München, Kammerspiele, FRÄULEIN ELSE – Arthur Schnitzler, IOCO
Leonie Böhms Zugriff auf Schnitzlers „Fräulein Else“ verzichtet auf große Tragik und setzt ganz auf Julia Riedler: präsent, nah am Publikum, eindringlich. Ein unterhaltsamer Abend, der Konflikte eher streift als vertieft – und doch nachwirkt.
Halb so schlimm
von Hans-Günter Melchior
Also so richtig tragisch ist es ja nicht, wie es bei Arthur Schnitzler mal daherkam. So mit Veronal und Tod und Teufel und schweren Atemzügen, letztwilligen Ausrufen und im Dunkel versinkender Bühne. Da ist so eine Art Kronleuchter und sonst nichts.
Außer der brillanten Julia Riedler als Fräulein Else. Sie geht, bevor es richtig losgeht mit dem Stück von Arthur Schnitzler (das ziemlich frei von Leonie Böhm und auch von Julia Riedler/Fräulein Else auf Vordermann oder Vorderfrau der heutigen Zeit gebracht wurde …), sie geht also durch die Reihen der Kammerspiele, redet mal hier und mal dort, wie geht’s, wie steht’s und so weiter. Da werden schon mal die verblüfften Zuschauer der ersten und zweiten Reihe (zum Schein freilich) angepumpt, eben nach dem Pennermotto: Haste mal ’n Fuffi (es kann auch weniger sein) und palavert über Gott und die Welt.

Es dauert einige Minuten, bis man begreift: Ach so, das ist die Else, die Julia Riedler, eine hübsche Frau in einen dunklen Überwurf oder Mantel oder wie das Zeug heißt gehüllt, die durch die vorderen Reihen geht und die Zuschauer so wie nebenbei anmacht. Es wird über Tod und Teufel gelabert, bis man dann begreift: Ach so, das gehört zum Stück, da wird erst mal der Dampf herausgelassen, da wird geredet und gequatscht, so ist die Welt, so sind sie, die Typen, oder wer auch immer.
Und dann steigt die Julia Riedler auf die Bühne, wo eben nichts weiter zu sehen ist als sie und ein Kronleuchter mit Kerzen, ein Gerät, auf dem man herumsteigen kann.
Das Stück? Ach so, das Stück, ja, also es ist so, es geht eigentlich hauptsächlich um Fräulein Else, die mit ihrer Tante Emma irgendwo in Italien in Urlaub ist. In einem feinen Haus, wo auch der reiche Dorsday sich aufhält, ein ziemlich mieser Typ, der sofort ein Auge auf die attraktive und blutjunge, 18 oder 19-jährige Else wirft und gerne mit ihr treiben würde, was man so treibt, wenn man steinreich ist und mit Geld den jungen Frauen imponieren kann.

Das ist dann auch nötig, denn es kommt ein Brief der Mutter Elses, in dem sie mitteilt, dass der Vater, ein Schwerenöter und Spieler, wieder einmal einen Haufen Schulden hat und dringend 30 000 Gulden benötigt, wenn anders er nicht inhaftiert werden soll.
Na ja, die junge Else, die diesen Brief in zittrigen Händen hält und endlich auf der Bühne steht, allein und attraktiv und in ein Gedankenkonstrukt verwickelt, wie sie den reichen Dorsday einwickeln kann, damit er die Gulden für den Vater locker macht.
In den Kammerspielen tritt der zwar nicht auf, es ist nur die schöne junge Else zu sehen, im Originalstück freilich spricht er so richtig von Mann zu Frau mit ihr und er verlangt nichts weniger, als dass sie, die junge Frau, sich ihm eine Viertelstunde, vielleicht auch eine halbe Stunde, dem Glücklichen schlägt nunmal keine Stunde und keine Zeit kommt ihm ins Gehege, dass die Else ihm als nackt präsentiert, nur so zum Betrachten.
Aber da ist mit der gut erzogenen oder vorgeblich gut erzogenen Else zunächst mal nichts zu machen, ich doch nicht, nicht mit mir, ich bin eine anständige junge Dame und dieser Typ ist gräuslich und unsympathisch, ein Voyeur und Frauenschänder und und…
So geht’s also dahin: Die junge Else in Gestalt der attraktiven Julia Riedler wird, jedenfalls im Original dieses Theaterstückes, in die größten Konflikte gestürzt. Sie weiß im Grunde nicht, was sie jetzt machen soll, sie schwankt zwischen der Liebe zum Vater und der Liebe zur Moral. Immerhin wirft sie mit den moralischen Bedenken auch den Großteil der Kleider ab, zuletzt diesen viel zu langen schwarzen Mantel, und steht mit entblößtem Busen, nur mit einem Höschen bekleidet, auf der Bühne und lamentiert, gibt sich andererseits aber auch modern und ohne Scheu in ihrer relativen Nacktheit preis.

Da war der Schnitzler schon ein wenig heikler. Das Veronal spielt im Original schon eine gewisse Rolle. Auf der Bühne der Kammerspiele nicht. Da wird es eher nur so erwähnt. Jedenfalls ist die schöne Else bis zum Schluss guter Dinge, nimmt man die Menge Veronal, die sie geltend macht.
Ein höchst vergnüglicher Abend, der freilich den gesellschaftlichen Konflikt, die mit dem Stück verbundenen gesellschaftlichen Implikationen allenfalls andeutet, jedoch keineswegs in den Mittelpunkt stellt. Freilich wird alles erwähnt, oh ja, aber es geht nicht so richtig unter die Haut.
Vielleicht zu Recht. Denn es hat sich seit Schnitzler doch ein wenig – gepriesen sei der Fortschritt, gepriesen sei die kampfwillige Frau – in der Gesellschaft verändert. Wenn auch noch lange nicht gründlich und durchgreifend genug. Sodass man allenfalls von gesetzlicher, nicht aber von tatsächlicher Gleichberechtigung bereits reden könnte. Ach, hätten wir doch viel mehr Frauen, die den aggressiven und ewig kampfwilligen Männern ins Gesicht schreien: Schluss jetzt. Mit diesen Kampfspielen nach der Art des intellektuell und charakterlich nicht auf der Höhe der Zeit befindlichen Trump. Jetzt bestimmen wir Frauen. Wir Männer wären bereit, uns zu unterwerfen. Nicht nur um des Friedens willen. Sondern auch um der Gerechtigkeit willen.
Gedanken zum Abend. Nicht nebenbei. Die Kunst schreitet voran. Alles in allem also doch ein überzeugender Abend im Gewand der Kunst. Dank der großartigen Leistung von Julia Riedler. Es ist freilich noch viel zu tun. Denn: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ (Karl Valentin).