Bern,Theater Bern, Król Roger – Karol Szymanowski, IOCO Kritik, 4.12.2019

Dezember 3, 2019 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

Król Roger  –   Karol Szymanowski

– Liebe, Leidenschaft, Ekstase – doch mit wem? –

von  Julian Führer

Über 90 Jahre nach der Warschauer Uraufführung hatte Król Roger (König Roger II.) von Karol Szymanowski in Bern seine Schweizer Erstaufführung. Diese kurze Oper in drei Akten dauert nicht einmal anderthalb Stunden, stellt aber dennoch hohe Anforderungen an die Mitwirkenden und ist für das Publikum nicht ganz leicht, da kaum von einer Handlung die Rede sein kann und in jedem Akt eher Seelenzustände reflektiert werden.

Karol Szymanowski (1882-1937) war 1911 und 1914 im Mittelmeerraum unterwegs und war von der dortigen Mischkultur fasziniert. Das Projekt einer dort angesiedelten Oper entwarf er 1918 in Odessa mit seinem Librettisten Jaroslaw Iwaszkiewicz. Die Komposition erstreckte sich über die Jahre 1918-1924, 1926 fand die Uraufführung statt. Das Werk hat sich nie einen Stammplatz im Repertoire der Opernhäuser erobern können, war aber auch nie ganz vergessen und fand in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit – zu Recht, wie sich in Bern zeigte.

Szymanowski schrieb einen Roman Ephebos, der sich nur in Auszügen erhalten hat (das Original ist 1939 in Warschau zugrundegegangen). Die dort thematisierte erotische Faszination für junge, sehr junge Männer zieht sich als Leitmotiv latent auch durch Król Roger, wobei in diesem Werk einiges an symbolistischen Verrätselungen im Stile Maeterlincks eine zu drastische und im Polen der 1920er Jahre undenkbare Thematisierung unterbindet.

 Konzert Theater Bern / Krol Roger - hier : Mariusz Waldemar Godlewski als Roger  © Annette Boutellier

Konzert Theater Bern / Krol Roger – hier : Mariusz Waldemar Godlewski als Roger  © Annette Boutellier

König Roger II. von Sizilien herrschte im 12. Jahrhundert, er war Normanne und regierte ein Reich, das von einem Miteinander von westlichem und östlichem Christentum und vom Kulturkontakt zum muslimischen Nordafrika geprägt war. Aus seiner Kanzlei sind Dokumente in lateinischer, griechischer und arabischer Sprache erhalten. Er galt Mit- und Nachwelt als hochgebildet und (in mittelalterlichen Maßstäben) aufgeschlossen gegenüber dem Anderen an sich. Das normannische Sizilien hat auch Gioachino Rossini (Tancredi), Vincenzo Bellini (Il Pirata), Giacomo Meyerbeer (Robert le Diable) und Giuseppe Verdi (I vespri siciliani) Opernstoffe geliefert. Dennoch ist die historische Figur nicht im Zentrum der Handlung; Szymanowski hatte auch den Kaiser Friedrich II. aus dem 13. Jahrhundert als Herrschergestalt in Erwägung gezogen (auch er im Süden aufgewachsen, hochgebildet und im Dialog mit anderen Religionen und Kulturen stehend), und bis 1922 hatte die Oper den Arbeitstitel Der Hirte.

Die Berner Regie von Ludger Engels abstrahiert von allen historischen und regionalen Bezügen. Das Bühnenbild (Ric Schachtebeck) ist schlicht: Der Orchestergraben ist abgedeckt, die gewonnene Spielfläche wird mit wenigen Dekorationselementen wie einem Podest und einem Tisch mit Stühlen markiert. Das Orchester befindet sich hinter den Sängern und wird in den zahlreichen Chorszenen auch immer wieder verdeckt, manchmal mit Folgen für den Klangeindruck: In einzelnen Passagen klingt das Blech wie ein Fernorchester in den Symphonien von Gustav Mahler.

Im ersten Akt befinden wir uns laut Regieanweisung in einer byzantinischen Messfeier. Beeindruckend vom ersten Augenblick an ist der Hagios-Kyrios-Chor (mit dem Kinderchor der Musikschule Köniz), der direkt ins Publikum gesungen wird. Stimmführung und Harmonien lassen an die Krönungsszene aus Boris Godunow denken. Mit drängenden Worten und immer fordernder verlangt der Chor, der König möge die christlichen Bräuche vor einem fremden Schäfer und seinen Reden schützen. König Roger II. regiert mit einem grauen Dreiteiler als Amtskleidung (Kostüme: Heide Kastler) und richtet sich an sein Volk, indem er nach vorne gerichtet singt und dabei über Livekameras auf zwei große Bildschirme über dem Orchester übertragen wird. Während der Erzbischof (Young Kwon) stimmgewaltig ebenso wie die Diakonissin (Sarah Mehnert) die Bestrafung des Hirten fordert, ist Roger unentschlossen; seine Frau Roksana (in diesem Akt in einem blauen Zweiteiler) ist fasziniert von dieser Gestalt, wie auch musikalisch in betörenden Phrasen der Violinen deutlich wird. Wer ist nun dieser Hirt? Er springt auf einmal in der ersten Reihe des Parketts auf, ein später Hippie in Jeans, der sich beim Auftritt nochmals seine Dornenkrone richtet. Seine Worte über seinen Gott scheinen mehr als einen anzusprechen: „Ihr, die ihr den Dienst der Liebe ungestillt erleidet, schart euch um ihn.“ Je mehr er von seinem Gott erzählt, desto mehr ist Roksana fasziniert – sie löst sich die Haare, und Roger muss seine Frau vom Hirten losreißen. Zunächst befiehlt er seine Hinrichtung, revidiert dann aber seinen Beschluss und fordert den Hirten auf, nachts in seinem Palast vor ihm als seinem Richter zu erscheinen. Die mit der Dornenkrone markierte Christusparallele wird von der Regie allerdings nicht weitergeführt.

