Wuppertal, Oper Wuppertal, Der Liebestrank – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 04.03.2020

März 4, 2020 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

DER LIEBESTRANK    Gaetano Donizetti

BELCANTO – umrahmt von bunten Gags, Show, Revue

von Viktor Jarosch

Gaetano Donizetti (1797–1848) war ein ungewöhnlicher Komponist: In seiner kurzen Schaffenszeit von 1818 – 1843 komponierte er über 70 Opern, Messen, Kantaten, Sonaten: die großen Städte in Italien hatten damals mehrere große Theater, welche  beständig neue Werke bei etablierten Komponisten einforderten. In heftiger Konkurrenz mit Vincenco Bellini (1801–1835) schuf Donizetti eine musikalische Brücke zwischen Gioacchino Rossini und Giuseppe Verdi und gestaltete den Weg vom modischen Belcanto zur differenzierenden musikalischen Charakter-Dramatik. Doch erst im September 1830, mit seiner 32sten Oper Anna Bolena, Librettist Felice Romani, wurde Donizetti bekannt. Sechs Opern später, im Mai 1832, mit der in nur drei Wochen entstandenen komödiantischen Oper L´Elisir d´amore, Der Liebestrank, gelang ihm der überregionale Durchbruch. Donizetti wurde – über Nacht – weltberühmt. Der große Erfolg überraschte selbst Donizetti. Der Liebestrank gehört seither zu den meist gespielten Werken in aller Welt, auf großen wie kleinen Bühnen.

Oper Wuppertal / Der Liebestrank - hier : die über die Mühen des Alltags klagenden Menschen © Bjoern Hickmann

Oper Wuppertal / Der Liebestrank – hier : die über die Mühen des Alltags klagenden Menschen © Bjoern Hickmann

„Meistermacher“ des Liebestrank war wie bei Anna Bolena neben Donizetti auch Librettist Felice Romani.  Romani suchte beständig nach neuen Sujets für Donizetti und den schnelllebigen italienischen Opernmarkt. Das spritzige Libretto des französischen Dramaturgen Augustin Eugène Scribe begegnete ihm; Daniel Auber hatte daraus die in Frankreich erfolgreiche Oper Le Philtre geschrieben. Romani übernahm das Libretto nahezu wörtlich ins italienische, füllte es mit „Buffo-Arien“, welche Donizetti filigran komponierte, und instrumentierte: Fertig war L´Elisir d´amore!

Berthold Schneider, Intendant und ex-Chefdramaturg der Oper Wuppertal, suchte für „seinen“   Liebestrank eine lebendige, facettenreiche  Opern-Show zwischen Kitsch und Kunst, ohne den „Staub einfachen Dorflebens“. In dem Österreicher Stephan Prattes fand Schneider „seinen“ Regisseur: im Genre Musical zu Hause, mit Shows im Berliner Friedrichstadtpalast und  dem Tipi am Kanzleramt wie in Wien seit Jahren erfolgreich. Show- und Revuecharakter prägt denn auch die Wuppertaler Inszenierung; Kostüme Heike Seidler, Dramaturgie David Greiner. Gepriesen sei bereits hier der vielseitige Einsatz des Opernchor der Wuppertaler Bühnen. Regisseur Prattes entführte Donizettis Oper aus der Bauernwelt in städtisches Leben: mit modernem Charme  und Witz, mit lebensfrohen Bezügen zu Wuppertal. Die anspruchsvolle Belcanto – Oper wird in allen Partien aus eigenen Reihen und vorzüglich besetzt: erneutes Kompliment an die Wuppertaler Stadtoberen und Berthold Schneider. Vor wenigen Jahren hatten sie in einer mutigen Entscheidung gegen ein Stagionesystem und für ein Repertoiresystem mit eigenem Ensemble für die Oper Wuppertal votiert. Dies eigene Ensemble der Oper Wuppertal war in Liebestrank,  einer anspruchsvollen Belcanto-Oper, hörbarer Beweis für Richtigkeit der komplexen ehemaligen Entscheidung, für die Zukunftsfähigkeit der Oper Wuppertal.

Oper Wuppertal / Der Liebestrank - hier Belcore besingt seine Adina - Belcanto pur © Bjoern Hickmann

Oper Wuppertal / Der Liebestrank – hier Belcore besingt seine Adina – Belcanto pur © Bjoern Hickmann

L‘elisir d‘amore und das Wort SEDUZIONE ist in der Wuppertaler Inszenierung stets präsent: zur Ouvertüre auf den Bühnenvorhang projiziert; oft auch im Himmel des  Bühnenbildes abgebildet, erstes Foto. Es weist auf die stets gegenwärtigen, vielfältigen Verlockungen und Verführungen unseres Lebensalltags. Das erste Bild: Ein unspektakulär hoher sattgrüner Raum mit schwarzen Sockeln, auf denen sich Giannetta und in vielfältiger Kleidung die – hier – städtische Bevölkerung findet und mit ihren Klagen über die Mühen des Lebensalltags: „Bel conforto al mietitore …“ („Vor des Tages Hitz und Schwüle .“) und der Opernchor  den Belcanto wunderbar zum Klingen bringt. Nemorino, zu Beginn noch schüchterner junger Mann in kurzer Hose, in seiner ersten Arie „Quanto e bella, quanto e cara!..“ („welche Schönheit, welche Reize ..“) mit junger Tenorstimme von der ein Buch lesenden Adina schwärmt, während diese, hier noch in jugendlichem Kleid, aus ihrem Buch vorliest: „Della crudele Isotta il bel Tristano ardea …“ („Tief von Idoldens Reizen war Tristans Herz getroffen…“) von jener alten Sage um Tristan und Isolde und fragt, ob der „Wundermann“ noch lebe, welcher damals den Liebestrank schuf.

