Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Cendrillon - P. Viardot, IOCO
19.03.2026
EIN VERGESSENER MUSIKALISCHER SCHATZ…
Il était jadis un Prince qui voulait se marier,
Mais l’amour, à tire-d’aile, en le voyant s’enfuyait!
Il cherchait une Princesse…
Qui fût riche comme lui…
(Arie der Cendrillon / Szene 1 /Auszug)
Das französische Aschenputtel…
Cendrillon ist die letzte Oper von Pauline Viardot (1821-1910), Komponistin, Pianistin und Sängerin – einer der großen, fast vergessenen Persönlichkeiten des französischen Musiklebens des 19. Jahrhunderts. Das 1904 entstandene Werk ist eine leuchtende Variation von Charles Perraults (1628-1703) Märchen, die das Schicksal der Heldin realistischer und menschlicher gestaltet, ohne den Zauber der Geschichte zu schmälern. Die Co[opéra]tive bringt das Werk unter der Leitung der französischen Dirigentin und Pianistin Bianca Chillemi (*1978) in einer Bearbeitung für Kammer-Ensemble von dem französischen Komponisten Jérémie Arcache (*1987) wieder auf die Bühne. Diese Bearbeitung bewahrt die Linien der Originalpartitur und verleiht ihr gleichzeitig eine neue Perspektive. Der französische Regisseur David Lescot (*1971), der auch das Libretto überarbeitet hat, führt Regie und bemüht sich, sowohl den Zauber und Humor der Kindheitserzählung als auch eine verschlungene, grausame und komplexe Dimension zu vermitteln, indem er die soziale Welt, die Lebensabschnitte und die Rolle des Zufalls in unserem Leben thematisiert.
Aus einer großen musikalischen Familie…
Geboren 1821, wuchs sie in einer spanischen Musikerfamilie auf. Ihr Vater, der Tenor Manuel Garcia (1775-1832), war ein enger Freund von Lorenzo da Ponte (1749-1838), dem berühmten Librettisten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und wirkte an der Entstehung und Uraufführung des Il barbiere di Siviglia (1816) von Gioachino Rossini (1792-1868) mit. Ihre Mutter, Joaquina Sitchez (1780-1864), war ebenfalls Opernsängerin. Sie unterrichtete sie schon in jungen Jahren im Gesang und Pauline studierte zusätzlich Klavier bei Franz Liszt (1811-1886). Der Virtuose erkannte in ihr eine zukünftige große Konzertpianistin! Doch der plötzliche Tod ihrer Schwester Maria Viardot (1808-1836) - auch genannt „Malibran“ -, im Jahr 1836, der laut ihren Zeitgenossen eine große Karriere bevorstand, veränderte aber Paulines Leben grundlegend. Ihre Mutter beschloss, dass sie Maria ersetzen sollte. 1839 sang Pauline ihre erste große Opernrolle: Die Desdemona aus Otello (1816) von Rossini. Gleichzeitig setzte ihre Karriere als Pianistin fort, zunächst Solo aber dann auch im Duo mit Clara Wieck (1819-1896), der späteren Frau von Robert Schumann (1810-1856). Sie heiratete im Jahr 1840 Louis Viardot (1800-1883), einen Musikkritiker und Theaterdirektor.

Viardot erlangte schnell Anerkennung in der Musikwelt und wurde sehr einflussreich. Viele Musiker, Künstler und sogar Schriftsteller wie George Sand (1804-1876), verkehrten mit ihr, die sie regelmäßig in ihrem Pariser Haus empfing. Charles Gounod (1818-1893) widmete ihr seine Oper Sapho (1851), Camille Saint-Saëns (1835-1921) widmete ihr seine Oper Samson et Dalila, Op. 47 (1877/1890) und auch Johannes Brahms (1833-1897), Schumann und Gabriel Fauré (1845-1924) komponierten für sie. Das Ehepaar Viardot, überzeugte Republikaner, distanzierte sich jedoch nach Machtübernahme von Kaiser Louis-Napoléon Bonaparte III. (1808-1873) im Jahr 1849 von Frankreich. Viardot ließ sich für einige Zeit in Baden-Baden nieder, wo sie intensiv komponierte. Sie trat auch in Sankt-Petersburg auf und war eine der ersten Künstlerinnen, die das russische Repertoire in Westeuropa bekannt machte.