Konzert Theater Bern / Krol Roger - hier : Revolution © Ric Schachtebeck

Konzert Theater Bern / Krol Roger – hier : Revolution © Ric Schachtebeck

Der zweite Akt spielt bei Szymanowski im Innenhof des Königspalasts. Roger erwartet den Hirten zu dem Gericht, das eigentlich eine Unterredung oder ein Wendepunkt sein wird – Roger weiß das. Sein Vertrauter Edrisi (Nazariy Sadivskyy) bemerkt die Unrast seines Herrn. Er fragt, „wie lange nicht dein Sehnen gestillt im Kuss Roksanas“ – und Roger antwortet mit recht ausführlichen Darlegungen über die Glut in den Augen des Hirten. „Meine Macht reicht nur so weit wie mein Schwert. Doch ahne ich Unbekanntes, und Schweigen macht mir Angst.“ Es liegt nahe, diese Passagen quasi als autobiographische Chiffre zu lesen. Hinter dem Orchester singt Roksana (Evgenia Grekova, jetzt im bunten Kleid) ein berückend schönes Lied an die Nacht und den Hirten. Der Hirt erscheint, der Gazevorhang zwischen vorderer Spielfläche und Orchester wird hochgezogen, wodurch sich auch das Klangbild wandelt, das im Wortsinne viel weniger verhangen als in der Anfangsszene ist. Dem unruhigen Roger tritt der Hirt in einem engen anthrazitfarbenen Anzug entgegen, dazu trägt er hochhackige gelbe Damenschuhe – und drunter nichts als Glitzerwerk mit spirituellen Symbolen (Sternen, Kreuzen, einem Auge und einem großen Herz): „Ich komme zu dir, um dich zu grüßen im Namen ewiger Liebe.“ Roger will nun wissen, was es mit dem Hirten und seiner Lehre auf sich hat. Seine Fragen sind schroff, die Orchesterbegleitung mit viel Blech ebenfalls. Die Antworten des Hirten hingegen lassen die Orchesterfarben blühen, insbesondere in den hohen Streicherstimmen und im Holz – sind das nun paradis artificiels im Sinne Baudelaires oder eine Gegenwelt, die Roger ebenso wie Szymanowski fasziniert?

Roksana interessiert sich sichtlich für den Hirten, Roger hingegen hält seine Ausführungen für Lästerei und fürchtet göttliche Strafe. Wenn Roger singt: „Mein Königsherz ist hart wie Stahl und unbezwingbar“, ist das Autosuggestion, denn er kommt sichtlich ins Schwanken – und so geht es den Umstehenden auch. „Mädchen und Knaben“ liebt der Gott des Hirten (wieder ein Verweis auf Autobiographisches?), die Musik nimmt arabisierende Züge an. Einen exotischen und vor allem sinnlichen Mittelakt oder -teil gibt es bei Richard Wagner im Parsifal (Carl von Ossietzky machte sich über das „Nuttenballett“ der „Klingsor-Girls“ lustig – das an dieser Stelle in Król Roger vorgesehene Ballett hat die Regie durch szenische Mittel ersetzt). Auch Franz Schreker ließ den zweiten Akt von Der ferne Klang und den Mittelteil von Die Gezeichneten in einem erotisch aufgeladenen Ambiente spielen – von Richard StraussSalome und ihrem orientalisierenden Tanz ganz zu schweigen. Szymanowskis Musik hat von all diesen Werken etwas – eine dichte Partitur mit teils abrupt wechselnden Orchesterfarben, Anleihen bei der orthodoxen Kirchenmusik, arabisch klingen Schattierungen und überschwenglichen Apotheosen. Das Berner Symphonieorchester unter Matthew Toogood schien am Premierenabend mühelos in der Lage, dieser anspruchsvollen Komposition gerecht zu werden. Trotz der üppigen Orchestrierung und der punktuell hohen Lautstärke ging das Klangvolumen nie über das hinaus, was dem Haus angemessen ist. Das eigentliche Drama spielt sich nicht in der äußeren Handlung, sondern in der Musik ab – und dies war in Bern auf beeindruckende Weise erfahrbar.

