München, Residenztheater, MUNICH MACHINE – Albert Obermaier, IOCO
Da wird abgehandelt, was diese argwöhnisch betrachtete Stadt München alles schon als historische Hypothek mit sich schleppt, nur einmal beispielhaft erwähnt etwa der Hitlerputsch, die Weiße Rose und so weiter.
von Hans-Günter Melchior
Residenztheater München
Munich Machine
von Albert Ostermaier
„A: Wie war’s im Drama?
B: Na ja, man lacht.“
Es fängt schon dystopisch an: Das Münchner Kindl ist dem Heulen nahe: „… zum heulen wohl das ist München löwentränen isartränen eisbachtränen hier leuchtet nichts …“ Und so geht es im Grunde das ganze Stück weiter. Ein bedauernder, fast wehleidiger Ton zieht sich durch das Stück, das zwischen Drama und Lustspiel schwankt und so richtig in luftiger Höhe schwebt, dass man sich manchmal nicht entscheiden kann, ob man lachen oder weinen sollte. Wenn die Schicki-Mickis auftrumpfen und das – eher mitgedachte – Elend in den Ecken lauert. Und wenn München, wie der Autor, nicht zu Unrecht eingangs meint und einstimmt, „wir sind der und das neue grössenwahn wir machen aus den reichenvierteln einen zoo schauen die bussibonzen hinter gittern an und geben den affen zucker benzin für ihre suvs für die letzte fahrt aus dem himmel in die hölle …“ Da ist schon in der Einleitung der sozialkritische Ton angeschlagen, es ist keine Ambivalenz mehr, keine Bewunderung, sondern der bissige Spott des Außenseiters, des Sozialkritikers, der seine Häme über das Stück gießt wie eine ätzende Flüssigkeit.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dem Autor dieser Zeilen tut das gut, es nötigt ihm sogar Bewunderung ab. Da wird abgehandelt, was diese argwöhnisch betrachtete Stadt München alles schon als historische Hypothek mit sich schleppt, nur einmal beispielhaft erwähnt etwa der Hitlerputsch, die Weiße Rose und so weiter. Überhaupt scheint dem Autor Albert Obermaier, der das Stück „Eine Utopie in memoriam Klaus Lemke“ charakterisiert, diese Stadt München suspekt zu sein. Eine Stadt mit Brüchen, Zusammenbrüchen, Katastrophen, Randale, etwa die Schwabinger Krawalle, das schreckliche Ende der Olympischen Spiele, ganz zu schweigen vom Scheitern der Räterepublik und so weiter. Zum Beispiel tritt der Klaus Lemke in der Gestalt der Brigitte Hobmeier auf, eine Art Chef des Ganzen, deryptHypthekzuweilen regulierend, ordnend eingreift, auch kommentierend und mit „Amore“ diskutierend. Zum Beispiel, gleich am Anfang über Utopien, wohl über die Münchner, von denen Klaus behauptet, die Menschen bräuchten Erzählstoff, weil ihnen die Geschichten ausgegangen sind. Sie wünschten sich Utopien: „Brecht, Baader, Moroder, Mercury, Lenin.“ „München“, sagt er gleich zu Anfang, der Klaus, „ist immer Fiktion. Immer Geschichten. Es braucht Stoff. Erzählstoff. Denen sind die Geschichten ausgegangen. Die brauchen Utopie. Ohne Utopie verenden die. Verglühen die wie die Sterne.“ Damit ist der Erzählkosmos eröffnet, in dem die Fantasie flaniert wie in einem Paradiesgarten, in dem viele Münchner Größen ihr Wesen und Unwesen treiben. Der Thoma (Vincent Glander) zum Beispiel, der kräftig abgewatscht wird: als Antisemit, Hetzer, Reaktionär und Fremdenhasser. Sie treten alle auf, die Anti-Alkoholiker, die Schaulustigen und die Mehrheit der Biertrinker. Und so geht es immer weiter, der Themenreichtum ist schier unerschöpflich, der Brunnen der Fantasie ebenso. Der Franz-Josef (Myriam Schröder) zum Beispiel liebäugelt mit dem Gedanken der Vereinigung Bayerns mit der DDR, nur nicht mit der BRD, sagt er beschwörend, nur nicht, vor ihm, sagt der Strauß, seien die Bayern alle „depperte Deppen gewesen, die alles zerdepperten“.

Er, der Strauß, wettert gegen die Preußen: „Bayern“, heißt es zum Beispiel, „ist bald voll mit Düsseldorfern und Berlinern in Lederhosen. Und uns verschicken sie nach Berlin, zu den Schwaben auf dem Prenzlauer Berg.“ Sogar der Brecht (Myriam Schröder) und der Hitler (Pia Händler) kommen miteinander ins Gespräch, ausgerechnet als Brecht pinkelt, was den Hitler zu der Feststellung veranlasst: „Solange sie urinieren, können sie nicht davonlaufen.“ Hitler gibt sich versöhnlich: „Brecht. Wir sind Feinde. Aber wir haben einen gemeinsamen Feind. Die Mitte.“ Darauf Brecht: „Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund. Kommen Sie mir bloß nicht zu nah, sonst schiff ich sie voll.“ Und so geht es dahin, immer weiter. Die vor nichts zurückschreckende Fantasie des Autors kennt keine Grenzen, ist unerschöpflich. Alle feinen und gröberen Nuancen des überquellenden Stoffes zu kommentieren, würde die Grenzen dieses Berichts sprengen. Besondere Hervorhebung verdient freilich die ätzende Kritik und Persiflage der klerikalen Heuchelei, in Sonderheit des bayerischen Katholizismus. „Erlösung, ewiges Leben, das volle Programm! Hier findest du die Utopie, garantiert!“ Sagt Klaus. Und der Außerirdische, wohl auch KI (Cathrin Störmer), zum Katholizismus: „Ein Karneval klandestiner Triebtransmissionen.“ Dazu Amore (Thomas Hauser): „Du meinst, das ist Utopie? Da reichen alle Höllenkreise Dantes nicht aus für die. Das ist kein Brandnerkaspertheater, da radelt kein Münchner im Himmel durch die Wolken, Schätzchen, das ist die Perversion jeder Utopie. Das ist die Ur-Sekte, die den Missbrauch perfektioniert und ihn Theologie nennt.“ Vernichtend das Urteil. Deutlicher als jede andere Polemik.

Und an anderer Stelle unter der Kapitelüberschrift „Bild: Kinder Gottes“ der Weihbischof (Isabell Antonia Höckel): „Ich bin der Hirte Gottes und ihr meine Schafe, dürft an seinem Stab lecken, denn er ist das Salz der Erde.“ Und: Alter Ministrant: „Es lief immer nach dem gleichen Muster ab: Der Pfarrer legt sich nackt neben mich ins Bett und macht an mir herum, ejakuliert, dann stand er auf, läuft in die Küche, schmiert sich ein Wurstbrot. Immer die gleichen Szenen. Ich war 12.“ Und so weiter. Eine schier unerschöpfliche Quelle voll mit dem Brackwasser der Kritik. Manchmal muss ich lachen. Die Kritik reibt sich an den Tatsachen und ruft den Lachreiz hervor. Und öfter blieb einem das Lachen im Halse stecken. Ein schonungsloses, mutiges Stück Theater. Voller Gift und Galle. Was für ein kämpferisches, zuweilen wütendes Stück. Bravo!