Münster, Theater Münster, MARIA STUART - Friedrich Schiller, IOCO
Ein Königinnenmord als perfektes Verbrechen
Das Theater Münster zeigt Schillers Drama Maria Stuart als Polit-Thriller
Von Hanns Butterhof
MÜNSTER. Friedrich Schillers 1800 in Weimar uraufgeführtes Trauerspiel Maria Stuart hat im Theater Münster eine auf einen Polit-Thriller um einen Königinnenmord zugespitzte Aufführung erfahren. Regisseurin Julia Hölscher hat das üppige Personaltableau Schillers auf fünf Figuren zusammengestrichen, zwischen denen es darum geht, ob Maria Stuart, Schottische Königin und Gefangene der Königin Elisabeth von England, leben darf oder sterben muss.
Das Stück spielt auf einer kreisförmigen Fläche wie eine Arena (Bühne und Kostüme: Sophia Staal und Jonathan Carl Jensen), in der Maria Stuart (Katharina Rehn) gefangen
gehalten wird. Keine Mauer schließt sie ein, sondern eine Art Membran, durch die man die Lauscher ahnt und ab und zu die Schatten derer sieht, die gerade ihr Schicksal verhandeln. Diese drehen auch die ganze Anlage, wenn die Szene in einem Raum von Elisabeths Palast spielt. Dann wird der eiserne Treppen-Aufgang zu einem schmalen Wandelgang hinter der Arena sichtbar, von dem man auf Maria herabsehen kann.

Für den Anfang der Aufführung hat Julia Hölscher als Rückblick eine vielsagende Szene erfunden: Um eine kleine gotische Kirche herum spielen die Kinder Maria und Elisabeth (Leni Wegmann, Riccy Tolmein) Fangen, Maria in einem schönen hellen Satin-Kleid, Elisabeth in einem schwarzen puritanischen Prunk-Kostüm. Danach fechten sie, bis Maria die Lust verliert und das Schwert wegwirft. Die Kirche steigt mit dem Lärm einer startenden Rakete in den Bühnenhimmel, und die auf dem Boden liegende Maria (Katharina Rehn) wird sichtbar.
Maria ist Gefangene der Elisabeth (Katharina Brenner) , und diese ist entschlossen, das Gefecht um den Englischen Thron mit ihrer ewigen Konkurrentin siegreich zu Ende zu bringen.
Ihren bedingungslosen Unterstützer hat Elisabeth in Baron Burleigh (Clara Kroneck), dem fintenreichen Großschatzmeister, der für das Staatswohl auch keinen Rechtsbruch scheut. Als er Maria vom Wandelgang herab ihr Todesurteil verkündet, kann sie ihm mit guten Gründen nachweisen, dass es sich um ein politisches, kein gerechtes Urteil handelt.
Überraschend tritt Graf Leicester (Julius Janosch Schulte), der im Gericht noch für Marias Tötung gestimmt hatte, mit warmen Worten für ihre Begnadigung ein. Den Grafen treibt ein Coup Burleights zu diesem Schritt. Der hatte, um die katholischen Staaten auf Elisabeths Seite zu ziehen und so Maria deren Schutz zu rauben, die Hochzeit Elisabeths mit dem französischen Kronprinzen angebahnt. Diese Aussicht droht dem eitlen, nur an sich selber denkenden Leicester seine Stellung als Favorit Elisabeths und damit den ersten Rang am Hofe zu kosten. Der Hintersinn seiner Fürsprache ist, Maria auf längere Sicht frei zu bekommen und dann als ihr Gatte König von Schottland zu werden.

