Rouen, Opéra Orchestre Normandie, Sasha Waltz & Guests - Beethoven 7, IOCO
20.03.2026
DIE SUCHE NACH LICHT IN DER DUNKELHEIT…
O Ihr freien Völker der Welt…
O ihr freien Völker der Welt
Ihr die ihr eine Freiheitsstatue geschaffen habt
Einen Stein
Einen Stein der in einen Brunnen fällt
Und der an seinem eigenen Echo stirbt
Hört den Klang seines Falls
Den Klang seines Todes
Dreht eure Uhren ein Jahrhundert zurück
Während ihr euren bitteren Kaffee am Morgen hinunterstürzt
Mit der Nachricht von der Freiheit
Um zu vergessen
Da wir auf der Seite der Zeit
Auf dieser Seite der Welt
Wir sind Tod in unserer eigenen Zeit
(Das Blut der Morgendämmerung von Somaia Ramish (*1986) Auszug)
Für Ludwig van Beethovens (1770-1827) 7.Sinfonie in A-Dur, Op. 92 (1813), gesellt sich das Orchester in den Orchestergraben und schafft so einen lebendigen Dialog zwischen Beethovens Musik und Sasha Waltz‘ (*1963) Tanz. Die deutsche Choreografin greift diese Sinfonie auf, die der Komponist am Ende seines Lebens, als er bereits taub war, komponierte und konfrontiert sie mit den Wirren unserer Zeit: Dem Scheitern einer Revolution, der – erzwungenen – Rückkehr zu alten Traditionen, dem Konflikt zwischen dem Wunsch nach sozialem Wandel und Wiederherstellung und dem daraus resultierenden Verlust von Freiheit und Zukunftsperspektiven. Im ersten Teil der Aufführung, untermalt von den elektronischen Klängen des chilenischen Komponisten Diego Noguera (*1982) mit Freedom/ Extasis (2020), setzt Waltz ihre Auseinandersetzung mit Utopien fort und untersucht Themen wie Desillusionierung, Widerstand und das Streben nach Freiheit. Wie in einem Dialog mit Beethoven hinterfragt die Choreografin die zerbrochenen Ideale des Komponisten angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit.

Die Gleichschaltung der Massen…
In Beethoven 7 (2023) „orchestriert“ Waltz ein kraftvolles choreografisches Werk, in dem die Musik von Beethoven und Noguera einen intensiven Dialog zwischen choreografischem Erbe und Moderne entstehen lässt. Das Stück beginnt mit einer Dystopie von düsterer Schönheit: Der erste Teil mit dem Titel Freedom / Extasis evoziert dämmrige Nebel, fragmentierte Gesten und Körper in seltsamen Formen verschlungen, vollführen einen langsamen, bedächtigen Tanz. Nogueras himmelhohe, synkopierte Musik erzeugt eine gedämpfte Spannung und spiegelt eine Welt in der Krise wider. Die Tänzer bewegen sich in Trios vorwärts, spannen sich an, brechen zusammen in einer Dynamik, in der die Gruppe das Individuum einengt. Die Grenze zwischen der Körperlichkeit und den ätherischen Schatten verschwimmt in dieser Klanglandschaft. Dann folgt der Bruch! Die Körper werden befreit, getragen von der rhythmischen Vitalität dieser 7. Sinfonie. Barfuß, in leichten Tuniken, gleiten, springen und schwingen die vierzehn Tänzer ihre Arme wie imaginäre Gewichte in einer fließenden und jubelnden Choreografie, einer wirbelnden Gestensprache spiralförmiger Drehungen. Das Poco sostenuto – Vivace wird zu freudiger Turbulenz, das Allegretto für einen Moment schwerelos, oder eine durchsichtige Fahne flattert, ein zerbrechlicher Hoffnungs-Schimmer.

