Paris, Opéra National, Siegfried - R. Wagner, IOCO

Paris, Opéra National, Siegfried - R. Wagner, IOCO
Tamara Wilson (Brünnhilde) und Andreas Schager (Siegfried) © Herwig Prammer

17.01.2026

 

SIEGFRIED – ALS GEGENSPIELER DER NATUR…

 

FAFNER
Du helläugiger Knabe, unkund deiner selbst,
wen du gemordet meld’ich dir.
Der Riesen ragend Geschlecht,
Fasolt und Fafner,
die Brüder – fielen nun beide.
Um verfluchtes Gold, von Göttern vergabt,
traf ich Fasolt zu Tod.
Der nun als Wurm den Hort bewachte,
Fafner, den letzten Riesen,
fällte ein rosiger Held.

Blicke nun hell, blühender Knabe,
der dich Blinden reizte zur Tat,
berät jetzt des Blühenden Tod!
Merk‘, wie’s endet! Acht‘ auf mich.

(Todesszene des Fafner / 2. Akt)

 

 

Mit Siegfried (1876), in der Neuinszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieitos präsentiert l’Opéra National de Paris den dritten Teil von Richard Wagners (1813-1883) Der Ring des Nibelungen (1876), dieses monumentale Werk, auf die Bühne. Siegfried, Sohn von Sieglinde und Siegmund, ist zu einem furchtlosen jungen Mann herangewachsen. Bewaffnet mit seinem Schwert Notung begibt er sich auf ein Abenteuer, erschlägt den Drachen Fafner und verlangt den Ring, ohne dessen Macht zu ahnen. Als er durch das Feuer schreitet, das Brünnhilde umgibt, erweckt er sie aus ihrem langen Schlaf und entfacht eine tiefe Liebe, die beide für immer verändern wird. Um die Initiationsreise dieses freien und instinktiven Helden, der die Hoffnung auf eine neue Welt verkörpert, darzustellen, entfaltet sich Wagners Orchesterpartitur in beeindruckender Weite. Das Murmeln des Waldes, der Ruf des Horns und dramatische Dialoge folgen einander in einem Crescendo bis zum finalen Duett zwischen Siegfried und Brünnhilde, einem der Höhepunkte der Tetralogie.

 

Die Drachen der menschlichen Innenwelt…

Während des zweiten Weltkrieges, dem insgesamt 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen, schrieb die amerikanische Psychologin Mary Esther Harding (1888-1971) ein Buch, in dem sie mit der Erfahrung einer fünfundzwanzigjährigen psychotherapeutischen Arbeit am Menschen der Frage nachgeht, wie es im Zeitalter der Vernunft zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Sie beginnt ihr Buch mit dem Satz: „Hinter der ehrbaren Fassade des Bewusstseins, mit seiner disziplinierten moralischen Ordnung und seinen guten Absichten, lauern die rohen Instinktkräfte des Lebens wie Ungeheuer der Tiefe – unaufhörlich verschlingend, zeugend und sich bekämpfend“. Auf diesen verborgenen Naturkräften und ihrer Energie beruht das Leben selbst. Wenn sie jedoch nicht gebändigt werden, warten sie auf einen günstigen Augenblick, die Herrschaft an sich zu reißen und die Welt zu verwüsten.

 

Symbol dieser zerstörerischen Kräfte des Bösen in der menschlichen Seele sind die Drachen, von denen die alten Mythen und Märchen erzählen, die uns aber ebenso in Träumen und Phantasieprodukten heute lebender Menschen begegnen. Drachen sind keine Bewohner der menschlichen Außenwelt, sondern der menschlichen Innenwelt. Sie werden aber, da sie als solche nicht erkannt werden, auf Gestalten der Außenwelt projiziert. „Sie sind Personifikationen der nicht-persönlichen Kräfte in der Tiefe der menschlichen Psyche, die das schwache und schutzlose Bewusstsein des Menschen nähren und stützen oder es verschlingen und zerstören“.

Gerhard Siegel (Mime). © Herwig Prammer

 

In der Gefahr, von den archaischen Kräften des dämonischen Unbewussten vernichtet zu werden, halten die Menschen Ausschau nach einem Helden oder Führer, der für sie die Drachen überwindet. Dabei geht es gerade nicht in erster Linie um einen Sieg über die politischen und militärischen Feinde, sondern um einen Sieg über die feindlichen und verheerenden Kräfte in der eigenen Seele. Der Drachenkampf ist das archetypische Bild für den lebensbedrohenden Konflikt zwischen dem Ich-Bewusstsein und den ungezähmten, verschlingenden Kräften des Unbewussten.

