Cottbus, Staatstheater Cottbus, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatstheater Cottbus

cottbus.jpg
Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

  Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– verbunden mit Träumen über das Staatstheater Cottbus und seine Künstler –

von Thomas Kunzmann

Wenn ich über das Haus in „Cottbus“ nachdenke, schreibe, ist mir klar, dass das Staatstheater Cottbus nicht für jeden den Klang, die Wirkung entfalten kann, wie für mich. Ich bin 1969 in der Stadt als Sohn eines Hornisten geboren. Noch lange bevor ich mit der dortigen TheaterGemeinde in die umliegenden Kultur-Metropolen Dresden, Leipzig und Berlin reiste, um Opernvorstellungen zu besuchen, wurde der Grundstein meines bis heute anhaltenden Interesses in dieser 100.000-Einwohner-Stadt begründet. Cottbus ist groß genug, um (Hoch)Kultur in angemessenen Rahmen anzubieten zu können und zu klein, um für jeden auf dem Schirm zu sein.

Ist man aber in dieser Kulturszene unterwegs, lernt man quasi zwangsläufig Leute kennen, die auf, unter und hinter der Bühne arbeiten – das ist das Privileg der Einwohner kleiner Städte: Theater ist immer hautnah erlebbar. Nicht selten treffe ich Freunde, die ob meiner Leidenschaft entschuldigend sagen, sie würden ja nur selten ins Theater gehen – und erzählen im gleichen Atemzug, welche fünf Vorstellungen sie innerhalb der letzten 2 Jahre gesehen haben. Und würde man 10 willkürliche Passanten auswählen und sie fragen, was man in der Stadt gesehen haben muss, ich wette, bei allen käme „das Theater!“ auf einen der ersten drei Plätze, neben dem Pückler-Park.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer des Staatstheater Cottbus
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das 1908 eröffnete repräsentative Staatstheater Cottbus, konzipiert von Architekt Bernhard Sehring, auch das Theater des Westens in Berlin stammt von ihm, wurde im späten Jugendstil errichtet. Es konnte noch in den 80er Jahren (also zu DDR-Zeiten) aufwändig saniert werden. In dieser Zeit wurde das Haus der Bauarbeiter bespielt. Die Zauberflöte war dort meine erste Oper. Ein nicht untypischer Einstand. Nach der Wende waren es für mich zumeist Schauspiele. Als 1993 Christoph Schroth die Intendanz übernahm, war das Theater in aller Munde. Inszenierungen wie Die Räuber oder Hamlet dürften bis heute allen, die sie gesehen haben, unvergesslich in die Erinnerung gebrannt sein. Seine „Zonenrandermutigungen“,  in denen gleichzeitig die große Bühne bis hin zur Herrentoilette alles bespielt wurde, was Platz für Zuschauer bot, hatten nicht nur Event-Charakter, sondern boten auch tiefen Inhalt. 1991 holte Christoph Schroth Martin Schüler als Operndirektor. Nach Schroths Ausscheiden in 2003 übernahm Schüler die Intendanz des Hauses.

Der Neue schaffte es, das Musiktheater wieder mehr in den Fokus zu bringen, ohne das Schauspiel zu vernachlässigen. Dennoch war sein Hauptaugenmerk auf das Musiktheater gerichtet. Und so gelang es ihm, dass Cottbus als einziges Vier-Sparten-Theater den Kulturkahlschlag in Brandenburg überstand. Seit Jahren bespielt das Staatstheater Cottbus mit seinen Produktionen Potsdam, Frankfurt/O. und die Stadt Brandenburg. Schüler wäre fast der dienstälteste Intendant des Ostens geworden, wäre da nicht die Affäre um seinen GMD Evan Alexis Christ dazwischen gekommen.

Was war sein Erfolgskonzept? Es ist schwierig, circa 70 Inszenierungen, von denen ich nur etwa die Hälfte gesehen habe, da ich 2003 wegzog, auf einen einzigen Nenner herunterzubrechen. Es wäre vermessen und auch ungerecht. Dennoch ein Versuch: Schüler gelang es für mich, jeder Oper etwas Besonderes hinzuzufügen, was in Erinnerung bleibt. Sie modern zu machen, ohne sie zu verunglimpfen. Verblüffend logische Folgerungen zu ziehen ohne ihnen ein Korsett des „ich-muss-das-Thema-neu-erfinden“ aufzuzwingen. Er hauchte den Charakteren neues Leben ein, ohne ihren Sinn zu verunstalten, Oper erlebbar zu machen, indem er sie aus ihren mumifiziert-antiquierten Stereotypen löste, ohne das Publikum mit zwangsneurotischen Regievorstellungen zu brüskieren.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Eine Schüler-Inszenierung funktionierte deshalb für „Neulinge“ wie „Eingeweihte“ gleichermaßen: für die einen gab es die nachvollziehbare Geschichte mit historisierenden Kostümen und Bühnenbildern, für die anderen eine stringente Interpretation. Das war allerdings nie ein Alleinwerk, sondern seit vielen, vielen Jahren eine Symbiose: „Regie: Martin Schüler, Ausstattung: Gundula Martin, Dramaturgie: Dr. Carola Böhnisch“ – der Cottbuser Dreiklang.  Derlei denkend und vorab reüssierend fuhr ich also nun zu Don Giovanni, der definitiv letzten Vorstellung einer Schüler-Inszenierung in Cottbus. Mein dritter Anlauf. Beim ersten Mal hab ich den Tag falsch notiert und musste nach Hause an dem Abend, als die Vorstellung stattfand, der zweite Versuch scheiterte am Vorstellungsausfall aufgrund von Erkrankungen im Ensemble – „kein gutes Omen“, dachte ich. Schüler beklagte selbst des Öfteren, keine konsequente Regiekonzeption für diese Oper zu haben.

Während er von Mozarts Da-Ponte-Opern Figaro schon 1997 in Cottbus inszenierte (sowie in Halle 1989 und in Rheinsberg 2000) als auch Cosi fan tutte 1992 (Halle 1984, Stendal 1989) ließ er sich in Cottbus bis 2018 Zeit.  Am Ende ersetzte er die fehlende „zündende Idee“ durch eine Vielzahl witziger, aber auch tiefgreifender Einfälle. Christian Henneberg alias Don Giovanni wird bereits im Duell mit dem Komtur schwer verletzt. Das Herz des Opernliebhabers mit Hang zur Ideenentwicklung aus dem Libretto heraus geht sofort auf: allein dieser Ansatz hätte konsequenter weitergedacht werden können. Zum Beispiel, indem die Folgegeschichte als Fiebertraum inszeniert wird. Kurz wird man auf diese Schiene gebracht: Don Giovanni ist gar nicht der übergroße Verführer, er wünscht es sich lediglich zu sein. Der Versuch geht gar mächtig daneben – Daddy (der Komtur) funkt in das Liebesspiel zwischen Giovanni und seiner Tochter, fordert ihn zum Duell, verliert, aber nestelt aus dem Gürtel eine Pistole und während er sein Leben aushaucht,  nietet er den Schwerenöter doch noch um. Natürlich stirbt der nicht sofort an dem Bauchschuss, sondern fiebert sich durch seine Wunschträume der Verführungen – mehr als 2000 Frauen, die ihm europaweit verfallen. Leporello sein Herold, berichtet von seinen amourösen Wagestücken, lässt ihn als unbeugsamen Frauenbeglücker zur sinnesfreudigen Heldenfigur aufsteigen und dennoch im Kampf gegen die Gesellschaft untergehen.

Früher oder später muss der in jeder Hinsicht Übertreibende für seine Taten büßen – nicht als Verlierer der Oper, denn als stilisierte Sex-Ikone. Mit einem Augenzwinkern wären einige Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das fragwürdige Frauenbild der Mozart-Oper, die an die „me-too“-Bewegung erinnernde Übergriffigkeit des Protagonisten und nicht zuletzt die Unglaubwürdigkeit der schier unendlichen Verführungserfolge wären in dieser Sichtweise relativiert. Schüler bleibt allerdings im Hier und Jetzt des Librettos, derartige „Abweichungen“ waren eher selten sein Stil. Gepasst hätte es mal. Giovanni durchlebt seine letzten Abenteuer also ungeachtet der ihm zugefügten Wunde, oder – trotz dieser. Ihm zur Seite steht der treue, wenn auch geldgierige Leporello Andreas Jäpel.