Waltz evoziert hier die wogenden Bewegungen des antiken Griechenlands, Volkstänze und Chor-Tanz. Jede Geste scheint von der anderen beeinflusst, in einem ständigen Zustand des Zuhörens. Die Symphonie wird zu einem Marsch in eine bessere Zukunft, unterbrochen von Zuckungen, Stürzen und Trauerbildern. Als Erbin des expressionistischen deutschen Ausdruckstanz verleiht Waltz: Beethovens Werk eine dramatische Intensität, eine ungestüme Energie: Eine Suche nach Licht in der Dunkelheit…
Die Tanz-Aufführung im Théâtre des Arts / Opéra Orchestre Normandie Rouen am 20. März 2026:
Beethoven 7 – Sasha Waltz & Guests präsentieren einen Abend der großen Kontraste…
Waltz, oft als Deutschlands bedeutendste Choreografin seit Pina Bausch (1940-2009) bezeichnet, ist bekannt für ihr vielseitiges Schaffen, das ortsspezifische Choreografien, Opernregie und Leitung des Staatsballetts Berlin für eine Spielzeit umfasst. Der Tanzabend Beethoven 7, choreografiert für ihre eigene Kompanie Sasha Waltz & Guests, begann ebenfalls als ortsspezifisches Projekt, fand aber schließlich seinen Platz in den Theatern. Doch bevor sie uns Beethovens weltberühmten Klassiker präsentierte, konfrontierte die Choreografin ihr Publikum mit einem zeitgenössischen Musikstück, das – dem Titel nach zu urteilen – ähnliche Werte wie das große Meisterwerk feiert und doch kaum unterschiedlicher sein könnte: Diego Nogueras: Freedom/Extasis.

Der in Chile geborene und in Berlin lebende Noguera komponierte elektronische Klänge für das Stück, die von Anfang an an beunruhigenden Industrielärm erinnerten. Die Atmosphäre wurde immer überwältigender, als die Lautstärke langsam, aber sicher den gesamten Saal erfüllte. Die vor der Aufführung verteilten Ohrstöpsel halfen kaum, denn nicht nur der Boden und die Stühle, sondern auch unsere Körper begannen unter der Wucht der Klanglandschaft zu zittern und zu vibrieren. Wenn man sich unwohl fühlt, regieren die Sinne gedämpft, und man kann sich nur noch auf dieses quälende Gefühl konzentrieren. Obwohl wir die Tänzer – eingehüllt in schweren Nebel und mit seltsamen Kopfbedeckungen – auf der Bühne sahen und beobachteten, wie ihre langsamen, unbeholfenen Bewegungen mit der immer heftiger werdenden Musik an Dringlichkeit zunahmen, konnte wir sie nicht wirklich sehen und uns definitiv nicht auf sie konzentrieren. Viele verließen den Saal während der Aufführung! Wir hingegen verspürten einmal mehr das Bedürfnis, als guter „Tanzkritiker“ [sic] zu bleiben. Dass Nogueras Komposition Raum braucht, ist klar! Ob sie Tanz oder gar ein Publikum braucht – da sind wir nicht so sicher.
Nach der Pause kehrten wir zu Melodien zurück, die dem Publikum leichter zugänglich sind, aber für die Choreografin nicht weniger herausfordernd. Eine der ersten Choreografinnen, die Konzertmusik – anstatt eigens für Tanzstücke komponierter Musk – verwendete, war die berühmte amerikanische Pionierin des Modern Dance, Isadora Duncan (1877-1927). Sie war sicherlich nicht die Einzige, die um die Jahrhundertwende dieses Tabu brach, aber sie ist wohl zweifellos die bekannteste und zugleich umstrittenste. Und während das Publikum sie verehrte, wurde sie von Kritikern oft hart verurteilt, weil sie das Werk großer Komponisten missbrauchte – Tanz galt eher damals als eine minderwertige Kunstform. Die Empörung war besonders groß, als Duncan nach Deutschland kam. Ihre Gegner konnten ihr verzeihen, dass sie zu Frédéric Chopin (1810-1849) tanzte – immerhin hatte er auch Tanzmusik komponiert -, aber nicht zu Beethoven. Der Prostest in der Presse war so laut und heftig, dass Duncan beschloss, ihr Programm in einer deutschen Stadt zu ändern und Beethoven wegzulassen.