Krol Roger  _  Interview mit Matthew Toogood
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Minutenlang regiert nun die Musik allein. Die Damen des Chors lösen ihre Haare, die Herren ihre Krawattenknoten, dann schwenken sie Plakate und fordern freie Liebe. Statisten im Publikum halten Plakate hoch und entrollen Transparente, während die Akteure auf der Bühne immer mehr in Ekstase geraten, während Roksana vorne vor dem Hirten willenlos auf dem Boden liegt. Diese wilde Szenerie wird schließlich von Roger unterbrochen, der Hirt wird fixiert – und kann sich ohne Gewaltanwendung befreien. Er ruft dazu auf, dass man ihm folgen möge. Auch Roger ist verstört von der Macht des Hirten: „Ich folge ihm auch! Ein Pilger … König nicht!“ Er wirft Weste und Krawatte als Insignien seiner Macht weg, Edrisi umarmt ihn.

Der dritte Akt spielt bei Szymanowski in der Ruine eines antiken Theaters – ein Kunstgriff, um das nun Folgende darstellbar zu machen. In der Regie von Ludger Engels bleibt es bei der kleinen Spielfläche vor dem Orchester. Edrisi zündet sich wartend während der Introduktion eine (echte!) Zigarette an. Roger seinerseits ist nun ganz auf sich gestellt, durchlebt nicht mehr die Angstzustände des vergangenen Aktes, aber zweifelt an allem: „Ach wo, wo ist meine Liebe?“ – „Wen sucht der König heute, wen?“ Als er einsam nach Roksana ruft, antwortet sie ihm aus der Ferne. Hinter dem wieder heruntergelassenen Gazevorhang wirkt sie in ihrem nun weißen Kleid wie eine Erscheinung, und Roger singt von ihr abgewandt ins Publikum, so als würde er sie als Projektion wahrnehmen oder sich von ihr gelöst haben. Was Roksana fast jubelnd und doch rätselhaft vom Hirten berichtet, hört sich wie von Richard Strauss komponiert an. Roksana, die ihren Mann kennt, mahnt, der Hirt rufe „in den Abgrund deiner Seele“. Dieser erscheint, jetzt nur noch im Lendenschurz und mit Ganzkörperschminke. Roger entledigt sich nun auch der letzten Zeichen seiner Macht; barfuß steht er auf der Bühne, und seinen Anzug hat er so zerfetzt, dass er jetzt eine Art Hirtengewand trägt – und so küsst er seinen Vertrauen Edrisi. Die Musik säuselt und schwärmt dazu, sie schwingt sich auf und steigert, dem Finale des ersten Akts von Puccinis zeitgleich komponierter Turandot in diesen Passagen ähnlich, sich zu einem gewaltigen Fortissimo nach den letzten Worten Rogers:Und meiner tiefen Einsamkeit, dem Abgrund meiner Macht entreiße ich mein reines Herz und bringe es als Opfer dar der Sonne!“

Konzert Theater Bern / Krol Roger © Ric Schachtebeck

Konzert Theater Bern / Krol Roger © Ric Schachtebeck

Gerade Roger und der Hirte benötigen für ihre Rollen viel Kraft, verfügen aber beide auch über gewaltige stimmliche Ressourcen. Das Berner Theater ist nicht groß. Das Orchester wird nicht durch einen tiefen Graben gedämpft. Die Sänger agieren vor dem Orchester und haben zwischen sich und dem Publikum keinen trennenden Graben, was zu großer körperlicher Nähe führt. Szymanowski hat die Stimmen so komponiert, dass die Stimmlage beispielsweise des Hirten, wenn er gleichzeitig mit dem Chor singt, stets ‚frei‘ bleibt und er somit stets gut zu hören ist – allerdings unter großer Anstrengung, zu der Andries Cloete aber auch in der Lage ist. Sein Tenor ist sinnlich, aber auch kräftig und gleichwohl zu großer Zartheit in der Lage. Auch der Chor (Foto oben) vollbringt eine beeindruckende Leistung. Die teils gewaltige Lautstärke wird (insbesondere im ersten Akt) aber auch durch Pianissimi des gesamten Ensembles aufgefangen. In der Titelrolle des Roger kann (und muss) Mariusz Waldemar Godlewski (der einzige Muttersprachler im Ensemble dieser polnischen Oper) an die Grenzen gehen: im ersten Akt ein vom Chor getriebener Herrscher, der sich Respekt verschaffen muss; im zweiten Akt von Ängsten und Zweifeln gequält, den Hirten scharf verhörend und ihm doch von Anfang an verfallen; im Schlussakt der Mensch, der seine Stellung und alles andere aufgegeben hat, um ein neues Leben zu leben und endlich zu finden, wonach er bislang (wie Edrisi bereits zu Beginn des zweiten Teils ahnte, wohl ohne Roksana) vergeblich und nur heimlich sich gesehnt hat, vermutlich ohne es zu wissen. Ein aufregendes Rollenporträt, dem Godlewski große Glaubwürdigkeit verlieh.

Ein konzentriertes Orchester, ein engagierter Chor, ihrer Rolle gewachsene Solisten und eine geradlinige, klare Regie, die den Akzent auf die Hauptthemen der Oper legt und mittels der Abstraktion von historischer Couleur mit der existenziellen Krise des Protagonisten den Kern des Werkes zeigt: Mehr kann ein Opernabend kaum leisten. Das international zusammengesetzte Publikum feierte insbesondere die drei Protagonisten und bedachte auch die anderen Akteure und das Regieteam mit viel Applaus. Das Werk wird bis zum Juni 2020 in acht Vorstellungen gezeigt. Man sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.