Dieses kongeniale Duo sprüht vor Spielwitz, jede Bewegung ist perfekt aufeinander abgestimmt, der Slapstick sitzt so selbstverständlich, dass man weiß: viele dieser Abläufe sind bereits hunderte Male so passiert und über die Jahre perfektioniert, ohne banale Routine zu werden. Von der schnellen Linie Koks zwischendurch über einen Schluck Champagner bis hin zum Aufpolieren der „Kronjuwelen“ des größten Verführers aller Zeiten. Nahezu beiläufig dokumentiert Leporello minutiös, fotografiert die Eroberungen und ist gegen die eine oder andere Dublone bereit, seinen Herrn aus jeder misslichen Lage zu befreien, kurz: Don Giovanni könnte nicht Don Giovanni ohne seinen jede Situation rettenden Leporello sein.

 Staatstheater Cottbus / Don Giovanni - hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni – hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Freilich grätscht ihm Donna Elvira immer im unpassenden Moment in den Lauf. Mal weinerlich beschwörend, mal hysterisch kann sie die Vielschichtigkeit der Figur mit ihrer eigenen Dynamik ausgestalten.Schnell findet sich der nächste rote Faden: Die Pistole des Komturs hebt Don Ottavio (Dirk Kleinke mit einer überraschend guten Gesangsleistung) auf und führt sie als Rachewerkzeug mit sich. Sie taucht wieder auf, als es eng um Giovanni / Leporello wird, tötet „unbeteiligte“ Geiseln. Deren Särge dienen später als Tische des Nachtgelages mit dem Komtur und plakatieren nochmals die moralische Flexibilität oder eher unbekümmerte Pietätlosigkeit Giovannis. Schlussendlich wird Giovanni mit dieser Waffe getötet.

Der Komtur ist hier keine Einzelperson aus dem Jenseits mehr sondern ein Femegericht aller Geprellten. Ausführender ist Ottavio, der sich damit die Lorbeeren verdient, nächster Komtur zu werden. Am Ende jedoch ist die Gesellschaft der Männer um ihr Feindbild gebracht und die Frauen um ihre Träume. Es bleibt eine seltsame Leere.Bis zu diesem Moment gibt es noch – einem Wimmelbild für Erwachsene gleich – dutzendweise spannende, nachdenklich machende und auch einfach nur witzige Szenerien, ganz dem Sujet entsprechend. Nachdem Masetto von Giovanni ordentlich vermöbelt wurde, anschließend jammernd von seiner Zerlina verarztet wird, knickbeinig und bammelohrig die Szenerie verlässt und Zerlina ein absolut geräuschloses „Männer!“ ins Publikum wirft, bricht sich im Publikum einer jener kurzen Auflacher Bahn, die so typisch für Schülers zwanglosen Umgang mit historischen Stoffen sind. Eindrücklich auch die Ballszene, auf der jeder Gast ein Giovannis Garderobe schlüpfen darf und – Kleider machen Leute – einmal in ihrem Leben enthemmt ihren Wünschen und Bedürfnissen freien Lauf lassen. Durch die Eskalation der Gewalt aber finden sie ihr moralisches Regulativ wieder.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Am Pult stand Christian Möbius, der bereits 28 Jahre am Haus als Chorleiter und Zweiter Kapellmeister tätig ist. Sein sängerfreundliches Dirigat ließ keine Wünsche offen. Christian Henneberg ist als Don Giovanni ein wahrer Hingucker. Seine geschmeidigen Bewegungen und sportlichen Einlagen lassen auch ohne explizite Blicke in die Schlafzimmer erahnen, dass dort ein Könner am Werk ist. Gesanglich bietet er eine hochkonzentrierte, klangschöne Stimme, aus der eine selbstsichere Ruhe strahlt. Sein Widerpart, Ulrich Schneider als Komtur, besticht mit fulminantem Bass, eine Stimme wie das Gesetz persönlich. Giovannis Diener Leporello steht seinem Herrn in Nichts an Spielfreude nach, seinen Zwiespalt zwischen ein-ruhiges-Leben-führen oder selbst-einmal-Herr-sein-wollen hat man lange nicht so bildhaft gesehen. Stimmlich ist Jäpel immer ein Erfolgsgarant, so auch diesmal.

Ähnlich Debra Stanley, die einmal mehr nachhaltigen Eindruck hinterließ. Mirjam Miesterfeldts Zerlina sprüht vor jugendlicher Unbekümmertheit und überzeugt sowohl darstellerisch als auch gesanglich. Nach ihrer Giovanni-Erfahrung stellt sie komplett neue Ansprüche an das Liebesleben mit ihrem Masetto (Ingo Witzke), dem das aber sichtlich gefiel. Der wandlungsfähige Bass, der alle anderen Sänger um gut 1½ Köpfe überragt, darf sich hier mal etwas einfältig austoben und man erinnert sich gern an seinen bezaubernden Osmin. Er ist jedoch ebenso glaubhaft in den ernstzunehmenden Rollen wie Fafner, Timur oder Daland. Der Applaus jedenfalls war umwerfend, aus dem Publikum flogen etliche Blumensträuße den SängerInnen zu, und einmal mehr sind viele Gäste aus der Umgebung, besonders aus Berlin angereist, die, ob der eigenen Kulturvielfalt in der Hauptstadt befragt, immer unisono antworten „aber so etwas wie in Cottbus bekommen wir in Berlin ja leider nicht geboten“.

 Eine Ära geht zu Ende. Mit der Saison 20/21 wird Stephan Märki die Geschicke des Hauses vom Interimsintendanten Dr. Serge Mund übernehmen. Märki hatte Mund mal nach Potsdam geholt, diesmal ist die Folge umgekehrt. Leider wird in diesem Zuge das Ensemble etwas gestrafft. Und noch mehr „leider“ ausgerechnet um einige wichtige Leistungsträger. Vier davon haben in dieser Produktion nochmals ihre Bereitschaft und Fähigkeiten unter Beweis gestellt: Mirjam Miesterfeldt, Christian Henneberg, der in über 20 Produktionen von Dr. Falke (Die Fledermaus) bis zu Don Giovanni so ziemlich alles gesungen hat, was sein Fach am Haus hergab, Debra Stanley, die von Liu (Turandot) bis zur Jenny (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny) Großartiges geleistet hat. Auch Ingo Witzke ist nach 10 Jahren Zugehörigkeit und vielfältigsten großartigen Rollen zukünftig nicht mehr in Cottbus zu hören. Bedauerlicherweise gehört auch Martin Shalita, die große Überraschung als Calaf in Turandot, aktuell endlich auch als Erik im Holländer zu hören, zu den Scheidenden.

Man kann nur erahnen, dass es sich hierbei nicht um künstlerische Entscheidungen handelt, sondern weil es durch die üblichen Nichtverlängerungen schlichtweg einfacher ist, als sich von einigen Mitarbeitern zu trennen, die ihren Leistungszenit deutlich überschritten haben.

Aber noch gibt es einige Möglichkeiten, die Sänger in Cottbus zu erleben: Csárdásfürstin, Holländer, Liebestrank, Frau Luna, Satyagraha (Glass). IOCO, so wie ich als Korrespondent,  wird für seine große lokale wie überregionale Community im Netz gerne auch zukünftig immer wieder aus dem Staatstheater Cottbus berichten.

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Bremen, Theater Bremen, Don Giovanni – Wolfgang A Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2019

Oktober 22, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

logo_theater_bremen

Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

– Die große Leere absoluter Freiheit –

von Thomas Birkhahn

Nachdem das Bremer Theater den komödiantischen Rosenkavalier von Richard Strauss in der ersten Neuproduktion der Saison als Drama inszeniert hatte, durfte man gespannt sein, ob es jetzt bei Don Giovanni – von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte im Untertitel als Drama giocoso (Heiteres Drama) betitelt – etwas zu lachen gab.