Heutzutage ist es natürlich nicht ungewöhnlich – und auch nicht verpönt -, Choreografin zu Konzertmusik zu entwickeln. Könnten wir uns beispielsweise Jiři Kyliáns (*1947) Werk ohne all die fantastischen Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Stücke vorstellen? Doch nicht jeder ist so begabt wie Kylián, und es braucht nach wie vor einen sehr guten Choreografen, um bei den größten klassischen Kompositionen mehr als nur eine bedürftige musikalische Umsetzung zu schaffen. Viele versuchten es, manche scheiterten, manche hatten Erfolg, manche übertrafen sich selbst.
Waltz gehört zu den herausragenden Künstlerinnen – ihre Interpretation von Beethovens: 7. Sinfonie ist ein mitreißendes, oft geistreiches und aufregendes Werk, das der Komplexität der Musik über alle vier Sätze hinweg gerecht wird. Zwei dieser vier Sätze wurden ursprünglich für eine Live-Übertragung des Fernsehsenders ARTE aus Delphi in Griechenland, während der Pandemie choreografiert. Später entschied sich Waltz, das Werk im Theater fertigzustellen. Obwohl Waltz ihr Ensemble auf vielfältige und kreative Weise über die Bühne bewegt und den gesamten Raum optimal nutzt, kann man sich gut vorstellen, dass der Anblick vor der antiken Kulisse noch majestätischer gewesen sein muss. Im verspielten ersten Satz sind die Tänzer in lockere, tunikartigen Gewänder gehüllt und rennen, springen und wirbeln wie Kinder auf einem Schulhof über die Bühne. Dies erinnert uns erneut an Duncan und ihre Intention, den Körper zu befreien und den Tanz zu erheben. Waltz‘ Herangehensweise an diesen festlichen Satz hat eine ähnliche Wirkung auf uns. Die Choreografin füllt auch die Pausen zwischen den Bewegungen, wodurch noch deutlicher wird, dass der Tanz nicht nur dazu da ist: Der Musik zu dienen! Der getragene zweite Satz beginnt mit einem Marsch, der an einen Trauermarsch erinnert, bis sich Paare und kleinere Gruppen im Einklang mit der Musik absetzen. Auch die Choreografie wird farbenfroher! Einmal erscheint eine Frau mit einer riesigen Fahne auf die Bühne, die sie sanft über dem Publikum schwenkt – ein faszinierender Tanz für sich selbst. Die 7. Sinfonie entstand in der Zeit der europäischen Revolutionen gegen Kaiser Napoléon Bonapartes I. (1769-1821) Herrschaft und ist daher reich an politischen und ideologischen Inhalten. Auf Waltz‘ Bühne ist die Fahne aus glitzerndem transparentem Stoff gefertigt, was Raum für eine universellere Interpretation lässt. Im letzten, kraftvollen Satz wirken die Tänzer wie Athleten oder Kämpfer, die die 7. Sinfonie energisch zu Ende führen. Beethovens Musik mag keinen Tanz benötigen, doch Waltz beweist, dass sie dadurch bereichert werden kann.

Der schweizerische Dirigent Titus Engel (*1795) dirigierte wie immer das extraordinäre Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen mit leichter aber auch sehr inspirierter Dimension. Bravo an alle Mitwerkenden vom Tänzer bis zum Musiker!
Siehe auch IOCO-Kritik vom 04.11.2024: Johann Sebastian Bach (1685-1750): Johannes Passion, BWV 245 (1723/24). Sasha Waltz und Leonardo Garcia-Alarcón / Théâtre des Champs-Élysées / Paris.
Rouen: Auskunft und Karten www.operaorchestrenormandierouen.fr
Telefon + 33 / (0)2 35 98 74 78