Freiburg, Theater Freiburg, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2018

Oktober 31, 2018 by  
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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg

La Bohème  –   Giacomo Puccini

– Il sogno ch’io vorrei sempre sognar! –

Von  Julian Führer

La Bohème ist ein Stück des Kernrepertoires und meist ein Garant für volle Häuser. Giacomo Puccini schrieb mit Che gelida manina und O soave fanciulla regelrechte Hits, „schöne“ Inszenierungen wie von Franco Zeffirelli (Mailand, Wien, München, New York etc. seit 1963) oder Götz Friedrich (Berlin, seit 1988) werden teilweise seit Jahrzehnten auf den Spielplänen gehalten. Das ambitionierte Theater Freiburg hat diese sehr bekannte Oper Frank Hilbrich anvertraut, der dort schon viele Stücke inszeniert hat. Sein Ring des Nibelungen sorgte für überregionale Aufmerksamkeit, und sein Regiestil zeigt immer wieder eine große Präzision in der Dramaturgie und der Personenführung, was mitunter zu ebenso überraschenden wie schlüssigen Einsichten führen kann.

Für La Bohème wählten Hilbrich und sein erprobtes Team einen Ansatz, der vom Paris des 19. Jahrhunderts abstrahiert. Noch vor Einsetzen der Musik sehen wir eine modern, aber etwas lieblos eingerichtete Wohnung, in der Kinder sitzen und stehen. Mit Einsetzen der Musik wandelt sich die Belegung, und wir sehen dieselben Menschen als junge Erwachsene in einer Art Studenten-WG.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Richtig arm scheinen die Bewohner nicht zu sein, sie wohnen kärglich, aber haben in ihrer verspielten Art wahrscheinlich die Gewissheit, nie wirklich hungern zu müssen- Erwähnt Rodolfo im zweiten Bild nicht, dass er einen steinreichen Onkel hat („Ho uno zio milionario“)? Vielleicht ist dies mehr als nur eine Behauptung, um Mimì an sich zu binden. Richtig fleißig sind sie auch nicht. Die aufgeklappten Laptops gehen jedenfalls schnell wieder zu, wenn es am WG-Küchentisch etwas Interessanteres gibt, zum Beispiel immer wieder neue Selfies, die an die Wand projiziert werden. Wenn der Vermieter Benoît kommt, ist das nicht wie im Libretto angelegt eine zunächst existenziell bedrohliche Situation, sondern man zahlt bar und macht dann noch ein ironisches Selfie extra mit diesem etwas schmierigen Patron. Mimì hingegen muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Rodolfo ist aus dem Stand in der Lage, ihr formvollendete Komplimente zu machen, und in der WG ist mehr als deutlich, dass er sie lieber jetzt als später auf der Isomatte haben will (die ohnehin schon eindeutigen Worte in O soave fanciulla werden durch die Personenführung noch unterstützt). Sind da echte Gefühle im Spiel? Die immer wieder thematisierte Kälte deutet Hilbrich als emotionale Kälte, als Mangel an Empathie zwischen den Personen der Handlung. Dass Joshua Kohl als Rodolfo etwas belegt anfängt, passt recht gut zu diesem Ansatz, während Solen Mainguenés warmer Sopran mit breiter Mittellage und stellenweise markantem (doch nie übertriebenem) Vibrato auch gesanglich deutlich macht, dass Mimì sich auch einmal amüsieren will und dabei auf der Suche nach echten Gefühlen ist. Nach etwas verhuschtem Beginn bei den schnellen Einsätzen war das Orchester voll auf der Höhe und wurde von Daniel Carter am Ende des ersten Bildes zu betörendem Schönklang animiert.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Katharina Ruckgaber, Solen Mainguene, Michael Borth, Harold Meers © Rainer Muranyi