Der dann mit seinen Soldaten in bunten, wenig kampflüstern wirkenden Uniformen einmarschierende Sergeant Belcore, später elegant oder im Bademantel mit Revolver formt in vielen Episoden und Gags den Show-Charakter der Inszenierung, deren unernst verspielten Geist. Gemeinsam mit dem Quacksalber Dulcamara, welcher dem liebeskranken Nemorino eine Flasche als Liebestrank verkauft, welche er kurz zuvor einem am Boden liegenden Obdachlosen geraubt hatte.

Gags: In Erinnerung an die 1950 aus der Wuppertaler Schwebebahn gestürzte Elefantenkuh Tuffi  begleiten Elefanten die Inszenierung in vielen Facetten: als kleines Plüschtier, als tanzendes Elefantenensemble,  als riesiger Elefantenballon (Foto) der vom Bühnenhimmel schwebt und später auf der Bühne langsam „seinen Geist aushaucht“, zusammenfällt; der Klau des „Liebestranks“ von einem Obdachlosen; wenn auf einem riesigen Handy im Bühnenhintergrund beständig schräge Protagonisten abgebildet werden; wenn Ensemble, Statisten und Chor zu beeindruckenden, nahezu artistischen Turnübung (Choreographie Amy Share-Kissiov) Nemorinos Erbschaft besingen; wenn letztlich Adina in gepflegtem Kleid und Nemorino in dunklem Anzug als gereifte Menschen wieder zueinander finden.

 Oper Wuppertal / Der Liebestrank - hier : Adina schwebt im Himmel über Tuffi, der Elefantenkuh und Statisten © Bjoern Hickmann

Oper Wuppertal / Der Liebestrank – hier : Adina schwebt im Himmel über Tuffi, der Elefantenkuh und Statisten © Bjoern Hickmann

Oper Wuppertal / Der Liebestrank - hier : Premierenapplaus © IOCO

Oper Wuppertal / Der Liebestrank – hier : Premierenapplaus © IOCO

Das schauspielstarke junge Ensemble der Oper Wuppertal schuf auch stimmlich den romantischen zarten Geist des Belcanto: Ralitsa Ralinova wandelte sich mit schön timbrierten Sopran von der zunächst  gelangweilt umschwärmten zur selbst schwärmenden Adina, bewundert von Sangmin Jeon als Nemorino, dessen aufmerksam erwartete Tenorarie Una furtiva lagrima (Eine heimliche Träne) mit großen Sonderbeifall gefeiert wurde. Den spritzigen Show-Charakter der Inszenierung förderten besonders Sebastian Campione als schräg schleimiger Quacksalber Dulcamara und Simon Stricker in seiner von Gags  strotzenden Partie des Sergeanten Belcore. Auch Wendy Krikken, Nachwuchssängerin aus dem Opernstudio NRW, gestaltete ihre Partie der Giannetta stimmlich und darstellerisch mit Bravour. Das Sinfonieorchester Wuppertal unter Leitung von Johannes Pell gab dem sanft, langsamen Belcanto, den vom Parlando kommenden Stimmen den sensiblen  sängerfreundlichen Rahmen.

Szenenapplaus während, Ovationen zum Ende der Vorstellung gab es für Regie, Orchester, Chor, Statisten und Ensemble und der nachfolgenden Premierenfeier. Doch  ein Wermutstropfen  des realen Lebens begleitete die Inszenierung: Intendant Berthold Schneider teilte zur Premierenfeier auch mit, dass die für das laufende Jahr vereinbarte Tariferhöhung im Gehalt seiner Künstler leider immer noch nicht „angekommen sei“.

Der Liebestrank an der Oper Wuppertal; die weiteren Vorstellungen 29.3.; 19.4.; 25.4.; 27.5.; 29.5.; 6.6.2020

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Galakonzert – Internationales Opernstudio, 09.03.2020

Februar 28, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

10 Jahre Internationales Opernstudio – Staatsoper Stuttgart
Stars von morgen heute schon erleben

Festliches Galakonzert im Mercedes-Benz Museum am 9. März 2020 mit Mitgliedern des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart und des Opernstudios der Opéra National du Rhin Straßburg

Das Internationale Opernstudio der Staatsoper Stuttgart blickt auf eine mittlerweile zehnjährige Erfolgsgeschichte zurück. Zu diesem jungen Jubiläum gestalten die Sänger*innen des Stuttgarter Opernstudios gemeinsam mit den jungen Künstler*innen des Opernstudios der Opéra National du Rhin in Straßburg am Montag, 9. März 2020, um 19.30 Uhr ein festliches Gala-Konzert unter dem Motto Stars von morgen heute schon erleben im Atrium des Mercedes-Benz Museums. Die Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Straßburg findet bei diesem besonderen Konzert ihren künstlerischen Ausdruck.

