Hamburg, Kammeroper, "HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN", IOCO

Hamburg, Kammeroper, "HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN", IOCO
2. Akt, Olympia © Patrick Sobottka

Die Überraschung gab es gleich zu Beginn, denn der erste Akt spielte nicht auf der Bühne, sondern im Theaterrestaurant, welches für diese Premiere in „Auerbachs Cocktailbar“ umbenannt wurde. Der Eingang zum Zuschauerraum blieb geschlossen, dort saßen nun die Orchestermitglieder, während die Protagonisten in ihren schrillen Kostümen durchs Restaurant wanderten und zu singen, zu spielen und sogar auf den Tischen zu tanzen begannen. Hier gab sodann auch Berus Komarschela als Hoffmann seine Kleinzack-Arie zum Besten, das Highlight des ersten Aktes.

Berus Komorschela/Hoffmann und Feline Knabe/Muse ©Patrick Sobottka

Dann ging es weiter. Die Premierenbesucher nahmen ihre Plätze im Zuschauerraum ein und schon begann der Olympia-Akt. Regisseur Marius Adam inszeniert die dramatische Handlung ausgezeichnet mit origineller, flotter Personenführung auf der von Kathrin Kegler entworfenen Bühne, sparsam ausgestattet, jedoch mit schön anzuschauenden Bildern auf der Bühnenrückwand wie dem großen Auge im Olympia-Akt, einem aparten Mädchen-Antlitz für Antonia mit einem Spinett und einem Vogelkäfig voller Notenblätter, oder einem Canale in Venedig für Giulietta's Akt.

Marie-Theres Kramer hat ihrer Phantasie bei den Kostüm-Entwürfen freien Lauf gelassen, und so staffierte sie sämtliche Herren vorwiegend mit an Punk und Gothic angelehnten schwarzen Outfits aus, wobei Maitre Luther einen Ganzkörper-Tattoo-Bodystocking bekam und Cochenille hier ein Harfe spielendes Mädchen mit roter Perücke und pinkfarbenem Minirock war.

Luminita Andrei als Olympia trug ein silbernes, robotermäßiges Science-Fiction-Kostüm mit passendem Strahlenhelm. Mit entsprechend mechanischen Bewegungen, perfekten Koloraturläufen und samtweichen Spitzentönen sang sie die Arie vom „Phoebus im Sonnenwagen“ mit klaren, wohltönendem Sopran und verzierte sie mit kleinen Kieksern beim Aufziehen. Im Antonia-Akt beeindruckte sie insbesondere mit dem melancholischen „Lied von der Taube“, welches sie verinnerlicht und mit zart schwebender Lyrik interpretierte. Als mondäne Giulietta in silberner, Pailletten besetzter Abendrobe à la Marlene Dietrich, machte sie eine glänzende Figur und sang gemeinsam mit Niklas eine hinreißende Baccarole, in der ihr in der Mittellage warm timbrierter Sopran mit der dunkleren Stimmfarbe von Feline Knabe perfekt harmonierte.

Giulietta-Akt ©Patrick Sobottka

Berus Komarschela war ein sympathischer Hoffmann, der darstellerisch ideal die Intentionen der Regie umsetzte, der in seinem schwarzen, mit silbernen Nieten besetzten Dress kernig aussah, und mit seinem stilvoll eingesetztem höhensicheren Tenor die gesamte Bandbreite zwischen lyrischem Schmelz und kraftvollem, geschmeidigen Glanz auszuloten verstand.

In den Rollen der vier Bösewichter bot Titus Witt eine bemerkenswerte Leistung. Als Coppelius, der die Puppe zerstört, oder als diabolischer Dr. Mirakel mit roter Perücke, dunkelrotem Mantel und Geige in der Hand war er darstellerisch voll in seinem Element, und auch die hier glücklicherweise nicht gestrichene Spiegelarie Dapertuttos brachte er achtbar über die Runden.

Simon Thorbjörnsen/Crespel und Titus Witt/Dr.Mirakel ©Patrick Sobottka

In den Partien des Niklas, der Muse und der Stimme von Antonias Mutter war Feline Knabe besetzt, die besonders dem Niklas in silbernem Mantel durch ihre intensive charmante Darstellung ein starkes Profil verlieh und auch stimmlich mit klangvollem Mezzosopran überzeugte.

Ein neues Mitglied im Ensemble der Kammeroper ist der Spieltenor Ruben Banzer, der in den vier Buffo-Partien sein Hausdebüt gab und natürlich mit dem originellen Couplet des Franz im Antonia-Akt einen Glanzpunkt setzen konnte.

Der Bariton Robert Elibay-Hartog in den Partien Hermann und Schlemihl, der Tenor Ignacio Munoz als Nathanael und Spalanzani, sowie der Bariton Simon Thorbjörnsen als Crespel und als Cocktails mixender Wirt Luther im ersten Akt, sie alle waren in ihren Rollen adäquat besetzt und glänzten in ihren Szenen mit vollem Einsatz und großem Engagement.

Ettore Prandi, Luminita Andrei, Berus Komorschela ©Wolfgang Radtke

Die musikalische Leitung seines kleinen Kammerorchesters hatte Ettore Prandi, der Offenbachs umfangreiche Partitur für diese Neuinszenierung in der Kammeroper aus einer Vielzahl von überlieferten Manuskripten, die nach dem Tode Offenbachs aufgetaucht waren – und von denen man gar nicht so sicher sein konnte, daß diese auch tatsächlich alle von Offenbach selbst stammten – , aufs Wesentliche und Wichtigste herausgearbeitet hatte und die herrliche Musik mit einer Prise französischem Esprits beschwingt und temporeich, funkelnd und schwelgerisch, wunderbar an diesem Abend erblühen ließ.

Das Ensemble beim Schlußapplaus ©Wolfgang Radtke

Die Zustimmung des Premierenpublikums für sämtliche Mitwirkenden war eindeutig. Bis Ende Mai gibt es noch 30 Vorstellungen. Ein Besuch von „Hoffmanns Erzählungen“ in der Hamburger Kammeroper würde sich auf jeden Fall lohnen.

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