Rügen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, IOCO
März 2026
Zehn Tage voller Musik – „Festspielfrühling“ 2026 auf Rügen
Beginnen wir mit dem Ende, einem Fazit. Etwas statistisch nüchtern lautet es: Rund 5700 Besucher - mehr als im Vorjahr - haben im Verlauf von zehn Tagen 21 Konzerte – davon 17 ausverkauft - an fünfzehn Spielorten (in zehn Ortschaften) besucht. Die Rede ist vom diesjährigen „Festspielfrühling Rügen“, zu dem die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern für die Zeit vom 13. bis 22. März dieses Jahres eingeladen hatten. Stolz und Genugtuung des Veranstalters sind verständlich, was die Intendantin Ursula Haselböck in dem etwas geschäftsmäßig kurzgefassten Satz zusammenfasste: „Wir freuen uns, dass es uns einmal mehr gelungen ist, mit unserem Angebot beim Publikum einen Nerv zu treffen und Begeisterung zu wecken.“

Recht hat sie! Denn das Projekt weckt tatsächlich – und man hat das Gefühl, es steigere sich jährlich - weitaus mehr als ein bloßes Publikumsinteresse. Es ist tatsächlich Leidenschaft für die Sache, Ausdruck der auch inneren Bindung eines bemerkenswert großen Besucherkreises an den Veranstalter und sein Vorhaben, das nun tatsächlich von Anfang an alle Merkmale einer Erfolgsgeschichte besitzt. Dazu mag die Insel Rügen als sehens- und erlebenswerter Ort ebenso beigetragen haben wie ein eigentlich so einfaches wie wirkungsvolles Konzept: man überträgt die Künstlerische Leitung und Verantwortung einem herausragenden, verdienten Künstler,einer Künstlerin oder einem Ensemble, die sich Mitwirkende und Programme selbst zusammenstellen. Klingt für den „Chef“ einigermaßen langwierig und arbeitsaufwendig, und das ist es sicher auch. Aber der überzeugende Vorteil besticht: die Kandidaten suchen sich ganz eigenen Vorstellungen entsprechende Mitstreiter und bauen mit denen dann entsprechend individuelle Programme; ungemeine Attraktivität schon deshalb garantiert, weil selten irgendwelchem mainstream verpflichtet. Für das Publikum bedeutet das jährlich die Bekanntschaft mit zahlreichen Werken, die man noch nie oder nur selten gehört hat: inclusive unbekannter, auch ungewöhnlicher Besetzungen, Hörgenüssen der eher seltenen Art und damit auch bedeutsamer Erweiterungen des Erfahrungshorizonts.

Wenn das keine Magnetwirkung auf echte Musikfreunde ausüben sollte! Zumal – nun konkret zu 2026 - insgesamt Vielfalt und Attraktivität der Angebote – auf die wir hier im Einzelnen nur punktuell hinweisen können - wieder keine Wünsche offen ließen. Mehr als ein Dutzend Angebotsformen konnten die Wahl zur Qual machen, denn mit zahlreichen, so unterschiedlichen wie hochinteressanten Kammermusikbesetzungen zwischen Solo und (fast) Kammerorchester, Gespräch (Ridout), Lesung mit Musik (Katharina Thalbach), Morgenwanderung (mit Musik), Barockem (Bach), „richtigem“ Kammerorchester (ensemble reflector) und Jazz im Kammer- bzw. Orchesterformat (Moka Efti Orchestra) galt es sich zu entscheiden. Aber was man auch wählte, es war stets ein Treffer!
Für dieses Jahr hatte der britische Bratschist Timothy Ridout, Ensemblepreisträger der Festspiele MV, die Künstlerische Leitung – interessant Biographisches sei im Bedarfsfall bitte anderen Ortes nachzulesen! In allein 14 Konzerten war er selbst mit dabei und garantierte gemeinsam mit allen geladenen Protagonisten – es sei hier zunächst ganz pauschal gesagt – ein Präsentation von allerhöchster Qualität und ein Musizieren von stets mitreißender Verve. Greifen wir einige Veranstaltungen heraus.

