Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Adam Fischer – bis 2025 in Düsseldorf, IOCO Aktuell, 21.03.2020

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Adam Fischer verlängert Vertrag bis 2025   

Principal Conductor  –  Düsseldorfer Symphoniker

Adam Fischer, *1949 in Budapest, hat sein zum Saisonende 2020 auslaufendes Engagement verlängert und bleibt weitere fünf Jahre Principal Conductor der in der Tonhalle Düsseldorf „ansässigen“ Düsseldorfer Symphoniker.

Die Vertragsverlängerung hat Hans-Georg Lohe, Kulturdezernent der Stadt Düsseldorf, am Abend des 2. März 2020 in der Tonhalle Düsseldorf offiziell verkündet. Die Bekanntgabe erfolgt zu einem symbolträchtigen Termin: Adam Fischer dirigierte Joseph Haydns Symphonie La Passione und Gustav Mahlers 6. Symphonie, das letzte Konzert seines großen Mahler-Zyklus, den der Dirigent bei seinem Amtsantritt 2015 in der Tonhalle Düsseldorf begann.

Adam Fischer – zur geschlossenen Tonhalle in Düsseldorf und der Corona Krise
youtube Trailer Tonhalle Düsseldorf
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Adam Fischer freut sich über die Vertragsverlängerung: „Ich bin sehr glücklich, dass ich meine 2015 begonnene künstlerische Arbeit in Düsseldorf in den nächsten Jahren fortsetzen werde. Ich habe wunderbare Musiker im Orchester kennengelernt, die mich richtig inspirieren können. Und auch ein Publikum, dessen Begeisterung uns alle auf der Bühne anspornt und mitreißt. Ich hoffe, dass es mir noch lange vergönnt sein wird, mit den Düsseldorfer Symphonikern gemeinsam musizieren zu können.

Michael Becker, Intendant der Tonhalle Düsseldorf und der Düsseldorfer Symphoniker, ist stolz, dass sich Adam Fischer für weitere fünf Jahre in Düsseldorf entschieden hat: „Mit der seltenen Mischung aus unbestechlicher Musikalität, professioneller Neugier und tiefgreifender Menschlichkeit hat Adam Fischer eine neue musikalische Zeitrechnung in Düsseldorf begonnen, die weit über die Republik hinaus wahrgenommen wird.“

Tonhalle Düsseldorf / Adam Fischer - Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Adam Fischer – Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker © Susanne Diesner

In den zurückliegenden fünf Jahren führte Fischer mit den Düsseldorfer Symphonikern unter anderem alle Mahler-Symphonien in Kombination mit Werken von Joseph Haydn auf. Die in Kooperation mit dem Deutschlandfunk und dem Label Avi Music entstandenen Konzerteinspielungen gewannen mehrere Preise, etwa den BBC Music Magazin Award und den Opus Klassik (2019). Fischers Mahler-Zyklus gilt als einer der Hauptgründe für einen massiven Anstieg der Publikumszahlen in der Tonhalle Düsseldorf. Auch international sorgt die Zusammenarbeit Fischers mit den Düsseldorfer Symphonikern für Aufsehen, wie beispielsweise während eines Gastspiels in Budapest und auf einer Spanien-Tournee des Orchesters im Januar 2019 zu erleben war. Weitere Konzertreisen sind nun in Planung.

Tonhalle Düsseldorf / Adam Fischer © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Adam Fischer © Susanne Diesner

Thomas Geisel, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, ist ebenfalls sehr glücklich, dass Adam Fischer Erster Konzertdirigent in Düsseldorf bleibt: „Er hat den Düsseldorfer Symphonikern zu großer Strahlkraft verholfen und begeistert sein Publikum weit über Düsseldorf hinaus. Adam Fischer schätze ich aber auch persönlich, da er ein Weltbürger und ein Mensch mit Haltung ist.“

Kulturdezernent Hans-Georg Lohe ist überzeugt: Adam Fischer liebt die Düsseldorfer Symphoniker, die Düsseldorfer Symphoniker lieben Adam Fischer, und dies nun schon seit fünf Jahren. Mit seinem so persönlichen Einsatz und seiner Musizierfreude, die auf die Symphoniker ebenso überspringt wie auf das Publikum, hat Adam Fischer die Düsseldorfer Symphoniker in neue Sphären geführt. Dafür sind ihm alle Musikfreunde mehr als dankbar, und ich empfinde große Freude, dass wir nun seinen Vertrag verlängern konnten.“

Adam Fischer wird weltweit nicht nur als Dirigent geschätzt, sondern macht regelmäßig auch außerhalb der Konzertsäle durch sein humanitäres Engagement von sich reden. Zusammen mit András Schiff reichte er bereits 2011 bei der EU eine Petition gegen Rassismus und Ausgrenzung ein. 2018 erhielt er den isra­elischen Wolf-Preis, eine Auszeichnung, die an herausragende Persönlichkeiten für ihr besonderes humanitäres Engagement verliehen wird. Seit Adam Fischer Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker ist, verleiht er zudem selbst jedes Jahr den vom Freundeskreis der Tonhalle gestifteten Menschenrechtspreis der Tonhalle Düsseldorf an eine Person oder Organisation, die sich in besonderem Maße für Freiheit und Menschenrechte einsetzt.