—| IOCO Kritik Theater Bern |—

Dresden, Kulturpalast, London Philharmonic Orchestra – Vladimir Jurowski – Jan Vogler, IOCO Kritik, 20.11.2019

November 19, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

  London Philharmonic Orchestra – Vladimir Jurowski – Jan Vogler

Britten – Mahler – Zweites Dresdner Palastkonzert

von Thomas Thielemann

Vieles verbindet das Dresdner Musikleben mit der Dirigentendynastie Jurowski. Der 1945 als Sohn des Komponisten Wladimir Jurowski (1915-1972) geborene Mikhail Wladimirowitsch war seit 1988 Gastdirigent der Semperoper und wäre fast Bürger der Stadt geworden. So aber rief Berlin und Mikhail begrenzte seine Verbindungen zur Stadt mit zahlreichen Gastdirigaten bei der Staatskapelle, der Dresdner Philharmonie und bei den Gohrischer Schostakowitsch-Festtagen. Sein älterer Sohn Vladimir (geboren 1972) nahm 1990 ein Studium an der hiesigen Musikhochschule Carl-Maria-von-Weber unter anderem bei Colin Davis auf, folgte aber dann der Familie. Als Dreißigjähriger debütierte er 2002 mit großem Erfolg mit Pendereckis Oper Der Teufel von London an der Semperoper und ist seit dem als Gastdirigent der Staatskapelle mit außergewöhnlichen Programmen ein Erfolgsgarant. Bei seinen Gastdirigaten im Semperbau war Vladimir Jurowski fast ausschließlich mit den wenig populären schwierigeren Aufgaben betraut gewesen. Erinnert sei hier an Lera Auerbachs Dresdner Requiem im Jahre 2012, an das 11. Symphoniekonzert 2015 mit Werken von Sofia Gubaidulina, Tanjew und Skrjabin, an das 6. Symphoniekonzert 2017 mit Kompositionen von Zemlinski, Schulhoff und Martin? sowie das diesjährige 10. Symphoniekonzert mit den Sommernachtsträumen Henzes und Mendelssohns mit der etwas flippigen Isabel Karajan. Letztere hatte es Jurovski doch etwas schwer gemacht, sein Konzept durchzusetzen.

 Vladimir Jurowski @ Oliver Killig

Vladimir Jurowski @ Oliver Killig

Am 17. November 2019 kam er mit seinem London Philharmonic Orchestra in den Konzertsaal des Kulturpalast von Dresden, um  im Rahmen der Palastkonzerte mit Jan Vogler die Cello-Symphonie op. 68 von Benjamin Britten und Gustav Mahlers fünfte Symphonie zu spielen. Seit Jan Vogler 2007 das Orchester von Kurt Masur übernahm, ist er der Chefdirigent des 1932 gegründeten Klangkörpers.

Benjamin Britten © IOCO

Benjamin Britten © IOCO

Der bedeutende englische Komponist Edward Benjamin Britten (1913-1976) war 1963 von seinem Freund, dem russischen Cellisten, Dirigenten und Humanisten Mstislaw Rostropowitsch (1927-2007), gebeten worden, ihm ein Cellokonzert zu schreiben. Wegen seiner Symphonie-typischen Struktur mit vier Sätzen wird die Komposition üblicherweise als „Symphonie für Cello und Orchester op. 68“ bezeichnet. Erklärt wird diese außergewöhnliche Struktur mit den Umständen, dass sich der erklärte Pazifist und Kriegsdienstverweigerer Britten in den 1960er Jahren mit den Schrecken und Leiden des zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt hatte, aber mit seinem bekanntesten Werk War Requiem 1961 unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ noch nicht zum Abschluss seines Anliegens gekommen war.

Mit dem Rostropowitsch zugeeigneten Cellokonzert widmete er sich nochmals den Problemen von Krieg und Frieden. In drei Sätzen, schnell majestätisch-sehr schnell unruhig-langsam, zeichnete er mit der Cello-Komposition mittels düsterer Klangfarben eine Reise vom Dunkeln ins Licht. Wie Nebelschwaden  sind die Cello-Passagen in den Klangteppich eingelagert. Mit einer dem Adagio unmittelbar angeschlossenen langen Kadenz, die wie eine Klammer von den drei trostlosen Sätzen zum hoffnungsvollen Finale überleitet, ist gleichsam organisch die komplexe symphonische Struktur entstanden. Die Komposition ist Brittens größte symphonische Arbeit und ist vor allem von seiner Freundschaft zu Rostropowitsch geprägt. Orchester und Solist agieren auf Augenhöhe. Britten verzichtete auf ein avantgardistisches Klangbild und greift vor allem auf Barockformen zurück.

Jurowski gelingt es, mit dem Orchester lebendig in die Klangwelt des Komponisten einzutauchen und eine überzeugende Deutung der Anti-Kriegs-Komposition Brittens vorzulegen. Dazu besonders aufregend der Klang von Jan Voglers Castelbarco-Fau-Cello von 1707 aus der Werkstatt von Antonio Stradivari (ca 1644-1737), wenn Solist und Orchester besonders im Adagio eine trostlose Landschaft zaubern. Nach der brillanten Kadenz von Jan Vogler wird der Beginn des Finalsatzes von einem grandiosen Trompetenthema, grandios gespielt vom Solo-Trompeter der Londoner  Paul Beniston dominiert.  Auffällig waren der massive Einsatz des präzis gespielten Schlagzeugs und dessen ungewöhnliche Kombinationen mit dem Cello. Für mich war eine höchst aktuelle Auslegung der Gedanken Brittens geboten worden.

 Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig

Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra @ Oliver Killig

Im zweiten Teil des Konzertes brachten Jurowski mit den Londoner Philharmonikern die fünfte Symphonie von Gustav Mahler zu Gehör. Nun waren es gerade zwei Monate her, dass wir Mahlers Werk mit der Staatskapelle unter der Leitung von Daniele Gatti und in der doch kleineren Semperoper hören durften. Da war ein wunderbarer Vergleich zwischen den Orchestern, den unterschiedlichen Temperamenten der Dirigenten und der unterschiedlichen Klangentfaltung in beiden Sälen, möglich.

Nahezu auf Anhieb fiel der gravierend unterschiedliche Orchesterklang auf. Hört man doch oft Klagen, die Orchester würden zunehmend austauschbar klingen. Aber gegenüber dem weichen Klang der „Wunderharfe“ hörte sich das London Philharmonic Orchestra fast etwas ruppig an. Besonders bemerkt man die Unterschiede bei der Qualität der Streicher und der leichten Überfrachtung der Blechbläser bei den Londonern.

Unterschiede der Mahlerdeutung waren besonders deutlich beim Adagietto zu spüren. Gatti war bei seiner Interpretation bemüht gewesen, die Hörerwartungen insbesondere des Abonnenten-Publikums von der Verwendung der Mahler-Melodie in Viscontis „Tod in Venedig“ abzulenken. So blieb in der Erinnerung an das Gatti-Konzert, dass das Adagietto zum Teil zarter, zum Teil aber deutlich prononcierter dargeboten wurde. Jurovski ließ den Ohrwurm nach einer selten langen Satzpause gefälliger ohne Ecken und Kanten durchspielen. Beim Dirigat fiel vor allem Jurovskis Sinn für Balance, rhythmische Präzision und die technische Sicherheit auf, wie er die dramatische Form der komplexen Partitur mit straffen Ansagen bewältigte. Gatti hatte dagegen die Dresdner doch etwas an der „langen Leine“ laufen lassen.

Die Diskussion bezüglich einer eventuellen Übersiedelung der Staatskapelle in den größeren Konzertsaal des Kulturpalastes ist inzwischen zugunsten der Bestandslösung ausgestanden. Die Mahlersymphonie hörte sich bei allen Unterschieden der beiden Spielansätze im Kulturpalast präsentabler an und kam im Semperbau intimer und weniger „Welttheater-mäßig“ zur Geltung. Deshalb wäre es auch interessant, das Britten-Cellokonzert einmal im engeren Rahmen der Semperoper erleben zu können.

Das Konzert war bis auf wenige Plätze ausverkauft. Aus dem inzwischen selteneren festlichen Outfit der Besucher und der intensiven Nutzung des Caterings konnte man auf das typische Musikfestspielpublikum schließen. Entsprechend intensiv setzte der Beifall unmittelbar nach den letzten Takten der Musik ein und ging fast unmittelbar in stehende Ovationen über.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Peter Grimes – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

PETER GRIMES  – Benjamin Britten

–  Scheitert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen –

 
von Uschi Reifenberg

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Riesige Gedenkmuschel an Benjamin Britten am Strand von  Aldebrough © IOCO

Das Meer ist allgegenwärtig in dem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Englands, es beherrscht in seiner Vielgestaltigkeit die Existenz der Dorfbewohner und durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Es ist die zentrale Elementargewalt, der sich die Menschen in dem rauen Küstengebiet nicht entziehen können. Es schafft Begrenzung, ist Tor zur Freiheit oder  letzter Zufluchtsort.
In Benjamin Brittens Oper Peter Grimes fungiert das Meer als eigentlicher Hauptträger der Handlung und wird zur Projektionsfläche der Protagonisten, zum Symbol für die Abgründe und Stürme der menschlichen Seele. In seiner Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit spiegelt es aber vor allem das aufbrausende Naturell des unglücklichen Titelhelden Peter Grimes.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. (…) Als ich Peter Grimes schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.“   (B. Britten 1945).

Peter Grimes – Benjamin Britten
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Britten wurde 1913 am Meer, in Lowestoft, Suffolk, geboren, und verbrachte bis zu seinem Tod 1976 fast sein ganzes Leben an der Ostküste Englands. Mit acht Jahren begann er bereits zu komponieren, 1933 beendete er sein Studium und mit 24 Jahren konnte er eine beachtliche Zahl an Kompositionen, vor allem im Bereich der Sinfonik, aufweisen. Auch als Dirigent Pianist und vor allem als Liedbegleiter erlangte er Weltruhm. 1937 begegnete Britten dem Tenor Peter Pears, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft und eine ebenso lange fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verband. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verließ der erklärte Pazifist zusammen mit Pears die Insel und übersiedelte in die USA, wo er auch die Versdichtung The Borough (Die Gemeinde, 1810) von George Crabbe kennenlernte.