 

Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, ob es gelingt, diese zerstörerischen Kräfte im Menschen zu bändigen und wenigstens einen Teil ihrer Energie positiven Zwecken dienstbar zu machen. Der Kampf gegen den Drachen wird im Herzen einzelner Menschen ausgetragen, ehe er zwischen Nationen entschieden werden kann. „Erst wenn überall in der Welt die Drachen überwunden sind, kann ein allgemeiner Friede begründet werden“.

 

Es ist kein Zufall, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Filmen das mythische Motiv des Drachenkampfes in modernem Gewand variierte: Durch ein außergewöhnliches Ereignis, zum Beispiel durch ein wissenschaftliches Experiment, durch einen Eingriff in die Natur oder durch die Explosion einer Wasserstoffbombe, werden riesige Urzeit-Ungeheuer geweckt, die in der Tiefe der Erde schlummerten; sie brechen unter Donnergetöse durch die Erdoberfläche und vollführen wahre Orgien der Zerstörung. Stäbe von Wissenschaftlern und ganze Armeen mit modernen Waffen kämpfen vergeblich gegen diese Ungeheuer, weder menschlicher Verstand noch Waffengewalt vermögen der entfesselten Urkräfte Herr werden.

 

Die Drachen der alten und der neuen Mythen…

Die Drachen der alten und neuen Mythen sind keine Ausgeburten einer krankhaften Phantasie, sondern sie sind Symbole für die archaischen Urkräfte, die in der Tiefe unserer unbewussten Seele schlummern und jederzeit geweckt werden können.

Derek Welton (Wotan) und Marie-Nicole Lemieux (Erda). © Herwig Prammer

Wird hier aber nicht zu einseitig das Gewicht auf die „Wirklichkeit der Seele“ gelegt und darüber die „Wirklichkeit der Welt“ außer Acht gelassen? - Dorothee Sölle (1929-2003) erzählt, sie habe sich einmal zur Vorbereitung von Vorträgen gleichzeitig mit Märchen und Mittelstreckenraketen beschäftigen müssen. Das habe sie in einen Konflikt gebracht! Immer, wenn sie sich auf die Seite Märchenforschung zurückziehen wollte, sei ein Bote zu ihr gekommen und habe gesagt: „Du willst über die alten Drachen reden und nicht von den wirklichen Drachen, die heute unser Blut aussaugen und Menschen verhungern lassen?“ Wenn sie dann die Grenze zwischen beiden Wirklichkeiten dicht machen wollte, habe sie schrecklich geträumt oder Dinge gelesen, die sie verwirrten. Beim Nachdenken darüber sei sie dann zu der Einsicht gekommen: „Alles, was wir tun, um Grenzen durchlässig zu machen, um der Tiefe Eingang zu verschaffen in die Flächenhaftigkeit , hilft uns. Alles, was wir tun, um die Erfahrung der Tiefe zu privatisieren und zu genießen, ist eine Art Geisteskrankheit. Beide Bereiche brauchen einander.“

 

Im Symbol fallen äußere und innere Wirklichkeit zusammen! Darum ist es durchaus legitim, nach der konkreten Gestalt zu fragen, in der uns der Drache heute begegnet und zum Kampf herausfordert. Alfons Rosenberg (1902-1985) hat, ausgehend von dem großen, brudermörderischen Krieg, Antwort darauf zu geben versucht. Als Zeichen für den periodisch sich erneuernden Aufstand der Drachen nennt er: „kosmische Katastrophen, geschichtliche und soziale Umstürze, leibliche und seelische Seuchen, ein Sinken des Pegelstandes des Göttlichen im Menschen und damit auch des Humanen, Perversion des Leiblichen und Seelischen und das Erkalten der Liebe in den Herzen der Menschen“.

 

Wie eine Fortschreibung dieser Aufzählung für unser Jahrzehnt liest sich die Benennung der sieben Häupter des Tieres aus dem Abgrund durch Sölle: „mehr Energie, mehr Fortschritt, mehr Overkill, mehr Profit, mehr Weltmarkt, mehr Folter, mehr Lebensstandard“.