Sie kehrte 1859 nach Paris zurück und feierte einen Triumph mit Christoph Willibald von Glucks (1714-1787) Oper Orphée et Eurydice (1859), in der französischen Version von Hector Berlioz (1803-1869), die er für sie in einer französischen Version bearbeitet hatte. Wenige Jahre später zwang sie ihre nachlassende Stimme, ihre Opernkarriere zu beenden! Fortan widmete sie sich dem Komponieren und der Ausbildung zukünftiger Opernsänger.
Im Jahre 1874 ließen sich die Viardots in Bougival nieder: In einem Herrenhaus, das ihnen ihr enger Freund, der russische Schriftsteller Iwan Turgenew (1818-1883) geschenkt hatte, der auf demselben Anwesen wohnte. In der Nähe lebte Georges Bizet (1838-1875), den sie etwas unterstützten.
Viardot starb im Alter von 89 Jahren! Ihr Werk, das vor vielen Jahren veröffentlicht wurde: Wird derzeit wiederentdeckt…
Einige Worte über Cendrillon…
Während es die vorgeschriebenen Figuren der Geschichte von Perrault beibehält – das junge Mädchen, das von ihren Schwestern versklavt wird, die Gute Fee, die als Verstärkung eintrifft, der Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, der verlorene Schuh, der es ermöglicht, das unbekannte Mädchen vom Ball wieder zu finden -, besitzt das Cendrillon von Viardot aber eigene Dimensionen, die es sehr originell machen. Hinter der Fantasie verbirgt sich aber eine tiefgründige Auseinandersetzung mit sozialen Themen. Hier widmet sich Cendrillon der Aufnahme der Ärmsten der Welt. Ihr Vater, der Baron de Pictordu, ist ein Emporkömmling mit einer zwielichtigen Vergangenheit, geplagt von einer Melancholie, die von der Erinnerung an sein früheres Leben herrührt. Der Prinz „Charmante“ um eine passende Partie zu finden, verkleidet sich als Bettler und wird während des Balls seinem Kammerherrn, dem Comte de Barigoule, seinen Status als Prinz „Charmante“ für eine Nacht anzuvertrauen. Kurz gesagt, alles ist im Umbruch und niemand ist an seinem angestammten Platz. Eine Art Grausamkeit, ein seltsames Unbehagen durchdringt das Werk und offenbart, dass hinter der verzauberten Welt der Erzählung eine weitaus beunruhigendere Auffassung vom Leben und vom Zustand der Welt liegt, als es zunächst den Anschein hatte.

Als der Regisseur das Märchen Die Prinzessin auf der Erbse (1860) für die Compagnie Opéra Trois im Jahre 2019 adaptierte, dass er gemeinsam mit dem französischen Komponisten Gérard Pesson (*1958) erschaffen hatte, entwarf er sechs aufeinanderfolgende Fassungen der Originalgeschichte von Hans Christian Andersen (1805-1875), in denen die Form, Ausgang und Themen variierten. Während dieser Arbeit lernte er Chillemi kennen, mit der er eine tiefe künstlerische Verbundenheit entwickelte und die auch seinen Wunsch teilte: Ein Musikprojekt mit der Libretto-Adaption und der Bühnenrealität von Anfang an miteinander zu verknüpfen. Gemeinsam mit dem Arrangeur Arcache arbeiteten sie unermüdlich an einer Adaption, in der Musik und Text durch einen gemeinsamen Rhythmus und Ausdruck vereint sind.
Die Dialog-Passagen des Werkes, die etwas in die Jahre gekommen waren, wurden komplett neu geschrieben und das Team wollte dieser theatralischen Magie eine musikalische Dimension verleihen, die stets von Instrumenten getragen wird und zwischen Sprechen, Rezitieren und Singen angesiedelt ist, wie kleine rhythmische Vignetten, die gleichzeitig als Impulsgeber und Startrampe für die lyrischen Stücke dienen.
Mit dem künstlerischen Team, das Lescot seit vielen Jahren begleitet – die schweizerisch-französische Bühnenbildnerin Alwyne de Dardel (*1961), die französische Kostümbildnerin Mariane Delayre (*1982), der französiche Lichtbildner Matthieu Durbec (*1979) und für die Videos der französische Künstler Serge Meyer (*1956) -, haben sie eine Fantasiewelt erschaffen, die die Welt der Kindheit voller Humor und aber auch die Wahrheit über soziale Beziehungen und unmenschlichen Wahrheiten inbegriffen sind: Über die Zeitalter der Existenz und über die Rolle des Zufalls in unserem Leben!
