Düsseldorf, Marionetten-Theater, Der Drache - von Jewgenij Schwarz, IOCO

Düsseldorf, Marionetten-Theater, Der Drache - von Jewgenij Schwarz, IOCO
Marionetten von verschiedenen Inszenierungen als Visitenkarte des Marionetten-Theaters, Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Eine satirische Märchen-Komödie mit Polit-Thriller am Ende

Ein großer, gefährlicher Drache mit 3 Köpfen hat sich heute in das kleinen Marionetten-Theater in Düsseldorf gewagt. Um ihn soll es heute gehen - aber ausschließlich mit kleinen, höchst individuellen Holz-Marionetten. Wie das hier so Usus ist.

Der Eingangsbereich zum marionetten-Theater, Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Sobald das Licht ausgeht übernehmen die kleinen Holzfiguren an den Marionettenfäden die komplette Aufmerksamkeit und das Geschehen. Sehr schnell gewöhnt man sich daran – es scheint geradezu unglaublich lebendig, was wir sehen. Dazu trägt natürlich auch der Plot der Handlung bei.

Die Handlung

  • Neben dem bösen, widerlichen Drachen muss es natürlich eine junge, hübsche Frau geben, die vor ihm gerettet werden muss (nein, diesmal keine Prinzessin). Und selbstverständlich kommt ein jugendlicher Held vorbei, der sich Hals über Kopf in diese Rettung stürzen will. Aber so einfach verläuft dieser Abend heute nicht. Wir begegnen außer dem Märchen auch einer politischen Parabel, die eines Berthold Brecht würdig wäre: Der Drache hat nur Macht, weil sich das Volk / die Beherrschten an seine Vorgaben und Denkzwänge hält. Niemand will widersprechen - "irgendeine junge Frau muss halt geopfert werden". Und schnell wird klar, dass die Macht des Drachen ausschließlich auf fehlendem Widerspruch und Trägheit des Volkes beruht. Auch die junge Frau geht scheinbar freiwillig in ihr Schicksal, betet die Parolen herunter, "dass es ja nicht anders geht seit Jahrhunderten".
  • Keiner aus dem Volks hat einen Text oder Gedanken, an dem sich eine Auflehnung aufrichten könnte. Nur Ja-Sager und Sich-weg-Ducker sind dabei. Wenn da nicht der zugereiste jugendliche Held wäre, der das natürlich kann. Deswegen gibt es auch sofort Widerstand gegen den "Ruhestörer", es wird auch gegen ihn von den "Rechtgläubigen" lautstark demonstriert. Wo käme man denn hin, wenn man etwas gegen den Drachen auch nur denken würde, geschwiege denn sagen.

Ein Blick in den Zuschauerraum von der Bühne aus (Figuren aus anderen Stücken), Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

  • Egal, schließlich gelingt es dem jungen Drachentöter dann tatsächlich, das wagemutige Kunststück wie im Märchen zu vollbringen. Drei abgetrennte Drachenköpfe stürzen auf die kleine Spielfläche. Und während das Publikum noch nachdenkt, ob die Köpfe wirklich frei zwischen den hundert anderen Schnüren gestürzt sind oder ob sie doch an Fäden hängen, ist auf einmal Pause - direkt nach der vollbrachten Heldentat. Was soll denn jetzt um Himmels willen noch kommen im 2. Teil, der noch vor uns liegt?
  • Da der Held auch schwer verletzt ist, muss er eine lange Reise antreten - vermutlich in den Tod. Wer soll nun die Herrschaft übernehmen? Der Drachen und sein Töter sind ja beide weg. Sehr schnell finden sich aber die beiden "richtigen" Personen ein, die vorher mit Hingabe und rücksichtslos dem Drachen gedient haben. Und verwenden die bisherigen Macht-Strukturen, um das Volk wie bisher zu unterwerfen. Es wird schäbig klar, dass dieses Machtspiel nur davon abhängt, dass die Unterworfenen in all ihrer Trägheit widerstandslos mitspielen. Aber sie kennen es ja nicht anders.
  • Das Schicksal wendet nun völlig allein die junge Frau, die sich weigert, den neuen Machthaber zu heiraten, sondern weiter an ihren verschollenen Retter glaubt. Der erscheint dann auch tatsächlich wieder (nein, nicht mit einem Schwan oder auf einem Schimmel) und rettet sie und die Freiheit des Volkes. Als niemand mehr da ist, der Unterwerfung fordert, scheint das Volk zu erwachen. Was wird jetzt? Das wird sicher schwierig, sich auch daran zu gewöhnen.
Eine Figuren-Galerie mit Figuren aus anderen Stücken, Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Das Publikum sinkt atemlos mit in die wilde Wendung der Geschichte hinein. Es wirkt ungeheuer lebhaft und echt, so dass man sich dem kaum entziehen kann. Es ist eigentlich unglaublich, dass all das mit ein paar kleinen Holzfiguren und den vielen 100 Fäden so fulminant funktionieren kann.