Dessen Erzählungen über ein kleines Fischerdorf in Suffolk weckten Brittens Sehnsucht nach der Heimat und so kehrte er 1942, mitten im Krieg, zurück nach England, wo er 1944 mit der Komposition seiner Oper begann. 1945 in London uraufgeführt, wurde Peter Grimes zu einem Welterfolg und hob Britten quasi über Nacht in den Rang eines englischen Nationalkomponisten, fast 300 Jahre nach Henry Purcell.

In Crabbes Erzählung Peter Grimes, ist dieser ein gewalttätiger Sonderling, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren kann und will. Er ist für den Tod von drei Lehrjungen verantwortlich und wird deshalb von der Dorfgemeinschaft verfolgt und ausgegrenzt.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Britten und sein Librettist, Montagu Slater, erklärten 130 Jahre später den Konflikt der Titelfigur allerdings nicht aus dessen zweifelhaftem Charakter, sondern aus der Konfrontation des Einzelnen mit dem Kollektiv, ein Thema, das in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine besondere Aktualität erhielt. Slater und Britten machten aus Peter Grimes eine ambivalente Figur, dessen tragisches Scheitern aus dem Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen und unterdrückter Triebhaftigkeit resultiert. Der Titelheld weist damit in einem Aspekt Parallelen zu Benjamin Brittens eigener Biografie auf, der als homosexueller Künstler in England Mitte des letzten Jahrhunderts selbst auch ein Außenseiter blieb. Eindeutig thematisiert wird diese Problematik in Brittens Werk allerdings nicht.

Als Erneuerer der englischen Oper im 20. Jahrhundert wurde Britten zwar hochgeschätzt,
spürte aber, da seine Lebensführung nicht dem gängigen Gesellschaftsbild entsprach, die latenten Ressentiments und reagierte mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungsdruck. Diese Problematik verarbeitete er in seinen späteren Opern Billy Budd oder Tod in Venedig.

Bei Britten ist der Fischer Peter Grimes ein Einsamer, ein Zerrissener, der nach seinen eigenen Maßstäben lebt und sich durch sein cholerisches und unangepasstes Wesen immer mehr ins soziale Abseits manövriert. Er ist von fanatischem Arbeitseifer besessen und hofft auf Wohlstand und Ansehen. Er beschäftigt einen Lehrjungen aus dem Waisenhaus, der beim gemeinsamen Fischen auf hoher See stirbt. In einem Gerichtsverfahren muss sich Peter Grimes für dessen Tod verantworten, aber da ihm keine Schuld nachgewiesen werden kann, wird er freigesprochen. Die Dorfbewohner halten ihn jedoch für schuldig und verfolgen ihn mit Argwohn. Der alte Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die ihn für unschuldig hält und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt, stehen ihm bei. Als Ellen aber bei einem zweiten Lehrjungen Verletzungen findet, stößt Peter Grimes sie von sich. Der aufgestaute Hass der Gemeinde richtet sich immer offensiver gegen ihn und Grimes verfällt in einen psychischen Ausnahmezustand mit Wahnvorstellungen. Als er vor der aufgebrachten Meute flieht, kommt auch sein zweiter Lehrjunge zu Tode. In seiner Ausweglosigkeit nimmt er den Rat von Balstrode an und versenkt sich selbst mit seinem Boot im Meer. Die Dorfgemeinschaft geht ungerührt ihren eintönigen Alltagsgeschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Bei Peter Grimes handelt es sich um eine zeitlose Parabel im Spannungsfeld von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Britten stellt das Schicksal des Außenseiters zur Diskussion, ist Peter Grimes ein schlechter Mensch oder wird er durch die Gesellschaft dazu gemacht. Eindeutige Aussagen werden nicht getroffen, Vieles bleibt im Dunkeln.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Brittens Musikstil ist geprägt von Komponisten wie Henry Purcell, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch. Der Verismo findet seinen Niederschlag in Brittens großem Erstlingswerk genauso wie traditionelle Elemente aus der englischen Volksmusik. Er hielt an einer erweiterten tonalen Tonsprache fest, auch wenn er von Avantgardisten seiner Zeit dafür kritisiert wurde. Peter Grimes ist zwar „durchkomponiert“, hat aber formal geschlossene Abschnitte wie Ensembles, ariose Teile und dramaturgisch bedeutende Orchesterzwischenspiele,die „Interludes“. Die zweite große Hauptrolle übernimmt der Chor.

Regisseur Markus Dietz und Bühnenbildnerin Ines Nadler haben ein beklemmendes abstraktes Einheitsbühnenbild geschaffen, das in seiner Reduktion die Trostlosigkeit und Düsternis der Handlung und der Naturgewalten widerspiegelt. Grautöne in verschiedenen Abstufungen bis hin zur totalen Finsternis sind vorherrschend. Eine bewegliche Zwischendecke mit variablen weißen Neonlichtern, die scharfe Kontraste setzen (Lichtregie: Florian Arnholdt), beherrscht den Bühnenraum, weitet oder verengt die Szene und passt sich den Seelenzuständen der Personen an. Karge, vereinzelte Requisiten wie Fangkörbe, Tische und Stühle oder ein hell strahlendes Kreuz, verdeutlichen Küste, Kneipe oder sakralen Raum. Wenn die Gemeinde sich zum Trinken trifft, sorgt eine einsame bunte Lichterkette vor dunklem Hintergrund für Feierstimmung.