Elisabeth hört dem von Burleigh vertretenen juristischen Für und von Leicester vorgebrachtem menschlichem Wider die Hinrichtung lange zu. Dabei will sie den Tod Marias unbedingt, stiftet sogar den jungen Mortimer (Ansgar Sauren) zum Mord an, der allerdings leidenschaftlich an der gewaltsamen Befreiung Marias arbeitet. Sie schreckt vor einer von ihr verantworteten Tötung Marias zurück aus Angst um ihrer untadeligen Ruf als Königin, an dem ihre Macht hängt. Sie fürchtet, das Volk könnte sich einer toten Maria als einer Märtyrerin zu- und von ihr abwenden. Sie sucht nach einem Weg, bei dem sie mit der Tötung der Rivalin nicht in Verbindung gebracht werden kann.
Die Gelegenheit bietet sich, als nach einem missglückten Attentat auf Elisabeth bei Maria Papiere gefunden werden, die auf eine Verstrickung Leicesters in deren Befreiungsversuche hindeuten. Burleigh scheint am Ziel, der einzige Widersacher am Hof gegen die Hinrichtung ist desavouiert, Elisabeth unterschreibt das Todesurteil. Doch die Verantwortung dafür, wann die Hinrichtung ausgeführt wird, schiebt sie Burleigh zu. Leicesters Nachricht aus dem Gefängnis, die Anklage gegen Maria fuße auf einem falschen Geständnis und der Prozess gegen sie müsse neu aufgerollt werden, kommt zu spät, gibt aber Elisabeth Gelegenheit, sich menschlich und zu einer neuen Untersuchung bereit zu zeigen. Skrupellos überantwortet sie Burleigh als Verantwortlichem für die Hinrichtung dem Gericht, der perfekte Königinnenmord ist ihr geglückt. Dem Schein nach ist sie an Marias Tod nicht Schuld. Sie ist und bleibt unangefochten die Königin Englands.
Julia Hölscher hat in ihrer Konzentration auf die höfische Intrige das Bild einer ruchlosen, rücksichtslos ihre Interessen verfolgenden Welt gezeichnet. Sie hat die aufrechten Charaktere des Stücks gestrichen und ihre Aussagen vor allem Leicester aufgeladen, in dessen Mund sie zu Lügen werden. Burleigh hingegen wird als verantwortungsvoller Staatsdiener ohne ein persönliches Interesse an Marias Schicksal oder an Elisabeth zu haben, (was vielleicht der einzige Grund ist, ihn von einer Schauspielerin spielen zu lassen).
Julius Janosch Schulte als Leicester und Clara Kroneck als Burleigh bleiben in ihren merkwürdig weiblichen Kleidern recht höfisch steif. Ansgar Sauren als Mortimer ist ein schwärmerischer junger Held, der grenzüberschreitend zwiespältige Gefühle weckt. Katharina Rehn mit ihren bloßen Füßen und im lockeren Untergewand zeigt Maria anfangs wie durch die lange Haft gebrochen. Wie sie mit stolzer Rede das Urteil des Gerichts zurückweist und im Disput mit Elisabeth gewinnt sie überzeugend königliche Statur.

Katharina Brenner bringt als Elisabeth die volle Energie einer politischen Königin auf die Bühne, die nicht wirklich souverän ist und um ihr Königtum kämpfen muss. Sie stellt scheinheilig ihre Tugendhaftigkeit aus und verbirgt gekonnt ihr gekränktes, auf Marias katholische Leichtlebigkeit neidisches Herz, Ihr Wollen setzt sie mit kalter Hinterlist und brutaler Skrupellosigkeit durch. Als sie am Ende mehrfach herausschreit, sie sei Königin von England, ist sie allein. Zwar sitzt sie gestiefelt und in Unterwäsche fest im Sattel. Aber ihr Bein zittert, am Zügel hält sie ein lebloses kaltes Metallgerippe, und hinter ihr erscheint im weißen Kleid Maria.
Nach knapp zwei Stunden endete die Aufführung, die ihre Spannung puritanisch wesentlich aus Macht des gesprochenen Wortes in den fesselnden Dialogen Schillers bezieht. Das war wohl nicht allen Besuchern der Premiere Theater genug. Die standing ovations und Bravos der üblichen Verdächtigen rissen das übrige Publikum nicht mit, es blieb bei längerem beifälligen Applaus im Sitzen.
Die nächsten Termine:21.3., 10., 14. und 23.4., 16. und 29.5.,alle um 19,30 Uhr, am 3.5.um 18.00 Uhr