Hamburg, Allee-Theater/Kammeroper, "CHARLES UND WIE ER DIE WELT SAH",IOCO

Hamburg, Allee-Theater/Kammeroper, "CHARLES UND WIE ER DIE WELT SAH",IOCO
CHARLES UND WIE ER DIE WELT SAH, Kammeroper Hamburg ©Wolfgang Radtke
  1. Februar 2026

Charles Aznavour (1924 – 2018) war nicht nur ein außergewöhnlicher Sänger und Songwriter, er war zweifellos auch einer der bedeutendsten Interpreten des französischen Chansons. Mit seinen introspektiven Texten, die von zwischenmenschlichen Beziehungen, Sehnsüchten und Hoffnungen handeln, mit seinem künstlerischen Einsatz und seiner unverwechselbaren Stimme prägte er das französische Chanson-Genre nachhaltig und gewann auch internationale Anerkennung.

Charles Aznavour entstammt einer armenischen Familie, die vor der ethnischen Verfolgung und dem Völkermord an den Armeniern über Griechenland nach Paris floh, wo er am 22. Mai 1924 das Licht der Welt erblickte.

Stephan Hippe ©Wolfgang Radtke

Seine Mutter war eigentlich Schauspielerin, sein Vater war ein gelernter Koch, der auch singen konnte. In Paris eröffneten die Eltern ein Restaurant, in dem nicht nur der Vater, sondern bald auch der Sohn die Gäste mit Gesang unterhielt. Als junger Schauspieler wirkte er an einigen Kindertheater-Bühnen mit, und als zwölfjähriger bekam er sogar eine kleine Rolle in dem Film „La Guerre des Gosses“.

Als 20jähriger hatte er erste größere Auftritte in Clubs und Kabaretts im Pariser Quartier Latin, wo Edith Piaf auf ihn aufmerksam wurde, ihn förderte und ihn in den späten 1940er Jahren mit auf ihre ausgedehnten Tourneen nahm.

Stephan Hippe (Edith Piaf) ©Wolfgang Radtke

Erste Erfolge als Komponist und als Sänger in Frankreich stellten sich ein, und in den späten 1950er Jahren begann Aznavour, auch international an Bedeutung zu gewinnen. Seine Chansons zeichneten sich durch literarische Texte, feine Wortspiele und eine außergewöhnliche melodische Vielfalt aus. Manche seiner tiefgründigen Texte sind autobiographisch, und seine expressive, rauchige Stimme ist in der Lage, Tragik und Freude zugleich zu vermitteln. Er schrieb Hunderte Chansons, die in mehreren Sprachen veröffentlicht wurden. Neben Französisch sang er auch in Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch. Mit seinem international wohl erfolgreichsten Chanson „She“ erreichte er 1974 sogar Platz Eins der Britischen Hitparade.

Auch als Filmschauspieler konnte er über alle die Jahre reüssieren. In insgesamt 65 Filmen hat er mitgewirkt, darunter in so bedeutenden Filmen wie „Schießen Sie auf den Pianisten“ von Francois Truffaut, in der Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff, der Thomas-Mann-Verfilmung „Der Zauberberg“ von Hans W. Geißendörfer, oder „Es lebe das Leben“ von Claude Lelouch.

Stephan Hippe ©Wolfgang Radtke

Anläßlich des 100sten Geburtstages von Charles Aznavour vor knapp zwei Jahren veranstaltete das Allee-Theater in den Räumen der Hamburger Kammeroper eine Charles-Aznavour-Revue, präsentiert von dem Sänger, Entertainer und Schauspieler Stephan Hippe, welche nun am 26. Februar wieder ins Programm aufgenommen wurde.

Unter dem Titel „Charles und wie er die Welt sah“ wiederholte Stefan Hippe nochmals diese zweistündige mitreißende Hommage an diesen bedeutenden französischen Chansonnier.

„So viele Bilder“/„Les Images de ma vie“ war die erste Gesangsnummer, und mit so vielen Bildern und Videos aus Konzerten, Fernsehshows und Interviews, projiziert auf die Bühnenrückwand, begann die Show und belebte die mit einem hohen Regiestuhl und einen kleinen Schreibtisch mit einer Schreibmaschine darauf sowie ein paar Scheinwerfern sparsam dekorierte Bühne. Den Rest besorgte Stephan Hippe mit seiner Präsenz, seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner wohlklingenden Stimme, die sich den jeweiligen Themen der Chansons wunderbar anzupassen in der Lage war, etwa so wie bei „She“ und „For me formidable“.