Ab dem 2. Akt bedeckt Wasser den Bühnenboden knöcheltief, so dass sich alle Personen mit Gummistiefeln fortbewegen. Eine perfekte Metapher für die immer weiter zunehmende klaustrophobische Ausweglosigkeit der Situation. Die Dorfbewohner tragen unscheinbare Alltagskleidung (Kostüme: Henrike Bromber), lediglich die Kneipenwirtin Auntie und ihre beiden Nichten stechen aus der Masse hervor mit modischen bunten und aufreizenden Outfits.

Markus Dietz‘ differenzierte Personenführung zeigt das Kollektiv der Gemeinde in seiner bigotten, moralinsauren Kleinbürgerlichkeit als homogene Masse, aus der einzelne scharf gezeichnete Individualisten hervorstechen, die Funktionsträger der Gemeinschaft. Überwältigend, wenn der Chor eine geschlossene Phalanx an der Rampe bildet und seine Wut in den Zuschauerraum schleudert. Mit großer Sensibilität gelingt dem Regisseur die psychologische Feinzeichnung der Beziehung zwischen Balstrode, Ellen und Peter Grimes, die eine Insel der Mitmenschlichkeit in einer feindseligen Welt darstellt.

Die Gerichtsverhandlung zu Beginn wird vor dem „eisernen Vorhang“ abgehalten auf einem schmalen Raum vor dem Orchestergraben unter Einbeziehung der Seitenlogen. Die Gemeinde, das sind die Fischer und ihre Frauen, unterhalten sich laut. Plötzlich sieht man eine Videoeinspielung, die ein Kind zeigt, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Das Bild kommt näher, das Kind wird gedreht, es ist tot. Die Verhandlung beginnt, Peter Grimes steht auf einem Stuhl und verteidigt sich, die Menge urteilt gegen ihn, der Richter plädiert aber auf Freispruch. Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin des Dorfes, einzige Lichtgestalt im strahlend weißen Kleid, erscheint selbst wie die personifizierte Unschuld. Für einen kurzen Moment, in einem ergreifenden a capella Duett zwischen Ellen und Peter Grimes, scheint das Glück für beide greifbar, aber wieder schiebt sich das Bild des toten Kindes dazwischen. Es entfernt sich, und im Wasser treiben nun mehrere tote Kinder. Die Traumatisierung des psychischen Borderliners Peter Grimes wird evident, man ahnt, dass die schrecklichen Bilder ihn nicht mehr Ioslassen werden. Das harte Leben der Fischer, die ihre Fangkörben stapeln um sich vor der Sturmflut zu schützen, wird durch das Agieren auf schmalem Raum beklemmend dargestellt, ebenso die drückende Enge im Dorfpub, in dem die Bewohner dicht an dicht gedrängt sind und Tanz, Gesang und Alkohol die traurige Realität verdrängen sollen. Auch hier kann sich Peter Grimes nicht integrieren, und wird verspottet. Ein weiterer Junge aus dem Waisenhaus wird für ihn gebracht, aber Ellen kann ihn nicht mehr beschützen.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Zu Beginn des 2. Akt sieht man wieder eine riesige Videoeinspielung, diesmal mit fröhlich lachenden Jungen und Mädchen. Im Hintergrund betet die Gemeinde in der Kirche, von der Decke hängt ein großes Kreuz in leuchtendem weiß. Als die Gemeinde auseinandergeht, fallen Vorhänge herab und geben den Blick frei auf ein mit roter Farbe geschriebenes Wort: Murderer! Eine suggestive Szene mit thrillerartiger Schockwirkung. Nun beginnt die Hetzjagd auf den Ausgegrenzten, Fackeln werden an die Meute verteilt, die in der Nacht eine gespenstische Wirkung entfalten.

Nach dem unglücklichen Tod des zweiten Jungen verfällt Peter Grimes dem Wahnsinn, auf einem harten Tisch liegend, fährt er auf der Zwischenebene nach oben, nicht mehr erreichbar für Ellen, die zusammenbricht. Man wird Zeuge einer fast unerträglichen Steigerung menschlichen Elends. Eine Tragödie von antikem Ausmaß. Balstrodes Rat, sich auf dem Meer zu versenken, ist für Peter Grimes die logische Konsequenz. Das Dorf nimmt den Selbstmord ungerührt zur Kenntnis.

Roy Cornelius Smith ist die Inkarnation des Fischers Peter Grimes. Stimme, Darstellung und Gestaltung verschmelzen bei ihm zu einer perfekten Einheit. Mit seiner bis an die Grenzen gehenden Expressivität gelingt ihm ein faszinierendes Psychogramm der gequälten Seele, die er aufs Sensibelste auslotet. Heldentenorale Durchschlagskraft, lyrische Innigkeit und und eine variable dynamische Bandbreite stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine feinsinnig aus dem Wort entwickelte Tongebung.

Astrid Kessler gestaltet die empathische und aufrichtige Ellen Orford mit luzider Ausstrahlung und seelenvoller Hingabe. Mit großer Leuchtkraft und perfekt austarierter Piano Kultur erzeugt sie Spannungen von besonderer Qualität und findet Schattierungen von anrührender Zartheit und sehnsüchtiger Melancholie.