Staatsoper Stuttgart / Opernstudio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Opernstudio © Matthias Baus

In dem besonderen Ambiente des Mercedes-Benz Museums erwartet das Publikum ein Programm mit Höhepunkten der Opernliteratur seit Mozart. Bekannte Werke wechseln sich dabei mit musikalischen Raritäten ab. Das kurzweilige Programm beinhaltet Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Gioachino Rossini, Gaetano Donizetti, Vincenzo Bellini, Giacomo Puccini, Hector Berlioz, Igor Strawinsky, Maurice Ravel und Georges Bizet.

Das detaillierte Programm finden Sie im Anhang dieser E-Mail 

GALAKONZERT PROGRAMM
AM 9. MÄRZ 2020

Wolfgang Amadeus Mozart (1759 – 1791)
Quartett aus Die Entführung aus dem Serail
Ach Belmonte! Ach mein Leben!
Carina Schmieger Konstanze
Charles Sy Belmonte
Claudia Muschio Blonde
Christopher Sokolowski Pedrillo


Maurice Ravel (1875 – 1937)
Arie aus L’Heure espagnole
Oh, la pitoyable aventure!
Eugénie Joneau Conception


Vincenzo Bellini (1801 – 1835)
Duett aus La Sonnambula
Son geloso del zeffiro errante
Claudia Muschio Amina
Charles Sy Elvino

Léo Delibes (1936 – 1891)
Arie aus Lakmé  –  N°4 Air Gérald
Prendre le dessin d’un bijou –
Fantaisie aux divins mensonges
Tristan Blanchet Gérald


Wolfgang Amadeus Mozart (1759 – 1791)
Duett aus Idomeneo
S’io non moro a questi accenti
Carina Schmieger Ilia
Alexandra Urquiola Idamante


Gaetano Donizetti (1797 – 1848)
Trio aus La fille du régiment
Tous les trois réunis
Claudia Muschio Marie
Christopher Sokolowski Tonio
Jasper Leever Sulpice

Georges Bizet (1838 – 1875)
aus Les pêcheurs de perles  –  N°2 Récit

Nadir, Zurga
C’est toi, toi enfin que je revois
Duo Nadir, Zurga
Au fond du temple saint
N°4 Récit Nadir
A cette voix
Romance Nadir
Je crois entendre encore
N°7 Récit et Cavatine Leïla
Me voilà seule dans la nuit
N°11 Récit et Air Zurga
L’orage s’est calmé
N°15 Trio Leïla, Nadir, Zurga
O lumière sainte
Julie Goussot Leïla
Thomas Kiechle Nadir
Jacob Scharfman Zurga


PAUSE

Gioacchino Rossini (1792 – 1868)
Duett aus La Cenerentola (1817)
Un segreto d’importanza
Elliott Carlton Hines Dandini
Jasper Leever Don Magnifico
Maurice Delage
Quatre poèmes hindous
Madras (stance 221 de Bhartrihari), dédié à Maurice Ravel,
Lahore (poésie de Heinrich Heine),
Bénarès – Naissance de Bouddha
(anonyme), dédié à Florent Schmitt,
Jeypur (stance 733 de Bhartrihari),
dédié à Igor Stravinsky
Claire Péron


Hector Berlioz (1803 – 1867)
Duett aus Béatrice et Bénédict
Comment le dèdain, pourrait-il mourir
Alexandra Urquiola Béatrice
Charles Sy Bénédict


Giacomo Puccini (1858 – 1924)
Quartett aus La Bohème
Addio dolce svegliare alla mattina
Julie Goussot Musetta
Carina Schmieger Mimi
Tristan Blanchet Rodolfo
Elliott Carlton Hines Marcello


Igor Stravinsky (1882 – 1971)
Epilogue aus The Rake’s Progress
Good people, just a moment …
Carina Schmieger Anne
Christopher Sokolowski Tom
Elliott Carlton Hines Nick
Alexandra Urquiola Baba
Jasper Leever Father


Hinweis: Am Montag, 09.03.2020, findet parallel zum Galakonzert ein Heimspiel des VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz Arena statt (Anpfiff 20:30 Uhr, Ende: ca. 22:15 Uhr). Von ca. 17:30 bis 22:30 Uhr wird die Anfahrt über die Mercedesstraße nicht möglich sein, da die Straße gesperrt wird.

Gäste, die mit dem PKW anreisen, werden daher gebeten, über den Martin-Schrenk-Weg (Kreisverkehr) zu fahren. Parkmöglichkeiten bestehen wie gewohnt im Mercedes-Benz Museum Parkhaus oder im gegenüberliegenden P4. Die Ausfahrtickets gelten für beide Parkhäuser.


Das Internationale Opernstudio der Staatsoper Stuttgart

Die Staatsoper Stuttgart zählt zu den wichtigsten europäischen Opernhäusern. Eine essentielle Grundlage dieses Erfolges sind die hochkarätigen Sängerinnen und Sänger des Ensembles, die das Haus am Oberen Schlossgarten als ihre künstlerische Heimat schätzen und gleichzeitig international gastieren.

Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung dieses Sängerensembles hat sich die Staatsoper seit vielen Jahren auch die Förderung des Sängernachwuchses zum Ziel gesetzt: Das Internationale Opernstudio der Staatsoper Stuttgart ist ein Trainee-Programm für Sängerinnen und Sänger, die ihr Studium abgeschlossen haben und nun in einer gesunden Balance zwischen dem Sängerberuf auf der großen Bühne und hochkarätigen Meisterkursen, Coachings und besonderer pädagogischer Betreuung ihre Stimme und künstlerische Persönlichkeit entwickeln können. In der Spielzeit 2019/20 erhalten sieben Sängerinnen und Sänger die Möglichkeit, ihre ersten prägenden Karriereschritte unter besten Bedingungen an der Staatsoper Stuttgart zu gehen. Schirmherrin des Opernstudios ist in dieser Saison Kammersängerin und Ensemblemitglied Catriona Smith.

Im Rahmen der im Jahre 1962 gegründeten Städtepartnerschaft Strasbourg – Stuttgart traten die Opernstudios der Opéra national du Rhin und der Staatsoper Stuttgart ab der Spielzeit 2016/17 in einen aktiven Austausch. Zu den Höhepunkten dieser Partnerschaft gehören zwei Konzerte in der Saison, in denen sich die Mitglieder beider Opernstudios gemeinsam dem Publikum präsentieren.

Zum Internationalen Opernstudio der Staatsoper Stuttgart 2019/20 gehören aktuell sieben junge Sängerinnen und Sänger: Elliott Carlton Hines aus Texas / USA, Jasper Leever aus den Niederlanden, Claudia Muschio aus Italien, Carina Schmieger aus Deutschland (Freiburg i. Br.), Christopher Sokolowski aus New York / USA, Charles Sy aus Kanada und Alexandra Urquiola aus Kuba.

Immer wieder konnten Mitglieder des Opernstudios nach Ablauf ihres Stipendiums nahtlos ins Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart übernommen werden. Zurzeit sind sieben ehemalige Stuttgarter Opernstudiosi fest im Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart engagiert: Esther Dierkes, Josefin Feiler, Diana Haller, Ida Ränzlöv, Moritz Kallenberg, Kai Kluge und Michael Nagl. Viele weitere der ehemaligen Stuttgarter Opernstudio-Mitglieder sind inzwischen an anderen in- und ausländischen Opernhäusern engagiert oder gastieren als freiberufliche Sänger erfolgreich weltweit.

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Telefonisch und per E-Mail
+49 711 20 20 90
tickets@staatstheater-stuttgart.de
Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

An der Theaterkasse
Königstraße
1D (Theaterpassage), 70173 Stuttgart
Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DON PASQUALE  –  Gaetano Donizetti 

– auf der ewigen Suche nach dem großen Glück-

von Uschi Reifenberg

Mit Gaetano Donizettis komischer Oper Don Pasquale in der Inszenierung von Cordula Däuper haben die Regisseurin und ihr Team ihrer erfolgreichen und beliebten Inszenierungsreihe am Mannheimer Nationaltheater ein weiteres „Highlight“ hinzugefügt. Nach Die Liebe zu drei Orangen, und Cenerentola, lässt Cordula Däuper keinen Zweifel, dass sie ein besonderes Gespür für Komödien jeglicher Stilrichtungen besitzt und für unterhaltsames und geistreiches Musiktheater steht. Ihre Personenführung ist handwerklich präzise ausgearbeitet und beweist auch hier mit viel psychologischem Feinsinn einen liebevollen und sensiblen Blick auf die Unterschiedlichkeit der vier Figuren und deren Innenleben und entkleidet sie jeglicher Schablonenhaftigkeit und trivialer Vordergründigkeit.

Die turbulente Handlung ist mit Witz und Leichtigkeit umgesetzt, die Einfälle sind erfrischend originell, bleiben nie an der Oberfläche, und auch die Slapstick und Comedy-Elemente verweisen in ihrer Ambivalenz immer auf den Kern des Werkes.

Don Pasquale – Gaetano Donizetti
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Cordula Däuper arbeitet die Aktualität des Komödienstoffes überzeugend heraus, indem sie das Stück in den 1960-er Jahren verortet mit ihrer Prüderie, der Doppelmoral, aber auch den aufklärerischen und antibürgerlichen Strömungen, die hier allerdings wenig thematisiert werden. Sie zeigt in der intimen Personenkonstellation die verdeckten Abhängigkeiten und unterdrückten Triebwünsche der Protagonisten, die der Komödienhandlung gegen Ende eine überraschende Wendung geben … Die Inszenierung erfreut mit skurrilen Bildern und farbenfrohen Requisiten und stellt mit ironischen Details regionale Verweise her, die das gut gelaunte Publikum mit vielen „Lachern“ goutierte.

