Toulouse, Opéra National Capitole, Die Passagierin - M. Weinberg, IOCO

Toulouse, Opéra National Capitole, Die Passagierin - M. Weinberg, IOCO
Nadja Stefanoff (Marta) ® Mirco Magliocca

25.01.2026

EINE REISE BIS AN DAS ENDE DER NACHT…
„Wenn ich es schon überlebt habe und die anderen nicht, dann wohl, um zu bezeugen, was Auschwitz war“ ZOFIA POSMYSZ.

„Ich werde niemals aufhören, mich für DIE PASSAGIERIN zu begeistern. Ich habe die Partitur studiert, und jedes Mal begriff ich mehr von der Schönheit und Größe dieser Musik. Sie ist ein Meisterwerk, perfekt in Form und Stil. Ich verstehe diese Oper als eine Hymne an den Menschen, eine Hymne an die internationale Solidarität der Menschen, die dem fürchterlichsten Übel auf der Welt, dem Faschismus, die Stirn boten“ DMITRI SCHOSTAKOWITSCH.

 

Die Enthüllung eines ergreifenden Meisterwerks über Auschwitz…

Eine zufällige Begegnung auf einer Kreuzfahrt zwischen einer Auschwitz-Überlebenden und einer ehemaligen Lagerwächterin eröffnet eine Welt der Erinnerungen, in der Vergessen und Erinnern miteinander ringen. Basierend auf einem autobiografischen Bericht der polnischen Schriftstellerin Zofia Posmysz (1923-2022) und auf Anregung von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) schuf der polnische Komponist Mieczysław Weinberg (1919-1996) eine bedeutende Oper des 20. Jahrhunderts, durchdrungen von kraftvoller Lyrik, die zwischen bitterer Ironie und radikaler Tragik changiert. Die Passagierin (1968) wird erstmals in Frankreich aufgeführt. Die Innsbrucker Produktion, die an der Opéra National Capitole Toulouse präsentiert wird, wurde 2023 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis als Beste Opernproduktion ausgezeichnet.

Gefangen zwischen Erinnerung und Vergessen…

Weinbergs Oper Die Passagierin spielt sowohl auf einem Ozeandampfer Anfang der 1960er Jahre als auch während des Zweiten Weltkriegs. Lisa und Walter, ein deutsches Paar, sind auf dem Weg nach Brasilien, wo Walter eine Stelle im diplomatischen Dienst antreten wird. Auf dem Schiff erkennt Lisa zwischen den Passagieren eine Frau namens Marta – diese war in Auschwitz-Birkenau inhaftiert. Lisa war dort Aufseherin gewesen!

Airam Hernandez (Walter) © Mirco Magliocca

 

1968 schien es unmöglich, eine Oper über Auschwitz zu komponieren. Obwohl viele Kompositionen sich direkt oder indirekt auf den Zweiten Weltkrieg bezogen – u. a. Schostakowitschs: Sinfonien, Krzysztof  Pendereckis (1933-2020): Todesbrigade (1963), Tren ofiarom Hiroszimy – Ein Klagelied an die Opfer von Hiroshima (1961), Polnisches Requiem (1984), Luigi Nonos (1924-1990): Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz (1966), Arnold Schönbergs (1874-1951): A Survivor from Warsaw, Op. 46 (1947), Olivier Messiaens (1908-1992): Quatuor pour la fin du temps (1941) und Grigori Samuilovitch  Frids (1915-2012): The Diary of Anne Frank (1972) -, war es unvorstellbar, die Baracken von Auschwitz der unbestreitbaren Schönheit von Opernstimmen gegenüberzustellen. Und dennoch…

 

Die Passagierin wurde von Weinberg komponiert, das Libretto stammt von Alexander Mewedew (1927-2010) und basiert auf dem gleichnamigen Roman (1962) von Zofia Posmysz. Der in Warschau geborene Weinberg war ein polnischer Komponist jüdischer Abstammung, der 1939 in die Sowjetunion emigrierte und schließlich in Moskau verstarb. Seine Mutter war Schauspielerin, sein Vater Geiger. Weinberg sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen am Jüdischen Theater in Warschau, wo sein Vater arbeitete. 1939 floh er aus der Stadt! 1943 konnte er sich dank der Hilfe Schostakowitschs in Moskau niederlassen. Ein Jahr nach Kriegsende wurde er beschuldigt, zu pessimistische Musik zu komponieren, die sich kaum auf Volkslieder beziehe. 1953 wurde er wegen seines „jüdischen bourgeoisen Nationalismus“ verhaftet, wurde aber erneut dank der Fürsprache Schostakowitschs zwei Monate später entlassen. Er begann, Filmmusik zu komponieren, beispielsweise der berühmte Kriegsfilm Die Kraniche ziehen (1957) von Mikhaïl Kalatozow (1903-1973), welcher eine Goldene Palme bei den Cannes Filmfestspielen 1958.