Tonhalle Düsseldorf / Die Düsseldorfer Symphoniker - hier zum Neujahrskonzert © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Die Düsseldorfer Symphoniker – hier zum Neujahrskonzert © Susanne Diesner

Nachdem die Serie der Mahler-Symphonien nun abgeschlossen ist, startet Adam Fischer in Düsseldorf neue Zyklen. In den kommenden fünf Jahren plant er mit den Symphonikern unter anderem Brahms, Bartók, Schubert, Beethoven und Dvorák intensiv zu beleuchten. Näheres dazu wird die Tonhalle im Rahmen der Pressekonferenz zur neuen Saison Mitte Mai bekannt geben.

Auch für die Musikerinnen und Musiker der Düsseldorfer Symphoniker ist es ein Glücksfall, dass sie die Zusammenarbeit mit ihrem Principal Conductor fortsetzen dürfen. Solo-Flötistin Ruth Legelli aus dem Orchestervorstand kommentiert: „Die Düsseldorfer Symphoniker sind sehr dankbar über die Verlängerung des Vertrages von Adam Fischer. Es hat uns große Freude gemacht, mit ihm zusammen den Mahler-Zyklus aufzunehmen. Auch an die gemeinsamen Gastspiele in Spanien und Ungarn erinnern wir uns sehr gerne. Die Konzerte und Arbeitsphasen mit ihm sind für uns immer etwas Besonderes, und wir freuen uns auf neue Themen und musikalische Höhepunkte.“

Über Adam Fischer:

1949 in Budapest geboren, studierte Adam Fischer Komposition und Dirigieren in Budapest und bei Hans Swarowsky in Wien. Nach Stationen als Erster Kapell­meister in Helsinki, Karlsruhe und an der Staatsoper in München war er Gene­ralmusikdirektor in Freiburg, Kassel und Mannheim sowie Künstlerischer Leiter der Ungarischen Staatsoper in Budapest. Er ist Gründer und Künstlerischer Leiter der Budapester Wagnertage. Seit 1999 leitet Fischer das Danish Chamber Orchestra Kopenhagen, seit der Saison 2015/16 ist er Erster Konzertdirigent der Düsseldorfer Symphoniker.

Regelmäßige Auftritte führen Adam Fischer an die größten Opernhäuser in Europa und in den USA, darunter die Wiener Staatsoper, Mailänder Scala, Baye­rische Staatsoper, Covent Garden, Metro­politan Opera und die Bayreuther Fest­spiele. Als Konzertdirigent arbeitet er regelmäßig mit Orchestern wie den Wiener, Berliner und Münchner Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem Orche­stre de Paris, dem London Philharmonic, dem Orchestra of the Age of Enlighten­ment, dem NHK Symphony Tokyo, dem Chicago und dem Boston Symphony. Im Januar 2017 wurde Adam Fischer zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt.

 

—| Pressemeldung Tonhalle Düsseldorf |—

Wien, Altes Rathaus, Richard Wagner-Verband – Stipendiaten-Konzert, IOCO Aktuell, 15.03.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Verband Wien

Richard Wagner-Verband Wien – Altes Rathaus Wien – Barocksaal

– Konzert der Stipendiaten –

von Elisabeth König

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Bereits zum vierten Mal präsentierte der Richard Wagner-Verband Wien seine Stipendiaten der letzten Jahre seinen Mitgliedern und dem Publikum. Die ersten drei Konzerte waren gemeinsam mit der Wiener Staatsoper in deren Räumlichkeiten präsentiert worden, das aktuelle Konzert wurde erstmals vom Verband selbst organisiert und im Barocksaal des Alten Wiener Rathauses zur Aufführung gebracht. Ehrengast des Verbandes war einer der erfolgreichsten Stars der Wiener Staatsoper, Kammersängerin Olivera Miljakovic, die sich nach dem Konzert über das hohe Niveau der Stipendiaten sehr erfreut zeigte.

Am Beginn des Konzertes stand zur Begrüßung die Hallenarie der Elisabeth („Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder“) aus Richard Wagners Tannhäuser, welche von Rebecca Blanz mit schönem, großem und klarem Sopran dargebracht und einfühlsam von der Pianistin Stella Marie Lorenz begleitet wurde.

Begrüßt wurde das Publikum durch das Vorstandsmitglied Marcus Haimerl, der nicht nur auf die Geschichte des Verbandes, sondern auch auf die langjährige Tradition der Jugendförderung hinwies, die dem Verband eine Herzensangelegenheit ist. Magdalena Hoisbauer, Dramaturgin der Wiener Volksoper und diesjährige Stipendiatin, moderierte den Abend souverän und versorgte das Publikum mit viel positiver Energie und Charme mit Informationen zu den einzelnen Stipendiaten und Stücken. Sowohl Magdalena Hoisbauer als auch Marcus Haimerl zeichneten auch für die anspruchsvolle Programmgestaltung und die – in Grippezeiten umso anspruchsvollere – gelungene Organisation verantwortlich.