Das moralische Gewissen der Gemeinde, Captain Balstrode, der klug zwischen den Fronten vermittelt, wird von Thomas Berau mit großer Intensität und Charisma verkörpert. Seinen kraftvollen, tragfähigen Bariton setzt er mit Wärme in allen Lagen ein und beeindruckt auch mit vorbildlicher Diktion.

Sung Ha singt den Swallow souverän mit balsamischen Basstiefen, Raphael Wittmer als Bob Boles setzt mit kräftigem Tenor komödiantische Akzente. Ilya Lapich gestaltet den Ned Keene mit baritonalem Wohllaut und Rita Kapfhammer als Auntie strahlt mit leuchtenden Sopranhöhen. Reverend Adams singt Uwe Eikötter mit charaktertenoralem Glanz, Marie-Belle Sandis verleiht der umtriebigen Mrs Sedley schöne Mezzofarben und Lebendigkeit. Hervorzuheben ist Lavinia Dames von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, die als „first Niece“ äußerst kurzfristig eingesprungen war und sich mit Ji Yoon, second Niece, blendend ins Ensemble einfügte. In weiteren stummen Rollen überzeugten Philipp Riehle als Boy John und Intendant Albrecht Puhlmann als Dr. Crabbe.

Der phänomenale Chor des NTM unter der Leitung von Danis Juris bewältigte die immensen Herausforderungen als wuchtigem Gegenspieler von Peter Grimes mühelos. Mit unter die Haut gehender Klanggewalt, rhythmischer Präzision und Textverständlichkeit beeindruckte der Chor auch darstellerisch als heterogenes Kollektiv, das seine Macht genussvoll ausspielt. Eine fantastische Leistung !

Der Engländer Alexander Soddy hat wohl eine besondere Affinität zu Brittens Musik, was an diesem Abend unschwer zu überhören war. Er steuert das Nationaltheater Orchester sicher durch die Klangfluten, mächtig brechen die Tutti-Wogen über den Solisten zusammen, grimmig brausen die Bläser-Stürme. Glitzernde Arpeggien von Harfe, Bratschen und Klarinetten und sehnsüchtige Violinen- Kantilenen lassen die „Dämmerung“, das 1. der „Interludes“, bei Soddy plastisch aufscheinen. Impressionistisch inspirierte Klangflächen, aus dem sich hohe und tiefe Glocken herauslösen, verdichten sich atmosphärisch zur Sonntagstimmung des 2. Interlude. Auch die melodisch und rhythmische Unbewegtheit des Nachtstücks gestaltet Soddy mit feinem Gespür für die kontrastierenden Spannungsabläufe von Brittens Musik.

Viel Beifall und Jubel im ausverkauften Opernhaus nach dieser herausragenden Produktion, die man auf keinen Fall verpassen sollte!

Besuchte Vorstellung: Premiere am 3. November 2019

Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim, die weiteren Vorstellungen:  7.11.; 22.11.; 29.11.; 18.12.2019; 5.01.2020 …

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Essen, Philharmonie Essen, Philharmonia Orchestra London – Mahlers 9. Sinfonie, 02.10.2019

September 24, 2019 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Esa-Pekka Salonen © Kasskara/DG

Philharmonie Essen / Esa-Pekka Salonen © Kasskara/DG

 

Philharmonia Orchestra London  –  9. Sinfonie von Gustav Mahler

Esa-Pekka Salonen dirigiert am Mittwoch, 2. Oktober 2019, um 20 Uhr in der Philharmonie Essen

An Esa-Pekka Salonens energiegeladene Interpretation von Gustav Mahlers erster Sinfonie im vergangenen Jahr denkt man gerne zurück. Jetzt ist der finnische Dirigent erneut mit dem Philharmonia Orchestra London in der Philharmonie Essen zu erleben: Am Mittwoch, 2. Oktober 2019, um 20 Uhr steht Mahlers letzte vollendete Sinfonie, die Neunte, auf dem Programm. „Es gibt Musik, die schlägt man auf und weiß sofort: Das muss ich dirigieren. Und Mahler zählt dazu“, sagt Salonen. Mit der revolutionären 9. Sinfonie vollzog Mahler den Übergang in eine neue musikalische Epoche. Im April 1910 schloss er die Komposition ab, deren Uraufführung Mahler selbst nicht mehr erlebte: Am 18. Mai 1911 starb der Komponist.

[Von Esa-Pekka Salonen wurden verschiedene Aufnahmen bei der deutschen Grammophon veröffentlicht.]

Das Philharmonia Orchestra hat seinen Sitz mitten in London, in der Royal Festival Hall im Southbank Centre, wo es jährlich über 50 Konzerte gibt. Der Klangkörper wurde 1945 vom EMI-Produzenten Walter Legge gegründet, verwaltet sich seit 1964 selbst und gehört seinen 80 Mitgliedern. In den ersten sieben Jahrzehnten arbeitete es mit den meisten führenden Künstlern des 20. Jahrhunderts zusammen, wie etwa Strauss und Karajan. Seit 2008 ist der finnische Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen Chefdirigent und künstlerischer Berater des Orchesters.

Karten (Preise: € 25,00 – 70,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de.

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