 

Zofia Posmysz, die Autorin des Romans Die Passagierin, war selbst eine KZ-Überlebende. Durch das Schreiben legte sie Zeugnis ab, allerdingst erblickte ihre Geschichte erst nach mehr als 10 Jahren das Licht der Welt.

Anaïk Morel (Lisa) und Airam Hernandez (Walter) © Mirco Magliocca

 

Weinberg vollendete Die Passagierin in 1968, erlebte die Premiere aber nicht mehr. Die KPDSU verbot die Aufführung der Oper, da die Szenen in Auschwitz zu viele Assoziationen zu sowjetischen Arbeitslagern – auch Gulag genannt – hervorriefen. Die Passagierin wurde das erste Mal am 25. Dezember 2006 in einer konzertanten Version in Moskau aufgeführt, die erste szenische Aufführung  in der Inszenierung von David Pountney (*1947) fand am 21. Juli 2010 bei den Bregenzer Festspielen statt. Einige Monate später war die Oper in Warschau auf der Bühne zu sehen, Aufführungen in London, Houston, New York, Chicago, Detroit, Jekaterinburg und weiteren Städten folgten. Das Publikum reagierte überall mit absoluter Stille auf die Oper, erst nach einigen Momenten setzte stürmischer Applaus ein.

Die Geschichte von Zofia Posmysz wurde zuerst als Hörspiel – Die Passagierin aus der Kabine 45 (1959) gesendet, dann für das Fernsehen bearbeitet, später verfilmt. Die Regie führte Andrzej Munk (1921-1961), der bei einem Autounfall starb! Er konnte lediglich einen Teil des Skripts drehen – hauptsächlich die Kriegsszenen, gefilmt im Museum Auschwitz-Birkenau -. Munks Mitarbeiter Witold Lesiewicz (1922-2012) schnitt das Material. Es beinhaltet einen Kommentar des Poeten Wiktor Woroszylski (1927-1996) gespielt von Tadeusz Łomnicki (1927-1992). Die Premiere des Films fand am 20. September 1963 statt, dem zweiten Jahrestag des tragischen Todes des Regisseurs.

 

Die Handlung der Oper Die Passagierin – Zwei Akte bestehend aus acht Szenen und einem Epilog – spielt sowohl auf einem Ozeandampfer Anfang der 1960er Jahre als auch während des Zweiten Weltkriegs. Lisa und Walter, ein deutsches Paar, sind auf dem Weg nach Brasilien, wo Walter eine Stelle im diplomatischen Dienst antreten wird. Aud dem Schiff erkennt Lisa zwischen den Passagieren eine Frau namens Marta – diese war in Auschwitz-Birkenau inhaftiert. Lisa ist zutiefst verstört, Marta zu sehen: Lange unterdrückte Erinnerungen holen sie ein und eine Ehekrise zeichnet sich ab, denn Lisa gesteht ihrem Mann, was sie während des Krieges getan hat.

Anaïk Morel (Lisa). Nadja Stefanoff (Marta) und Mikhail Timoshenko (Tadeusz)

 

WEINBERGS Musik passt sich der Handlung an. Sie ist sehr divers: Realistisch und symbolisch, intim und kraftvoll zugleich. Sie unterstellt eine gewisse Stimmung während der Unterhaltungen auf dem sonnenbeschienenen Schiff und eine andere, um die HÖLLE von AUSCHWITZ zu übermitteln…

 