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Akkordeonist Leo Herzog © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Akkordeonist Leo Herzog © Marcus Haimerl

Der kurzen Ansprache und Einführung zum Konzert folgte ein ganz besonderer musikalischer Moment: der im deutschen Pforzheim geborene Akkordeonist Leo Herzog spielte Domenico Scarlattis Sonate in F-Moll K.19 mit enormer Virtuosität. Auf ebenso hohem Niveau war im zweiten Teil des Konzerts auch seine Darbietung des 1.Satzes „Winter“ aus Antonio Vivaldis Die vier Jahreszeiten. Er bewies dabei gleichzeitig die unglaubliche Vielfalt dieses möglicherweise etwas unterschätzten Instruments wie auch seine Kunstfertigkeit. Ein Solokonzert dieses großartigen jungen Künstlers wäre wünschenswert.

Zu Beginn des zeitgenössischen teils des Konzertes standen zwei Lieder des Komponisten Carl Tertio Druml, der 2019 mit einem Stipendium den Wagner-Verband Wien bei den Bayreuther Festspielen repräsentierte.

Das erste Lied, dargeboten von einem Stipendiaten des Wagner-Verbands Linz, dem in Seoul geborenen Seho Chang, der bereits auf erfolgreiche Auftritte im Musiktheater des Landestheater Linz zurückblicken darf, war die Vertonung des Textes „A Mellow Phantom“ von Koen Kleijn. Seho Chang gestaltete dieses kurze, anspruchsvolle Lied mit kräftigem und sehr tiefem Bariton. Begleitet wurde er von Daniel Strahilevitz, der sich an dem Abend durchwegs als kongenialer Pianist und hervorragender Begleiter präsentieren durfte.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : die Teilnehmer mit Vorstandsmitglied Marcus Haimerl 2 vr © Elisabeth Koenig

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : die Teilnehmer mit Vorstandsmitglied Marcus Haimerl 2 vr © Elisabeth Koenig

Besonders interessant erwies sich das zweite Lied, die Vertonung des Gedichts Abschied von Paul Celan. Gestaltet wurde dieses längere und außerordentlich anspruchsvolle Lied von Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz, die sich beide erst vier Tage vor Konzertbeginn bereit erklärt hatten, für eine erkrankte Kollegin einzuspringen und das Lied in nur zwei Tagen zu lernen. Das außerordentliche Talent der beiden Künstlerinnen und das absolute Gehör von Rebecca Blanz ermöglichten, dass dieses Lied zur Aufführung gelangen konnte. Man könnte Paul Celans Gedicht als eine Art Abrechnung mit Ingeborg Bachmann sehen, mit der er ein Verhältnis hatte. Abschiedsbriefe zwischen dem Lyriker und der Schriftstellerin gab es ja mehrere.

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz,am Fluegel © Marcus Haimerl

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz,am Fluegel © Marcus Haimerl

Carl Tertio Druml hebt in seiner Komposition zwei Geschwindigkeiten gegeneinander hervor, ein Tempo für Klavier und eines für Gesang. Nur bei einer einzigen Stelle („Oh falsches Gespiel“) finden sich die beiden Stimmen, die sich ansonsten vollkommen autonom voneinander weg oder aneinander vorbei bewegen. Ein schiefer Walzer als Illusion der Liebe, ein Furioso als ausbrechende Wut und die Rückkehr zu diesem Walzer, Resignation und Abschiednehmen. Die technische Herausforderung dieses Liedes liegt in dem gewünschten Nebeneinander, das trotz plötzlicher gemeinsamer Momente, in denen Klavier und Gesang auf demselben Ton enden, doch nie ein Miteinander wird. Die schwebende Gestaltung der Höhen unterstreicht die Fragilität des Konstrukts und der Emotionen. Ein Abschied mit Wehmut, mit Wut, aber dennoch mit Liebe. Die komplexe, tief berührende Komposition Carl Tertio Drumls wurde durch die virtuose, hochprofessionelle Gestaltung durch Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz am Klavier zu einem musikalischen Hochgenuss.

Der in Bozen geborene Manuel Zwerger war 2015 Stipendiat des Richard Wagner Verbands. Für die lyrische Koloratursopranistin Beata Beck, ebenfalls Wagner-Stipendiatin, komponierte er das Lied „Nacht wird lang sich nicht erhellen“. Beata Beck sang diese frühromantische Komposition mit schönem, schlankem Sopran, begleitet mit großer Präzision und Musikalität vom österreichischen Pianisten und Organisten Stefan Donner.

Mit dem düsteren und dramatischen Lied „Das irdische Leben“ von Gustav Mahler aus seiner Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn konnten Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz noch einmal das Publikum für sich einnehmen.

Eine große Bereicherung für den Abend war auch die belgische Sopranistin Anne-Sophie Sevens, die ihr Stipendium 2019 antrat. Dem Publikum im Barocksaal des Alten Rathauses stellte sich die Künstlerin mit Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus dem ersten Akt von Wagners Lohengrin vor und begeisterte mit ihrem großen, ausdrucksstarken Sopran das Publikum. Begleitet wurde sie von Daniel Strahilevitz, der sich auch bei dieser Arie als einfühlsamer Begleiter erwies.

