Paris, Athénée Théâtre Louis-Jouvet, No No Nanette - V. Youmans, IOCO
27.03.1026
DER FRENETISCHE RYTHMUS DER GOLDENEN ZWANZIGER…
Tea For Two
Jimmy:
Picture you upon my knee
Just tea for two And two for tea
Just me for you And you for me… alone
Nanette:
Nobody near us to or hear us Mm, mm, mm,
No friends or relations Mm, mm, mm.
We won’t have it known, dear,
That we own a telephone, dear…
Day will break and I’ll wake
And start to bake a sugar cake
For you to take for all the boys to see
BOTH:
We’ll raise a family
Jimmy:
A boy for you And a girl for me
Both:
Can’t you see how happy we would be…
Die unzerstörbare Hundertjährige…
Drei Paare, drei Liebende und eine mürrische Haushälterin fliehen getrennt voneinander in eine Villa am Meer, in der Hoffnung, einander, den Zwängen der Gesellschaft und einer Verschwörung zu entkommen. Doch natürlich landen sie alle unter einem Dach! Missverständnisse, Wut, Liebe, Geld… Aber Lieder und Tänze führen sie zu einem Happy End!
Seit 1925 ein weltweiter Erfolg, vom Broadway bis nach Paris, hat die Musical-Komödie No No Nanette von Vincent Youmans (1898-1946) dank ihres berühmten Song „Tea for Two“, das zum Klassiker geworden ist, die Zeit überdauert. Das Regie-Duo mit der amerikanischen Regisseurin Emily Wilson (*1985) und dem belgischen Regisseur Jos Houben (*1959), bekannt für seine grenzenlose Kreativität und seinen Humor, vereint sich hier mit der Energie und dem Charme des Orchestre Frivolités Parisiennes.

Trauma und Komödie als emotionale Manipulation…
No No Nanette ist eine extravagante und kitschige Farce, die das gute Leben feiert! Sie sorgte bei ihrer Uraufführung in den 1920er-Jahren in Boston, dann erneut 1924 am Broadway und später dann in einer französischen Fassung in Paris für weltweites Aufsehen. Die nostalgische Version aus den 1970er-Jahren war ein Riesenerfolg und die Wiederaufführung zum hundertjährigen Jubiläum verspricht, das Publikum zu begeistern. Die Songs sind eingängig, die Tanznummern unwiderstehlich und die Geschichte steckt voller rhythmischer und witziger Dialoge. Diese Musical-Komödie stammt wie schon gesagt, aus der musikalischen Feder von Youmans, das Libretto ist von Irving Caesar (1895-1996) und die Song-Parolen von Otto Harbach (1873-1963). Sie basiert auf dem Stück My Lady Friends (1919) von Frank Mandel (1884-1958). No No Nanette gilt als eines der ersten Musicals, das weltweit Erfolg erzielte, mit Aufführungen am Broadway, in London und Berlin und einer großen Tournee durch die Vereinigten Staaten. Als No No Nanette am Broadway im Jahre 1971 wiederaufgeführt wurde, schrieb die New York Time: „Für all diejenigen, dich sich wünschen, die Welt wäre fünfzig Jahre jünger… die Wiederaufnahme der musikalischen Komödie Na Na Nanette aus dem Jahre 1925 verspricht einen vergnüglichen und unbeschwerten Abend“. Die Original-Produktion am Broadway feierte im Globe Theatre Premiere und wurde über dreihundert Mal aufgeführt, während die Londoner Produktion ebenfalls ein großer Erfolg war. Der Erfolg von No No Nanette beruht maßgeblich auf seine legendären Songs „Tea for two“ und „I want to Be Happy“, die zu festen Standards des amerikanischen Musical-Repertoires geworden sind. Neben dem kommerziellen Erfolg prägte No No Nanette mit seinen farbenprächtigen Kostümen, extravaganten Bühnenbildern und dynamischen Choreografien die Ästhetik späterer Musicals. Die Show gilt oft als Paradebeispiel für den unbeschwerten Optimismus der Goldenen Zwanziger, einer Zeit, die nach dem Ersten Weltkrieg von Eskapismus und Feierlaune geprägt war.

Wir könnten uns alle wünschen, die Welt wäre heute hundert Jahre jünger und ein wenig unbeschwerte Fröhlichkeit könnte uns zumindest für einen Abend dorthin versetzen.
Die Premiere im Athénée Théâtre Louis-Jouvet / Paris / am 27. März 2026 :
Eine Hundertjährige in ausgezeichneter Gesundheit,
die willkommene Entspannung bietet…
Vor hundert Jahren feierte dieses Erfolgs-Musical, ein Sinnbild der Goldenen Zwanziger in Paris seine Premiere. Die heutige unkonventionelle Inszenierung von Wilson und Houben fängt seine Dynamik und eine gewisse Kühnheit perfekt ein.
Wer erinnert sich nicht an das unvergessliche Duett von Bourvil (1917-1970) und Louis de Funès (1914-1983) mit „Tea for Two“ in dem Film La Grande Vadrouille (1966) von Gérard Oury (1919-2006) ? Der Song stammt aus dem Musical No No Nanette, einer musikalischen Komödie, die 1926 in Paris aufgeführt wurde, aber bereits 1924 am Broadway nach einem Theaterstück von 1919 uraufgeführt wurde. Sie gilt als eines der ersten Musicals, das weltweit Erfolg feierte. Das Stück lief lange sehr erfolgreich am Broadway und wurde in Technicolor unter dem Titel No, No, Nanette (1950) von David Butler (1894-1979) mit Doris Day (1922-2019) in der Hauptrolle verfilmt. Im Jahre 1970 gab es zudem eine Wiederaufführung am Broadway.