Die Kriegsszenen drehen sich hauptsächlich um die Beziehung zwischen Lisa und Marta und einem anderen Häftling – Tadeusz. Außerdem erzählen sie eine Geschichte über Musik: Tadeusz ist ein Geiger, der den Lieblingswalzer des KZ-Kommandanten in einem besonderen Konzert spielen soll. In der vorletzten Szene kehrt die Handlung der Oper auf das Schiff zurück. Das deutsche Paar entscheidet sich, Marta und die Vergangenheit zu ignorieren. Allerdings gerät Lisa in Panik, als Marta den Lieblingswalzer des KZ-Kommandanten spielen lässt. Die letzte Szene spielt im KZ: Das Konzert findet statt und Tadeusz spielt statt des Walzers eine Chaconne in G minor, BWV 1179 (1700) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) – den Tanz des Todes…

 

Die KZ-Häftlinge haben unterschiedliche Nationalitäten; deshalb sind die Solo-Arien – wie das brillante siebenstimmige Lied vom Leben und vom Tod – mehrsprachig. Besonders eindrucksvoll sind zwei Teile der Oper: Martas Arie in der sechsten Szene – die Überleitung vom Wiener Walzer zu Bachs Chaconne. „Es mag nur jemandem wie Weinberg, der“, wie Pountney bemerkte: „sein ganzes Leben lang Musik in Erinnerung an geliebte, verlorene Menschen geschrieben hat“ möglich gewesen sein, solche Musik zu komponieren.

 

An dieser Stelle lohnt es sich die Worte des französischen Philosophen Pascal Quignard (*1948) ins Gedächtnis zu rufen, der sagte, dass Musik die einzige Art von Kunst gewesen sei, die mit den Nazis in den KZs kollaboriert habe. Tadeusz weigert sich, zu kooperieren und bezahlt dafür mit seinem Leben. In dem Augenblick seines Todes stimmt der Opernchor – ganz wie ein Chor einer griechischen Tragödie – das Requiem der Schwarzen Wand an – der Ort der Hinrichtungen in Auschwitz -. Schließlich folgt der Epilog: Ein Lied – eine Nachricht von Marta, die am Fluss steht und sich an die Worte des französischen Poeten Paul Eluard (1895-1952) erinnert – diese sind der Sinnspruch der Oper -: „Wenn eines Tages eure Stimmen verhallt sind, dann gehen wir zugrunde“. Die Welt soll nicht vergessen! Sie darf nicht vergessen! Wie der Titel von Nonos Werk verkündet: „Erinnere dich, was sie dir in Auschwitz angetan haben!“

Ensemble © Mirco Magliocca

 

Siehe auch IOCO-Kritiken über andere in der Nazi-Zeit verbotenen Opern: Braunfels: Die Vögel (ONR 2022), Schreker: Die Schatzgräber (ONR 2022), Korngold: Das Wunder der Heliane (ONR 2026) und im Rahmen der Serie MUSICA NON GRATA in Prag: Schulhoff: Flammen (Staatsoper 2022), Abraham: Ball im Savoy (Staatsoper 2023), Weinberger: Schwanda, der Dudelsackpfeifer (National-Theater 2023), Zemlinsky: Susanna / Eine Florentinische Tragödie (Staatsoper 2024), Zemlinsky: Kleider machen Leute (Staatsoper 2024) und in Ostrava: Ullmann: Der zerbrochene Krug / Der Kaiser von Atlantis (Mährisch-Schlesisches National-Theater (2023)…

 

Die Aufführung in der Opéra National Capitole Toulouse am 25. Januar 2026:

 

Der Abgrund der Reue…

In der Opéra National Capitole Toulouse schildert Weinbergs Die Passagierin eindrücklich und überzeugend die Hölle der Konzentrationslager…

 

Am 25. Januar, vor ausverkauftem Haus in der Opéra National Capitole Toulouse, lieferte ein brillantes Ensemble – sowohl auf der Bühne als auch im Orchestergraben – eine außergewöhnliche Darbietung dieses unerbittlich düsteren Opernmeisterwerk des 20. Jahrhunderts ab, das mit ungewöhnlicher emotionaler, gesanglicher und dramatischer Hingabe aufgeführt wurde. Die karge Inszenierung des  deutschen Regisseurs Johannes Reitmeier war von der brutalen Wirkung eines perfekt platzierten Faustschlags.