Das Bühnenbild, ganz in schwarz-weiß gehalten, stellt eine Straße dar, die ins Nichts führt, und den Lebensweg symbolisieren könnte. Sie wird gesäumt von einem tristen grauen Acker mit Kohlköpfen. Ganz vorne ist eine Grube, in die später die beiden Toten fallen werden, und in die manchmal auch die Lebenden steigen.

Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart
youtube Trailer Radio Bremen- buten un binnen
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Für Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihr Team (Bühnenbild: Klaus Grünberg, Kostüme: Silke Willrett) ist Don Giovanni absolut frei. Er kennt keine Konventionen, keine Moral und keine Gesetze. Er ist ein Rastloser, der zwei Akte lang ohne Halt durch das Geschehen taumelt, ohne eine Bindung zu einer der drei Frauen zu finden, die er erfolglos zu verführen versucht. Die Freiheit, die er als Lebensstil auslebt, führt zu großer innerer Leere – ständig muss ein neuer Kick her.

Der einzige Mensch, dem er sich scheinbar verbunden fühlt, ist der Komtur. Liegt es daran, dass dieser das Gesetz und die Ordnung verkörpert, nach dem sich Don Giovanni doch heimlich sehnt? Zumindest ist es später auch der Komtur – und nicht die Kammerzofe – dem er sein berühmtes Ständchen singen wird, und dem er am Schluss lieber ins Jenseits folgt als sein Leben zu ändern. Bei Gürbaca tötet er den Komtur auch eher unabsichtlich, was bei ihm ein kurzes Innehalten bewirkt. Es wird der einzige Moment dieser Art an einem Abend voll rastloser Energie bleiben.

Doch der Reihe nach: Die Aufführung wird dominiert vom darstellerisch brillianten Birger Radde als Titelhelden Don Giovanni und seinem ebenso großartig aufspielenden zappeligen Sidekick Christoph Heinrich als Leporello. Was diese beiden Sängerdarsteller dem Publikum bieten, ist beste Unterhaltung. Es wird geprügelt, gestritten, gesoffen, gelacht und oftmals auch auf Kosten des schönen Gesangs gebrüllt. Die beiden singen und spielen ihren Part nicht nur hervorragend, sie „sind“ an diesem Abend Don Giovanni und Leporello.Sie gehören bei Gürbaca zusammen wie Laurel & Hardy und sorgen gelegentlich mit slapstickhaftem Klamauk für manchen Lacher.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Es ist seit der Uraufführung vor über 200 Jahren eine offene Frage, was denn nun genau zwischen Don Giovanni und Donna Anna zu Beginn der Oper stattgefunden hat. Wurde sie von ihm verführt? Muss Don Giovanni sich überhaupt maskieren, im Dunkeln auftreten, um Frauen zu erobern? Ist das das Merkmal eines großen Womanizers, der – nach Angaben seines Dieners – über 2000 Frauen erobert hat? Gürbaca meint nein, und zeigt ganz offen, wie Donna Anna sich mit verbundenen Augen willig vom Titelhelden verführen lässt. Sie wird auch den ganzen Abend nicht von Don Giovanni loskommen, was ihre Darstellerin Mima Millo sehr glaubhaft verkörpert. Er ist ja auch wirklich aufregender als ihr verlässlicher Verlobter Don Ottavio, der mit der nötigen Biederkeit von Hyojong Kim gespielt wird. Sein „Dalla sua pace“ – von Mozart für die Wiener Erstaufführung dazukomponiert – war zudem einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Mit tenoralem Glanz und wunderschönem Legato gestaltete er eine der populärsten Arien Mozarts.

Bei Tatjana Gürbaca kreisen alle Figuren ständig um den Titelhelden. Er ist nie allein auf der Bühne. Sie werden von ihm magisch angezogen, er soll ihr durchschnittliches Leben aufpeppen. Da aber Don Giovanni – wie schon erwähnt – vergeblich die Leere in seinem Leben zu füllen versucht, sind alle Protagonisten ständig auf der Suche nach ihrem Lebensglück..

Auch Donna Elvira kann nicht vom Titelhelden loslassen. Sie reist ihm viele hundert Kilometer nach. Entweder, um sich zu rächen, weil Don Giovanni sie sitzen ließ, oder um seine Liebe zurück zu gewinnen. Das weiß sie vermutlich selber nicht genau. Patricia Andress macht die Unsicherheit dieser Figur deutlich, und gestaltet die drei Arien dieser Partie sehr anrührend. Bei Gürbaca ist sie zudem schwanger, was ihre Chancen beim Ex nicht gerade erhöht…

Gürbaca lässt Leporello die „Registerarie“ mit großartiger Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit vortragen. Klar, er hat diese Arie bei einem Register von über 2000 Frauen ja auch schon hunderte Male gesungen. Die spult man irgendwann nur noch gelangweilt herunter.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Mit der bäuerlichen Gesellschaft von Masetto und Zerlina kommt nicht nur musikalisch ein volkstümlicher Kontrast hinzu, sondern in dieser Aufführung auch durch die Kostüme. Während Don Giovanni ständig sein Outfit wechselt, mal im Anzug, mal in pinkfarbener Leggings und Damenschuhen auftritt, und seine Gegenspieler business-like gekleidet sind, erinnert die Kleidung der bäuerlichen Gesellschaft eher an osteuropäische Bauern-Kostüme. Offenbar ist aber auch auf dem Land der Fernseh-Empfang sehr gut, denn ihre Moves für die Hochzeitsfeier scheinen die Gäste direkt von einem MTV-Video abgeguckt zu haben.

KaEun Kims Zerlina ist ein weiterer musikalischer Höhepunkt des Abends. Mit ihrem glockenhellen Sopran singt sie vor allem ihre erste Arie („Batti, batti“) mit zauberhafter Leichtigkeit. Stephen Clarks Masetto ist darstellerisch ein angemessem aggressiv auftretender Bräutigam, der nicht akzeptieren will, wie ihm nicht nur von Don Giovanni sondern auch von Zerlina übel mitgespielt wird. Leider erreicht er stimmlich diese Aggressivität nicht ganz. Sein Tenor klingt oftmals noch zu freundlich für diese Partie.

Im Finale des ersten Aktes kommen alle Figuren in den Genuss der Freiheit, die der Titelheld ihnen vorlebt: Don Giovanni lässt Kokain verteilen, und es beginnt eine Orgie, in deren Verlauf auch die scheinbar so tugendhaften Paare Masetto / Zerlina und Anna / Ottavio eindeutig Gefallen an der vorherrschenden sexuellen Freizügigkeit finden.

Dieses Finale hat als musikalische Besonderheit die Gleichzeitigkeit von drei Taktarten, was für damalige Ohren unerhört geklungen haben muss: Wir hören im Orchestergraben einen 3/4-Takt, und von den beiden Bühnenorchestern einen 2/4-Takt bzw. einen 3/8-Takt. Dieses komponierte „Chaos“ wird es erst im 20. Jahrhundert wieder geben. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Musiker der Bühnenorchester nicht im schwarzen Anzug am Rand der Bühne spielen, sondern wirklich auf der Bühne mitten im Geschehen agieren. Warum nicht auch die Musiker Kokain nehmen lassen und an der Orgie teilnehmen? Es hätte den Charakter des Anarchischen dieses Festes noch erhöht.