Letztlich beinhaltet das Projekt die Entwicklung eines Bühnenbildes, das die Musiker aktiv in die Aufführung einbindet. Dieses Verschmelzen, diese Durchlässigkeit, dieses Miteinander der Darsteller ist ein Ziel, das der Regisseur seit vielen Jahren in den fünf von ihm geleiteten musikalischen und theatralischen Produktionen verfolgte. Es ist vielleicht eine Utopie für Theater und Oper und doch möchte Lescot mit seinem Team es hier verwirklicht sehen!
Cendrillon, so wie wir sie uns vorgestellt haben, könnte schließlich eine Figur unserer Zeit sein, ein Teenager, die auf dem Weg zu einem Ball die berauschende Aufregung des ersten Mals erlebt. Sie betrachtet die Welt mit Staunen! „Warum verjagen wir die Armen, die Fremden, anstatt sie willkommen zu heißen? Warum heiraten Prinzen Prinzessinnen und nicht umgekehrt? Wäre es nicht an der Zeit, einige dieser Dinge zu ändern und ein paar Revolutionen herbeizuführen?“ Das ist sanft aber bestimmt!

Ein wenig über die Musik…
Viardot war 83 Jahre alt, als sie 1904 Cendrillon komponierte, eine Miniatur-Oper nach der Erzählung von Perrault, für die sie auch das Libretto verfasste. Das Originalwerk war für Klavier und sieben Sänger im Salonstil geschrieben und sicherlich für ihren engsten Freundeskreis bestimmt. Das Ziel von Lescot als Regisseur, Arcache als Arrangeur und Chillemi als Dirigentin war nicht, den Geist des Salons wiederzubeleben, sondern in vollkommener Synergie das Werk auf die Bühne, ins Theater, für ein möglichst breites Publikum zu übertragen. Dies bietet eine außergewöhnliche Gelegenheit, jüngeren Zuschauern die Oper in einer leichten, lebendigen Form näherzubringen und die von Anfang bis zum Ende von allen Mitwirkenden auf der Bühne – ob Instrumentalisten oder Sänger – mitreißend in die Geschichte eingebunden sind. Der Klavierpart ist für ein kleines Instrumental-Ensemble transkribiert, das den Zauber der Erzählung entschieden zum echten Leben erweckt: Verschiedene Klarinetten, Schlaginstrumente, Cello, Tasten-Instrumente – Klavier und Keyboard – und andere ungewöhnliche Instrumente sorgen für ein wunderbares Erlebnis, das Gross und Klein gleichermaßen begeistert. In dem die gesungenen Passagen für schauspielerische Aktionen genutzt werden, verleiht somit der Show mit ihrem großen Rhythmus und ihrer vollblütigen Kraft die gesamte Bandbreite der Stimmen und deren Klangfarben. Mit Cendrillon konnte die Dirigentin, zusammen mit dem gesamten Team eines ihrer wichtigsten Ideale verwirklichen: Das einer lyrischen Musical-Theater-Gruppe, in der alle auf der Bühne mit Feingefühl, Risikobereitschaft und Freude an der Aufführung voll und ganz in die erzählte Geschichte eingebunden sind.

Die Aufführung im Athenée – Théâtre Louis-Jouvet / Paris am 19. März 2026:
Die Chronik eines großen Erfolgs…
Viardot schrieb und komponierte diese kurze Kammer-Oper für Klavierbegleitung wie schon gesagt im Jahre 1904. Lescot hat sie klug und spielerisch zu einer entzückenden, lebhaften und fröhlichen modernen Erzählung bearbeitet, die von der einfallsreichen französischen Operntruppe Co[opéra]tive in einer neuen Orchesterfassung von Arcache aufgeführt wird. Ein hervorragendes Sänger-Ensemble führt uns nahtlos vom Lachen zu Weinen.