Ein bewegendes Zeugnis zweier Holocaust-Überlebenden…

Weinbergs erste Oper entstand aus einer literarischen Begegnung! Schostakowitsch entdeckte den gleichnamigen Roman von Posmysz, einer polnischen Journalistin und Schriftstellerin und Auschwitz-Überlebenden, in der Zeitschrift Ausländische Literatur. Er empfahl ihn an Medwedew, dem Leiter der Abteilung für Musikliteratur am Bolschoi-Theater, der ihn wiederum Weinberg vorschlug. Als einziger Überlebender seiner Familie erkannte Weinberg darin ein Echo seiner eigenen Geschichte.

 

Im Alter von 20 Jahren floh Weinberg während des deutschen Überfalls auf sein Heimatland Polen vor den Nazis in die UDSSR, während seine gesamte Familie deportiert und im Konzentrationslager Trawniki ermordet wurde – eine Information , die er erst 1966 erfuhr. Weinberg lernte Schostakowitsch 1943 in Moskau kennen. Die beiden Komponisten verband eine lebenslange Freundschaft und Schostakowitsch wurde einer der glühendsten Verfechter seines Werkes.

 

Posmysz‘ Roman Die Passagierin erschien 1962 und wurde in 15 Sprachen übersetzt, erlangte bereits 1959 als Hörspiel unter dem Titel Passagierin in Kabine 45Posmysz wurde in Abteil 45 nach Auschwitz deportiert – kometenhaften Ruhm. Das Hörspiel wurde später von dem polnischen Regisseur Munk verfilmt, der während der Dreharbeiten bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Film Die Passagierin, der von seinen Assistenten fertiggestellt wurde, kam 1963 in die Kinos.

 

Das Opernprojekt, das durch das Treffen des Librettisten Medwedew, des Komponisten Weinberg und der Autorin Posmysz‘ Reise nach Auschwitz inspiriert war – Weinberg begleitete sie nicht -, sollte 1968 am Bolschoi-Theater uraufgeführt werden. Die Oper wurde jedoch umgehend von der Sowjetunion zensiert. Trotz Schostakowitschs Intervention landete Die Passagierin auf die Liste verbotener Werke, „ein Opfer des staatlichen Antisemitismus und der ideologischen Zaghaftigkeit des Leonid Breschnew (1906-1982) – Regimes“. Weder Weinberg noch Schostakowitsch sollten Die Passagierin jemals sehen. Lediglich Posmysz und Medwedew besuchten die Aufführung am 21. Juli 2010 bei den Bregenzer Festspielen.

Mikhail Timoshenko (Tadeusz) und Anaïk Morel (Lisa) © Mirco Magliocca

 

Ein Machtspiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit…

Posmysz‘ autobiografischer Roman ist von einem Vorfall inspiriert, der sich 1959 an Bord der Place de la Concorde ereignete. Während einer Überfahrt hörte Posmysz eine deutsche Touristin mit einer ihr vertraut vorkommenden Stimme etwas ausrufen. Die Angst, ihrer ehemaligen Peinigerin gegenüber zustehen, veranlasste sie, sich die Situation aus der Perspektive der KZ-Wärterin vorzustellen, die sie in Auschwitz gefoltert hatte.

 

Die Geschichte von Die Passagierin beginnt 1960 auf einem Transatlantikdampfer nach Brasilien. Der deutsche Diplomat Walter Kretschmar soll seinen Posten in Rio de Janeiro antreten und reist mit seiner Frau Lisa. Das Paar stellt sich die Überfahrt von Hamburg nach Rio de Janeiro als zweite Hochzeitsreise vor, doch die Reise verwandelt sich in einen Albtraum, als Lisa die Marta erkennt, einer ehemaligen Häftlingsfrau aus Auschwitz, die sie vor fünfzehn Jahren für tot gehalten hatte. Die Begegnung löst bei Lisa eine Reihe von Erinnerungen aus, in denen sie einst unter dem Namen Anneliese Franz als SS-Aufseherin diente.

 

Sie offenbart Walter ihre verborgene Vergangenheit, sie stellt sich als jemand dar, der zwar zweifellos an Adolf Hitler (1889-1945) glaubte, aber dennoch eine gutmeinende Spielfigur war, die, gefangen im Kriegswirrwarr, so gut wie möglich helfen wollte. Sie zeigte sich erstaunt über den „Hass“ der Gefangenen ihr gegenüber und über Martas „fehlende Dankbarkeit“, deren Leben sie angeblich „gerettet“ habe. Walters Reaktion ist nicht weniger impulsiv, denn er wird einzig von der Angst vor einer Enthüllung geleitet, die seiner Karriere schaden könnte.