Andreas Schager (Siegfried) © Herwig Prammer

 

Das Drachenkampfmotiv im Mythos und im Märchen, in Sagen und Legenden…

Der Drachenkampf ist ein universales Motiv! Es ist nicht nur über die ganze Erde verbreitet, sondern es findet sich auch in allen literarischen Gattungen, die in den Kulturen und Religionen der Menschheit anzutreffen sind: Im Mythos, im Märchen, in der Sage und in der Legende.

 

Mythen und Märchen haben gemeinsam, dass sie nicht an Zeit und Raum gebunden sind. Sie unterscheiden sich darin, dass Mythen meist Götter- oder Heroengeschichten sind, die in einer zeitlosen Urzeit oder Endzeit spielen und sich durch immer wiederholte Begehung in Wort und Ritual als unvergänglich erweisen, während Märchen von namenlosen und typischen Personen handeln, die im mikrokosmischen Bereich agieren. Auf das Drachenkampfmotiv bezogen: Im Mythos ist der Drachenkämpfer ein Gott – z.B. Marduk – oder Heros – z.B. Herakles-, im Märchen der namenlose Königssohn oder Sohn des Besenbinders. Im Mythos findet der Drachenkampf im oder am Himmel statt, im Märchen im magischen Reich – Meer, Wald, Berg usw. -. Sagen und Legenden haben gemeinsam, dass sie an geschichtliche Personen, an bestimmte Orte und Zeiten gebunden sind. Sie unterscheiden sich darin, dass die Sage von profanen, die Legende von heiligen Personen handelt. In der Sage ist der Drachenkämpfer ein geschichtlicher Held – z.B. Siegfried -, in der Legende ein Heiliger – z.B. Sankt Georg -. Die Sage ist eine Vorform der Geschichtsschreibung, die Legende Gegenstand des Glaubens.

 

Die Symbole: „Drache“ und „Schlange“ oder Wurm…

Die Symbole „Drache“ und „Schlange“ sind weitgehend austauschbar - das Wort „Drache“ – griechisch, drákon – bedeutet ursprünglich „Schlange“-. Dennoch decken sie sich nicht völlig! Oft stellen sie zwei verschiedene Aspekte des gleichen Prinzips dar. Der Drache, zumeist dem verschlingenden Wasserchaos zugeordnet, verkörpert die rohe Gewalt; die Schlange, der Erde und den geheimen Erdkräften zugeordnet, zeichnet  sich durch Klugheit  und Arglist aus. Beide haben  - wie alle Ursymbole – einen positiven und einen negativen Aspekt. Während der positive Aspekt des Drachens im abendländischen Kulturkreis – im Gegensatz zum ostasiatischen – fast gänzlich verdrängt wurde, ist er beim Schlangensymbol noch durchaus gegenwärtig  - wie die um den Äskulapstab geringelte Schlange als Zeichen der Heilkunst deutlich macht.

Gerhard Siegel (Mime) © Herwig Prammer

 

Da der Drache durchweg Symbol des Bösen ist und der Drachenkampf Symbol der Auseinandersetzung mit dem Bösen – auf sehr unterschiedlichen Ebenen -, wird der Untertitel des Buches Der Drachenkampf (1984) von Uwe Steffen (1928-2010) verständlich: Der Mythus des Bösen steht am Beginn der Schöpfung beziehungsweise der Erneuerung der Schöpfung; er steht auch am Beginn des mythischen Heldenweges, der nichts anderes ist als der archetypische Weg der Selbstwerdung: Individuation! Die Begegnung mit dem Drachen und der Sieg über ihn sind unabdingbare Voraussetzung für die Gewinnung  der unerreichbaren Kostbarkeit, die sich in der Gewalt des Drachens befindet.

 

Drachenkampf und Verschlingung sind zwei Varianten desselben Motivs: Der Drachenkampf ist der Ausdruck der aktiven und freiwilligen, das Verschlungen werden Ausdruck der passiven und freiwilligen Auseinandersetzung mit dem „Ungeheuerlichen“. Prototyp des Drachenkämpfers ist Sankt Georg, Prototyp des Verschlungenen der Prophet Jonas – auf frühchristlichen Darstellungen ist der „große Fisch“, der ihn verschlingt, durchweg ein Meerdrache.  