Im zweiten Akt ragt an diesem Abend musikalisch besonders Don Giovannis Ständchen heraus. Birger Raddes innig vorgetragene Liebeserklärung wird von der Mandolinistin vom Bühnenrand aus ebenso einfühlsam begleitet. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob es dem Regiekonzept nicht mehr entspräche, die Mandolinistin auf der Bühne am Geschehen teilhaben zu lassen; so wirkt es etwas brav.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Als „Oper aller Opern“ bezeichnete E. T. A. Hoffmann den Don Giovanni, und bezog sich damit vermutlich hauptsächlich auf das Finale des 2. Aktes, in dem Mozart Don Giovannis Höllenfahrt in nie zuvor gehörter Art und Weise in Töne setzt. Diese Musik weist weit in die Zukunft, und erst Carl Maria von Weber wird über 30 Jahre später in seinem Freischütz wieder solch düstere „Horrormusik“ komponieren. Hier hätte man sich einen klangvolleren Komtur gewünscht. Loren Langs Bass fehlte es etwas an Durchschlagskraft. Das Bedrohliche der bevorstehenden Höllenfahrt seines Mörders erschloss sich nicht ganz. Dafür konnten hier die Bremer Philharmoniker voll überzeugen. Waren sie in der Ouvertüre noch zu zaghaft, steigerten sie sich unter der Leitung ihres Kapellmeisters Hartmut Keil im Laufe des Abends, um bei der Rückkehr der Musik der Ouvertüre den ganzen Schrecken dieser Horrorszene hörbar zu machen.

Die im 19. Jahrhundert meist gestrichene letzte Szene wird in dieser Aufführung gespielt, und das ist auch gut so, zeigt Gürbaca doch, wie sehr den Überlebenden jetzt der Lebensmittelpunkt fehlt. Sie räumen die Bühne auf, das aufregende Partyleben ist mit Don Giovannis Tod vorbei, es beginnt wieder der Alltag. Nur Donna Elvira schlägt einen anderen Weg ein. Sie hat ihr Kind bekommen, gibt es aber Zerlina und geht lieber ins Kloster.

Besondere Erwähnung verdienen noch die Rezitative. Selten waren sie so unterhaltsam wie an diesem Abend. Sie wurden von den Darstellern nicht nur mit viel Tempo und Witz gespielt, sondern auch von Hartmut Keil mit Phantasie und Humor am Hammerklavier begleitet. Ein besonderer Leckerbissen war seine Idee, im Rezitativ der Friedhof-Szene nochmal die Champagner-Arie zu zitieren.

Dieser Abend ließ sängerisch und szenisch kaum Wünsche offen. Die Regie machte überzeugend die Doppelmoral der Protagonisten deutlich, bei denen der Titelheld gleichzeitig zwei konträre Emotionen hervorruft: Einerseits verurteilen sie Don Giovannis Tun als verwerflich, gleichzeitig haben sie aber auch den Wunsch, diesem Schurken zu folgen. Wer dazu Parallelen in der Politik sucht, wird sicher schnell fündig werden…

Begeisterter Applaus für alle Mitwirkenden und das Regieteam war verdienter Lohn für diese Don Giovanni  Aufführung.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, 25 Jahre Kammeroper – Rainer Pudenz, IOCO Aktuell, 02.09.2019

kammeroper_frankfurt.jpg

Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Die Kammeroper Frankfurt – Jubiläum im Palmengarten

 Die Kammeroper und Rainer Pudenz – Ein Herz und eine Seele 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Der Palmengarten ist ein echtes Wahrzeichen von Frankfurt am Main. Eröffnet wurde er 1871 und zählt heute mit seinen 22 Hektar zu einem der größten Gärten seiner Art in Deutschland. Seine Entstehung verdankt sich, wie so vieles in der Stadt, einer privaten, oftmals bürgerlichen Gründung. Als die freie Reichsstadt Frankfurt und Hessen-Nassau 1866 preußisch wurden, bot der depossedierte Herzog Adolf von Nassau seinen tropischen Pflanzen- und Baumbestand aus der Orangerie des Schlosses Biebrich zum Verkauf an. 1868 wurde ein Verein gegründet und der Gartenarchitekt Heinrich Siesmayer mit dem Kauf und der Leitung eines anzulegenden Gartens betraut. 1869 konstituierte sich die Palmengarten-Gesellschaft, 1871 folgte die feierliche Eröffnung des „Palmengarten“.

Nota bene – Das Schicksal sollte es doch noch gut mit Herzog Adolf von Nassau meinen: 1890 wurde er Großherzog von Luxemburg. Die Rhein-Main-Gegend verdankt ihm viel, u.a. die Förderung des Kurbetriebs in Wiesbaden, die Industrialisierung in Biebrich und Höchst und auch die Gründung der „Herzoglich Nassauischen Landes-Credit-Casse“ von 1840, aus der später die Nassauische Sparkasse hervorgehen sollte, geht auf ihn zurück.)

Kammeroper im Palmengarten / Carmen - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Carmen – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Der Palmengarten verfügt seit den 1980er Jahren – die alten Gewächshäusern wurden saniert – über ein Tropicarium und ein Subantarktishaus. Viele Schätze lassen sich in dem Areal finden, kleine und große Entdeckungen machen und nicht alle sind grün oder pflanzlicher Natur. Hier – wie in einer „kulturellen“ Oase – befindet sich mittlerweile eine andere Frankfurter Institution: die Kammeroper Frankfurt.

Auch die Kammeroper Frankfurt verdankt sich einer Privatinitiative und feiert in diesem Jahr silbernes Jubiläum im Palmengarten – gegründet wurde sie allerdings schon 1982. Seit einem Vierteljahrhundert finden die Vorstellungen in der sogenannten Muschel statt: Eine Muschel wie in einem echten Kurpark, Bänke bieten 400 Besuchern unter freiem Himmel Platz, inmitten einer üppigen Vegetation. Nicht nur in Frankfurt ein einmaliger Ort, um Kunst entstehen zu lassen. Und der Begriff „Kammeroper“ suggeriert keineswegs „nur“ einen kleinen Rahmen oder gar „weniger“ Kunst – im Gegenteil, der Anspruch der Verantwortlichen an sich selbst ist groß und ambitioniert. Ohne diese Beharrlichkeit, das Durchhaltevermögen und den Glauben an die eignen Visionen und Fähigkeiten hätte die Kammeroper – ohne festes Ensemble, lange ohne feste Spielstätte – kaum überlebt. Und wohl auch nicht ohne die finanziellen Zuwendungen durch die Stadt Frankfurt, das Land Hessen und den drei-vier Stiftungen, denn so der Kammeropern-Gründer: „Oper ist immer eine teure Geschichte“. Rainer Pudenz, Leiter und Regisseur der Kammeroper, stets in Schwarz gekleidet dafür aber inzwischen mit weißem Haupthaar, hat seine Begeisterung und Leidenschaft für die Oper nie verloren: „Von den damaligen Mitbegründern bin nur noch ich da – von den 37 Jahren Kammeroper!“ Eine Mitstreiterin aus den frühen Kammeropern-Jahren gibt es noch: die Kostümbildnerin Margarete Berghoff.

Die Winterreise – in der Kammeroper Frankfurt
youtube Trailer von FLAME, dem Florence Art Music Ensemble
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Wenn man sich bei Pudenz nach Vorbildern erkundigt, erhält man eine dezidierte Antwort: „Walter Felsenstein!“. Der legendäre Walter Felsenstein (1905-1975), Gründer und langjähriger Intendant der Berliner Komischen Oper, bei dem er zwar nicht direkt, sondern bei einem Schüler von ihm gelernt hat:  „Das ist mein Vorbild – woran ich arbeite. Und so arbeite ich mit dem Text, mit der Logik, mit der Dramaturgie, der Musik. Die Musik an einer Oper ist Gebrauchsmusik. Da ist jeder Gang in der Musik geschrieben. Vor allem beim Don Giovanni. Das ist ein Exempel dafür, das alles ganz logisch dramaturgisch aufgebaut worden ist musikalisch.“ Und wie bei Felsenstein wird bei ihm auf Deutsch gesungen und wie dieser spricht auch Rainer Pudenz lieber von „Musiktheater“.

Pudenz ist Theatermann, durch und durch! Gespielt wird bei ihm bei Wind und Wetter, mit wenigen (finanziellen) Mitteln, aber mit großer Verve und Engagement, viel Witz und jeder Menge schräger Ideen. Das Publikum ist ihm all die Jahre treu geblieben, nimmt ohne Murren schlechtes Wetter in Kauf und geniest doch die herrlich ausgefallene Atmosphäre im Palmengarten.