 

Die folgenden Szenen, die zwischen der luxuriösen Gegenwart auf dem Ozeandampfer und der düstereren Welt des Konzentrationslagers wechseln, enthüllen eindringlich Annelieses alias Lisas wahres Gesicht – grausam und skrupellos. In Auschwitz ist Anneliese von Marta gleichermaßen fasziniert und irritiert und versucht, die Kontrolle über sie zu erlangen und diese „Figur des moralischen Widerstands“ zu korrumpieren. Ihre Versuche der Verführung und Einschüchterung scheitern und ihre Rache ist grausam. Auf dem Ozeandampfer verstört allein Martas Anwesenheit Lisa, die diesmal machtlos und von der Last ihrer Erinnerung und ihrer Schuld, die sie nie eingestanden hat, erdrückt wird.

 

Weinbergs Partitur ist dicht und komplex – eine Schichtung von Geografien und Zeitebenen, die psychologische Tiefe der Figuren und ein mehrsprachiges Libretto -, doch ihre filmische Dramaturgie macht sie leicht verständlich. Drei Stunden lang werden wir in Spannung gehalten! Die Inszenierung von Reitmeier mit dem Bühnenbild des deutschen Bühnenbildners Thomas  Dörfler – ausgezeichnet mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis 2023 als Beste Opernproduktion – ist schlicht und genial.

 

Ein einziges Holzgebäude dient sowohl oben als Kabine des Ozeandampfer als auch unten als Baracke und erzeugt so einen Spiegeleffekt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der Lisas Gewissen quält. Die Kostüme des deutschen Kostümbildners Michael D. Zimmermann sind erschreckend realistisch. Sie zeigen die gestreiften Pyjamas und die herausgerissenen Schädel der Gefangenen, die makellosen Uniformen der SS und die Prunkvollen Abendkleider von Lisa, Walter und den anderen Passagieren. Und als Krönung lieferte das gesamte Ensemble herausragende Gesangsleistungen und eine Bühnenpräsenz, die den besten Schauspielern würdig waren.

Ensemble © Mirco Magliocca

 

Reitmeiers: Die Passagierin  beginnt mit einer stummen Szene: Eine Frau mit dunkler Sonnenbrille, beigefarbenem Trenchcoat und  einem weißem Schal, der ihren Kopf verdeckt, raucht sie langsam und genussvoll eine Zigarette und blickt in die weite Ferne. Plötzlich setzt ein martialischer Rhythmus ein und Gefangene betreten die Bühne, verfolgt von SS-Männern in glänzend schwarzen Uniformen. Die Holzkonstruktion dreht sich und wir befinden uns in der Kabine des Ehepaars Kretschmer, sie bewundern denselben Horizont und freuen sich auf die schönen Momente, die sie gemeinsam verbringen werden.

 

Die französische Mezzo-Sopranistin Anaïk Morel liefert eine atemberaubende Darbietung in der Rolle der Lisa. Gesanglich wie darstellerisch verkörpert sie mit gleicher Präzision die Rolle der Ehefrau – zunächst verführerisch, dann von ihren eigenen Dämonen gequält – und die der SS-Wächterin, die ihre Macht über Leben und Tod genießt, während sie dem rebellischen Stolz eines Widerstandskämpfers, der sie nicht fürchtet, hilflos ausgeliefert ist. In der Rolle des Walter ist der spanische Tenor Airam Hernández als karriereorientierter Ehemann perfekt besetzt: Seine klare, resonante Stimme trägt wunderbar und mit seiner Adonis-haften Statur macht er im Smoking, mit einem Glas Champagner in der Hand und einer schönen Frau an seiner Seite, eine imposante Figur.

 

Für Lisa ändert sich alles, als sie unter den Passagieren die Frau entdeckt, die sie als ehemalige Insassin erkennt: Marta! Aus den Tiefen des Holzbaus erhebt sich eine andere Welt: Die einer Baracke voller Frauen in gestreiften Pyjamas. Bronka, Yvette, Krystina, Vlasta, Hannah und Katya sind lebendige, manchmal sogar fröhliche und liebevolle Frauen, die in ihren jeweiligen Sprachen – Polnisch, Französisch, Jiddisch, Tschechisch und Russisch – von ihrem Leid, ihrer Angst und ihrer Hoffnung singen, bevor sie zu den Zahlen 4719, 4313, 3575, 3154 und 2731 werden, die während Martas letztem Lied, die einzige Überlebende der Gruppe, an die schwarze Wand projiziert werden.