 

Jede einmal ausgespielte Karte bleibt auf irgendeine Weise im Spiel…

Der Drache, so führt Heimito von Doderer (1896-1966) näher aus, ist zwar keine bestimmbare, in vielen Exemplaren vorhandene Tierart, er ist vielmehr ein Einzelfall: Die Wiederkehr einer uralten, überlebten Form, die sich nicht einordnen lässt und darum als „ungeheuer“ und „monströs“ erlebt wurde. Es ist ein Lebensgesetz, das sich im Überleben und Wiederkehren uralter Formen andeutet, ohne dessen Wirkung seiner Ansicht nach weder die eigene Biographie noch die geschichtlichen  Abläufe, noch auch die Erdgeschichte von uns überhaupt aufgefasst werden könnte: Das Gesetz von der „Symbiose der Zeiten“ - Albert Paris Gütersloh (1887-1973) -, „dass nämlich nichts, was war, durch nichts, was inzwischen geschehen ist, sich abhalten lässt, zu sein. Anders, und sozusagen massiv, formuliert: Jede einmal ausgespielte Karte bleibt auf irgendeine Weise im Spiel. So in der Erdgeschichte, so im geschichtlichen, so in unserem persönlichen Leben: Auch hier staut sich das Volk des Gewesenen in dichtem und buntem Gedränge hinter den Kulissen der jetzt eben gespielten Szene und in Gängen zwischen jenen, bereit, hervorzubrechen und die Bühne zu überschwemmen, alle Handlung an sich zu reißen. Und im Lichte dieses heutigen Tages wimmeln plötzlich alle spiegelnden Lachen des eben gefallenen Regens von urtümlichem Getier aus einer anderen Zeit“.  

Andreas Schager (Siegfried) © Herwig Prammer

 

Diese Grundwahrheit des Daseins hat Ivar Vidrik Ivask (1927-1992) als „Schlüssel“ zu Doderers gesammeltem Roman- und Erzählwerk bezeichnet, in dem immer wieder Drachen oder andere urweltliche Lebewesen – Molche, Salamander, Krebse, Polypen, Kraken, Schlangen – dem Menschen begegnen, insbesondere dort, wo eine Figur in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit das eigene Lebensgesetz sucht oder vor einer Doderer-schen  „Menschwerdung“ steht. Dämonisch-zerstörerisch wird das Urtümliche  erst dann, wenn wir uns vor seiner Lebensweisheit zu fürchten beginnen und sie verleugnen, wenn wir nicht mehr auffassen wollen, was war und noch immer weiter ist, und statt dessen die regenbogenfarbige Wirklichkeit systematisch verfälschen, ideologisch zurechtbiegen.

 

So münden die von naturwissenschaftlichen Phänomenen ausgehenden Gedanken Doderers ein in geisteswissenschaftliche Überlegungen, wie sie von dem Naturphilosophen Edgar Dacqué (1878-1945) und dem Tiefenpsychologen  Carl Gustav Jung (1875-1961) entfaltet wurden.   

 

 

Die äußere und die innere Wirklichkeit… 

Der Schweizer Psychologe und Psychiater Jung kritisiert von seinem tiefenpsychologischem Ansatz her, dass man sich in der Mythenforschung bis dahin mit solaren, lunaren, meteorologischen, Vegetations- und anderen Hilfsvorstellungen begnügt habe. Für ihn sind die Mythen „in erster Linie psychische Manifestationen, welche das Wesen der Seele darstellen“. Die unbewusste Seele des primitiven , das heißt ursprünglichen Menschen habe einen „unüberwindlichen Drang, alle äußere Sinneserfahrung an seelisches Geschehen zu assimilieren“, das heißt, die mythisierten Naturvorgänge sind „symbolische Ausdrücke für innere und unbewusste Dramen der Seele“, das – widerspiegelt in den Naturereignissen – dem Bewusstsein fassbar wird. Die Naturerkenntnis des primitiven Menschen ist also „wesentlich Sprache und äußere Bekleidung des unbewussten Seelenvorganges“.     