Der zeitlose Plot des Don Pasquale ist bekannt und fast so alt wie die Gattung der Komödie selbst:  Ein alter und wohlhabender Mann möchte noch einmal eine junge Frau heiraten und wird von seiner Umwelt deshalb an der Nase herumgeführt und nach allerhand schmerzlichen Lektionen schließlich eines besseren belehrt.

Dieser im 16. und 17. Jahrhundert beliebte Lustspielstoff steht in der Tradition der Komödien Carlo Goldonis, Molières und Ben Jonsons, insbesondere aber der Typenkomödie der Commedia dell‘arte mit ihren standardisierten Figuren und Charakteren. Donizetti entwickelte die vier unterschiedlichen Commedia-Typen weiter und verlieh ihnen nicht nur psychologische Vielschichtigkeit und Individualität, sondern bereicherte das Werk im Stile des Belcanto durch Elemente der opera seria, sowie auch durch die Gefühlstiefe und Sensibilität der Romantik. Damit erhielt die Komödienintrige um den komischen Alten eine neue Qualität von Realitätsnähe und Lebendigkeit, da die opera buffa Anfang des 19.Jahrhunderts bereits als überlebt galt. Das Werk wurde in elf Tagen komponiert, Musik und Libretto, das auch von Donizetti selbst stammt, gehen hier eine enge Verbindung ein und wurde 1843 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt.

 Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier :  vl Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale, Nikola Diskic als Doktor Malatesta, Amelia Scicolone als Norina © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale, Nikola Diskic als Doktor Malatesta, Amelia Scicolone als Norina © Hans Jörg Michel

Cordula Däuper stellt dem „dramma giocoso“ einen Prolog voran: Während der Ouvertüre sieht man drei Männer im spärlich möblierten Wohnraum im Haus Don Pasquales vor einem Fernseher in trauter Dreisamkeit versammelt. Wir befinden uns in den 1960-er Jahren in einer schmucklosen Reihenhaussiedlung mit Bürgersteig und Straßenlaterne, deren Einheitsgrau immer wieder durch entsprechende Beleuchtungswechsel  (Lichtregie: Damian Chmielarz)  eine andere Fokussierung erhält.  Man wird Zeuge kleinbürgerlicher Alltagsszenen, in denen vordergründig heile Welt herrscht, alles seine Ordnung hat und der nachbarliche Klatsch blüht. Das beeindruckende Bühnenbild von Silvia Rieger zeigt drei Häuserfronten, die variabel verschiebbar sind und unterschiedliche Perspektiven erlauben. Don Pasquales Haus ist nach vorne geöffnet und gibt Einblick in dessen Innenraum. Cordula Däuper verweist mit ihrer detailreichen und ironischen Milieuzeichnung auf den Filmemacher Jaques Tati als Inspirationsquelle, der durch präzise Schilderung alltäglicher Banalitäten die Skurrilität der jeweiligen Situationen freilegt. Es werden  immer wieder Rollläden hochgezogen, Blumen gegossen oder Hunde spazieren geführt.

Eigentlich könnte alles so bleiben wie es ist. Die drei Männer- Generationen haben sich in einer Art WG gemütlich eingerichtet und anscheinend ihr kleines Glück gefunden. Don Pasquale, ein ältlicher Endsechziger, mit libidinöser Bindung an sein Röhrenfernsehgerät, von Sophie du Vinage (Kostüme) wunderbar altbacken mit Silbermähne und Strickpullunder ausstaffiert, glaubt, nicht mehr viel vom Leben erwarten zu können. Ernesto, sein Neffe, mit Lockenmähne, Sweatshirt und trendiger Brille, ist ein sympathischer Jüngling, und der Dritte im Bunde, Pasquales Arzt und Vertrauter, Dottore Malatesta, mit strenger Frisur, beigem Anzug und verkrampfter Körpersprache. Wäre da nicht die junge und attraktive Norina, Kaugummi kauend, in knallgelbem Petticoat, auf ihrem Motorroller in die triste Spießeridylle eingebrochen und hätte dem unerfahrenen Ernesto gehörig den Kopf verdreht.

Norina hat sich für ihre Auftrittsarie in einer rosenumrankten Hollywoodschaukel niedergelassen, hinter ihr hängt in Brecht‘scher Manier ein idyllischer Himmelsausschnitt, sie flirtet mit jedem männlichen Spaziergänger und mischt das Wohnviertel gehörig auf.

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier :  vl Statistin, Juraj Hollý als Ernesto © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Statistin, Juraj Hollý als Ernesto © Hans Jörg Michel

Da Ernesto die mittellose Norina liebt und Pasquale um sein eigenes Vermögen bangt, entschließt er sich, Ernesto zu enterben und selbst zu heiraten. Eine Braut ist schon gefunden. Malatesta kündigt ihm seine Schwester Sofronia als personifizierte Tugend und Bescheidenheit an, was bei dem Alten omnipotente Männerfantasien auslöst. Plötzlich entsteigen der Unterbühne viele kleine „Pasquale-Doppelgänger“, die herumtollen und den Senior in einen Glückstaumel versetzen.