Das Orchester – aus etwa fünfundzwanzig Personen bestehend – ist mitsamt seinem Dirigenten vor der Muschel postiert, in ihr befindet sich die Bühne, auf der die Akteure auftreten. Als Zuschauer ist man vereint mit beiden Ensembles, der Blick auf ihr Wirken und Agieren ist durch keinen Graben getrennt, die Distanz zur „hohen“ Kunst fast aufgehoben. Alles wirkt unmittelbar und gehört zusammen. „Es war mir alles zu groß an den großen Häusern. Ich wollte Intimität schaffen mit meinen Opern. Ich wollte maximal 400-500 Besucher haben, damit die Intimität einer Kammer gewährleistet ist.“ Außerdem, fügt er an, „braucht jede große Stadt eine kleine Opera buffa oder komische Oper, hat jede große Stadt, die etwas auf sich hält.“

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Auch das ist sicherlich eine Erklärung, warum die Kammeroper über eine eingeschworene Fan-Gemeinde verfügt; der intime Rahmen – und Picknick-Charakter der Umgebung – schafft eine Gemeinschaft, die sich in ihrer Leidenschaft für die Kunstform Oper mit den Machern vereint sieht. Und für Wiederentdeckungen und Raritäten gut ist. Immer wieder gelingt Rainer Pudenz eine Ausgrabung aus dem unendlichen Fundus der Opernliteratur. Werke, die als verstaubt gelten oder längst vergessen sind, in den großen Opernhäuser vielleicht sogar mit ein bisschen Naserümpfen als zurecht vergessen erachtet werden. Jedenfalls sind sie dort kaum auf den Spielplänen zu finden. Es ist nicht nur eine geschickte „Marktlücke“, die Pudenz für sich und sein Haus (im Freien) gefunden hat, sondern echte Liebe und, so muss wohl hinzugefügt werden, Überzeugungsarbeit an der Kunstform Oper – insbesondere an der Opera buffa. Er möchte Werken zu neuem Bühnenleben verhelfen, die sonst nie zur Aufführungen gelangen. Denn nirgendwo sonst, wird man Stücke zu sehen und hören bekommen, die einen langen Dornröschenschlaf hielten oder ganz in den Orkus der Operngeschichte verschwinden sollten.

So erblickte zum silbernen Jubiläum eine Rossini-Oper zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit in Frankfurt: Die verkehrte Braut. (Bei Pudenz verlängerte sich das Rossini-Gedenkjahr etwas.) Als dramma giocosa schrieb der damals erst 19jährige und noch wenig bekannte Gioacchino Rossini seine L’Equivoco stravagante, wie die Oper im Original heißt, und prompt wurde das sich um die damalige Political Correctness wenig scherende Werk von der Zensur verboten. Ernestina, die belesene und nach intellektuellem Tiefgang strebende Heldin und „verkehrte Braut“ der Oper, rettet sich vor der geplanten Verheiratung mit dem unbedarften Stutzer Buralicchio in den Soldatenanzug. Außerdem liebt sie den armen Hauslehrer Ermanno, den ihr Vater – der neureiche Bauer Gamberotto – selbstverständlich als Schwiegersohn ablehnt.

Dem gezielt gestreuten Gerücht, sie sei eigentlich gar keine Frau, sondern ein Kastrat, der vor dem Militärdienst flieht, sitzt der einfältige Buralicchio vollends auf und lässt sie daraufhin verhaften. Das ist er seiner Ehre schuldig, aber Ermanno befreit seine Ernestina und am Ende gibt es das wohlverdiente Happy End. Rossinis Musik ist berauschend, das Libretto herrlich anstößig oder vielmehr erstaunlich modern, nimmt es doch unsere heutige Suche nach Geschlechteridentität oder die nach medialer Aufmerksamkeit drängenden Geld- und Geschmacksfragen fast prophetisch vorweg. Kurz: eine wunderbar subversive Komik und ganz nach dem Geschmack von Pudenz: „Viele Libretti sind zu unrecht verurteilt worden. Es ist wirklich keine literarische Geschichte, die da passiert. Wie geht es weiter im Gesang?! Das ist die interessantere Frage für mich. Die Musik führt’s weiter.“

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Wie nebenbei gelingt es der Kammeroper, Werke, nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten in Archiven oder Schubladen der Vergessenheit zu entreißen, sie vom Staub und Schlack der historischen Einschätzung zu befreien und zu neuem Bühnenleben zu verhelfen. Eine enorme Leistung, die Anerkennung verdient. Und so ist sein Verdienst ein doppelter: Neues Leben für alte, nicht mehr oder selten aufgeführte Stücke und in Rossinis Fall, einen Komponisten (oder vielmehr sein Oeuvre) zu erleben, der leider immer noch gerne auf nur wenige – meist eingängige – Opernwerke reduziert wird. Pudenz kann seine nimmermüde Begeisterung für das Groteske und Urkomische an den Mann und die Frau bringen; das Jubiläum bestritten unter seiner Regie: Dzuna Kalnina, Thomas Peter, Timon Führ, Ralf Simon, Louise Fenbury, Ilja Aksionov und Harald Mathes sowie der zwar kleine doch spielfreudige Chor. Für das Bühnenbild sind Frank Keller und Mateo Vilagrasa, für die Kostüme ist Claudia Kraspe verantwortlich gewesen. Vilagrasa – Bühnenbildner und Künstler und ebenso prägende Gestalt der Kammeroper – ist vergangenes Jahr gestorben. Dirigent dieser Produktion ist Daniel Stratievsky. Er wurde 1986 in Leningrad geboren und stammt aus einer Musikerfamilie. Aktuell ist er am Theater und Orchester GmbH Brandenburg/Neustrelitz als 2. Kapellmeister und Solorepetitor engagiert. Für viele erwies sich die Kammeroper als Sprungbrett für etwas Größeres – auch dem jungen Dirigenten Stratievsky wäre es zu wünschen.

Tatsächlich entpuppt sich die Kammeroper immer wieder als ein Sprungbrett. Und Pudenz zählt gleich einige auf: „Ja, ja, es gab ein paar große Karrieren. Roberto Saccà war das seinerseits. Martin Kränzle, der Sänger ist. Martin Kränzle hat bei uns im Orchester gespielt – Geige hat er gespielt. Roland Böer, der hier am Haus war. Dann war es Zoran Todorovich.Barbara Zechmeister, die fast gleich von unserer Produktion an die Oper Frankfurt gegangen ist. Johannes Kösters, für uns ein Großer, aber den habe ich nicht rausgebracht, das war kein Sprungbrett. Er war ein wichtiger Mann auch für uns. Beate Bilandzija, die an die Wiener Staatsoper gegangen ist – um nur einige zu nennen.“ Für die Produktionen gibt es immer ein Vorsingen, so dass sich junge Talente bei ihm präsentieren können. Das Orchester hat sich relativ stabil gehalten, aber natürlich kann er allen – ob auf oder vor der Bühne – nicht so viel zahlen, wie es an großen Häusern üblich ist.

Nur einmal berührten sich Kammeroper und Oper Frankfurt: 1993 führte Rainer Pudenz Regie auf der großen Opernbühne. Er inszenierte die bis in die fünfziger Jahre nicht sehr häufig gespielte Oper Die heimliche Ehe von Domenico Cimarosa. Es war eine bunte, schrille Angelegenheit, die damals viele Opernbesucher zu irritieren vermochte. Aus heutiger Sicht war es eher eine harmlose, natürlich überzogene, den Witz des Stückes überdehnende Interpretation – aber fordern heutzutage manche Inszenierungen das Publikum nicht vielmehr heraus?! Bei dieser einmaligen Arbeit auf der großen Opernbühne ist es bis heute geblieben. Pudenz bedauert das nicht, denn schließlich ist er in der Kammeroper sein eigener Herr und die beiden Institutionen stehen sowieso nicht in Konkurrenz zueinander.