Eine Galerie farbenfroher Charaktere…
Diese turbulente und extravagante Komödie präsentiert zwei etablierte Paare: Mr. und Mrs. Smith, einen Bibelverleger mit einer Vorliebe für junge Frauen und seine Frau, die stehts bestrebt ist, ihr immenses Vermögen zu mehren und dabei fast schon geizig ist, sowie seinen Anwalt Billy Early, der mit der verschwenderischen Lucille verheiratet ist. Außerdem wird ein junges Paar eingeführt, das kurz vor der Hochzeit steht: Tom, der Assistent und Neffe der Anwaltsgattin, der unsterblich in die junge Nanette, die Nichte der Smiths, verliebt ist, die es mit der Heirat jedoch nicht eilig hat.
Dazu kommt noch ein mürrisches, nörgelndes Zimmermädchen, das in ihrem Büro nur schleppend arbeitet, und drei junge Frauen, Winnie, Flora und Betty, die „Schützlinge“ des Verlegers, die so geldgierig sind wie nur möglich und wenn man diese kleine Gesellschaft mit einer Gruppe schelmischer, tanzender und singender Freunde würzen würde, hätte man, was die Charaktere angeht, alle Zutaten, um eine Varieté-Komödie zu schreiben.

Eine an Varieté erinnernde Handlung…,
die mit einer großen musikalischen Vielfalt einhergeht. Zu Beginn verflechten sich verschiedene Handlungsstränge! Jimmy Smith will seine lästigen Schützlinge loswerden und beauftragt seinen Anwalt mit der finanziellen Abwicklung. Billy Early hat, in Begleitung von Tom, ohne Jimmy zu konsultieren, die „brillante“ Idee, Smiths drei Schützlinge an denselben Ort zu bestellen: Jimmys Haus am Meer in Atlantic City.
Nanette, die ihre bevorstehende Hochzeit mit Tom als ziemlich langweilig empfindet, möchte vor der endgültigen Bindung noch etwas Spaß ohne ihren zukünftigen Ehemann zu haben. Doch ihre Tante Sue Smith, die sie aufzieht, sagt entschieden „Nein, nein, Nanette!“ Entschlossen, liebevoll und einfallsreich, setzt sich Nanette gegen Sues Willen durch und überzeugt ihren Onkel Jimmy, sie nach Atlantic City fahren zu lassen. Nachdem sie ihre Ehemänner verlassen hatten, beschlossen Lucille Early und Sue Smith, ein unbeschwertes Leben als alleinstehende Frauen zu genießen. Ohne von den Plänen anderer zu ahnen, machten auch sie sich auf den Weg nach Atlantic City.
Alle Figuren werden, ohne es zu merken, in einen Topf geworfen! Durch ihr Zusammentreffen gerät alles ins Wanken, eine Kette von Lügen und Ausflüchten reiht sich aneinander und das Ergebnis ist eine temporeiche, leicht zynische Komödie, in der Geld als Leitmotiv immer wiederkehrt. Die Musik ist ein Teil davon: Jazzig, lebhaft, mit Anleihen an synkopierte Rhythmen, Foxtrott, Onestepp und Charleston, wobei sie den Blues nicht verachtet, wenn die Situation problematisch wird, und sich in die Sphäre der „Romantik“ begibt, bietet sie ihre Dynamik und ihre Fähigkeit, den Betrachter in ihren Bann zu ziehen.

