München, Bayerische Staatsoper, DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN - Nikolai Rimski-Korsakow, IOCO
Barrie Koskys farbenprächtige Inszenierung von Rimski-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“ entfaltet ein turbulentes Spiel aus Christlichem und Heidnischem, Liebe und Teufelei – getragen von großartigen Solisten und Jurowskis fulminantem Orchesterklang.
von Hans-Günter Melchior
Dem Glück entkommt man nicht so leicht
Also das müsste doch mit dem Teufel zugehen, dass der Wakula die schöne Oksana nicht bekommt. Er bekommt sie ja auch, keine Bange. Und er bekommt sie sogar mithilfe des Teufels, auf dessen Rücken er zum Zarenhof reitet und sich die Schuhe der Zarin ergattert. Danach reitet oder kommt er, der wackere Wakula, bereits totgesagt und zaghaft betrauert, zurück und sinkt in die Arme der ebenso glücklichen, wie zickigen Oksana, die sich selbst lange für die schönste Frau der Welt hielt und die Wählerische spielte. Wohl für einen Schmied zu gut und zu Höherem geboren dünkelhaft dünkend. Und außerdem hat er die Schuhe dabei, die Schuhe der Zarin, dass es der schönen Oksana fast schwindelig wird und sie sich darin erinnert, dass sie ja eigentlich den guten Wakula letztlich doch liebt und nur ein wenig hochgestochen war. Überhaupt –, dass dieser noch lebt und liebt, ist bereits ein Wunder unter vielen, die die Oper zum Märchen machen, halb christlich, halb heidnisch, dass man sich, kennte man den Gogol nicht, die Augen reibt und manchmal sogar um Orientierung ringt. Es tritt ja auch noch ein geradezu riesiger Chor auf und Ballerinen zeigen, was sie können. Überhaupt ist das ein lockeres Völkchen, das es mit dem Glauben nicht allzu ernst nimmt. Aber auch mit dem Heidnischen wird allerlei Schabernack getrieben, Solocha, die zwielichtige Mutter des biederen Schmieds Wakula, ist eine Hexe, die es mit dem Teufel hält und daran arbeitet, die Liebe ihres Sohnes zu Oksana zu hintertreiben, weil sie, wie es heißt, „ein Auge“ auf deren Vater Tschub geworfen hat und hofft, bei dem schlechten Wetter werde der gute Tschub zu Hause bleiben und ein Treffen der jungen Leute vereiteln. Aber der Tschub trifft sich mit dem Freund Panas zu einer Feier beim Diakon Nikiforowitsch, sodass eigentlich einer Liebesbegegnung zwischen den jungen Leuten nichts im Wege stünde, würde nicht die selbstverliebte Oksana den in sie vernarrten Wakula, zickig und eitel, wie sie nun mal ist, abweisen. Sie sind also zusammen und auch wieder nicht, Schönheit hat bei dieser Frau ihren Preis, den der gute Wakula noch nicht zu zahlen vermag. Erst später kommt er ja an die begehrten Schuhe, nicht zuletzt durch die Hilfe des Teufels, der offenbar auf allen Seiten Dienste leistet.

Das geht überhaupt alles wild durcheinander, Christliches mischt sich mit Heidnischem, der Teufel ist eine schwer zu definierende Autorität, keineswegs der wie in streng dem Christentum verpflichteten Stücken der Tölpel, sondern einer, der was zu sagen hat, der mitmischt und bald der Gute und dann wieder der Böse ist. Der sogar fliegen kann, wenn es sein muss und den Rücken dem liebesdurstigen Schmied bietet …, steige auf, das kriegen wir schon. Dazu ein mächtiger Chor, der die in drei Etagen aufgebaute, sehr bunte Bühne füllt. Das alles ist unterhaltsam und manchmal ritzte es ganz am Rand sogar einen gewissen Ernst, im Wesentlichen überwog allerdings die Unterhaltung. Schwer verständlich ist allerdings, was die Ballerinen inhaltlich zum Stück beitragen sollten, so perfekt auch ihre Aufführung war. Vielleicht hat der in München wohlbekannte Regisseur Barrie Kosky sich gedacht, es sei noch nicht genug der Unterhaltung, nicht genug an dieser Mischung aus Religion und Heidnischem, sodass die sechs Damen noch steigen sollten, was das Theater so alles zu bieten hat. Zweifellos war ihre Aufführung schön anzusehen, perfekt, insofern kein Einwand, nur eben gab sie inhaltlich keinen plausiblen Anhaltspunkt, es sei denn, es sollte gezeigt werden, dass es außer der menschlich-allzu menschlichen Liebesgeschichte überhaupt keinen festen inhaltlichen Boden in der Posse gibt. Nun ja – zugegeben; immerhin konnte man die Welt als einziges Panoptikum, als ein zwischen Fantasie und Wirklichkeit changierendes Reich von Verrücktheiten erkennen. Gut, bleiben wir dabei, unterhaltsam war es auf jeden Fall. Und weil das so war und zum Dank verpflichtet, seien die wichtigsten Protagonisten erwähnt: Herrlich die Zarin, Violeta Urmana, stimmgewaltig und eindrucksvoll, herausragend Elena Tsallagova als Oksana und ihr zur Seite Sergey Skorokhodov als Wakula, herrlich auch der Dorfvorsteher Sergei Leiferkus und der verschlagene Tschub Dmitry Ulyanov. Und nicht zu vergessen, der Diakon Vsevolod Grivnow und der verschlagene Teufel Tansel Akzeybek.

Die Krone des Abends gehört freilich dem Dirigenten Vladimir Jurowski und seinem Orchester. Sie haben uns Zuhörern endlich die herrliche, so gut wie bisher unbekannte oder nicht gebührend anerkannte, hochdifferenzierte Musik Nikolai Rimski-Korsakovs zu Gehör gebracht. Filigran und nuanciert bis in die Details der Handlung, diese nachzeichnenda<ndlung, diese nachzeichnend. Dramatisch und bisweilen in die Seelenwinkel schleichend. Eine Schande, diese Musik so lange versäumt zu haben. Danke.
Einhelliger Beifall