Schon die Eröffnung im Marstall zu Putbus ließ staunen und für Kommendes nur das Allerbeste erwarten. Ein traumhaft stilsicher, transparent und dennoch tonintensiv geradezu süchtig machend musiziertes Ricercar à 6 aus Bachs Musikalischem Opfer (BWV 1079) markierte den schon ein wenig atemlos machenden Einstieg, gefolgt von Mozarts Streichquintett C-Dur KV 515, dessen umwerfende tonliche Noblesse, dynamisch ausgefeilteste Gestaltung und so kaum je gehörte, ungemein fesselnde Klangtransparenz schon spektakulär schien. Das perfekte Zusammenwirken für ein Ensemble auf Zeit; nahezu unglaublich, die Faszination unwiderstehlich. Das gleiche Bild bei Alessandro Rollas Divertimento F-Dur für Viola und Streichquartett.. Der Italiener, ein Zeitgenosse der Klassik, wird musikgeschichtlich für den Einsatz der Viola als einem selbständigen Konzertinstrument gelobt, und sein einsätziges Divertimento darf diesbezüglich als souverän komponiertes, attraktives, für die Viola natürlich dankbares Werk gewertet werden. Ein genüsslich servierter „Leckerbissen“ für die Interpreten, für die Hörer sehr unterhaltsame 8 Minuten.
Der Schlussgang dann höchst kompakt und sehr, sehr spätromantisch mit Max Bruchs Streichoktett B-Dur op. posth. - kurz vor dem Tod des Komponisten (1920) geschrieben, verschollen geglaubt und erst 1996 (kein Druckfehler) erstmals veröffentlicht.

Klangdicht, klangsatt, oft nahezu rauschhaft und dramatisch, mit umwerfend stringenter großer Gestik, orchestral und fast sinfonisch kontrastgeschärft einerseits, andererseits liebenswürdig, zart und lyrisch als Appell an innerste, individuellste Gefühle, bezwingend und dennoch in seiner Gesamtheit von wuchtiger, fast keine Wahl lassender Distanzlosigkeit verleitete das selten zu hörende, opulente Werk die Mitwirkenden zu einer grandiosen Parade kammermusikalischer Bildhaftigkeit von schon entfesselt zu scheinender Wirkmächtigkeit. Die Protagonisten des Abends sollte man sich merken:Tim Crawford, William Hagen, Stephen Waarts und Maria Włoszczowska (Violine), Ting-Ru Lai und Timothy Ridout (Viola), Maciej Kułakowski und Tim Posner (Violoncello).
Auf Sellins Seebrücke ging es am anderen Morgen entschieden entspannter zu. Das Ambiente unvergleichlich: Man sitzt über dem Wasser, Blick durch umlaufende Fenstergalerien auf Wasser, Himmel und Möven. Von vorn ätherische Klänge unter dem Stichwort MELANCHOLIA musiziert von Adam Walker (Flöte), Timothy Ridout (Viola) und Annaleen Lenaerts (Harfe). Eine Welt voller Ruhe und schillernder Klangfarben, pastoral, filigran, schwebend, aber auch voller spielerischer Bewegtheit – eine gelegentlich fast unwirkliche Atmosphäre der Entrücktheit, die dennoch vielleicht gerade deshalb einlud, im scheinbar Eindeutigen die Feinheit zu suchen, auch gedanklich aktiv zu bleiben. Dies mit Werken von Debussy (Sonate für Flöte, Viola, Harfe, L 137), Joseph Jongen (Danse lente für Flöte und Harfe op. 56b, Deux pieces en trio für Flöte, Viola und Harfe op. 80), Ravel (Sonatine fis-Moll für Flöte, Viola und Harfe, orig. Klavier) und Louis Vierne (Zwei Stücke für Viola und Harfe op. 5, orig. für Viola und Klavier). Ein musikalisches Erlebnis mit Seltenheitswert!

