München, Staatsoper, FAUST – Charles Gounod, IOCO
Gounods Faust an der Bayerischen Staatsoper: große Stimmen, feinsinniges Dirigat von Nathalie Stutzmann und eine bildstarke Inszenierung von Lotte de Beer. Jonathan Tetelman, Kyle Ketelsen und Olga Kulchynska begeistern – ein musikalisch betörender, nachdenklich stimmender Opernabend.
Von Hans-Günter Melchior
Verklärtes Schicksal
Kein Zweifel: Das ist eine schöne Musik. Zuweilen eine zum Zurücklehnen. Fast bruchlos, zumindest ohne größere, schwer ans Herz greifende Erschütterungen, bewegt sie sich, angenehm zu hören, dem tragischen Ende zu. Opéra-Lyrique nannte man diesen Musikstil, eben dieses weitgehend wie vor größeren Erschütterungen und sogar vor der fahlen Leere gefeite Schöne, das selbst die tragischen seelischen und existenziellen Erschütterungen in die milde Tonsprache der Beschwichtigung kleidet, mag geschehen, was will. Kein Wunder, dass Wagner, der freilich Gounods Musik gar nicht kannte, zumindest nicht genau, sich abfällig äußerte. Sind doch bei ihm, Wagner, die Brüche, die herbe Chromatik und nicht selten die fahle, plane Leere geradezu Programm, eingebaut und von der Kritik oft als Mangel an Einfällen verachtet. Dabei ist es generell ein Suchen und Forschen, der mühsame Weg zum idealen Jubelklang ganz am Ende. Aber ist es nicht etwa so im Faust, wie er von Goethe gedacht war und wie er ist, also dieser schwierige, ambivalente Stoff, ja: der Stoff (nicht gerade selten usurpiert der Stoff den Autor und nicht umgekehrt) in seiner naturgegebenen Widerspenstigkeit, mit dem der Autor Goethe fast ein Leben lang rang: Faust entschließt sich, das Leben kennenzulernen, er begibt sich in das Abenteuer der Liebe, scheitert aber letztlich.

Nicht ohne eigene Schuld, weil er, Liebe hin oder her zu der einen, wahren Geliebten, nicht darauf verzichten kann, selbst um den Preis, dieser „wahre Liebe“, Marguerite (Gretchen) recht bald zu verlassen und sich erst einmal an der Hand Mephistophéles ins „wahre“ (?) Leben zu stürzen. Was natürlich am Nimbus des Liebenden kratzt und ihn beschädigt, ach Faust, möchte man sagen, wärst du doch lieber bei Gretchen geblieben, der treue Geliebte, umschmeichelt von schöner Musik im trauten Heim und im Kreise der Kinderschar. Jedenfalls war es für die spätere Rückkehr, den Versuch, Marguerite aus der Haft zu befreien, bereits zu spät. Weil die Geliebte das gemeinsame Kind getötet hat und mit ihrer Schuld ringt. Die Verhältnisse, sie sind eben nicht so, wie Brecht sagte, und überhaupt ist es höchst zweifelhaft, ob dieser Faust überhaupt die Metamorphose vom Gelehrten zum Lebemann wollte. Und ja, auch nicht nachahmend so recht schaffte. Vielleicht war er nur darauf aus, das wirkliche Leben kennenzulernen, wie es ein Gelehrter eben kennenlernt: auf dem Weg des Studierens, Analysierens, im Grunde also immer von außen, nie so recht involviert, nie so richtig an diesem Leben verloren, sondern es eher professoral untersuchend mit dem kalten Blick des Forschers – und letztlich scheiternd, weil Liebe und wissenschaftliche Analyse nur schwer kompatibel sind. Da überwiegt die Liebe zur wissenschaftlich-analytischen Untersuchung und die Emotion bleibt auf der Strecke. Aber reden wir von der Kunst der Aufführung. Das energische Dirigat von Nathalie Stutzmann war zumindest für den Rezensenten ein einziges Ereignis. Feinsinnig die Nuancen und Linien dieser – zugegeben zwar eher konventionellen, schönen – Musik nachzeichnend, nie beiläufiges Musizieren zulassend, fesselnd, sofern man sich damit abfand, dass diese Musik offenbar niemandem „wehtun“ will.

Was ihrer Schönheit, damit das nicht missverstanden wird, keinen Abbruch tut. Es geht beim kritischen Einwand um die Kompatibilität von Stoff und musikalischer Ausführung, nicht um deren Qualität selbst. Das Gesangsensemble befand sich in Hochform: Jonathan Tetelmann ist ein perfekter Tenor, ebenso wie Kyle Ketelsen ein perfekter Bass ist. Vor allem er beeindruckte durch seinen dämonischen Auftritt. Was für ein zuweilen hinterhältiger, dämonischer Mephisto, zum Beispiel überall gegenwärtig, etwa lauernd sogar auf dem Dach von Marguerits Stube. Unter ihm die arglose Frau, die von der ständigen Belauerung, ja von Bedrohung nicht einmal etwas ahnt. Ein großartiger Einfall. Ach, und dieses Gretchen: Marguerite. Wunderbar zart, hilflos, zumindest am Anfang, freilich rollengerecht, später die große Leidende: Olga Kulchynska. Die Kindstöterin, schuldlos schuldig in einer Art Käfig als Gefängnis. Hätte man nicht den Unterschied zwischen Realität und schauspielerischer Darstellung geschafft, hätte man weinen können. Die hilflosen Bemühungen Fausts, sie aus den Fesseln ihrer selbst erwählten Verdammnis zu befreien, gingen ans Herz.

Freiwillig erleidet sie den sicheren Tod. Offenbar der allzu kühnen Intellektualität Fausts nicht gewachsen, für den die Flucht aus dem Gefängnis offenbar reine Normalität gewesen wäre … Auch in den Nebenrollen Brillanz: Thomas Mole als Wagner, Florian Sempey als Valentin, von Mephisto im Degenkampf tödlich verletzt, Siebel Emily Sierra. Besondere Hervorhebung verdient die ans Herz gehende Darstellung der Marthe durch Dshamilja Kaiser. Nicht zuletzt: die restlos überzeugende Inszenierung. Die Farb-Bildwechsel, abstrakte, riesige, farbige Flächen, architektonisch gestaltet und in die fesselnde Inszenierung von Lotte de Beer integriert. Nicht zu vergessen natürlich und wie immer: das großartige Orchester. Nuanciert, feinsinnig. Sonderlob. Also: Bei allen Einwänden gegen die für den Stoff etwas zu „schöne, ins Gutmütige, den Wohlklang tendierende“ Musik, die eigentlich keine Einwände sein wollen, sondern eine unterschiedliche, eher nachdenkliche Auffassung: Ein großer Abend. Zu Recht begeisterter Beifall.