Eine Inszenierung, die mit dem Kontrast spielt…
Obwohl die Figuren die Kostüme der 1920er-Jahre tragen, entworfen von der argentinischen Kostüm- und Bühnen-Bildnerin Oria Puppo, wurden schon bewusst Brüche im visuellen Stil eingebaut. Ein Staubsauger, der ein Eigenleben entwickelt hat, bewegt sich von selbst über die Bühne; sein Summen erzeugt durch die Musik variiert in der Intensität, um seine akustische Unstimmigkeit mit dem Bühnenbild zu unterstreichen. Vor allem aber stören die Paneele in leuchtenden Gelb-, Orange- und Rottönen, ganz im Stil der 1970er-Jahre, die ansonsten harmonische Ästhetik der Goldenen Zwanziger und treiben ein ohnehin schon ausgesprochenen kitschiges Element ins Absurde.
In diesem vielschichtigen Spiel, in dem die Darbietungen der Schauspieler, Sänger und Tänzer übertrieben und humorvoll sind, tragen die Auf- und Abstiege sowie das Verschieben von Paneelen, die mal den Raum enthüllen, mal verbergen, mal neu zeichnen, um neue Orte anzuzeigen, begleitet von Sitzen im japanischen Stil, die mit hoher Geschwindigkeit gleiten, um zu erscheinen und zu verschwinden oder sich zu einer Plattform oder einem Tisch zu verbinden, zum Gefühl von Eile und Bewegung des Ganzen bei. All das ist mit viel Raffinesse von Wilson und Houben inszeniert.
Die von den Tänzern manipulierten geometrischen Formen, die in der Aufführung zu Requisiten werden, tragen zu dieser Raumteilung bei. Indem sie im Wechselspiel von Verbergen und Enthüllen manchmal eine Art Leinwand bilden, verstärken sie den Wunsch, mit dem Realismus zu brechen und eine Fantasiewelt zu erschaffen.
Eine umwerfende Besetzung…
Das Orchestre Les Frivolités Parisiennes, das sich entschieden hat, die sogenannte „Operette“ wiederzubeleben und die Grundlage des Projekts bildet, dirigiert unter der Leitung des französischen Pianisten und Dirigenten Benjamin Pras mit einem festen und tadellosen Rhythmus all diese Interpreten, auch wenn man manchmal bedauern kann, dass die Musik trotz der Verstärkung der Stimmen in ihrem überschwänglichen Enthusiasmus die Sänger etwas übertönt.

Die vielseitige Mischung der Stimmregister bietet eine Diversität, die dem Potpourri des Musicals gerecht wird. Stimmen aus dem Bereich des Liedgesangs, wie die französische Sopranistin Marion Préïté als Nanette oder der französiche Tenor Loaï Rahman, der ihren Geliebten Tom interpretiert und sich auch zudem als talentierter Stepptänzer erweist, stehen neben Opernsängern wie der französische Bass-Bariton Arnaud Masclet als „Onkel“ Jimmy oder die belgische Sopranistin June Van Der Esch als Winnie Winslow, die ihre wunderbaren Koloraturen mit viel Talent unter Beweis stellt.
Auf der schauspielerischen Ebene überzeugt die französische Schauspielerin Marie-Elisabeth Cornet als das Zimmermädchen Pauline, die gegen ihr Schicksal rebelliert und von ihrem Arbeitgeber wegläuft. Sie verströmt eine schelmische, an den Film Mary Poppins (1964) von Robert Stevenson (1905-1986) erinnerte Aura und ist eine Komplizin von Nanette, die ihrerseits impulsiv und unbeschwert wirkt. Tom hingegen spielt den verliebten Verehrer, zwar vielleicht etwas traditionell, aber mit einer „Romantik“ durchdrungen, die den konventionellen Liebeskomödien alle Ehre macht. Jimmys drei „Schützlinge“ verkörpern die drei unterschiedlichen Persönlichkeiten, die ihnen der Regisseur verliehen hat, mit ansteckender Spielfreude und wechseln brillant zwischen vorgetäuschten Liebenden, empörten Frauen und gierigen berechnenden Wesen.

Der Tanz, ein wesentlicher Bestandteil des Musicals, ist allgegenwärtig! Nicht nur das Zusammenspiel der Bühnenelemente und der verschiedenen Ebenen erzeugt eine regelrechte Choreografie, sondern der Tanz spielt auch eine zentrale Rolle in den Beziehungen der Figuren, die - typisch für Musicals – nicht zögern, einige erwartete Duette aufzuführen. Nanettes Freundeskreis, eine Gruppe androgyn gekleideter Tänzer und Sänger, die sich ähnlich kleiden, nimmt, wenn sie nicht gerade in sorgfältig choreografierten Gruppen-Nummern verstrickt sind, das Aussehen schelmischer Kobolde an. Dadurch wird der Fokus filmisch auf bestimmte Figuren gelenkt, die fehlende Treppe, Türen oder Lampen im Bühnenbild verkörpern, aber in ihrer Individualität auch die etwas chaotische Unordnung widerspiegeln, nach der Nanette strebt.
In diesen düsteren Zeiten werden wir diese elegante und heitere Unterhaltung, die eine willkommene Abwechslung bietet, nicht verschmähen. Und selbst wenn sich alles in einer traumhaften Gesellschaft abspielt, die im Geld schwimmt und die Realität vergisst – muss man unweigerlich an Mervyn LeRoys (1900-1987) Film Gold Diggers of 1933 (1933) denken, der inmitten einer weltweiten Wirtschaftskrise eine Welt schildert, in der die Verherrlichung von Reichtum nur eine Fantasie ist -, bleiben wir sensibel für die zugegebenermaßen beschönigte „Botschaft“, die Nanette mit ihrer hartnäckigen Heiratsverweigerung vermittelt. Sie erinnert uns daran, dass auch Frauen in jener Zeit sich nach Freiheit sehnten!
Für den Musikreisenden: www.athenee-theatre.com Tel: + 33 / (0)1 53 05 19 19