 

Die Seele enthält alle jene Bilder, aus denen die Mythen und Märchen entstanden sind. Jung nennt sie urtümlich oder archetypische Bilder des allgemein-menschlichen – kollektiven – Unbewussten. In ihnen berühren sich die äußere – objektive – und  die innere – subjektive – Wirklichkeit. In ihnen kommt zum Ausdruck, wie der Mensch ein äußeres Ereignis in seiner Seele erlebt. Sie sind ein verinnerlichtes Bild eines objektiven Geschehens!

 

Das archetypische Bild des Drachenkampfes ist dennoch Ausdruck eines typischen Grunderlebnisses, das sich dem kollektiven Unbewussten des Menschen eingeprägt hat, nämlich: Die Begegnung mit dem „Ungeheuren“, verstanden in seiner ganzen Bedeutungsfülle, die Rudolf Otto (1869-1937) entfaltet hat als das Unheimliche, das zugleich abstößt und anzieht, furchterregend und bewunderungswürdig, dämonisch und göttlich ist. Jung sagt von solchen typischen Situationen: „Endlose Wiederholung hat diese Erfahrungen in die psychischen Konstitution eingeprägt, nicht in Form von Bildern, die von einem Inhalt, welche bloß die Möglichkeit eines bestimmten Typus der Auffassung und des Handelns darstellen. Wenn sich im Leben etwas ereignet, was einem Archetypus entspricht, wird dieser aktiviert, und es tritt eine Zwanghaftigkeit auf, die, wie eine Instinktreaktion, sich wider Vernunft und Willen durchsetzt oder einen Konflikt hervorruft, der bis zum Pathologischen, das heißt zur Neurose, anwächst“.    

Andreas Schager (Siegfried) und Gerhard Siegel (Mime). © Herwig Prammer

 

Nach Jung ist der Held des Mythos‘ das archetypische Bild des Bewussten Ich, seine Abenteuerfahrt der Weg der Selbstwerdung - Individuation -. Das Wasser ist Symbol für das kollektive Unbewusste, der Drache, der aus dem Wasser aufsteigt, der im kollektiven Unbewussten enthaltene Archetyp der Großen Mutter, der in seinem negativen Aspekt ins Bewusstsein tritt. „Die Bedrohung der Selbsteigenheit durch Drachen und Schlangen weist auf die Gefahr hin, dass die Bewusstseins- Erwerbung von der Instinktseele, dem Unbewussten, wieder verschluckt wird“. Genauer noch: „Der Drache drückt als negatives Mutterbild den Widerstand gegen den Inzest, beziehungsweise die Angst davor aus. Drache und Schlange sind die Symbolrepräsentanten der Angst vor den Folgen der Tabuverletzung, das heißt der Regression zum Inzest“. Der Inzest stellt symbolisch das Versinken der seelischen Energie  - Libido – ins Unbewusste dar. Dadurch werden nicht nur persönliche infantile Reaktion hervorgerufen, sondern auch „Kollektivbilder – Archetypen – belebt, welchen kompensierende und heilende Bedeutung, die der Mythos von jeher hatte, zukommt.

 

Siehe auch IOCO-Kritik: Das Rheingold (1869) vom 05.02.2025 / Die Walküre (1870) vom 11.11.2025

 

Die Premiere in l’Opéra National de Paris / Salle Bastille / 17. Januar 2026:

 

Der Baum, der den Wald verbirgt…

Nach einem Prolog und dem ersten Tag des Ring-Zyklus, die nicht unbedingt alle begeistern konnten, scheint der spanische Regisseur Calixte Bieito sich stärker von der märchenhaften Atmosphäre Siegfrieds inspirieren lassen zu haben. Der zweite Tag der Tetralogie greift tatsächlich mehrere Motive aus dem Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen (1812)  der Gebrüder Grimm: Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) auf, in dem die beschwerliche Initiation des jungen Helden ihn zur Liebe führt und ihn zwischen Triumphen und Rückschlägen - die seiner Naivität  entspringen - schwanken lässt. Die deutsche Bühnenbildnerin Rebecca Ringst entwarf gewaltige Bühnenbilder, die den Zuschauer in einen postapokalyptischen Wald entführt: Die Bäume wachsen kopfüber und horizontal. Der Effekt ist gelungen! Die Baumkronen dienen während der gesamten Oper gewissermaßen als eine Leinwand für die äußerst gelungenen Projektionen der schweizerischen Videokünstlerin  Sarah Derendinger, die, obwohl sie keine klar definierte Bedeutung haben, die Bühne kraftvoll beleben. Der deutsche Lichtbildner Michael Bauer, beleuchtete mit viel Talent abwechselnd die verschiedenen Ebenen und Winkel des Waldes überzeugt wirkungsvoll: Mal düstere, mal idyllische Atmosphären! Das Ganze füllt auf geniale Weise das große grasbewachsende Plateau des Salle Bastille aus.

