München, Staatsoper, RIGOLETTO – Giuseppe Verdi, IOCO
Barbara Wysockas zurückhaltende Rigoletto-Inszenierung verzichtet auf Effekte und rückt die tragische Beziehung zwischen Rigoletto und Gilda ins Zentrum. Ariunbaatar Ganbaatar und Serena Sáenz begeistern mit Verdis fesselnder Musik.
von Hans-Günter Melchior
Zarte Sittenlosigkeit
Mal ganz abgesehen von den inhaltlichen Wirrnissen des ersten Aktes, den Querverbindungen und Liebschaften, den angeblichen Eskapaden des Herzogs (Bekhzod Davronov, il Duca di Mantova) muss man sich bei dieser Inszenierung heutzutage schon sehr anstrengen, um in den Abgrund der Sittenlosigkeit zu schauen. Da haben uns der Epstein und seine Besucher schon einst etwas ganz anderes vorgemacht und in gewisse Sümpfe der Fantasie geführt. Nein – das soll gar keine Kritik an der Inszenierung sein, sie hat durchaus diskret eine gewisse Normalität gewisser libidinöser Beziehungen und Verhältnisse zart und am Rande vorgeführt, über die man sich heute nicht mehr aufzuregen braucht. Die es auch nicht zur Sensation bringen. Zum Glück oder zum Leidwesen der Sittenrichter, je nach Standpunkt und Geschmack –, freilich abgesehen von den strafrechtlich relevanten Missbräuchen an Minderjährigen und grauenhaften Gesetzesverstößen, die es offenbar zur Schwärzung gewisser Unterlagen brachten. Nein – dieser Herzog scharwenzelt da herum, vergnügt sich hier und da, und die Damen sind offenbar ganz einverstanden. Abgesehen davon, dass allenfalls im Hintergrund eine zarte Andeutung von „Spektakulärem“ (?) zu sehen sein könnte, wenn man schon sehr genau hinsieht. In dieser dankbar vorsichtigen und taktvollen Inszenierung der Barbara Wysocka geschieht nichts Anstößiges.

Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, deutet allenfalls eine gewisse gesellschaftliche Dekadenz an und verzichtet auf die breite und sich für manchen anbietende Darstellung von Ausschweifungen, auf den ganzen Firlefanz des Unwesentlichen. Wie überhaupt die äußerst gelungene Inszenierung auf das Spektakuläre, Vordergründige verzichtete und dankenswerterweise in geradezu anrührender Weise die Beziehung Rigolettos, des „Clowns“ (Ariunbaatar Ganbaatar) zu seiner Tochter Gilda in den Mittelpunkt stellte. Wobei der Clown eigentlich in dieser Darstellung gar kein so richtiger Clown und Spaßmacher ist, kein leichtsinniger Hallodri, sondern ein ernsthafter, um das Wohl der Tochter besorgter und für diese sorgender Vater. Der sogar nicht davor zurückschreckt, den leichtlebigen Herzog (Bekhzod Davoronov) um des Heils der Tochter willen zu ermorden. Sie liebt jedoch den Herzog und opfert sich, das Drama auf die Spitze treibend, für diesen. Geht für diesen sogar in den Tod. Der arme, ernste Clown, der eigentlich keiner ist und als Vater leidet, öffnet am Schluss einen Sack, in dem er den ermordeten Herzog vermutet, und sieht die eigene tödlich verletzte Tochter Gilda (Serena Sáenz) in ihren letzten Zügen. Das Ende des Operndramas. Monterones’ (Martin Snell) Fluch hat sich erfüllt, wie es sich nun mal im Drama gehört: Der Vater, der sich über die verstorbene Tochter beugt… Man hat es in dieser Oper ein wenig schwer, sich textlich/inhaltlich, vom Geschehensablauf (keineswegs indessen musikalisch) zurechtzufinden. Besonders im ersten Akt. Es geht hin und her, mal kommt ein Böser, mal ein Guter zu Wort, mal geht es gut aus, mal schlecht …, offen gesagt: Man muss höllisch aufpassen und würde am liebsten den Protagonisten kleine Schildchen zumuten, das ist jetzt der und das jene, die hat es mit dem und nicht mit dem anderen zu tun. Besonders im ersten Akt mutet das Geschehen an, als habe man die Einzelheiten in einen heißen Kessel geworfen und mal kräftig herumgerührt. Dem Komponisten wird es vielleicht ähnlich gegangen sein.

Er hat sich etwa zunächst keine textlichen Sorgen gemacht, sondern einfach Musik geschrieben, eine wundervolle Musik, die fesselt und in den Bann zieht. Vielleicht hat er sogar zuerst nur eine musikalische Idee gehabt, es gingen ihm also die musikalischen Themen ständig im Kopf herum, bis er sich sagte: Jetzt brauche ich auch noch irgendeine Handlung, damit eine Oper daraus wird. So sparsam, gelungen und so konzentriert die Inszenierung der Barbara Wysocka sich auch des Gepränges und des Firlefanzes – wohltuend – enthielt: Es lohnte sich, manchmal dennoch, die Augen zu schließen und dem Gang dieser rundum fesselnden Musik zu folgen.

Sie ist knapp und wesentlich, sie enthält sich des Gepränges und ist konzentriert. Und sie ist schön, packend, ach, Verdi, Zeitgenosse Wagners, möchte man ihm irgendwohin nachrufen (gäbe es dieses Irgendwo), ach, Verdi, du hast dich wohl umsonst in der Konkurrenz zum Deutschen gegrämt, du hast geniale Musik geschrieben, die in den Bann zieht, dreh dich nicht im Grabe um, es ist alles gut. Zumal dann, wenn man über einen Rigoletto wie diesen famosen Ariumbaatar Ganbaatar und die nicht minder brillante Serena Sáenz an seiner Seite als Tochter Gilda verfügt. Man hätte den beiden stundenlang zuhören können, über die Oper hinaus, nach Hause, in den Traum hinein, in dem die Töne schweben wie kleine Goldschlieren. Vielleicht sprechen sie auch so melodisch, wie sie singen, die beiden, die Heldin und der Held des Opernabends. Begnadete Menschen, noch einmal: Man kam nicht los, man konnte von der Oper manchmal absehen und auf den Klanghöhen des Gesangs in den Musikhimmel schweben. Da fiel der Herzog, der Duca die Mantova dann doch in der Höhe etwas ab. Na ja, Kleinigkeiten, keine Beckmesserei, ein gelungener Opernabend bleibt einer. Zumal der Dirigent Maurizio Benini umsichtig leitete. Genug. Man erspare mir das Einzellob des gesamten umfangreichen Ensembles, zu viele Seiten und Nebenfiguren, als dass man alle in den Musikhimmel stemmen könnte, etwa den Sparafucile des Ricardo Fassi, die Magdalena der Elmina Hasan, die Giovanna der Shannon Keegan. Und so weiter. Opernglück. Schade, dass man in der U-Bahn nicht zu singen pflegt. Einen Versuch wäre es vielleicht einmal wert nach so einem Opernabend. Und: Keine Kritik ohne das Lob für das Orchester! Brillant.
Einhelliger Beifall.