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Isabella Kuess und Daniel Strahilevitz © Marcus Haimerl

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Isabella Kuess und Daniel Strahilevitz © Marcus Haimerl

Daniel Strahilevitz konnte sich gleich darauf auch eindrucksvoll als virtuoser Solist vorstellen. Mit dem meisterhaft gespielten Adagio und Presto der 2. Klaviersonate in F-Dur KV 280 von Wolfgang Amadeus Mozart bewies der junge Pianist und Dirigent seine feinsinnige Musikalität und außerordentliche Begabung und begeisterte das Publikum.

Einer großen Arie nahm sich im Anschluss Beata Beck an: die Arie der Zerbinetta „Großmächtige Prinzessin“ aus der Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss. Die Sopranistin bewies in der einigermaßen umfangreichen Arie mit gelungenen Koloraturen Leichtigkeit und wurde dabei erneut von Stefan Donner ausgesprochen feinfühlig begleitet.

Zum Abschluss des ersten Teils lernte das Publikum nochmals zwei neue Künstler kennen: Mit dem kraftvollen hellen Tenor Hans-Jörg Gaugelhofers und der präzisen Begleitung Anton Brezinkas wurde die Romanze des Fenton „Horch die Lerche singt im Hain“ aus der Oper Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai zu einem wunderschönen Abschluss des ersten Programmteils.

Nach der Pause konnte auch Stefan Donner, dessen einfühlsame Begleitung bereits im ersten Teil angenehm auffiel, sein Talent als Solist beweisen. Sein inniger und differenzierter Vortrag von drei Romanzen von Clara Schumann berührte mit zarten Farben.

Mit zwei Liedern aus den vier weißen Liedern Richard Wagners, stellte sich der Tenor Calon Danner, einer der diesjährigen Stipendiaten, dem Publikum vor.

Zu Beginn stand das Lied „Dors, mon enfant“ WWV 53 und im Anschluss „Mignonne“ WWV 57. Calon Danners schöner, eleganter Tenor eignete sich optimal für diese beiden Lieder und hinterließ gemeinsam mit dem intensiven Klavierspiel Anton Brezinkas großen Eindruck.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Anne-Sophie Sevens und Daniel Strahilevitz   © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Anne-Sophie Sevens und Daniel Strahilevitz   © Marcus Haimerl

Der zweite Auftritt von Anne-Sophie Sevens widmete sich wieder einem Lied Gustav Mahlers:Wo die schönen Trompeten blasen“. Wie schon bei der Arie Elsas im ersten Teil des Konzerts bewies die belgische Sopranistin aufs Neue ihre Eignung für das deutsche Fach, und wurde dabei erneut mit ungeheurer Musikalität und Farbenpracht von Daniel Strahilevitz am Klavier begleitet.

Im nächsten Programmpunkt ehrte die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss den Jahresregenten Ludwig van Beethoven zu seinem 250. Geburtstag mit der großen Arie Leonores „Abscheulicher, wo eilst Du hin?“ aus Fidelio. Mit ihrem ausdrucksvollen dramatischen Sopran ist sie im deutschen Fach perfekt besetzt und wurde von Daniel Strahilevitz eindrucksvoll und mit Brillanz begleitet. Ihre nuancenreiche Interpretation und musikalische Gestaltung vermochten Verzweiflung und Wut ebenso auszudrücken wie feingliedrige lyrische Momente treuer Liebe.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Yasuyo Segawa © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Yasuyo Segawa © Marcus Haimerl

Für eine überwältigende Leistung sorgte auch die japanische Pianistin Yasuyo Segawa, die nach einem Unfall nur noch mit der linken Hand spielen kann. Mit unglaublicher Ausdruckskraft und Intensität gelang es der jungen Künstlerin mit dem „Miserere“ aus Giuseppe Verdis Il Trovatore das Publikum zutiefst zu berühren und zu begeistern.

Ein weiteres Mal bewies auch der koreanische Bariton Seho Chang sein Können und läutete mit der Arie des WolframOh, Du mein holder Abendstern“ aus Richard Wagners Tannhäuser das Finale des Abends ein. Mit seiner imposanten dunklen Stimme wurde diese romantisch-schwelgende Arie Wagners zu einem der vielen musikalischen Höhepunkte des Abends, für deren Begleitung sich erneut Daniel Strahilevitz mit seiner unglaublichen Vielseitigkeit verantwortlich zeigte.

Für die letzte Arie kehrte nochmals Isabella Kuëss auf die Bühne zurück. Mit Sentas Ballade „Johohoe! Traft ihr das Schiff im Meere an“ aus Richard Wagners Der fliegende Holländer sprang die Künstlerin nur wenige Stunden vor dem Konzert für eine erkrankte Kollegin ein. Mit nur einer kurzen Probe vor dem Konzert und einer für sie neuen Arie, konnte die Künstlerin das Publikum erneut mit ihrem beeindruckenden Sopran und ihrer Musikalität überzeugen, und sorgte gemeinsam mit ihrem virtuosen Begleiter Daniel Strahilevitz für ein imposantes Finale.