In der Arie: “Ach, ich fühl‘ des Feuers Glut“ wird aus dem lethargischen Langweiler ein verliebter Heiratswilliger in den besten Jahren, der zeigt, dass in ihm doch noch ungeahnte Kräfte schlummern. Pasquale weiß nicht, dass er Opfer einer Intrige ist, die Malatesta und Norina ausgeheckt haben, um ihm die Heiratspläne auszutreiben und Ernesto mit Norina ehelich zusammenzubringen.Seinen Abschied erklärt Ernesto mit dem tieftraurigen Bekenntnis, dem ein melodienseliges Trompetensolo vorgelagert ist „In der Fremde will ich weilen“ und während er im Schneegestöber vor Selbstmitleid vergeht, lässt die Regisseurin im Mini Format den Mannheimer Wasserturm, den Berliner Fernsehturm und den schiefen Turm von Pisa vorbeifahren, die Karikatur eines Hochzeitspaares mit ellenlanger Brautschleppe rührt den armen Ernesto zu Tränen, und sorgt beim Publikum für jede Menge Heiterkeit.

Sofronia ist die als Klosterschülerin verkleidete Norina, die als keusche Unschuld auftritt und Pasquale nach der Hochzeit das Leben zur Hölle machen soll. Pasquale versteckt sich zitternd vor Angst mit einem Blumenstrauß hinter seinem Vorhang, Norina erscheint im Kostüm, mit roten Stöckelschuhen und einem Schleier, der allerdings mehr an eine schicke Variante des „Hidschab“ erinnert und von Malatesta mit den Worten verteidigt wird: „Sie würde niemals wagen, den Schleier aufzuschlagen vor einem Mann…“ Als Sofronia dann doch den Schleier lüftet, fällt Pasquale vor Entzücken in Ohnmacht.

Für den Ehevertrag räumt Pasquale sogar den Fernseher kurz beiseite, das Mauerblümchen verwandelt sich in eine Furie, die Regie taucht die Szene in kaltes Licht, und Norina zertrümmert mit einer Hacke Pasquales Einrichtung und trifft eine Wasserleitung, die als Springbrunnen aus dem Boden sprudelt.

Im dritten Akt überschlagen sich die Gags, ein Höhepunkt jagt den anderen und die Regisseurin greift tief in die Klischeekiste. Der aufgelöste Pasquale sitzt inmitten seines demolierten Wohnzimmers neben der spritzenden Wasserleitung und trocknet seinen Fernseher mit einem Fön, die Hochzeitsnacht fällt aus. Norina trägt jetzt den Vorhang von Pasquales Fenster als Gewand und ohrfeigt ihren Angetrauten, was bei diesem zur Erkenntnis führt, die Megäre sofort wieder loszuwerden. Norina empfindet in diesem Moment Mitgefühl für ihren Angetrauten, die Musik wendet sich nach Moll und beide singen ein wunderschönes Duett, in herzlicher Abneigung vereint, auch wenn das Orchester etwas anderes zum Ausdruck bringt.

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier :  vl Statist, Amelia Scicolone als Norina, Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Statist, Amelia Scicolone als Norina, Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale © Hans Jörg Michel

In der Nachbarschaft blüht die Gerüchteküche, Damen in steifen Kostümen mit  Betonfrisuren und moralinsauren Mienen, Männer in grauen Anzügen, uniformierte Witzfiguren, die das ausschweifende Treiben im hochanständigem Wohnviertel argwöhnisch verfolgen. Das inszenierte Stelldichein von Ernesto und Norina im Garten führt nun jeden der Protagonisten seiner eigentlichen Bestimmung zu.

Zum konspirativen Treffen mit Malatesta erscheint Pasquale, von Aufputschmitteln zugedröhnt. Aus Frust wirft der bemitleidenswerte Mann eine Pille nach der anderen ein, die er auch dem verklemmten Dottore anbietet und Malatesta, durch den Pillenkonsum enthemmt, macht sich in erotischer Weise an Pasquale heran und beide erleben, turtelnd auf einer Bank, ihr „coming out“. Bäume schweben vorbei, die Szene ist in rosarotes Licht getaucht, ein (Playboy?) Hase hoppelt über die Bühne und auch der Dirigent im Orchestergraben trägt plötzlich Hasenohren. Die beiden Freunde, glücklich vereint, singen ihr  Parlando Duett und verschwinden schließlich Arm in Arm von der Bildfläche.

Im Schutz der Bäume, hinter denen jeweils ein Chorsänger versteckt ist, schwelgt Ernesto im Liebesrausch und singt sein Notturno-Ständchen mit Gitarrenbegleitung, in das Norina einstimmt, während Sterne vom Himmel leuchten und der Chor sich in der Baumgruppe dazu wiegt. Als die Maskerade aufgedeckt ist und Pasquale dem Paar seinen Segen und eine Jahresrente gibt, wird im schönster Donizetti Belcanto-Manier im Walzerduktus mit Trillern und Verzierungen die Moral vorgetragen: “Weiße Haare sollen nicht freien, um der Jugend Lockenkranz, sonst gibt’s böse Balgereien und mit allen Teufeln Tanz“. Fünf Jahre später sieht man Norina und Ernesto im häuslichen Familienglück, entsprechend gealtert, in ihrem Kleingarten, mit einer zahlreichen Kinderschar in bürgerlicher Selbstzufriedenheit.

Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale verfügt stimmlich wie darstellerisch über viele Facetten und ist ein Buffo- Komödiant im besten Sinne. Er bringt den von Irrungen und Wirrungen gebeutelten Gemütsmenschen glaubhaft zum Ausdruck und überzeugt mit seiner Wandlung vom zunächst tapsigen und genügsamen Senior zum energiegeladenen Mann in den besten Jahren. Seinen schönen und beweglichen Bass setzt er in allen Lagen mit Leichtigkeit ein, und glänzt mit viel Volumen in den Tiefen und mit Präzision in den schnellen Läufen.

Den Drahtzieher Malatesta gibt Nicola Discic ganz im Sinne des Regiekonzeptes mit eher defensiver und unfreier Haltung, der nur auf den richtigen Augenblick wartet, seine Pläne umzusetzen und seine wahren Neigungen zu offenbaren. Er verfügt über einen kernigen und tragfähigen Bariton, den er an den richtigen Stellen zum Strahlen bringt. Seine Diktion ist vorbildlich, ebenso seine klangliche Balance in den Duetten und Ensembles.

Amelia Scicolone ist eine extrovertierte, und bildhübsche Norina, die mit Delikatesse und Esprit viel Schwung in die Männerwirtschaft bringt und mit ihrer selbstbewussten Zielstrebigkeit und ihren Verführungskünsten klar die Richtung vorgibt. Ihre furiose Verwandlung von der Unschuld in eine Furie bringt ungeahnte Potenziale zum Vorschein.Ihr silberner, flexibler Sopran erreicht mühelos dreigestrichene Regionen und lässt Donizettis Koloraturen, Triller und Verzierungen in den schönsten Farben leuchten.

Als schüchterner Ernesto scheint Juray Holly das Gegenstück zur temperamentvollen Norina zu sein, der sich zunächst mit Sanftmut und Resignation in sein Schicksal ergibt. Aber Gegensätze ziehen sich an, und nach all den Turbulenzen ist er am Ende als junger Liebhaber ein Stück erwachsen geworden. Juray Holly besitzt einen klangvollen und leicht ansprechenden lyrischen Tenor mit weichem Timbre, der vor allem mit poetischer piano- Innerlichkeit und verhaltenem Ausdruck besticht. Stephan Somburg als Notar komplettierte mit klangvollem Bass  und Spielfreude das bestens abgestimmte Ensemble.

Janis Liepins, erster Kapellmeister am NTM, führt das Orchester stilsicher und mit Spielfreude durch Donizettis Partitur, behält stets die Kontrolle über Bühne und Graben, auch an den virtuosen Parlando Stellen, die er mit Lockerheit und Präzision serviert. Der Klang ist farbig aufgefächert, könnte aber etwas mehr Transparenz vertragen. Mit stringenten Tempi gelingen ihm klare Linien und beeindruckende Steigerungen. Hervorzuheben sind die Instrumentalsoli von Cello und Trompete, die mit ihren ausdrucksstarken Kantilenen überzeugen. Der Chor ( Leitung: Dani Juris) bewältigt seine aktionsreichen Auftritte blendend und mit vokaler Brillanz.

Ein vergnüglicher Opernabend mit Tiefgang, der lange nachklingt. Viel Beifall vom begeisterten Publikum im fast ausverkauften Opernhaus.

Don Pasquale besprochene Vorstellung 5.02.2020, Premiere: 31.01.2020, weitere Vorstellungen  15.2.; 23.2.; 1.3.; 7.3.; 21.3.2020

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

 

Wien, Borromäussaal, „Italienisches & Deutsches“ – Arienabend, IOCO Kritik, 12.02.2020

Februar 11, 2020 by  
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Borromäussaal Wien / Thomas Weinhappel – Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

Borromäussaal Wien / Thomas Weinhappel – Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

„Italienisches & Deutsches“   –  Arienabend 

Thomas Weinhappel – Isabella Kuëss – Pantelis Polychronidis

von Marcus Haimerl

Gemeinsam mit der Sopranistin Isabella Kuëss und dem Pianisten Pantelis Polychronidis lud Bariton Thomas Weinhappel Mitte Jänner 2020 zu einem Arienabend in den prächtigen Wiener Borromäussaal im 3. Wiener Gemeindebezirk. Der Name war Programm und so regierten den ersten Teil des Abends italienische Komponisten wie Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti und Pietro Mascagni.

Der zweite Teil stand unter dem Stern Richard Wagners, dies nicht zuletzt, da die Sopranistin Isabella Kuëss, Stipendiatin der Richard-Wagner-Stipendienstiftung 2019 war und der Wiener Richard Wagner-Verband Wien das Konzert unterstützte.

Gleich zu Beginn konnte Thomas Weinhappel beweisen, dass ihm die Bösewichte des italienischen Faches ebenfalls liegen. Auch als Barone Scarpia im Finale von Puccinis Tosca („Va, Tosca! Nel tuo cor s’annida Scarpia“) überzeugte er – wie so oft – mit seinen beiden größten Begabungen: Seinem nuancenreichen, kräftigen Bariton und seinem besonderen schauspielerischen Talent. Mehr als glaubhaft brachte er so die Dämonie dieser Partie zum Ausdruck.

