Hamburg, Staatsoper, DIE GROSSE STILLE, ein Mozart-Projekt, IOCO

Hamburg, Staatsoper, DIE GROSSE STILLE, ein Mozart-Projekt, IOCO
Ensemble beim Schlußapplaus ©Wolfgang Radtke
  1. März 2026

Zur Einstimmung auf das neue Musiktheater-Projekt „Die große Stille“ schrieb die Hamburgische Staatsoper von „fernen Welten“, in denen es gilt, Mozarts Musik neu zu entdecken:

Man begibt sich ganz weit weg vom Planeten Erde in eine weit entfernte Zukunft. Dort existiert eine kleine Gruppe von Menschen, die dank Mozart noch eine letzte Verbindung zur längst vergangenen Erde aufrecht erhält. Die Musik des vormaligen Komponistenstars ist ihr täglicher Ritus, der daran gemahnt, ein Mensch zu sein und zu bleiben. Christopher Rüping entwirft ein theatralisches Szenarium in einer weit entlegenen Welt, die ganz anders zu sein scheint als die, in der wir heute leben.

Erwähnt im Programmheft werden auch zwei Voyager-Sonden, die sich seit 50 Jahren immer weiter von der Erde entfernen, um ohne Ziel Kunst-Erzeugnisse durchs Weltall zu transportieren wie beispielsweise die Schallplatten mit Edda Mosers 'Königin der Nacht' oder Louis Armstrongs Trompetenkünsten. Und so hatte man eigentlich irgendetwas Science-Fiction-artiges erwartet, vielleicht etwas ähnliches wie „Tristan und Isolde“ in der Ruth-Berghaus-Inszenierung.

die Bühne ©Wolfgang Radtke

Doch was man gleich beim Betreten des Zuschauerraums sah, war eine Bühne, die eher an die Grünpflanzen-Abteilung im 'Hagebaumarkt' erinnerte, hinten mit transparenter Plastikfolie und vielen Scheinwerfern.

Der Orchestergraben war zugedeckt, auf der so vergrößerten Spielfläche irrten die Protagonisten mehr oder weniger planlos umher, beschäftigten sich mit Requisiten wie Ölgemälde oder einem überdimensionalen Gipsfuß. Der in einheitliches Grau gekleidete Staatsopernchor sang von der Sonne, der „Seele des Weltalls“ und vollführte dabei Kniebeugen.

Der Schauspieler phantasierte über Bananen, übers Wetter und über Kreuzfahrten, nervte etwas mit seiner Fistelstimme und seinem starken Akzent, und nervig war auch der Dauer-Brummton, der diese „Raumkapsel“ durchs All treibt. Gesungen wurden die Mozart-Lieder „Abendempfindung“, „Das Veilchen“, „Einsamkeit“, deren Texte wie beim Karaoke-Wettbewerb von einem Teleprompter abgelesen wurden.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde verließen die ersten Besucher den Zuschauerraum. Nun kamen Bühnenarbeiter auf den Bühne, legten den mittleren Bereich des Orchestergrabens frei und man sah den Dirigenten und die Köpfe der Orchestermitglieder.

Interessanter wurde es mit dem Auftritt der Koloratursopranistin, denn nun kommt auch musikalisch etwas Fahrt auf. Zwar fragt man sich, wie sie mitten im Universum um Einlaß ins Raumschiff bitten kann, aber sie ist nun einmal da und singt wunderbar – wie auch die anderen, denn ab jetzt geht die Handlung über in Mozarts frühe Oper „Apollo und Hyazinth“. Und so können wir getrost die Augen verschließen und uns der Musik hingeben.

Omer Meir Wellber ©Tanja Dorendorf

Omer Meir Wellber leitet sein Philharmonisches Staatsorchester entspannt und bewies viel Sinn für die Lebendigkeit, Leichtigkeit und Natürlichkeit von Mozarts Musik.

Beeindruckend war die Leistung von der jungen Marie Maidowski, Mitglied des Hamburger Opernstudios, die mit ihrem warmen, klangvollen lyrischen Sopran in der Partie der Melia brillierte und mit der perfekter Koloraturläufigkeit überzeugte.

Auch Ana Durlovski in der Rolle der Aliena, wie die Apollo-Rolle hier heißt, war in diesem Rahmen darstellerisch im bunten Regenbogen-Umhang und auch stimmlich großartig, trotz einiger Schärfen in den hohen Lagen ihres dramatischen Koloratursoprans.

Die Mezzosopranistin Kayleigh Decker ließ bereits im ersten Teil aufhorchen, als sie das wunderschöne Mozart-Lied „Dans un bois solitaire“ anstimmte. Auch als Zephyrus, der Hyazinth tötete, gefiel sie sowohl stimmlich als auch durch ihre Bühnenpräsenz. Der Hyazinth war mit dem Schauspieler Damian Rebgetz besetzt, der als Sterbender in einer Bodenklappe verschwand, aus der dann Hyazinthen und andere Blumen hochgehalten wurden.

Gregory Kunde/Oebalus, Damian Rebgetz/Hyacinthus, Marie Maidowski/Melia ©Tanja Dorendorf

Gregory Kunde als Vater Oebalus sang im ersten Teil Mozarts Lied „Abendempfindung“, während dessen er einen Weinkrampf bekommen mußte. Im zweiten Teil, während „Apollo und Hyazinth“, hatte er allerdings stärkere Momente, wenn er seine Stimme heldentenoral aufblühen lassen konnte. Hubert Kowalczyk schließlich als Großvater Telon hatte meist mit einem Senioren-Elektromobil über die Bühne zu rollen, bis er gemeinsam mit Melia und Zephyr Mozarts „Se lontan ben mio tu sei“ singen durfte, so daß sich der Abend für ihn doch noch ein wenig gelohnt hat.

Ensemble und Dirigent beim Schlußapplaus ©Wolfgang Radtke

Am Schluß wird ein riesiges Ei auf die Bühne gefahren und es bekommt Risse. Die Musik hört auf, Omer Meir Wellber dirigiert allerdings noch für etwa fünfzehn Sekunden weiter – aha, das ist dann also die große Stille.

Dies also war das Staatsoperndebüt für den Regisseur Christopher Rüping und sein Team. Möge es das einzige Projekt an diesem Hause gewesen sein.

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