Nach dem eindrucksvollen Schluss des Konzerts stand großer Jubel für die vielen begabten Künstlerinnen und Künstler seitens des Publikums. In der Tat präsentierten sich alle StipendiatInnen auf höchstem Niveau. Mit Freude wird man ihre weitere Karriere verfolgen und es bleibt die Vorfreude auf das nächste Konzert im kommenden Jahr.

—| IOCO Aktuell Richard Wagner Verband Wien |—

Bremen, Die Glocke, 7. Philharmonisches Konzert  –  „Durchbruch“, IOCO Kritik, 06.03.2020

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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

7. Philharmonisches Konzert  –  „Durchbruch“
Bremer Philharmoniker, Leonard Elschenbroich, Violoncello, Marko Letonja, Dirigent

Mark Simpson: Konzert für Violoncello und Orchester
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

von Thomas Birkhahn

Es ist immer begrüßenswert, wenn zeitgenössische Musik aus dem Nischendasein der Neue-Musik-Festivals ausbricht und einen Platz im herkömmlichen Konzertbetrieb findet. Insofern kann man die Bremer Philharmoniker für ihren Mut loben, eine deutsche Erstaufführung auf das Programm zu setzen: Das Cellokonzert des Engländers Mark Simpson (*1988), welches eigens für den Solisten dieses mit „Durchbruch“ betitelten philharmonischen Konzerts, Leonard Elschenbroich, geschrieben und von diesem uraufgeführt 2018 wurde.

Cellist Leonard Elschenbroich © Felix Broede

Cellist Leonard Elschenbroich © Felix Broede

Schon die große Geste mit der das Orchester das Werk einleitet, macht deutlich, dass wir es hier mit hochemotionaler Musik zu tun haben. Die Intensität wird durch die ausladenden gesanglichen Linien des Cellos noch gesteigert. Elschenbroich identifiziert sich absolut mit dieser Musik und verleiht ihr eine Expressivität, die den Zuhörer bis zum Schluss nicht loslässt. Er stürzt sich mutig in die rasenden Läufe und höllisch schweren Doppelgriffe, die seine fabelhafte Technik bezeugen.

Solist und Orchester überbieten sich beinahe im Anheizen der Emotionen, so dass der langsame Mittelsatz eine willkommene Beruhigung auch für den Zuhörer darstellt. Simpson scheint vor allem das hohe Register des Cellos zu lieben. Wenn in diesem Werk ein Wunsch offenbleibt, dann der, dass der große Tonumfang des Cellos häufiger voll ausgereizt wird. Man hätte sich gelegentlich ein längeres Verweilen des Cellos in den tiefen Registern durchaus vorstellen können. Das Werk wurde nach der Uraufführung – so konnte man dem Programmheft entnehmen – von Teilen der Presse in die Nähe von Filmmusik à la Hollywood gerückt. Wenn dem so ist, dann ist dies Musik für einen Thriller, der fast ununterbrochen für Nervenkitzel sorgt.

Nach dem begeisterten Applaus – der zu einem nicht geringen Teil auch dem anwesenden Komponisten galt – bedankt sich der Solist mit der wunderbar innig vorgetragenen Sarabande aus der dritten Cellosuite von Johann Sebastian Bach.

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Nach der Pause erklingt dann Gustav Mahlers erste Symphonie. Um etwas vorzugreifen: Am Ende erheben sich die acht Hornisten von ihren Plätzen und spielen den Schluss im Stehen. Es ist die passende optische Geste für eine Musik, die alle Selbstzweifel hinter sich gelassen hat und in triumphaler Selbstbehauptung der Zukunft entgegen geht.

Dass es ein steiniger Weg ist, den der „Titan“, der in Wirklichkeit Mahler ist, in dieser Sinfonie zurücklegen muss, machen Dirigent Marco Letonja und seine Bremer Philharmoniker überzeugend deutlich.

Mahlers erste Sinfonie wurde 1889 in Budapest uraufgeführt, damals noch als fünfsätzige Sinfonische Dichtung mit dem Titel Der Titan – angelehnt an einen Roman von Jean Paul. Erst später konzipierte Mahler das Werk als Sinfonie und strich sowohl das sinfonische Programm als auch den zweiten Satz, der heutzutage noch gelegentlich unter dem Titel Blumine aufgeführt wird.

GMD Marko Letonja © Marcus Meyer

GMD Marko Letonja © Marcus Meyer

Letonja hat eine klare Vorstellung davon, wie der Weg des Helden verlaufen soll. Das Hauptthema des ersten Satzes – aus Mahlers eigenem Lied „Ging heut‘ morgen übers Feld“ – nimmt er nicht nur im von Mahler mit „Immer gemächlich“ vorgeschriebenen Tempo, sondern auch mit der nötigen Zartheit und Zurückhaltung. Letonja erzeugt eine idyllisch heitere Stimmung, in der die lyrische Melodik Mahlers genauso zur Geltung kommt wie die Zögerlichkeit, die Fragezeichen, die dieser Musik ebenfalls innewohnen. Erst nach einer gewaltigen Klangentladung am Ende des ersten Satzes – vermutlich der „Durchbruch“, der dem Konzert seinen Titel gab – wird der Weg frei für Optimismus und Lebensbejahung.