Sehr Handfestes wiederum nur wenige Stunden später im Seebad Baabe (Haus des Gastes). Es gab Schumanns A-Dur-Streichquartett op. 41/3, Brittens Drei Divertimenti für Streichquartett und Haydns D-Dur-Quartett op. 76/5. Und es wurde erneut die große Stunde unglaublich fein und klangsensibel durchgehörter Kammermusik. Einen Haydn muss man erst einmal so unspektakulär bedeutsam gehört haben, um seine wahren Qualitäten zu erkennen. Haydn als Erlebnis, als Ereignis, das hat man nicht so oft. Es bedarf wohl solcher „Schatzgräber“ wie die schon genannten W. Hagen, M. Włoszczowski, Ting-Ru Lai und Maciej Kułakowski, um in den Genuss solcher Interpretationen zu kommen. Keine Frage, dass Ihnen ein nicht weniger überzeugender Schumann, bei dem man schon das erhebende Gefühl hatte, er entstehe wundersam im Moment des Spielens, und ein spritziger, unterhaltsamer Britten in gleicher Weise gelangen.
Der guten, nein, der außerordentlich guten Dinge waren an jenem Tag dann doch noch drei: abends im Marstall zu Putbus der sinfonische Ausklang mit der Neubrandenburger Philharmonie, dem Klarinettisten Pablo Barragán sowie dem Bratschisten Timothy Ridout. Daniel Geiss, derzeit GMD und Chefdirigent der Neubrandenburger, eröffnete mit Mozarts flott musizierter „Figaro“-Ouvertüre, konnte dann mit einer Rarität, dem Potpourri für Viola und Orchester op. 94 von J. N. Hummel weitere Sympathiepunkte sammeln und setzte mit Max Bruchs ebenfalls selten aufgeführten Konzert e-Moll für Klarinette,Viola und Orchester op. 88 hinsichtlich schwungvoll-wohliger Gefühlshaftigkeit den nächst höheren Standard. Es lohnte, dem Hummel aufmerksam zu lauschen. Der Mann war nicht ohne Grund einer der meistgeschätzten Tonsetzer seiner Zeit. Er wusste um attraktives Komponieren und hat hier für diese interessante Besetzung nicht wenig Arbeit darauf verwendet, das auf teils bekannten Melodien beruhende Stück (u.a. Mozart!) mit allerhand satz- und spieltechnischen Raffinessen wirksam auszustatten; natürlich vor allem für die hier von Timothy Ridout wieder meisterhaft gehandhabte Viola. Gleiches gilt für Bruch, der dem wahrlich selten berücksichtigten Solistenduo Klarinette und Viola überaus reizvolle Darstellungsfelder bietet. Das Stück vermeidet zu vielen romantischen Überschwang, wirkt konzentriert, bietet aber andererseits dem Interpreten alle Möglichkeiten konzertant fesselnden Musizierens. Die Solisten: glänzend!! Es machte richtig Spaß, diesem anspruchsvoll-unterhaltsamen Spiel zu lauschen. Viel angesammelte Spannung fand dann ihre turbulent befreiende Lösung mit einer fulminanten und den akustisch recht lauten Saal gewaltig füllenden Präsentation von Mendelssohns „Italienischer Sinfonie (Nr. 4 A-Dur op. 90).

Und dann nochmals Mozart. Dies am nächsten Tag, im feierlichen Ambiente des klassizistischen Theaters Putbus. Eine Sonntagsvormittagsmatinee der wieder allerfeinsten Art. Nur Mozart, dies mit seinem Flötenquartett D-Dur KV 285, dem g-Moll-Klavierquartett KV 478 und dem Klarinettenquartett B-Dur KV 378 (nach der Violinsonate KV 317d). Die Protagonisten – außer dem Pianisten Federico Colli - wie gehabt, also teils mehrfach gehört und deshalb nicht überrascht, von der ersten bis zur letzten Minute von inspirierender Lebendigkeit und hinreißendem Musikantentum einfallsreich „überfallen“ und nicht wieder losgelassen zu werden. Mozart in seiner schönsten Erscheinungsform, ein klingendes Therapeutikum von durchaus messbarer Langzeitwirkung.