 

Dieser märchenhafte Geist, vermischt mit Einflüssen der Popkultur, finden sich in den Kostümen wieder, die der deutsche Kostümbildner Ingo Krügler für Fafner und für den Waldvogel mit einer kanariengelben Post-it-Zettel und glänzender Perücke entwarf. Die Drachenszene wird meisterhaft durch eine gigantische Maske dargestellt, die von blendenden Lichtstrahlen durchbohrt wird, welche das Pariser Schiff Bastille symbolisch zerreißt.  Der reichliche Einsatz von Rauch ist oft wohlüberlegt, erzeugt geheimnisvolle Nebel und verstärkt die Wirkung der Beleuchtung.

 

Welch eine wohl gewollte Überraschung, als uns die Schlussszene zurück in die Welt posthumaner Metallkonstruktionen katapultiert! Brünnhilde erstarrt , ganz im Stile von Jack Nicholsons (*1937) am Ende des Film The Shining (1980) von Stanley Kubrick (1928-1999) in einem rechteckigen Raum, dessen vierte Wand eine Plastikfolie ist, die Siegfried mit seinem Schwert durchbohrt – für alle, die es vielleicht nicht bemerkt haben: Es handelt sich um eine Szene der sexuellen Initiation -. Die Beleuchtung ist extrem kaltweiß und die Regie des Liebesduetts ist wohl seltsam aber sehr beeindruckend: Denn es zeigt den Kampf zwischen zwei Gleichberechtigten und zwischen Liebeswollen und Freiheitswollen einer emanzipierten Frau. Wir fanden es einfach Großartig, obwohl fast die gesamte französische Kritik es völlig ablehnte!

 

Nicht nur Brünnhilde war erwacht, sondern endlich auch der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado, der uns im ersten Akt – und übrigens auch in Das Rheingold und in Die Walküre – eine großen Schrecken eingejagt hatte: Trägheit, Unklarheit und Dynamik fehlten, selbst in einem mühsamen und rhythmisch fragilen Schmiedelied, das uns das Schlimmste befürchten ließ. Zum Glück war er mit dem ausgezeichneten Orchestre de l’Opéra National de Paris endlich in Fahrt gekommen! Der Dirigent Heras-Casado fand im zweiten Akt wieder etwas Kontrolle über sein Orchester und präsentierte einen wunderschönen dritten Akt, voller Leidenschaft und mitreißend – trotz der gelegentlichen Ungenauigkeiten der Blechbläser, die sich sogar im Hornruf des zweiten Akts finden. Die idyllischen Szenen mit Brünnhilde werden von der ausdrucksstarken Linie, die der Dirigent dem Orchester einflößt, wunderbar untermalt und der Abend schließt mit einem gelungenen musikalischen Höhepunkt.

Ilanah Lobel-Torres (Waldvogel) und Andreas Schager (Siegfried) © Herwig Prammer

 

Dieser Siegfried – ganz im Sinne von Die Walküre – besticht durch sein hochkarätiges Vokalensemble und noch mehr als am Vortag, durch seine herausragenden Leistungen. Die amerikanische Sopranistin Ilanah  Lobel-Torres verkörpert den Waldvogel weniger koloraturhaft, als man es vielleicht erwarten würde, doch das tut ihrer strahlenden Jugendlichkeit, die in den wenigen Zeilen ihrer Rolle Wunder wirkt, kaum Abbruch. Der Charisma der kanadischen Mezzo-Sopranistin Marie-Nicole Lemieux kommt einer Erda zugute, die den Verstand verliert und mütterlicher als sonst ist: Bieito lässt sie das Siegfried-Wotan-Duett miterleben, was eine sehr eindringliche Szene ermöglicht, in der sie mit berührender Trauer die langsame Ankunft des Plastikgefängnisses ihrer Tochter betrachtet. Gesanglich erlaubt ihr die Kürze der Rolle nicht, ihre Projektion vollends zu entfalten, auch wenn ihre prachtvollen Stimmfarben stets bewundernswert sind. Die amerikanische Sopranistin Tamara Wilson bestätigt den sehr guten Eindruck, den ihre Brünnhilde am ersten Tag hinterlassen hatte: Auch wenn das Timbre nicht die neuesten Verführungsklänge besitzt, hat die Stimme eine perfekt kontrollierte Amplitude, die ein bewegendes „Ewig war ich, ewig bin ich“ in tiefer Stimme ermöglicht, vielleicht der emotionale Höhepunkt des Abends.