Diese herrschen auch zunächst im länderartigen zweiten Satz vor. Letonja und seine Musiker betonen mit hörbarer Spielfreude das Rustikale, Volkstümliche dieser Musik, ohne die bedrohlichen Klänge, die sich hier und da dazwischen mischen zu ignorieren. Diese dunklen Untertöne werden dann aber mit hitziger Energie beiseite gespielt. Wunderbar zart gelingt das Trio. Die Streicher der Bremer Philharmoniker zaubern einen zerbrechlichen Klangteppich, den die Bläser mit klangschönen Soli ergänzen.

Hiroyuki Yamazak  - Kontrabassist © Bremer Philharmoniker

Hiroyuki Yamazak – Kontrabassist © Bremer Philharmoniker

Der dritte Satz beginnt mit einem Kontrabasssolo (sehr einfühlsam gespielt von Hiroyuki Yamakazi), der das Volkslied Bruder Jakob in Moll anstimmt. Vielleicht war es dieser Einbruch des Profanen, der „niederen Kunst“ in die Sinfonie, die ja die Königsgattung der Orchestermusik ist, die den berühmten Wiener Kritiker Eduard Hanslick zu der Aussage verleitete, dass diese Sinfonie „zu jener Gattung Musik gehört, die für mich keine ist.“

Mahler macht hier aus einem Kinderlied einen Trauermarsch, der immer mehr zu einem wehmütigen Klagegesang anschwillt. Immer wiederkehrenden Unterbrechungen des Trauermarschs durch volkstümliche Klänge gelingen Letonja sehr organisch, und besonders Mahlers Zitat aus seinem Lied Die zwei blauen Augen wird vom Orchester mit berückender Schönheit gespielt.

Letonja hält sich genau an Mahlers Anweisung und macht keine Unterbrechung vor dem Finalsatz. In den verlöschenden Trauermarsch hinein lässt er mit schneidender Schärfe das Finale über die Zuhörer hereinbrechen. Die Extreme von Mahlers Emotionen werden uns noch einmal in ihrer ganzen Bandbreite dargelegt. Seine Zerissenheit, sein Weltschmerz, und am Ende sein Optimismus – sie lösen an diesem Abend einen Beifallssturm aus, den sich Dirigent und Orchester verdient haben.

—| IOCO Kritik Bremer Philharmoniker |—

Dresden, Semperoper, Sächsische Staatskapelle – Gedenkkonzert, IOCO Aktuell, 15.02.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Daniel Harding – Henry Purcell  – Gustav Mahler

War es ein Gedenkkonzert zum 75. Jahrestag der Zerstörung Dresdens ?

von Thomas Thielemann

Daniel Harding, Jahrgang 1975, ist bereits mehrfach Gastdirigent bei Symphonie-konzerten der Sächsischen Staatskapelle gewesen. Zum Ende der Saison wird er seine Engagements in Paris und Stockholm aufgeben und ein Sabbatjahr nutzen, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Nachdem er bereits eine Lizenz als Verkehrsflieger erworben hat und erste Erfahrungen als Co-Pilotsammelte, wird er für ein Jahr bei der Air France als Pilot arbeiten.

Zunächst übernahm er noch einmal am 13. Februar 2020 die musikalische Leitung des Konzertes zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren:

  • Henry Purcell:  Music for the Funeral of Queen Mary II.
  • Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 10 (Aufführungsversion von Deryck Cooke)

In der Nacht zum 28. Dezember 1694 verstarb an den Folgen einer Pockenerkrankung die Queen Mary II. im Alter von 32 Jahren. Seit dem 11. April 1689 war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Wilhelm III. von Oranien gekrönt worden, nachdem Beide die „Declaration of Rights“ des Konventionsparlaments akzeptierten und damit den Weg Englands zur konstitutionellen Monarchie ebneten. Als fanatische Protestantin unterstützte sie im Jahr vorher, den Sturz ihres katholischen Vaters König Jakob II., so dass nach ihrem Versterben in Pamphleten ihre Kinderlosigkeit und ihr früher Tod als Strafe Gottes gedeutet wurden. Die einbalsamierte Leiche der Königin war nach entsprechender Vorbereitung vom 21. Februar bis zum 5. März 1695 öffentlich aufgebahrt.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Der Organist der Westminster Abbey und der Chapel Royal Henry Purcell (1659-1695) stellte für die Überführung  und Grablegung der Königin in der Westminster Abbey am 5. März 1695 aus seinen früheren Arbeiten sowie ergänzenden Kompositionen eine geistliche Musik, ein sogenanntes Anthem „Music for the Funeral of Queen Mary“ zusammen. Purcell, der bedeutendste englische Komponist seiner Zeit, sah für die musikalisch-allegorische Szene vier Zugtrompeten, Orgel und vierstimmigen Chor vor. Der Chor bestand aus den Stimmen Sopran, Countertenor, Tenor und Bass. Inzwischen sind eine Fülle von Arrangements und Bearbeitungen der Zusammenstellung, unter anderem mit Posaunen und Schlagwerken, entstanden. So wurde in einer elektronischen Fassung von Wendy Carlos das Anthem sogar als Titelmusik  von Stanley Kubricks Film Clockwork Orange verwendet.

