Osnabrück, Theater am Domhof, FRAU YAMAMOTO IST NOCH DA - Von Dea Loher, IOCO

Osnabrück, Theater am Domhof, FRAU YAMAMOTO IST NOCH DA -  Von Dea Loher, IOCO
Theater am Domhof, Foto: marius maasewerd


Frau Yamamotos Vermächtnis

Premierenerfolg für Dea Lohers „Frau Yamamoto ist noch da“

Von Hanns Butterhof

OSNABRÜCK. Das postdramatische Stück „Frau Yamamoto ist noch da“ der renommierten Autorin Dea Loher konnte im Theater am Domhof eine vielbeklatschte Premiere feiern, Es verbindet in zwanzig locker zusammenhängenden Szenen subtile Zeitdiagnose mit der sanften Anmutung des offenen Blicks auf das Wichtige im Leben. Das pulsierende Herz des Stückes ist Frau Yamamoto, einnehmend gespielt von Angelika Thomas.

Frau Yamamoto im Gespräch. (v.li.: Angelika Thomas, Stefan Haschke, William Hauff, Michi Wischniowski), Fotos: Josef Ruben

Das Stück spielt sinnig vor und in einem modernen zweistöckigen Doppelhaus, das durch ein schmales Bauelement, vielleicht ein Treppenhaus, geteilt ist; es kann trennen, aber auch verbinden (Bühne und Kostüme: Marleen Johow, Kostüme Svenja Mangold). Das Stück ist ein Rückblick. Als es mit einem Prolog beginnt, ist Frau Yamamoto bereits tot. Aber eine Frau, die die Wohnung für leer hält und mieten möchte, wird von einem jungen Mann, der gerade das Zimmer renoviert, abgewiesen: Frau Yamamoto sei noch da.

Der junge Mann ist Nino (Michi Wischniowski) der mit dem älteren Erik (Stefan Haschke) in dem Haus über dem kleinen Restaurant „Sole Mio“ wohnt. Wenn in dem Stück von Handlung die  Rede sein kann, dann ist es die Geschichte dieses ungleichen Paares, das in sich die Gegensätze vereint, um die es in „ Frau Yamamoto ist noch da“ geht. Nino ist offen für Neues, für Beziehung, Erik lehnt Verantwortung für Andere ab. Als Nino, ein lockerer Typ mit kurzer Hose und Baseball-Cape seine Nachbarin, die alte Frau Yamamoto, im Hausflur kennenlernt, fragt er Erik, ob sie sie einmal einladen könnten. Das lehnt Erik aus der Sorge heraus ab, dass man  eine solche Beziehung am Ende nicht mehr kontrollieren könnte. Und was hätten sie überhaupt in einem anderen Leben verloren?

Frau Yamamoto in ihrem roten Hosenanzug wird eine Art Katalysator für die beiden. Im nachbarlichen Gespräch vor dem Haus erzählt sie nicht nur offen von sich. Sie konfrontiert die beiden auch mit Fragen, denen gerne ausgewichen wird, etwa ob sie glücklich sind. Das bringt beschwiegene Konflikte der beiden zutage und führt am Ende zu ihrer Trennung.

Frau Yamamoto, das pulsierende Herz der Aufführung (Angelika Thomas), Fotos: Josef Ruben

Zwischen diese Handlung, in der man auch vom Tod der Frau Yamamoto erfährt, streut Dea Loher damit meist unverbundene Szenen, die wie Varianten der Haltung Eriks und als Anleitungen zum Unglücklichsein  erscheinen. Es sind Szenen von Konformismus, Verantwortungsscheu und absurder Logik.

So möchte ein Mann einer Frau helfen, deren Auto mit einem Kabelbrand am Straßenrand steht. Aber die Frau hindert ihn daran, denn für einen gelöschten Kabelbrand zahle die Versicherung fast nichts, für ein ausgebranntes Auto aber den Preis für ein neues. In einfacher Alltagssprache und völlig unaufdringlich klingt so in diesen kleinen Szenen Größeres an. Wenn man etwa für das Auto die Welt einsetzt, beschreibt das recht genau, was die Menschheit gerade mit der Erde anfängt.

Dass Frau Yamamoto ihren Gesprächspartnern durch ihre menschliche Offenheit die Scheu vor substanziellen Gesprächen und die Angst davor genommen hat, die Konsequenzen daraus verantwortungsvoll zu tragen, ist ihr Vermächtnis. So lebt sie im Gedächtnis ihrer Nachbarn weiter, für sie ist Frau Yamamoto noch immer da.

Ensemble, Fotos: Josef Ruben

Das in der anspruchsvollen Regie von Alina Fluck fast ohne alle Requisiten auskommende Stück ist ein Schauspieler-Stück: überzeugend telefoniert wird ohne Handy, geangelt ohne Rute, selbst tote Fische werden von Schauspielern verkörpert. Nur Angelika Thomas, Stefan Haschke, Michi Wischniowski und Hannah Reif als Kind verkörpern jeweils nur eine einzige Figur. Dagegen spielen Verena Maria Bauer, Ronald Funke, William Hauf, Hans Christian Hegewald, Annika Martens und Monika Vivell sehr variabel und fesselnd mehrere Rollen. Keine von ihnen wird verurteilt, manche sind komisch, aber über alle kann man als Zuschauer - Frau Yamamoto ist noch da - mit sich selber ins Gespräch kommen. Dafür ist Theater da, Chapeau!

Nach eindreiviertel Stunden gab es lang anhaltenden Applaus des Premierenpublikums, vor allem für Angelika Thomas als Gast, die 1968 am Theater Osnabrück ihr erstes Engagement erhalten hatte.

 

Die nächsten Termine:   27.2., 3., 6., 8., 11. und 15.3 jeweils um 19.30 Uhr, am.22.2. Um 15.00 Uhr,

 

 

 

 

 

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