Die angenehmen Überraschungen des Athénée…
Man kann es nicht oft genug sagen: Dieses kleine bildhübsche Théâtre Louis Jouvet im übergroßen Schatten ihrer erdrückenden Schwester, – das Palais Garnier – ist sie immer wieder ein Ort für entzückende Entdeckungen, dutzende pro Saison, jede erstaunlicher als die vorherige und auch immer hervorragend inszeniert und gespielt. Dazu sind es oft schon sehr lange vergessene Raritäten und auch sehr viele interessante Kreationen von heutigen Komponisten! Bravo! Wir waren in den vielen Jahren als Zuschauer fast nie enttäuscht…
Diesmal bietet das Athénée mit einer erfolgreichen Wiederaufnahme der schon fast vergessenen Oper aus dem frühen 20. Jahrhunderts, die auf dem bekannten Thema von Perraults: Cendrillon basiert, gewissermaßen eine Schwester des sehr beliebten deutschen Aschenputtels der Gebrüder Grimm: Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Ein wahres Vergnügen mit leider nur acht Vorstellungen! Die Produktion verbindet die wunderschönen Melodien von Viardots Originalwerk mit fein ausgearbeiteten, realistischen, poetischen und humorvollen Dialogen. Sie bietet einige Momente, die an den Grand Guignol (Kasperle) grenzen, aber ohne jemals in Vulgarität abzurutschen und verspricht einen rundum gelungenen Abend mit hochkarätiger Opernunterhaltung.

Wir hatten die Erinnerung an eine Oper mit wunderschönen Gesangslinien bewahrt, die Viardot als Melodikerin berühmt gemacht haben, aber mit einem etwas zu akademischen Gesamteindruck, als die Opéra-Comique 2013 die Cendrillon nach fast hundert Jahren zum ersten Mal wieder aufführt wurde. Man sollte nicht vergessen, das Viardot eine renommierte Sängerin und Pianistin war, die gelegentlich auch komponierte. Als Muse und Freundin von Turgenjew, Sand, Chopin und Liszt empfing sie die Künstler ihrer Zeit in ihrem berühmten Salon und komponierte diese Cendrillon für ihre Schüler.
Eine traumhafte Adaption…
Neben dem Interesse an der Wertschätzung dieser kostbaren, von Frauen komponierten und daher oft jahrzehntelang vernachlässigten Partituren erlaubt uns die Darstellung dieser Cendrillon, bestimmte Aspekte des Märchens neu zu betrachten, ohne die grausamen Szenen auszulöschen, sondern indem ein modernisierter sozialer und familiärer Kontext hinzufügt wurde – eine Patchwork-Familie, zweifelhafte Vergangenheit der Reichen dieser Welt -, aber ohne dabei den Zauber der Magie aus den Augen zu verlieren, die zu Kindern spricht – die Ratte, die halb Pferd, halb Kutscher wurde, der Kürbis in einer rustikalen Kutsche verwandelt.

Das Bühnenbild von De Dardel besticht durch seine schlichte Schönheit und Funktionalität und illustriert die beiden zentralen Schauplätze der Geschichte: Cendrillons Elternhaus und den Ballsaal des Prinz „charmante“. Delayres Kostüme vereinen die zurückhaltende Darstellung der verschiedenen Charaktere mit einem Hauch von Verspieltheit, der sie mit der Welt der Märchen verbindet und fügen hier und da moderne Details hinzu, ganz im Sinne der Adaption. Es war Viardot selbst, die dem Baron de Pictordu eine Vergangenheit als unehrlichen Gemüsehändler – hier als Lebensmittelhändler – gegeben hatte, der mehrmals im Gefängnis gewesen war und eines der Gemälde beginnt in einem Schwarzweißfilm, die nicht sehr angenehme Geschichte von seinen vergangenen Abenteuern zu zeigen, während er seine Geschichte in einem sehr lebhaften Ton erzählt.
Ein dynamisches Team…
Das etwas erweiterte Orchester – Cello, Klarinette, Schlagzeug und Klavier – befindet sich nicht im Orchestergraben, sondern auf der Bühne. Zuerst ist es durch die majestätischen Gemälde an der Rückwand des Salons Pictordu sichtbar, dann, während des berühmten Balls, ganz obenauf der großen Freitreppe des Fürstenschlosses, in einer wilden Felsformation, wo die Trommeln und die anderen Instrumente die Stelle einer romantischeren Begleitung ersetzen, die für den 1. Und 3. Teil reserviert sind. Chillemi dirigiert am Klavier die Instrumentalisten und auch das Zusammenspiel mit den Sängern, mit denen sie die Bühne teilen: Wie es das Athénée gerne pflegt, wirkte wie ein zauberhaftes Wunder über den ganzen Abend.