Offensichtlich ist die “Funeral Music“ so besonders anrührend gelungen, weil Purcell die nur wenig jüngere Königin kannte, seit er am Hofe angestellt war und ihr alljährlich „mit betonter Liebe gearbeitete“ Geburtstagskantaten komponiert hatte. Dabei ahnte Purcell kaum, dass er bereits am 21. November 1695 36-jährig an einer Tuberkulose-Erkrankung sterben wird, und die der Queen gewidmete Trauermusik auch zu seiner Grablegung, die gleichfalls in der Westminster Abbey erfolgte, erklingen wird.

Unter der Leitung von Daniel Harding brachte der Sächsische Staatsopernchor und Musiker der Staatskapelle eine siebenteilige Fassung zu Gehör.

Mit einem gemessen-schreitender Trauermarsch in erhabenen c-Moll leiteten massive Trompeten und Posaunen, unterstützt von Pauken, die Trauermusik ein. Nahezu ohne Pause übernahm der ausgezeichnet eingestimmte Staatsopernchor mit sanfter Celesta-Unterstützung. Die Texte der folgenden drei Chorsätze für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Trompeten und Basso continuo stammen aus dem „Buch des gemeinsamen Gebets“ nach Bibel-Zitaten:

  1. Mann, der von einer Frau geboren wird, hat nur kurz zu leben, und ist voller Elend
  2. Mitten im Leben sind wir im Tod
  3. Du kennst Herr, die Geheimnisse unseres Herzens

Mit der hohen Qualität des Chorgesangs, der Brillanz der beiden zwischen geschalteten „Canzonas“, schneller vierstimmiger Trompeten-Sätze, entwickelte sich, dank des mit Kontrast und Leichtigkeit geführtem Dirigat Hardings, der Mittelteil der Trauermusik zur wirkungsvoll gespenstigen Erscheinung. Rahmenartig erklang zum Abschluss des Anthems ein Marsch für Blechbläser und Schlaginstrumente, den Purcell ursprünglich für das Don-Juan-Schauspiel von Thomas ShadwellThe Libertine, or the Libertine Destroyed“ komponiert hatte.

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens - Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens – Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Kaum hatten die letzten Chorsänger die Bühne verlassen, ließ Harding das Adagio von Mahlers  Symphonie Nr. 10 anstimmen.

Seine zehnte Symphonie entwarf Gustav Mahler vermutlich 1910 während seines Sommeraufenthaltes im Südtiroler Altschluderbach, einem Ortsteil von Toblach. Im spartanischen Komponier-Häuschen im Pustertal fand er aber keine rechte Ruhe, denn Frau Alma hatte während eines Kuraufenthaltes in Tobelbach in der Steiermark mit dem noch jungen Architekten Walter Gropius eine Affäre begonnen. Mahler waren Briefe in die Hände gefallen, die ihn in tiefe Verzweiflung stürzten. Im August 1910 unterbrach Mahler die Komposition und reiste nach Leiden zu Sigmund Freud, um psychologische Hilfe zu erhalten So komplettierte er für seine zehnte Symphonie, außer dem Adagio, lediglich ein sogenanntes „Particell“, eine Vorform der Partitur mit reduziertem Notensystem aber ohne ausgearbeitete Instrumentierung. Der Versuch, die Arbeit an der Zehnten wieder aufzunehmen, scheiterte an der sonstigen Arbeitsbelastung Mahlers, einer USA-Reise sowie seiner gesundheitlichen Probleme.

Als Gustav Mahler am 18. Mai 1911 verstorben war, hinterließ er seiner Frau die fünf Sätze der zehnten Symphonie in verschiedenen Stadien der Fertigung: vom Particell bis zur instrumentierten  Partitur. Das Gerücht um eine letzte Symphonie des Spätromantikers als etwas mythologisch Verklärtem umschwebte das vermeintliche Werk. Es sei von einem Titan im Wissen um den nahenden Tod und der fragilen Aussicht auf das Jenseits geschaffen  worden.

Alma Mahler (1879-1964) beauftragte mehrere namhafte Komponisten, unter anderem Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch mit der Vollendung der Symphonie. Es liegen auch eine Reihe Komplettierungs-Versuche von Mahlers Zehnten, so unter anderem von Ernst Krenek (1900-1991), dem Wiener USA-Emigrant Friedrich Block, Hans Wollschläger (1935-2007), Clinton Carpenter (1921-2005) und Joseph Wheeler (1927-1977) vor. Unser sehr auf Korrektheit bedachtes Konzertbuch aus der Mitte der 1950-er Jahre schreibt zur Unvollendeten Mahlers, lediglich das ein „Adagio Fis-Dur aus der 10. Symphonie“ existiere.