Der Kammeropern-Chef liebt seine Stücke und das Theater. Es ist ihm wichtig, dass der Text verstanden und an den entsprechenden Stellen gelacht wird – nicht erst, wenn die Übertitel die Übersetzung angezeigt haben, und so wird bei ihm auf Deutsch gesungen. „Übertitel mag ich nicht“, sagt Pudenz trocken (Was aufgrund der architektonischen Gegebenheiten sowieso nicht möglich wäre.) Nicht nur die Musik, auch Sprache transportiert für ihn Emotion und muss deshalb verständlich sein. „Die Texte sind keine literarischen Großwerke“, so Pudenz, „aber ich entwickle eine Oper anhand des Texts. Man soll ja wissen, was man singt.“

Und das Publikum soll es ebenfalls verstehen können. Text und Musik bilden für ihn eine Einheit, der unbedingte Glaube, dass sich noch für jedes – meist komisch-absurd-subversive – Libretto eine theatralische Umsetzung konzipieren lässt, erweist sich als goldrichtig. Die gängige Auffassung und somit Trennung von auf der einen Seite wunderbaren Musik und auf der anderen Seite verschwurbeltem, nicht aufführbarem Inhalt hat für Pudenz keinen Bestand. Dass verlangt für die Übersetzung philologische Arbeit am Libretto – natürlich die deutsche Sprache bis zum Äußersten ausreizend und auskostend bis hin zum Grotesken –, zugleich muss sie so gelingen, dass der deutsche Text singbar ist. Dafür ist seit einigen Jahren Thomas Peter, selbst Sänger, zuständig, der die Sprache „vom zuckrigen Guss“ der Übersetzungen aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befreit.

In gewisser Weise ist Rainer Pudenz seinem Idol Felsenstein nahe gekommen, ihm fast ebenbürtig geworden, denn die Kammeroper wird nun endlich ein richtiges Haus erhalten – ein „200-Mann-Theater“, wie er es nennt. Der intime Rahmen bleibt, hinzukommen wird ein Dach über dem Kopf und damit die Unabhängigkeit vom Wettergott – kurzum ein richtiges Theater. Auch IOCO – Kultur im Netz gratuliert  zum 25jährigen Jubiläum der Kammeroper im Palmengarten und für die Zukunft weiterhin: toi, toi, toi.

—| IOCO Aktuell Kammeroper Frankfurt |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 2019/20: Barocktage, Premieren, Kinderorchester und mehr, IOCO Aktuell, 16.08.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden –   Die  Saison 2019/20

– IOCO stellt vor –

Die Akzente der Berliner Staatsoper Unter den Lindender Spielzeit 2019/20: Sieben Premieren im Großen Haus; das Format LINDEN 21 (zwei Uraufführungen, eine Deutschen Erstaufführung, zwei Wiederaufnahmen); die zweiten BAROCKTAGE vom 1. bis 10. November 2019, mit Fokus auf Scarlatti und Purcell; die 25. Ausgabe der FESTTAGE (4. bis 12. April 2020, mit dem Beginn eines neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus’ und zyklischer Aufführung sämtlicher Sinfonien von Beethoven). Dazu bietet das Programm 28 wiederaufgenommene Musiktheaterwerke sowie mehr als 70 Konzerte. Insgesamt präsentiert die Staatsoper Unter den Linden 2019/20 über 300 Veranstaltungen, zudem zahlreiche Projekte der Jungen Staatsoper. Darüber hinaus feiert die Staatskapelle Berlin 2020 ihr 450-jähriges Bestehen: Ein Jubiläum, das in den Spielzeiten 2019/20 sowie 2020/21 im Fokus stehen wird.

 Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim © Christian Mang

Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim © Christian Mang

SIEBEN PREMIEREN – André Heller inszeniert Rosenkavalier

Bei den sieben Premieren der Spielzeit 2019/20 wird es sechs Regie-Hausdebüts geben: Erstmals inszenieren an der Berliner Staatsoper David Bösch, Romeo Castellucci, Damián Szifron, André Heller, David McVicar sowie Vincent Huguet. Die siebte Premiere inszeniert Claus Guth, der damit seine sechste Regiearbeit am Haus zeigt. Bei den Premieren von LINDEN21 werden zudem Letizia Renzini, Pauline Beaulieu und Thom Luz ihr Hausdebüt an der Staatsoper Unter den Linden geben.

Daniel Barenboim wird in der Spielzeit 2019/20 die Eröffnungspremiere von Otto Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR am 3. Oktober 2019 in der Regie von David Bösch dirigieren. 1849 an der Berliner Staatsoper (der damaligen Königlichen Hofoper Berlin) uraufgeführt, kehrt das Werk nun mehr als 30 Jahre nach der letzen Inszenierung wieder ans Haus zurück. René Pape gibt als Sir John Falstaff sein Rollendebüt, daneben sind u. a. Michael Volle, Pavol Breslik und Anna Prohaska zu erleben. Das Falstaff-Thema wird sich auch im weiteren Programm wiederfinden, mit der Wiederaufnahme von Verdis FALSTAFF sowie beim I. Abonnementkonzert mit Elgars Symphonischer Studie Falstaff.

Die Zauberflöte2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der argentinische Filmregisseur Damián Szifron, der mit seinem Film Wild Tales – Jeder dreht mal durch 2015 für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, wird in der kommenden Spielzeit sein Opernregiedebüt geben. Gemeinsam mit Daniel Barenboim wird er Camille Saint-Saëns’ SAMSON ET DALILA (24. November 2019) erarbeiten. In den Titelrollen sind Brandon Jovanovich, der damit sein Haus- und Rollendebüt gibt, sowie Elena Garanca zu erleben.

Die FESTTAGE-Premiere, unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim, wird am 5. April 2020 Mozarts COSÌ FAN TUTTE sein. Diese Neuproduktion bildet den Auftakt eines Mozart-Da-Ponte-Zyklus’ zu den FESTTAGEN 2020 bis 2022, den Daniel Barenboim gemeinsam mit dem französischen Regisseur Vincent Huguet realisiert. Zum Ensemble zählen Elsa Dreisig (Rollendebüt Fiordiligi), Marianne Crebassa (Rollendebüt Dorabella), Paolo Fanale (Ferrando), Gyula Orendt (Guglielmo), Ferruccio Furlanetto (Don Alfonso) und Barbara Frittoli (Rollendebüt Despina).

Das Rheingold – 2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

 Daniel Barenboim wird zwei Mal Wagners RING-Tetralogie dirigieren, der in der Regie von Guy Cassiers zum ersten Mal Unter den Linden zu erleben ist, sowie die Wie-deraufnahmen von Verdis FALSTAFF (Januar / Februar 2020) und Bizets CARMEN (März 2020), die in der Regie von Martin Kušej nach neun Jahren wieder zu sehen ist. Im Konzertprogramm wird der Generalmusikdirektor vier Abonnementkonzerte der Staatskapelle Berlin gestalten. Des Weiteren dirigiert er 2019/20 den Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien während der FESTTAGE, die Konzerte zum Jahreswechsel und ein Gastspiel der Staatskapelle Berlin in Paris.

Neben COSÌ FAN TUTTE wird es in der kommenden Spielzeit mit IDOMENEO (22. März 2020) eine weitere Mozart-Neuproduktion geben, dirigiert von Simon Rattle, der diese Oper zu seinen Lieblingswerken zählt. Erstmals arbeitet Rattle dabei mit Regisseur David McVicar zusam-men. Protagonisten sind u. a. Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Rollendebüt Ilia) und Olga Peretyatko (Rollendebüt Elettra). Ein verstärkter Fokus auf Mozart zeigt sich auch im weiteren Programm mit den Wiederaufnahmen von DIE ZAUBERFLÖTE, DON GIOVANNI, LE NOZZE DI FIGARO sowie im Konzert- und Jugendprogramm.

Der fliegende Holländer2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Mit Richard Strauss’ DER ROSENKAVALIER (9. Februar 2020) wird der Multimedia-künstler André Heller seine erste Oper inszenieren. Die musikalische Leitung übernimmt der Ehrendirigent der Staatskapelle Berlin, Zubin Mehta. Als Bühnenbildnerin konnte die österrei-chische Malerin Xenia Hausner gewonnen werden. Die Kostüme gestaltet der österreichische Modedesigner Arthur Arbesser. René Pape gibt hierbei sein Rollendebüt als Baron Ochs auf Lerchenau, ihm zur Seite stehen u. a. Camilla Nylund (Feldmarschallin), Michèle Losier (Rollendebüt Octavian), Roman Trekel (Herr von Faninal) und Nadine Sierra (Rollendebüt Sophie).