Auch Isabella Kuëss zog gleich zu Beginn alle Register ihres Könnens: Die ebenso große stimmliche Herausforderung, Leonores Arie aus dem 1. Akt „Tacea la notte placida“ aus Giuseppe Verdis Il Trovatore, nahm sie mühelos an. Sie bewegte sich hier gekonnt von zarten lyrischen Stellen am Beginn der Arie bis hin zu anspruchsvollen, dramatischen Koloraturen.

Auch im nächsten Programmpunkt blieb man bei dem italienischen Meister aus Le Roncole. Gemeinsam sangen Thomas Weinhappel und Isabella Kuëss überaus berührend das Finale der Oper Rigoletto. Mit unglaublicher Innigkeit und tiefem Schmerz verabschiedete sich der Bariton von seiner Tochter, die mit ihrem klaren Sopran beeindruckte, um am Ende versiert in das heftige, tiefverzweifte und gefürchtete „la maledizione“ (Der Fluch) auszubrechen.

Pantelis Polychronidis war nicht nur ein großartiger und hochprofessioneller wie erfahrener Begleiter der beiden Gesangssolisten, sondern konnte auch als Instrumentalsolist seine Fähigkeiten bravourös zeigen: Mit dem Intermezzo aus Pietro Mascagnis bekanntesten Werk, dem Einakter Cavalleria Rusticana, stellte der aus Griechenland stammende Pianist mit feinem Anschlag und differenziertem Spiel seine unglaubliche Begabung unter Beweis. Auch mit Enrique GranadosDanza 5A (Andaluza) und Schumanns „Kinderszenen“ (im zweiten Teil des Abends) begeisterte Pantelis Polychronidis das Publikum mit seinem gewinnenden solistischen Können am Flügel.

Borromäussaal Wien / Thomas Weinhappel – Isabella Kuëss - Pantelis Polychronidis © Marcus Haimerl

Borromäussaal Wien / Thomas Weinhappel – Isabella Kuëss – Pantelis Polychronidis © Marcus Haimerl

Thomas Weinhappel setzte mit seinem Rodrigo, Marquis von Posa aus Verdis Meisterwerk Don Carlos („Io morro“) auf die leisen Töne und vermochte auch hier das Publikum durch die Verbindung von Spiel und Gesang ehrlich zu bewegen. Das optimale Maß zwischen Zorn und Schmerz fand er danach als Enrico („Cruda funesta smania“ aus Lucia di Lammermoor). Dass er nun auch vollkommen ins italienische Fach gefunden hat, bewies er aber nicht nur mit dieser Arie des Belcantokomponisten Gaetano Donizetti, sondern noch mehr als Renato aus Verdis Un ballo in maschera. Seine „Eri tu che macchiavi quell’anima“ hatte von allem etwas: Mit seiner inzwischen enormen Kraft machte er metallisch eindrucksvoll den Zorn des vermeintlich betrogenen Ehemanns Renato deutlich, erreichte mit warmen, geschmeidigen Legatobögen verblüffende tenorale Höhen als er sich an die erste Begegnung mit seiner Gattin Amelia erinnerte und beendete die Arie voller Schmelz in seinem tiefen Schmerz, dabei aber stets klar fokussiert und wortdeutlich.

Nach der Pause entführten die beiden Solisten ins Reich des deutschen Komponisten Richard Wagner. Isabella Kuëss präsentierte ihre Elsa („Einsam in trüben Tagen“ aus Lohengrin) und Elisabeth („Hallenarie“ aus Tannhäuser) als strahlende Heldinnen.

Mit ihrem kraftvollen, ausdrucksstarken, bereits hochdramatischen, und stets punktgenauen Sopran erinnerte die Wienerin an manchen Stellen trotz ihres jugendlichen Alters bereits an große Vorgängerinnen. Kuëss zeigte damit (nach ihrer im Koloraturfach angesiedelten, zarten Gilda aus dem ersten Teil) auch, dass sie eine der wenigen ist, die größte Wandlungsfähigkeit und brilliante stimmliche Technik beherrscht, ohne dadurch seelenlos zu werden. Ganz im Gegenteil!

Thomas Weinhappel stand ihr dabei in Nichts nach: Sein imponierender, mächtiger und Ehrfurcht gebietender Donner (Wagner Das Rheingold) ließ den edlen, zartbesaiteten Wolfram („Blick ich umher“ und „Abendstern“ aus Tannhäuser) eigentlich gar nicht vermuten. Erneut konnte er durch farbige, mühelos erreichte tenorale Höhen und durch gewaltige Kraftausbrüche ohne je zu outrieren, sein großes darstellerisches und stimmliches Können unter Beweis stellen.

Mit der leichtfüßigen Zugabe, dem Duett „Libiamo, libiamo ne’lieti calici“ (Giuseppe Verdi La Traviata) führten die begabten jungen Solisten das Publikum wieder an den Beginn des Abends, der von der begeisterten Zuhörerschaft des Borromäussaal auch noch auf dem Nachhauseweg in den höchsten Tönen gelobt wurde.

—| IOCO Kritik Borromäus-Saal Wien |—

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