Stephan Hippe (Gilbert Bécaud) ©Wolfgang Radtke

Und natürlich mit seiner charmanten Moderation, mit er er über das Leben dieses Ausnahmekünstlers berichtete. Über den Verlauf seiner Karriere, seine Wegbegleiter, seine Mitstreiter, seine Ehen. Über sein erstes Aznavour-Konzert in Nizza, und natürlich ließ er es sich auch nicht nehmen, einige Chanson-Passagen, mit Aznavour im Video auf der Bühnenrückwand, im Duett zu singen. Für einige der Chansons schrieb er neue passende deutsche Texte, so auch für „Comme ils disent“, denn die Zeiten haben sich geändert und nach all den Jahrzehnten sind die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften von der Gesellschaft glücklicherweise akzeptiert.

Stephan Hippe (Dalida) ©Wolfgang Radtke

Aznavours Wegbegleiter und Kollegen wurden gewürdigt wie Charles Trenet mit seinem klassischen Chanson „La Mer“, Jaques Brel mit „La plat pays“/“Mein flaches Land“, oder die wunderbare Dalida, deren Chanson „Um nicht allein zu sein“/“Pour ne pas étre seul“ Stephan Hippe besonders emotional interpretierte. Gilbert Bécaud war ebenfalls ein geschätzter Kollege, dessen „L'important c'est la Rose“ jetzt folgte, wie auch Juliette Greco, die er mit „Les feuilles mortes“/“Der Schleier fiel von meinen Augen“ würdigte.

Stephan Hippe (Juliette Greco) © Wolfgang Radtke

Den größten Einfluß auf Charles Aznavour und seine Karriere hatte jedoch Edith Piaf, die ihn entdeckt und in seinen Anfangsjahren stets gefördert hatte. „La foule“/“Die Menschenmenge“ und „Jesahel“ sind zwei typische Piaf-Liebeslieder, die sowohl Freude als auch Schmerz in sich vereinen. Und mit Aznavours berühmten „Désormais“/“Ab sofort“ war der erste Teil dieser Show beendet.

Stephan Hippe (Edith Piaf) ©Wolfgang Radtke

Musikalisch ging es nach der Pause weiter mit einer wahren Hit-Parade schönster Chansons aus Charles Aznavours Feder, wie „Les deux guitares“/“Spiel Zigeuner“, „Mes emmerdes“/“Als es mir beschissen ging“, „Yesterday when I was young“/“Hier encore“, „Du läßt dich gehn“, „La Boheme“, aufgelockert mit einigen amüsanten Anekdoten aus Charles Aznavours bewegtem Leben. Wie beispielsweise Edith Piaf dafür sorgte, daß er auf seine clownesk anmutenden schrill-bunten Jacketts verzichten und sich elegante dunkle Anzüge zulegen möge, oder wie sie ihn überredete, seine große Nase korrigieren zu lassen und ihm sogar diese Operation, diesen „nose job“, bezahlte. Dies hatte angeblich zur Folge, daß er sich von nun an vor seinen Verehrerinnen nicht mehr retten konnte. Die Kompositionen „Sa jeunesse“/“Jugend“, „Tomorrow it's my Turn“ und „Je m'envoyais déjà“/“Ich sah mich als Star“ paßten sehr gut in diese Phase seines Lebens.

Stephan Hippe (Charles Aznavour) ©Wolfgang Radtke

Seit Beginn der 2000er Jahre bereiste Charles Aznavour die Welt mit seinen „Abschieds“-Tourneen. Jede Tournee sollte die letzte sein, aber die Bühne ließ ihn einfach nicht los, er hatte immer noch Erfolg, sein Publikum liebte ihn. Seine Konzerte waren weltweit stets ausverkauft und er hielt durch, bis kurz vor seinem Tod am 1. Oktober 2018.

Mit dem berühmten „Emmenez-moi“ und „Avec un brin de nostalgie“, einem Hauch von Nostalgie ging dieser wunderschöne Chanson-Abend dem Ende entgegen, doch Stephan Hippe hatte noch eine Zugabe parat, nämlich „Du läßt dich gehn“ in einer völlig neuen originellen Textfassung über das unvermeidliche Älterwerden. Und der Schlußapplaus des jüngeren und des nicht mehr ganz so jungen Publikums für Stephan Hippe - und natürlich für Charles Aznavour - war überwältigend.

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