Danach einige Tage Pause für den Rezensenten. Dann aber doch noch ein Finale dieses „Festspielfrühlings“, das wiederum für sich - und das Ganze – sprach.
Da ging es zunächst nach Lebbin, zu „Bach in der Festspielscheune“. Wer „am schönsten Ende der Welt“ - so Einheimische – allerdings nur erreichbar auf einer weit und breit wohl schlimmsten (historischen) Kopfsteinpflasterstraße per Auto und mental dort angekommen war, durfte sich freuen. Lebbin lohnt, idyllische Landschaft, Wasser, wohin man schaut, eine toll hergerichtete rustikale Konzertscheune . Und dann Bach, der alte Bach. Timothy Ridout (Viola) und Elina Albach (Cembalo) präsentierten Bachs drei Gambensonaten BWV 1027, 1028 und 1029, unterbrochen von zwei Cembalo-Soli (Fantasia und Fuge aus BWV 904 und Sarabande aus der Partita BWV 828). Auch hier stimmte alles: Ein historisch informiertes Musizieren, artikulativ von außerordentlicher Vielfalt, buchstäblich „redend“, zwischen intimer Verhaltenheit und kräftiger Spielfreude eine Klangwelt von feingegliederter Struktur, nie aufdringlich, immer mitnehmend! Und natürlich ohne jedes Gleichmaß. Einfach beglückend!
Und das galt dann auch für das Festspiel-Finale einen Tag später. Ridout hatte sich als Künstlerischer Leiter ein – naheliegend – britisches Programm einfallen lassen und dabei den Bogen von Purcell (vier Fantasias für Streichquartett), über Frank Bridge (Lament c-Moll für zwei Violen), Rebecca Clarke (Dumka für Violine, Viola und Klavier) bis zu Elgars Klavierquintett a-Moll op. 84 gespannt. Spannung wäre der richtige Begriff. Denn was sich da am sonntäglichen Vormittag im Theater Putbus abspielte, war an solcher kaum zu überbieten. Das galt für Purcells satztechnisch erstaunlich dichte und teils harmonisch kühne Fantasien ebenso wie für Bridges hochexpressives Lamento. Für beide Violen gab es hier bemerkenswerte Möglichkeiten klanglich hochattraktiver Entfaltung. Das galt in nun anderer Besetzung auch für die spät entdeckte Komponistin Clarke. Ihr Trio, ganz gefühlsintensiv spätromantisch, melancholisch, dann pathetisch klangüppig und kontrastreich, aber auch überzeugend im Tänzerischen, Spielerischen, ja Spritzigen wirkte wie die spannende, schon jetzt nicht loslassende Vorbereitung auf ein Finale, mit dem wohl niemand gerechnet hatte: Elgars Klavierquintett. Da wäre vieles zu sagen. Belassen wir es bei einer Art statement: Das Quintett von 1919 präsentiert sich als sehr englisches, in eine spezielle nationale musikgeschichtliche Entwicklung einzuordnendes, mehr als halbstündiges und kammermusikalische Grenzen sprengendes Werk, das stilistisch von harmonischen „Überwucherungen“ und einer oft „exzentrischen Gestik“ (Guido Heldt) lebt. Eine englische Spätromantik, die harmonische Grenzen teilweise überschreitet. Und die sich in teils ungeheurer Dramatik, in konvulsivischer Diktion, in Turbulenz, Aufruhr und explosiven Energieausbrüchen äußert. Die Suggestivkraft ist mit Händen zu greifen. Gewisse Irritationen allerdings auch. Länger hätte das Stück vielleicht gar nicht dauern dürfen. In einer solchen Interpretation aber – und hier begrüßten wir wieder die sich erneut übertreffenden „alten Bekannten“ zuzüglich des Pianisten Frank Dupree – trug man dann doch einen in seiner ungeheuer wirksamen Direktheit intensiv nachwirkenden Eindruck mit nach Hause. Was für ein Finale!
Für künftige Rügen-Fahrer: Der Festspielfrühling 2027 findet vom 5. bis 14. März statt. Künstlerischer Leiter ist dann der Pianist Kit Armstrong! Kartenvorverkauf ab September.