Die Besetzung ist brillant und bietet uns einige wahrhaft wundervolle Darbietungen der singenden Schauspieler, allen voran Cathy Berberians (1925-1983) berühmte Stripsody (1976), die als „Lied“ in die Partitur eingefügt wurde und von Cendrillon auf dem Ball vorgetragen wird. Allein dieses Lied wäre die Reise wert – so witzig, originell und grandios interpretiert von der jungen französischen Sopranistin Apolline Raï-Westphal ist es. Die berühmte Sopranistin Berberian, Ehefrau des italienischen Komponisten Luciano Berio (1925-2003), machte es in den 1960er und 70er-Jahren zu einem ihrer charakteristischen komödiantischen Stücke, und diese spielerische Wendung, die die Dienerin zur Bühnenkönigin und schließlich zur Prinzessin werden lässt - oder vielmehr akzeptiert, dass der Prinz „charmante“ ihr Prinz „charmante“ wird! -, fügt sich perfekt in diese kühne Modernisierung des Märchens ein. Viardot hatte diesen Auftritt während des Balls geplant, allerdings sollte er von der Guten Fee selbst vorgetragen werden und Arien enthalten, die nicht von ihr komponiert worden waren.

Raï-Westphal übernimmt vom ersten Ton an die Führung, schrubbt energisch die Dielen, während sie laut über ihre Lage murmelt und von einem Prinz „charmante“ träumt. Sie vereint ein wunderschönes, jugendliches Timbre mit stimmlicher Agilität und einem Talent für gesprochene Dialoge, die dieses zu Unrecht gedemütigte junge Mädchen, das sich -süß – rächen wird, perfekt verkörpert. Ihre Duette mit ihrem Vater, dem Prinz „charmante“ in seinen verschiedenen Verkleidungen, ihren Stiefschwestern und der Guten Fee sind allesamt Höhepunkte des Abends, in denen ihr Talent vollends zur Geltung kommt.
Der junge madegassische Tenor Tsanta Ratia als Prinz „charmante“ ist eine angenehme Überraschung, denn er vereint Jugend, Leidenschaft und Romantik in einer wunderschönen Gesangs- und Bühnen-Präsenz, die auch an das Können seines Landsmanns, dem Tenor Sahy Ratia (*1991) erinnert. Die beiden Schwestern, deren Outfits sich stets deutlich unterscheidet – die eine in Rot, die andere in Grün -, bilden zusammen mit der französischen Sopranistin Charisse Dalles als Maguelonne und der französischen Mezzo-Sopranistin Romie Estèves als Armelinde ein dynamisches, witziges und gesanglich hervorragendem Duo. Ihre Arien aus Don Giovanni, K. 527 (1787) von Mozart werden während der Ballsaal-Einlage nur kurz angerissen, doch die Parodie ist von hoher Qualität. Der französische Bariton-Bass Olivier Naveaus als Baron de Pictordu, dessen Gesangsstil wohl etwas zerzauster ist, der aber seinen sehr undurchsichtigen Charakter äußerst realistisch widerspiegelt und er bietet auch mit seiner sehr eindrucksvollen Darstellung des Neureichen, der seine zweifelhafte Vergangenheit zu verbergen sucht.
Wir haben die zwei Auftritte der französische Mezzo-Sopranistin Lila Dufys als Gute Fee sehr genossen: Ungezügelt, exzessiv und leidenschaftlich, was der Rolle eine ganz besondere Note verlieh und deren kraftvolle Stimme die Bühne beherrschte. Bereits im letzten Jahr war sie eine herausragende Dirce in Médée (1797) von Luigi Cherubini (1760-1842) an der Opéra-Comique. (Siehe auch IOCO-Kritik). Der belgische Tenor Enguerrand de Hys verkörpert einen vielschichtigen Comte de Barigoule, einen falschen Prinzen, einen falschen Kammerherrn, ein falsches Symbol, im völligen Gegensatz zur romantischen Sanftmut seines Herrn.
Die erfolgreiche Co[opéra]tive-Tournee begann im vergangenen Oktober in verschiedenen Theatern des Landes und beendet sie in am 2. April im Le Bateau Feu / Scène Nationale in Dunkerque.
Für Musikreisende: www.athenee-theatre.com Telefon: + 33 / (0)1 53 05 19 19