Die Marionetten des Stücks

Vielleicht können die folgenden kleinen Bilder-Häppchen von den liebevoll gestalteten Marionetten ein wenig von der Stimmung rüberbringen und Appetit auf einen Besuch machen.

Zunächst werden wir von einem sprechenden Kater begrüßt.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Der Drache - noch in Menschengestalt betritt das Haus, in dem schon alle versammelt sind (die junge Frau, ihr Vater und der Held)

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Der Drache zeigt 2 seiner vielen Gesichter und beginnt sein manipulatives Machtspiel.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Als der Kampf feststeht, bringen 4 Handwerker dem Helden wichtige magische Instrumente, die ihn unterstützen sollen.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Die junge Frau bangt um ihren Helden.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Und schließlich bricht der Drache in seiner eigentlicher Gestalt hervor und beginnt den Kampf.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Der Drache bedroht den Helden von allen Seiten mit seinen 3 Köpfen, die ihm gleich abgeschlagen werden sollen.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Im 2. Teil soll die junge Frau den neuen Machthaber heiraten. Doch da erschient der Held zu ihrer Rettung.

Copyright Düsseldorfer Marionetten-Theater

Die eigentlichen Künstler

Nun ist es heute Abend wirklich schwierig bis unmöglich, die eigentlichen Künstler zu rezensieren. Sie zeigen sich nämlich niemals, sind unsichtbar, ziehen verborgen an ihren Fäden im Hintergrund. Nur zum Schluss-Applaus zeigen sich alle 5 "Beherrscher der Fäden", ganz in schwarz gekleidet. Ihr Kompliment ist zweifellos, dass sich ihre "Magie an den Fäden" heute sehr wirkungsvoll entfaltet hat.

Überrascht kann das Publikum feststellen, dass für die Führung der vielen Figuren (Helden und Heldinnen, Väter und Söhne, Tiere, Volk und einen bühnenfüllenden feuerspeienden Drachen) 5 Personen ausgereicht haben.

Nur ein Märchen?

Ja, es ist nur ein Märchen und es sind bloß ein paar Holzfiguren. Aber die Sprengkraft der politische Seite kann einfach nicht übersehen werden. Und an die aktuelle Tagespolitik werden auch viele denken.

Der russische Autor Jewgenij Schwarz - ein Zeitgenosse Stalins - hat es gewagt, dieses Lehrstück gegen totalitäre Macht 1944 in Moskau aufführen zu wollen. Es wurde von der stalinistischen Zensur natürlich untersagt.

Wer dem Zauber eines kleines Theater etwas abgewinnen kann und ein Stück verträgt, das rasant vom Märchen über eine Satire zum Polit-Thriller wechselt, der ist hier genau richtig.

Karten für die weiteren Vorstellungtermine gibt es hier.

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