Stuttgart, Staatsoper, LA SONNAMBULA – Vincenzo Bellini

Triumphaler Belcanto-Abend in Stuttgart: Bellinis „La Sonnambula“ begeistert mit Standing Ovations. Claudia Muschio, Charles Sy und Michael Nagl glänzen, Orchester und Regie verschmelzen zu einer idealen Einheit. Ein Fest für Opernliebhaber.

Stuttgart, Staatsoper, LA SONNAMBULA – Vincenzo Bellini
Oper Stuttgart © Matthias Baus

von Alla Perchikova

Staatsoper Stuttgart, Bellini- La Sonnambula 20. Februar 2026

„Belcanto in Bestform: Triumphale ‚La Sonnambula‘ in Stuttgart“

In der Karnevalssaison 1830–1831 nahm sich das Mailänder Teatro Carcano vor, die Scala zu übertreffen. Hervorragende Sänger- Giovanni Battista Rubini und Giuditta Pasta standen auf der Bühne – doch damit allein konnte man die Italiener nicht überraschen. Es musste etwas wirklich Besonderes geboten werden.

Das italienische Publikum jener Zeit liebte musikalische „Wettkämpfe“ ebenso sehr wie heute sportliche Wettbewerbe. Und Rivalität war unvermeidlich, wenn in einer Saison neue Opern der beiden bekanntesten Komponisten – Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini – aufgeführt wurden. Donizetti schuf damals „Anna Bolena“, während Bellini gemeinsam mit dem Librettisten Felice Romani an einer Oper nach Victor Hugos Stück „Hernani“ arbeitete. Doch die Zensur zeigte großes Interesse an dem „gefährlichen“ Stoff Hugos. Bellini verstand außerdem, dass er, wenn das Carcano mit der Scala konkurrierte, automatisch auch mit Donizetti konkurrieren musste. Nach dem Erfolg von „Anna Bolena“ wollte Bellini nicht, dass seine Oper zu stark mit dem Werk seines Rivalen verglichen wurde. Ein historischer Stoff hätte dafür zu viele Anlässe geboten, weshalb Bellini „Hernani“ aufgab und sich vornahm, etwas zu schaffen, das Donizettis „Anna Bolena“ völlig unähnlich war – auch in der Handlung.

So entstand die Idee zur Oper „La Sonnambula“ – Bellinis einziger sentimental-komischer Oper. Einen passenden Stoff fand Felice Romani: die Ballett-Pantomime „La Sonnambula“, oder „Die Ankunft des neuen Herrn“ von Jean-Pierre Aumer nach einem Libretto von Eugène Scribe. Im Gegensatz zu historischen Dramen war hier alles einfach und unprätentiös: Die Figuren sind Bauern, die verliebten Helden naiv und gutgläubig, und die Handlung kreist um Missverständnisse, die durch das Schlafwandeln der Hauptfigur entstehen. Bei der Ausarbeitung des Opernlibrettos verlegte Romani die Handlung von der Provence in die Schweiz und änderte die Namen der Figuren.

Verlässliche Fakten über Bellinis Arbeitsprozess an „La Sonnambula“ sind rar. Bekannt ist, dass er am 2. Januar 1831 die Introduktion vollendete und am 7. Februar den ersten Akt, und die Komposition des zweiten Aktes dauerte etwa zwei Wochen. Viele Nummern mit ihrem pastoralen Charakter wurden vermutlich durch Erinnerungen des Komponisten an seinen Aufenthalt am Como See inspiriert, wo er Lieder von Arbeiterinnen hören und notieren konnte. Die Chorpassagen erinnern zudem an sizilianische Volksmusik.

Claudia Muschio (Amina), Charles Sy (Elvino) © Martin Sigmund

In „La Sonnambula“ zeigen sich typische Züge von Bellinis Stil. Das lyrische Element dominiert, feine „cantabile“-Melodien verbinden Melancholie mit Virtuosität. Die Schlichtheit sowie die Transparenz der Faktur verleihen der musikalischen Sprache besonderen Reiz.

