Hamburg, Staatsoper, PIQUE DAME - P. I. Tschaikowsky, IOCO
Bis auf die Partie des Hermann waren sämtliche Rollen in dieser Wiederaufnahme von Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ am 7. Februar neu besetzt.
Wie bereits in der letzten Spielzeit sang Najmiddin Mavlyanov auch jetzt wieder den Hermann mit seinem klangvollen, absolut höhensicheren jugendlichen Heldentenor, den er gesangstechnisch makellos führt und mit dem er seine Liebe zu Lisa, seine Ängste, seine Verzweiflung nuancenreich auszudrücken in der Lage ist. Gleich seine erste Arie zeugte von schillernder stimmlicher Leuchtkraft. In seiner Darstellung als innerlich zerrissener, verlorener, der Spielleidenschaft verfallener Außenseiter war er auch dank seiner starken Bühnenpräsenz durchaus überzeugend.
Bis zuletzt sang er diese Riesenpartie mit vollem Einsatz ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen bis hin zu seiner noch siegesgewiss gestalteten letzten Arie „Chto nasha zhizn?“ im dritten Akt - eine beeindruckende Leistung.
Willy Deckers Inszenierung aus dem Jahre 2003 lebt von seiner ausgefeilten Personenregie in dem dunkelgrauen Einheitsbühnenbild von Wolfgang Gussmann, einem großen Raum, der durch verschiebbare Wände und quadratische Säulen unterteilt wird und andere Räumlichkeiten entstehen läßt, in denen die Protagonisten agieren. Nur wenige Requisiten waren nötig, zwei Ledersessel, große Portraits aus der Jugendzeit der Gräfin an der Bühnenrückwand, ein riesiger Spieltisch, der später der Gräfin als Nachtlager diente.
Doris Soffel war diese Gräfin, eine charismatische ältere Dame in eleganter schwarzer Robe und mit Schmuck behangen (die ansonsten in verschiedenen Grautönen gehaltenen Kostüme der Solisten und Choristen entwarf ebenfalls Wolfgang Gussmann), später im hellen Morgenmantel und strähnigen langen grauen Haaren, großartig in ihren graziösen Bewegungen und in ihrem Spiel während der Todesszene mit Hermann, stimmlich absolut passend, grandios in ihrer Gretry-Arie „Je crains de lui“. Eine bessere Pique-Dame-Gräfin wird es derzeit nicht geben.
Vida Mikniviciuté konnte als schöne junge Lisa mit ihrem farbenreichen jugendlichen Sopran ebenfalls überzeugen, den sie sowohl mit lyrischem Schmelz im Duett mit Paolina, als auch mit dramatischer Attacke in den Szenen mit Hermann einzusetzen verstand. Im Zusammenspiel von strömender Stimme und intensiver Darstellung konnte auch sie das Publikum begeistern.
In der Rolle des Fürsten Jeletzky, des gutmütigen Verlobten Lisas, konnte Kartal Karagedik stimmlich aus dem Vollen schöpfen. Sein markanter Kavaliersbariton funktioniert in allen Lagen einwandfrei, und auch an Durchsetzungsvermögen fehlt es seiner sauber kontrollierten Stimme nicht. Seine große, an Lisa gerichtete Arie „“Ya vas liubliu“ gestaltete er mit viel Herzenswärme.
Umrahmt von seinen Offiziers-Freunden glänzte der Bass-Bariton Lukasz Golinski als Graf Tomski gleich im ersten Akt in seiner großen Szene, in welcher er von der alten - damals noch jungen - Gräfin und ihren vielen Erlebnissen in Versailles und Paris berichtete, sowie im letzten Bild während der finalen Glücksspiel-Szene.
Annika Schlicht gefiel mit ihrer saturierten Alt-Stimme als Paolina sowohl in ihrem Duett mit Lisa als auch in ihrer elegischen Arie im ersten Akt.
Auch Katja Starke in der kleinen Partie des Mascha konnte mit einem klangschönem Alt aufwarten.
Der Tenor Jürgen Sacher als spielfreudiger Offizier Czekalinsky und seine drei Offiziers-Kollegen in den kleinen Partien ergänzten das hochkarätige Ensemble. Ebenso der von Christian Günther wie stets perfekt einstudierte Staatsopern-Chor sang und agierte in seinem Szenen im Ball- und im Spiel-Saal exzellent.
Unter der Leitung des jungen russischen Dirigenten Timur Zangiev präsentierte sich das groß besetzte und hervorragend disponierte Philharmonische Staatsorchester vortrefflich. Zangiev bot hier ein klar umrissenes Tschaikowsky-Bild und eine wunderbar emotionale Intensität. Die facettenreiche und immer wieder melancholische Musik verschmolz geradezu mit dem Bühnengeschehen, einerseits präzise und poetisch, andererseits dramatisch, bedrohlich, oder unheilvoll wie im Gemach der Gräfin oder im Newa-Bild.
Es war eine mehr als gelungene Vorstellung, die keine Wünsche offen ließ. Das Publikum in der diesmal fast ausverkauften Staatsoper dankte sämtlichen Mitwirkenden mit langem, nicht enden wollenden Beifall.