 

Die große schlanke deutsche Mezzo-Sopranistin Nadja Stefanoff verkörpert mit ihren markanten Gesichtszügen Marta mit einer ebenso fesselnder wie einschüchternder Präsenz. Ihre virtuose Stimme umfasst ein breites Spektrum an Emotionen und Stimmungen – Trotz, Großzügigkeit, Leidenschaft, Stolz, Schrecken und letztlich Rache – mit atemberaubender Präzision. Tadeusz, ihr edler und stolzer Geliebter und Seelenverwandter, wird von dem russischen Bariton Mikhail Timoshenko dargestellt. In ihrer Wiedersehensszene verschmelzen Stefanoffs  und Timoshenkos Stimmen wie ein süß-bitterer Kuss eines Paares, das in unvorstellbarem Leid zusammenhält.

 

Die französische Sopranistin Céline Laborie berührt in der Rolle einer russischen Partisanin namens Katja mit ihrem Volkslied „Vallée ma vallée“, das sie im zweiten Akt a cappella mit von bestechender Reinheit singt. Die französische Mezzo-Sopranistin Victoire Bunel ist als Krystina hervorragend wie auch die französische Mezzo-Sopranistin Anne-Lise Polchlopek als Vlasta. Hannah, die einzige jüdische Gefangene – eine Folge des Antisemitismus unter Breschnew – wird von der französischen Altistin Sarah Laulan wunderbar verkörpert, deren Stimme reich und von Klage erfüllt.

 

Die französische Sopranistin Julie Goussot ist eine liebenswerte Yvette, die österreichische Mezzo-Sopranistin Janina Baechle verkörpert Bronka mit einer einhüllenden Stimme und einer charismatischen Präsenz, während die französische Sopranistin Ingrid Perruche als eine Alte Frau uns mit ihrer Stimme, die in den Wahnsinn abgleitet und ihrer eindrucksvollen Darbietung tief berührt.

 

Die deutsche Altistin Manuela Schütte ist in der Rolle des Kapo erschreckend: Ihre Interventionen wirken wie Peitschenhiebe. Die SS: der französische Bariton Damien Gastl, der französische Bass Baptiste Bouvier und der britische Tenor Zachary McCulloch – tragen ihre kurzen, aber entscheidenden Noten mit kalter Brutalität vor und der türkische Bass Hazar Mürşitpinar als Alter Passagier vervollständigt dieses hochkarätige Ensemble.

 

Im Orchestergraben dirigiert der sizilianische Dirigent Francesco Angelico das großartige Orchestre National du Capitole Toulouse mit meisterhafter Präzision. Seine Interpretation von Weinbergs kühner, düsterer, rauer und erschreckender Musik ist elektrisierend, kristallklar und auch perfekt auf das Bühnengeschehen abgestimmt. Der französische Chor-Dirigent Gabriel Bourgoin des Chors der Opéra National du Capitole Toulouse, leitet den Chor seinerseits mit derselben Präzision und Klarheit.

 

Die Passagierin endet mit Marta. Sie legt ihren Trenchcoat und ihr Kopftuch ab und singt ihre Arie „Jak cicho wokół mnie!“„Wie ruhig ist es um mich herum!“ -, eine ergreifende Hommage an ihre ermordeten Freunde und ihren Geliebten, der getötet wurde, weil er Bachs: Chaconne statt des Lieblings-Walzers des grausamen Kommandanten spielte. „Ich werde euch nie vergessen“, verspricht sie denen, die die Hölle nicht überlebt haben.

 

Das Publikum war überwältigt von seinen Gefühlen, applaudierte begeistert, rief „Bravo“, sprang von den Sitzen auf und rief die Darsteller mehrmals auf die Bühne. Morel und Stefanoff umarmten sich und wir waren noch immer so in die Geschichte vertieft, dass die Wirkung beinahe surreal war. Dieses Meisterwerk Weinbergs, heute Abend in der Opéra National Capitole Toulouse meisterhaft aufgeführt, verdient es, überall und so oft wie möglich gezeigt zu werden, damit niemand den Schrecken dieses Abstiegs in die Barbarei vergisst.

 

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