Eine der schönsten Seiten der Oper ist die lyrisch helle Kavatine der Amina im ersten Akt, in der die fließende Melodie von Koloraturen abgelöst wird, die das italienische Publikum begeisterten. Ebenso erfüllt das folgende Duett von Elvino und Amina die Szene mit heiteren Gefühlen, wobei die Melodie an ein Volkslied erinnert. Auch die edel zurückhaltende Arie Rodolfos zerstört die lichte Stimmung nicht. All diese Nummern werden von Ensemble und Chor getragen. Im Finale des ersten Aktes entwickelt sich Elvinos Szene und Arie frei, geht organisch in eine Dialogszene mit Amina über und mündet schließlich in ein dramatisches Ensemble mit Chor. Im zweiten Akt hinterlassen besonders Aminas Szene und Arie starken Eindruck, in der die traurige „cantabile“ des ersten Teils kontrastreich mit der Virtuosität und dem schnelleren Tempo des zweiten Teils verbunden ist. Ursprünglich gab es diese Arie nicht – Bellini schrieb sie erst später, als die Proben bereits liefen. Der Komponist war bei den Proben anwesend und achtete auf die makellose Ausführung seiner Musik. Die Sänger gaben keinen Anlass zur Sorge: Rubini profitierte von den „Interpretationslektionen“, die Bellini und Romani ihm während der Arbeit an „Il pirata“ gegeben hatten, Giuditta Pasta war hervorragend, ebenso das Mezzosopran- und Baritonensemble.

Zweifel hatte der selbstkritische Komponist nur an seinem eigenen Werk: Der zweite Akt erschien ihm zu statisch und langsam, weshalb er beschloss, das Finale mit einer neuen, freudigeren Arie zu beleben. Er bat Romani um einen neuen Text und war dabei so anspruchsvoll, dass es sogar zu einem Konflikt kam. Schließlich wurde die Arie geschrieben und sie erwies sich als Erfolg für Librettist, Komponist und Interpretin. Später wurde die traurige Zeile aus dieser Arie – „Ah! non credea mirarti. Sì presto estinto, o fior“ (Ach, wie schnell bist du verblasst, Blümchen) – auf Bellinis Grab eingraviert.

Die Premiere von „La Sonnambula“ Anfang März 1831 war ein wahrer Triumph: Zeitungsrezensenten konnten nicht einmal genau sagen, wie oft das begeisterte Publikum den Komponisten vor den Vorhang rief – fünfzehn oder zwanzig Mal. Die Oper wurde zu einem der populärsten Werke Bellinis.

Claudia Muschio (Amina), Adam Palka (Graf Rodolfo) © Martin Sigmund

Die Wiederaufnahme der „La Sonnambula“ in Stuttgart erlebte am Freitag einen überwältigenden Erfolg. Das ausverkaufte Opernhaus feierte die Aufführung mit Standing Ovations – völlig zu Recht. Der Erfolg basierte auf einem präzisen Zusammenspiel aller Bausteine, bei dem jeder Beitrag zur Wirkung des Ganzen beitrug.

Anna Viebrock gestaltete das Bühnenbild so, dass die Stimmen der Sänger noch optimaler in den Saal getragen wurden, unabhängig von ihrer Position auf der Bühne. Insgesamt ist das Bühnenbild eher schlicht, was die volle Aufmerksamkeit des Publikums auf die Darsteller, ihre Stimmen und die Musik lenkt.

Das Regieteam – Jossi Wieler und Sergio Morabito – präsentiert uns eine sehr logische Inszenierung, die den Belcanto betonte und gleichzeitig die individuelle Schauspielkunst der Sänger hervorhob, ohne sie dabei beim Gesang zu belasten.

Der Chor unter Bernhard Moncado agiert sehr organisch, unterstützt das Bühnengeschehen und ist musikalisch wirklich auf höchstem Niveau.

Das Orchester unter der Leitung von Vlad Iftinca entzog sich der scheinbar von der Partitur vorgesehenen Rolle bloßer Begleitung und durchströmte mit klanglicher Zauberkraft jede vokale Nuance.

Claudia Muschio sang die Titelrolle der Amina absolut bezaubernd. Der Klang ihrer Stimme ist von cremiger Weichheit, die Höhen besitzen gläserne Reinheit. Bewundernswert ist die Fähigkeit der Sängerin, eine breite Palette feiner Nuancen mit der Stimme zu meistern – vom Forte bis Pianissimo.

Claudia Muschio (Amina) © Martin Sigmund

Charles Sy überzeugte als Elvino mit der lyrischen Feinheit seines zarten Tenors. Seine lebendige Bühnenkraft und sein tiefes Verständnis für stimmliche Feinheiten haben die Zuschauer begeistert.

Michael Nagl sang die Rolle des Grafen Rodolfo mit beeindruckender stimmlicher Fülle, samtiger Farbe, schönen, langen Phrasen und beweglicher Belcanto-Technik – eine anspruchsvolle Aufgabe für einen Bass, die er bravourös meisterte

Abschließend kann man nur sagen: Diese Aufführung von „La Sonnambula“ ist ein Paradebeispiel für die perfekte Symbiose von Inszenierung, Sängerleistung und Orchesterkunst. Sie zeigt, wie lebendig und berührend Belcanto heute noch sein kann, wenn alle Elemente harmonisch zusammenspielen. Ein wahrer Festabend für alle Opernliebhaber.

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