Erst als die 84-jährige Mahler Witwe und Erbwalterin, die die Zehnte als “letzten Liebesbrief des Komponisten“ hütete, Aufnahmen des Orchesterpraktikers Bertold Goldschmidt (1903-1996) der Bearbeitung des britischen Musikwissenschaftlers Deryck Cooke (1879-1976) hörte, gab sie ihren Widerstand gegen eine Bearbeitung der Symphonie-Teile auf. Cooke verstand seine Rekonstruktion als Blick in die musikalische Werkstatt des Genies Mahlers. Er ergänzte auf denkbar uneitle Weise die Instrumentation, teilweise die Harmonik sowie den Kontrapunkt Mahlers, ohne seine eigene Persönlichkeit auch nur anklingen zu lassen. Nach Almas Tod tauchten im Nachlass weitere 44 Skizzen Mahlers auf. Gemeinsam mit den Brüdern Colin und David Matthes erarbeitet Cooke eine zweite „Aufführungsversion“ von Mahlers Zehnten, die er 1972 vorlegen konnte. Bis zu seinem Tode 1976 mühte sich Cooke um weitere Verbesserungen, so dass seine dritte, heute gültige Version, erst 1989 postum veröffentlicht wurde.

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der unkomplizierte Amerikaner Remo Mazzetti (Jahrgang 1957), der neben Mahlers Nachlass, Cookes Fassung, auch Carpenters und Wheelers Bearbeitungen bestens kannte, war der Auffassung , dass Cooke zu vorsichtig vorgegangen sei und legte 1995 mit Leonard Slatkin eine eigene Einspielung vor. Ihr folgte 1999 noch der Russe Rudolf Barsay, der Italiener Nicole Samale und 2010 der Israeli Yoel Gamzou. Mithin ist zu vermuten, dass eine Vollendung von Mahlers „Unvollendeter“ eine ewig unvollendete Geschichte bleiben wird.

Aber ausgerechnet in diesem Gedenkkonzert fällt konzentriertes Zuhören schwer, wenn deine Ehepartnerin, die vor 75 Jahren als fast Sechsjährige in der Nacht zum 14. Februar 1945 ausgebombt und an der Hand ihrer Mutter durch das brennende Dresden geführt worden war, neben dir sitzt. Bei ihr sind die Erinnerungen noch momentan und die Namen ihrer Spielkameraden, die im Bombenhagel umgekommen waren, noch präsent. Und so wanderten die Gedanken trotz der im Adagio wunderbar aufspielenden Musiker der Staatskapelle mit den zarten langgezogenen Streicherpassagen zum selbst erlebten, zerstörten Dresden. Aber auch Überlegungen zu den schwierigen Lebensumständen des Schöpfers dieser wunderbaren Musik mischten sich ein.

Und so passiert es, dass nach den fast dreißig Minuten des ineinandergeflochten Seins der Gedanken zunächst gar nicht das Bedürfnis blieb, nach dem Adagio weiter Musik zu hören. Möglicherweise spielte dabei auch das Wissen um die Entstehungsgeschichte des noch zu Hörenden eine Rolle.

Aber die Experimentierfreudigkeit Mahlers mit dem häufigen Taktwechsel und die rhythmische Vertracktheit des ersten Scherzos machte wieder Appetit auf mehr, zumal Harding das doppelbödig ironische betonte und auf das unangenehm Vorantreibende verzichtete. Man bekam nie ordentlich Boden unter die Füße. Die Fröhlichkeit wandelte sich zunehmend ins Bedrohliche und das Lachen zur Grimasse.

Über den ohnehin kürzesten Satz der Symphonie, dem Purgatorio, also dem Fegefeuer, trieb Harding die Staatskapelle mit fast atemberaubendem Tempo. Dieser Satz gilt bekanntlich als Reminiszenz  an das Wunderhorn-Lied „Mutter, ach Mutter! Es hungert mich, Gib mir Brot, sonst sterbe ich“ das endet „und als das Brot gebacken war, Lag das Kind auf der Totenbahr“. Diese Dramatik erdrückte von vornherein jede schöne Ausmalung.

Das Scherzo des vierten Satzes blieb deshalb auch bei Harding eher dämonisch, wobei er großartig den musikalischen Zusammenhang mit geistiger Haltung herstellte. Der Satz endete  mit Schlägen auf der gedämpften Trommel, einer Erinnerung Mahlers an eine zufällige Begegnung mit dem Begräbniszug für einen New Yorker Feuerwehrmann.

Den Finalsatz gestaltete Daniel Harding zu einem aufwühlenden Moment mit extremen Gefühlsausschlägen, die sich letztlich zu freundlich-fröhlicher Gelöstheit aufschwangen.

Damit verschaffte uns Daniel Harding mit der wunderbaren Sächsischen Staatskapelle und dem Staatsopernchor ein Spitzenkonzert, das aber erst durch die Gedenkminute und den fehlenden Beifall zum Gedenkkonzert wurde.

Ich erinnere mich noch der Zeit, als es den Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle ein Bedürfnis war, aus Achtung vor den Opfern des Bombenterrors das Konzert am 13. Februar 1945 selbst zu dirigieren. Nun sind die meisten der Angehörigen von Bombenopfern verstorben und viele Erinnerungen verblasst, so dass eine würdige Programmgestaltung inzwischen als ausreichend gelten dürfte.

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