann und der durch Farben bestimmt ist, strahlt der gleiche Raum in Titus Kühle aus. Durch eine große weiße Treppe wird hierarchisch geregelt, wer oben und wer unten steht. Auf dieser monumentaler Treppe kommt der Chor vortrefflich zur Geltung. Rolf Glittenberg gelingt ein überzeugender – optisch vergleichender – Übergang zwischen den beiden „Herrscher-Opern“. Die Kostümdesignerin Marianne Glittenberg unterstreicht die römischen Machtstrukturen mit schwarz-weißer Businesskleidung, die Zuordnungen zulässt.

Emotional und spannend

Mirko Roschkowski ging das Wagnis ein, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beide Titelpartien zu singen, was ihm voll umfänglich gelingt. Er ist als Titus ein Aggressor als Vergebungskaiser mit klarer und eleganter Definition, wie für Mozart notwendig, dabei mit sorgfältig dosiertem Schmelz ausgestattet. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten. Auch szenisch, mit zerrissener Präsenz, kann er punkten.

Olesya Golovneva als machtgierige Vitellia glänzt mit blitzsauberen nuancenreichen Koloraturen und lebt ihre Rachsucht und Lüsternheit darstellerisch voll aus. Besonders eindrucksvoll ihr Rezitativ „Ancora mi schernisce?“, mit dem sie Sesto davon überzeugt, Titus zu ermorden. Außerordentlich und fast zu Tränen rührend ist der Sesto von Silvia Hauer. Mit großer Stimme, die sie biegsam und fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und emotionsstarker Gestaltungskraft. Ihre Fermaten und Pianomomente betonen „Die Stille dazwischen“. Lena Haselmann singt den Annio mit Grandezza, Schönheit, apart mit schauspielerischer Fantasie. Ihr schlanker Mezzosopran mischt sich im Liebesduett ideal mit dem frischen, brillierenden Sopran und dem feinsinnig lustvollen Spiel von Shira Patchornik als Servilia.

Young Doo Park (Publio) repräsentiert die Macht des Volkes, verfügt über die Durchsetzungskraft, die Titus fehlt. Mit sicher geführter Stimme, markig, aber auch samtig weich, ist er auffällig präsent. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen des Chores des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bei diesem Mozart-Doppelprojekt über ca. sechs Stunden sind eine beeindruckenden Glanzleistung. Unter der Leitung von Albert Horne gewinnt er immer mehr an Kontur.

Besonders berührt der Soloklarinettist Adrian Krämer, der auf die Treppe kommt und atemberaubend die Arie „Parto, ma tu ben mio“ des Sesto begleitet. An dieser Stelle leuchtet Mozarts Musik herrlich auf. Im zweiten Akt spielt er das Bassetthorn zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der beiden Proszeniumslogen.

Auch am zweiten Abend gelingt es Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester Wiesbaden transparent, elegant, präzise – immer im Sinne einer mitreißenden Mozart-Konturierung aufleuchten zu lassen. Er lässt immer wieder Stille zwischen die Takte, verlangsamt oder beschleunigt zu exzellierenden Genussstrecken, die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamend, den motorischen Hauptteil kräftig angezogen. Diese Höchstleistung war nur zu realisieren, indem die Mitglieder des Orchesters für beide Opern aufgeteilt wurden, somit wurde eine effektivere Probenarbeit ermöglicht.

Aufwühlende, inspirierende Opernabende mit viel Beifall.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Nächste Seite »