 

Die männlichen Darsteller, die weitaus stärker in die Arbeit eingebunden sind, spielen und singen fast alle makellos. Der finnische Bass Mika Kares bietet einen voluminösen und resonanten Fafner und flößt selbst ohne Verstärkung ängstliche Bewunderung ein. Der Alberich des britischen Bariton Brian Mulligan ist perfekt verkörpert, mit genau dem richtigen Maß an Sprechgesang, einer makellosen Rezitation von Wagners Alliteration  und einer schadenfrohen Freude, die er nach dem Mord an seinem Bruder über die Bühne trägt. Insbesondere die Pantomime findet in dem deutschen Tenor Gerhard Siegel in der Rolle des Mime einen erstklassigen Interpreten: Die Inszenierung ist weniger pittoresk als die älteren Fassungen, die wir gewohnt sind, doch was an Nasalität und Glissando verloren geht, wird durch subtile Gesangslinien und schauspielerischer Finesse wettgemacht. Sein schauspielerisches Können glänzt in der Szene, in der er unwissentlich seinen Plan, Siegfried zu vergiften, enthüllt, sowie in dem wirklich gelungenen Streitgespräch zwischen den beiden Zwergen. Der australische Bass-Bariton Derek Welton besitzt Wotans Statur, seine stimmliche Würde und Autorität und er ist  somit ein nahezu idealer Interpret, doch es fehlt ihm etwas an Tragfähigkeit: Im ersten Akt hat er Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Wie schon in Die Walküre, wo er bei seinen Abschieden freudig tanzte, neigt auch dieser Wotan zu überraschenden Wutanfällen, etwa wenn er Alberich beißt oder Erda heftig angreift. Der österreichische Tenor Andreas Schager hingegen ist zweifellos einer der besten Siegfried-Interpreten unserer Zeit und verkörpert die Tapferkeit, Brillanz, kühne Ausdruckskraft und Impulsivität der Rolle. Die Regieanweisungen scheinen den Schauspieler eher zu einer heroischen als zu einer rührenden Verkörperung gedrängt zu haben, und er ist im Übrigen kein ausgesprochen jugendlicher Siegfried, weder körperlich noch stimmlich, aber hier haben wir einen Interpreten mit wirkungsvollem Charisma und überbordenden Mitteln – die er, wohlgemerkt, mit Siegel im Duett des ersten Akts gekonnt einsetzt, was keine Kleinigkeit ist.

 

Bieito beweist akribisch, dass er nicht an die Vorgaben des Librettos gebunden ist: So schmiedet Siegfried während des Schmiedelieds nichts und zerbricht auch keinen Amboss! Noch bedeutsamer ist, dass Wotans Speer, den er im ersten Akt repariert – nachdem Fricka ihn am Vorabend zerbrochen hatte -, im letzten Akt nicht von Notung zerbrochen wird. Siegfried schwingt nicht einmal sein Schwert – das er kurioserweise den ganzen Abend über an der Klinge und nicht am Griff hält - : Er ergreift einfach den Speer seines Großvaters, der verlegen zu seinem letzten Auftritt abtritt…

 

Der Zusammenhang zwischen Bieitos Projekt und dem Ring-Zyklus  ist in diesem Stadium noch schwer zu erkennen, trotz einiger Anspielungen auf die vorangegangenen Abende – Alberichs Humanoide, Wotans roter Stuhl, Siegfrieds Kleid -. Obwohl Siegfried eindrucksvollere Bilder hinterlässt als die ersten beiden Teile, wirkt er wie ein üppiges und wundersames Zwischenspiel, das abrupt in der Schlussszene endet und den Zuschauer darüber nachdenken lässt, was die Götterdämmerung als Synthese all dessen bieten mag.

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