Dem Komponisten und Dirigenten Richard Strauss, der 20 Jahre als Hofkapellmeister und GMD an der Berliner Hofoper tätig war, ist in der Spielzeit 2019/20 ein Schwerpunkt gewidmet, der sich neben der Neuproduktion von DER ROSENKAVALIER in der Wiederaufnahme von SALOME sowie im Konzertprogramm, insbesondere in der Kammermusik, fortsetzt.

Mit CHOWANSCHTSCHINA von Modest Mussorgsky wird eine Oper des russischen Re-pertoires gespielt, die erstmals seit 1958 wieder an der Staatsoper Unter den Linden Premiere feiert. Vladimir Jurowski, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und künftiger GMD der Bayerischen Staatsoper, wird mit dieser Neuproduktion sein Hausdebüt geben und die Staatskapelle Berlin zum ersten Mal dirigieren. Regie führt Claus Guth (7. Juni 2020), mit u. a. Mika Kares (Rollendebüt  Fürst Iwan Chowanski), Sergey Skorokhodov (Fürst Andrei Chowanski), John Daszak (Fürst Wassili Golizyn), Vladislav Sulimsky (Bojar Schaklowity), Alexey Tikhomirov (Dosifei), Marina Prudenskaya (Marfa), Andrea Danková (Susanna), Gerhard Siegel (Schreiber) und Anna Samuil (Emma).

Rigoletto 2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

BAROCKTAGE – 1. – 10. November 2019

IL PRIMO OMICIDIO von Alessandro Scarlatti ist die BAROCKTAGE-Premiere am 1. November 2019. René Jacobs dirigiert damit seine 27. Neuproduktion am Haus. Diesmal leitet er das belgische Ensemble B’ROCK ORCHESTRA, das erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben ist. Für Regisseur Romeo Castellucci ist es ein Berliner Operndebüt. Zum Ensemble zählen Kristina Hammarström (Caino), Olivia Vermeulen (Abel), Brigitte Christensen (Eva), Thomas Walker (Adamo), Benno Schachtner (Voce di Dio) und Arttu Kataja (Voce di Lucifero). Die Premiere ist eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris und dem Teatro Massimo, Palermo. Die BAROCKTAGE finden 2019 vom 1. bis 10. November statt und widmen sich in der zweiten Ausgabe Alessandro Scarlatti und Henry Purcell im Spannungsfeld zwischen dem italie-nischen und dem englischen Barock. Neben der Premiere sind die Wiederaufnahmen von Purcells DIDO & AENEAS und KING ARTHUR zu erleben sowie die LINDEN 21-Uraufführung LOVE, YOU SON OF A BITCH – eine Stückentwicklung von Letizia Renzini, bei der Werke von Alessandro und Domenico Scarlatti mit Live-Elektronik verschmelzen (Uraufführung: 25. Oktober, weitere Vorstellungen im Oktober sowie während der Barocktage). Das weitere Programm umfasst einen Round table sowie 16 Konzerte, die sich ebenfalls schwerpunktmäßig den beiden Komponisten Scarlatti und Purcell widmen. Zu den Gästen des Festivals zählen u. a. die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi mit Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina und Aaron Sheehan als Solisten, Le Concert des Nations unter Jordi Savall, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, The Talis Scholars unter Peter Phillips, die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone mit Serena Sáenz Molinero und Delphine Galou als Solistinnen, sowie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll und Jean Rondeau.

LINDEN 21 – 2 Uraufführungen

LINDEN 21 umfasst die Produktionen und Projekte des Spielplans, die den vielfältigen Formen zeitgenössischen Musiktheaters nachspüren. 2019/20 wird es dabei zwei Uraufführungen, eine Deutsche Erstaufführung sowie zwei Wiederaufnahmen – USHER von Claude Debussy / Annelies Van Parys in der Regie von Philipp Quesne sowie HIMMELERDE, ein Maskenmusiktheater von Familie Flöz und der Musicbanda Franui – geben.

Die erste LINDEN 21-Produktion der neuen Spielzeit wird am 25. Oktober 2019 im Alten Orchesterprobensaal die Uraufführung von LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Stückentwicklung von Letizia Renzini, sein. Arbeiten von ihr waren u. a. bei der Biennale Venedig, im Tanzeshus Stockholm, dem Royal Opera House London und der Philharmonie Luxembourg zu sehen.

Obwohl Hans Werner Henze und Hans Magnus Enzensberger viel über eine kleine Fassung ihrer 1974 uraufgeführten Fernsehoper LA CUBANA diskutierten, kam es vor Henzes Tod 2012 nicht zur Realisierung dieses Projekts. Mit LA PICCOLA CUBANA (Deutsche Erstaufführung: 28. April 2020, Alter Orchesterprobensaal) kommt die kammermusikalische Fassung dieses Werks – um die Varietésängerin Rachel vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche im vorrevolutionären Kuba – in einer Einrichtung von Jobst Liebrecht, unter der musikalischen Leitung von Peter Ruzicka und in der Regie von Pauline Beaulieu erstmals zur Aufführung. LA PICCOLA CUBANA ist eine Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg, wo das Werk Anfang April 2020 uraufgeführt wird.

Thom Luz, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal zum Theatertreffen eingeladen ist und 2014 von Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt wurde, ist ein Grenz-gänger zwischen Sprech- und Musiktheater. Gemeinsam mit dem Musiker und Arrangeur Mathias Weibel hat Luz in den letzten Jahren eine Theatersprache entwickelt, die Stille, Bewegung, Text und Musik zu dichten, atmosphärischen Raumkompositionen verbindet. Die 1682 von dem Musiker und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister formulierten Grundlagen zur wohltemperierten Klavierstimmung werden zum Ausganspunkt ihrer ersten Arbeit an der Staatsoper, in der sie sich unter dem Titel WERCKMEISTER HARMONIEN mit dem Schaffen und der Auf lösung von Ordnungen beschäftigen und nach einer Wahrheit im Zweifel suchen, im Raum zwischen den schwarzen und weißen Tasten (Uraufführung: 19. Juni 2020, Apollosaal). Die Produktion findet in Kooperation mit dem Theater Gessnerallee Zürich statt.

Staatsoper für Alle – Auch 2020 – Mit Sonderkonzert zum 450-jährigen Bestehen der Staatskapelle
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

JUBILÄUM  – 450 JAHRE STAATSKAPELLE BERLIN

2020 blickt die Staatskapelle Berlin auf ihr bereits 450-jähriges Bestehen zurück. Grund genug dieses Jubiläum im Kalenderjahr 2020 – über die Spielzeiten 2019/20 sowie 2020/21 hinweg – zu feiern: Bereits mit den Konzerten zum Jahreswechsel am 31. Dezember 2019 und 1. Januar 2020 wird das Jubiläumsjahr eingeläutet, das zu Anfang der Spielzeit 2020/21 mit einer FESTWOCHE im September seinen Höhepunkt findet – u. a. mit Sonderkonzerten wie STAATSOPER FÜR ALLE, dem KONZERT FÜR BERLIN in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und einem großen Geburtstagsfest in der Staatsoper Unter den Linden. Das Jubiläum wird über die Auftritte hinaus mit einer Buchpublikation, einer CD-Edition sowie einer Ausstellung zur Geschichte der Staatskapelle bedacht. Außerdem kommt es im Februar 2020 zum Abschluss der Symposionsreihe 450 Jahre Staatskapelle Berlin.

K O N Z E R T P R O G R A M M

Die Staatskapelle Berlin spielt in Berlin 16 große Sinfoniekonzerte mit acht Program-men – im Opernhaus Unter den Linden sowie in der Philharmonie. Vier Doppeltermine stehen unter der Leitung von Daniel Barenboim. Die weiteren Abonnementkonzerte werden geleitet von Zubin Mehta, Antonio Pappano, Herbert Blomstedt und Lahav Shani, der beim ersten Abonnementkonzert unter der Leitung von Daniel Barenboim ebenfalls als Solist am Klavier zu erleben ist. Weitere Solistinnen und Solisten sind Lisa Batiashvili (Violine), Martha Argerich ( Klavier), Yuja Wang ( Klavier), Pinchas Zukerman (Violine), Renaud Capuçon (Violine), Christian Schmitt (Orgel) sowie die Mezzosopranistin Elena Garanca. Die Sinfoniekonzerte schlagen dabei immer wieder Querverbindungen zum Opernprogramm, z. B. mit Edward Elgars Symphonischer Studie Falstaff« mit einem Camille Saint-Saëns gewidmeten Programm, mit Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung sowie mit mehreren Werken von Mozart. Beim VII. Abonnementkonzert kommt Benjamin Attahirs Violinkonzert mit Renaud Capuçon als Auftragswerk der Daniel Barenboim Stiftung zur Uraufführung.

Anlässlich des Beethoven-Jahrs bringen die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim während der FESTTAGE 2020 alle neun Sinfonien Beethovens an vier Terminen zyklisch zur Aufführung. Ergänzt wird das Konzertprogramm durch ein Klavierrecital mit András Schiff, das sich Beethoven und Mozart widmet. Ebenfalls wieder während der FESTTAGE ist das Opernkinderorchester zu erleben. Unter der Leitung von Max Renne spielen die Kinder Auszüge aus den 2019/20-Premieren IDOMENEO, COSÌ FAN TUTTE und SAMSON ET DALILA sowie aus CARMEN.

Die 16 BAROCKTAGE-Konzerte (1. bis 10. November) widmen sich schwerpunktmäßig den Komponisten Scarlatti und Purcell. Zu den Gästen des Festivals zählen u. a. die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi mit Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina und Aaron Sheehan als Solisten, die Scarlattis Oratorium La Vergine addolorata zur Aufführung bringen, Le Concert des Nations unter Jordi Savall, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, The Talis Scholars unter Peter Phillips, die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone mit Serena Sáenz Molinero und Delphine Galou als Solistinnen, sowie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll und Jean Rondeau. Unter der Leitung von Matthias Wilke spielen Mitglieder der Staatskapelle Berlin innerhalb des Festivals zwei Konzerte der Reihe Preußens Hofmusik mit Werken von Purcell.

Für junge Menschen von 6 bis 9 Jahren wird es ein Kinderkonzert mit Mitgliedern der Akademie für Alte Musik geben. Die Konzerte finden im Apollosaal, im Großen Saal sowie im Pierre Boulez Saal statt. Im November 2019 werden die Staatskapelle Berlin und ihr Generalmusikdirektor Daniel Barenboim mit den vier Sinfonien von Johannes Brahms in der Philharmonie de Paris zu Gast sein.

Bei den Konzerten zum Jahreswechsel am 31. Dezember 2019 und 1. Januar 2020 erklingt Beethovens Sinfonie Nr. 9 unter der Leitung von Daniel Barenboim, mit Elena Stikhina, Marina Prudenskaya, Andreas Schager und René Pape als Solisten sowie mit dem Staatsopernchor. Des Weiteren wird mit Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 450 das Jubiläumsjahr 450 Jahre Staatskapelle Berlin eingeläutet, das 2020 gefeiert wird und zu Anfang der Spielzeit 2020/21 mit einer FESTWOCHE seinen Höhepunkt f indet.

Die Staatskapelle Berlin wird unter der musikalischen Leitung von Ilan Volkov die Uraufführung des Staatsballetts von Georg Friedrich Haas’ SYM-PHONIE MMXX in der Choreographie von Sasha Waltz zur Aufführung bringen (Uraufführung: 25. April 2020).

Die zehn Kammerkonzerte mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin widmen sich 2019/20 dem kammermusikalischen Schaffen von Richard Strauss, der mit der Geschichte der Staatskapelle Berlin eng verbunden ist und das Orchester als Hof kapellmeister und GMD weit über 1000 Mal in Oper und Konzert dirigierte. Die selten zu hörenden Kompositionen werden in Beziehung gesetzt zu Werken seiner Zeitgenossen und Vorbilder.

Zu den weiteren Konzerten zählen das Klimakonzert des Orchesters des Wandels, das Adventskonzert mit dem Kinderchor, Konzerte im Pierre Boulez Saal, die Konzertreihe Preußens Hofmusik, die Museumskonzerte im Bode-Museum, Kinderkonzerte, Konzerte mit dem Interna-tionalen Opernstudio und der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin, Chorkonzerte sowie Sonderprogramme mit Gästen.

2019/20 finden Liedrecitals mit u. a. Angela Gheorghiu, Philippe Jaroussky und Renée Fleming im Großen Haus sowie mit Ensemblesolistinnen und -solisten der Staatsoper Unter den Linden im Apollosaal statt.

Le Nozze di Figaro2019/20 dem Spielplan der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

KINDER- UND JUGENDPROGRAMM

Seit Februar 2018 sind 88 Kinder, 7 bis 12 Jahre alt, Mitglied im Opernkinderorchester. In enger Zusammenarbeit mit den Berliner Musikschulen ermöglichen die Staatsoper und die Staatskapelle Berlin damit Kindern eine Teilhabe am professionellen Opernbetrieb und unterstüt-zen sie so in ihrer individuellen Entwicklung. Zweimal monatlich nehmen die Kinder an gemein-samen Stimmproben mit Musikpädagoginnen und -pädagogen, Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Berlin sowie an Orchesterproben unter der Leitung von Max Renne teil. Unter seiner musikalischen Leitung werden die jungen Musikerinnen und Musiker 2020 in drei Konzerten eine Brücke zum Opernprogramm 2019/20 schlagen, mit Auszügen aus IDOMENEO, COSÌ FAN TUTTE, CARMEN und SAMSON ET DALILA (12. April im Rahmen der FESTTAGE sowie 21. und 26. April 2020).

Das Kinderopernhaus Berlin, das inzwischen in vielen Schulen fest verankert ist, gehört ebenso wie das Opernkinderorchester zum Herzstück der Educationarbeit an der Staatsoper. Im Ursprungsbezirk Lichtenberg, ebenso aber auch in Marzahn und Reinickendorf existieren regionale Zentren, an insgesamt zehn Orten sind Schul-AGs initiiert worden, während in der Staatsoper Unter den Linden seit der Spielzeit 2018/19 die Fäden zusammenlaufen. Insgesamt werden Hunderte von Kindern aus allen Berliner Bezirken erreicht, die zum Teil erstmals mit der Kunstform Oper in Berührung kommen. In der Spielzeit 2019/20 beschäftigt sich das Kinderopernhaus Berlin mit dem jungen Mozart. Unter Anleitung erfahrener Profis aus der Opernwelt erarbeiten die Kinder dabei selbst eine Oper, auf Anregung und unter Verwendung von Mozarts Musik.  Unter dem Titel FINTA MIT FINTEN – DER JUNGE MOZART KOMPONIERT wird diese Produktion am 29. Mai 2020 im Alten Orchesterprobensaal Premiere feiern.

Als Kinderopernproduktion wird SCHNEEWITTCHEN von Wolfgang Mitterer nach Engelbert Humperdinck in der Inszenierung von Constanze Albert wieder zu erleben sein (Wieder-aufnahme: 13. März 2020). In ihrer gemeinsamen Produktion HOMO DEUS beschäftigen sich der Jugendklub und der Jugendchor mit Biotechnik, Cyborgs und künstliche Intelligenz und suchen nach der Absurdität und Poesie in der Welt der Zukunft (Premiere: 15. Mai 2020).

Für die Altersgruppen 3 – 5 Jahre, 6 – 9 Jahre und 10 – 12 Jahre werden Kinderkonzerte angeboten, die ebenfalls in Festivals wie die BAROCKTAGE eingebunden sind. Das weitere Angebot umfasst Workshops, Probenbesuche, die Kompositionswerkstatt, Projekte wie Rhapsody in School oder TUSCH – Theater und Schule, ein Opernreporter-Projekt, den Jugendklub sowie den Jugendchor.

—| IOCO Aktuell Staatsoper unter den Linden |—

Nächste Seite »