Das zweite Bild wird in einem unbestimmten Innenraum angesiedelt (Bühne: Volker Thiele). Die Kinder sind grellbunt angezogen, die Erwachsenen hingegen hochgeschlossen in schwarz (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Die Introduktion nimmt Carter in eher gemäßigtem Tempo, trotzdem fallen in den ersten Minuten die Chorgruppen (Herren, Damen und Kinder) wiederholt auseinander – an dieser Stelle ein Klassiker, der auch an großen Häusern immer wieder passiert. Durch die Personenführung wird deutlich gemacht, dass Mimì und Rodolfo schon im Streit sind. Rodolfos Freunde bzw. Mitbewohner haben sich etwas zu essen und ein Getränk im Pappbecher besorgt und setzen sich auf Stufen. Ist ihr das alles zu oberflächlich? Das Restaurant von Momus ist jedenfalls nicht zu sehen. Musettas Auftritt im engen Kleid (zickig, später mitfühlend: Samantha Gaul) ruft die Eifersucht des von ihr sitzengelassenen Marcello hervor, während der alternde Liebhaber Alcindoro (Wolfgang Newerla, auch als Benoît) seine kapriziöse Eroberung auf Händen tragen muss, es ihr doch nie rechtmachen kann und sie bei ihrem Quando m’en vo‘ soletta aufdringlich befummelt. Einen Tambourmajor sieht man in dieser Lesart nicht, aber die Kinder übernehmen den Marschrhythmus zum Teil. Der sehr kraftvolle Bariton Michael Borths als Marcello hat die Tendenz, die anderen Stimmen zu übertönen. Jin Seok Lee (Colline) war zu Anfang nicht ganz rein in der Intonation, verfügt aber über eine sehr präsente Bassstimme, die in anderen Produktionen bereits aufhorchen ließ (z.B. als Fasolt in Das Rheingold oder König Heinrich in Lohengrin). In den Ensemblestellen hält sich Joshua Kohl als Rodolfo eher zurück, die Spitzentöne bringt er alle, und am Ende macht er auch das von ihm kaum erahnte Drama eines jungen Menschen glaubhaft. Nach den ersten zwei Bildern vermittelt sich der Eindruck einer Gemeinschaft junger Leute, die alles nicht so ernstnehmen, einen Hang zur Ironie haben, sich gerne durchschnorren –Gelegenheit macht Liebe, vor allem wenn die Gelegenheit ein leichtes Opfer wie Mimì ist.

Theater Freiburg / La Bohème - hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi

Theater Freiburg / La Bohème – hier : Solen Mainguene als Boheme © Rainer Muranyi

Das dritte Bild zeigt das Leben von der weniger schönen Seite: Mimì hat gesundheitliche Probleme, Rodolfo fürchtet ihren Tod, macht sich aber vor allem Gedanken darüber, wie er sie loswerden kann. Die zwischen beiden wiederholten Liebesschwüre sind nur ein leeres Beschwören einer vergangenen Leidenschaft – aber füreinander einstehen werden die beiden nicht, vor allem nicht Rodolfo für Mimì. Marcello lebt inzwischen wieder mit Musetta in einer On-off-Beziehung zusammen und empfiehlt Rodolfo diesen Weg – doch prompt kommt es zu einer Eifersuchtsszene. Beide Männer kommen in ihren Beziehungen nicht mit dem Problem der mangelnden emotionalen Wärme und mit dem Mangel an Verbindlichkeit zurecht, und ihre Partnerinnen sind ihrerseits nicht glücklich, weder die das Ende ahnende Mimì noch die sich hinter ihrer zickigen und auf Autonomie plädierenden Fassade mitfühlende Musetta.

Am stärksten ist Frank Hilbrich das vierte Bild geraten. Wir sind wieder in der Situation der WG. Die Mitbewohner veranstalten alberne Spielchen (bei denen nun auch Colline stimmlich ganz auf der Höhe ist), bis Musetta ankündigt, dass Mimì todkrank vor der Tür steht. Die Bewohner sind etwas irritiert, und jeder findet einen Weg oder einen Vorwand, sich der auf einmal wirklich ernsten Situation zu entziehen – außer Rodolfo. Mimì kommt herein, vom Tode gezeichnet, sinkt zu Boden. Rodolfo weiß nicht, was er tun soll, und hält den größtmöglichen Abstand zu seiner Liebschaft. Mimì hatte sich zwischenzeitlich wie Musetta einen reichen Liebhaber geangelt, zum Sterben aber will sie zu ihrer einzigen echten Liebe Rodolfo zurück, der dieser Situation nicht gewachsen ist und versagt. Die Personenführung in diesem letzten Bild ist ein Meisterstück der Regie. Musetta hat Schmuck zu Geld gemacht und bringt den von Mimì ersehnten Muff, um ihr die Hände zu wärmen – im Leopardendesign ihres eigenen Mantels. Der hilflose Rodolfo lässt Mimì liegen und alleine sterben. Das letzte Selfie zeigt überlebensgroß die beängstigend realistisch zur Leiche geschminkte Mimì.

Das gut besuchte Haus applaudierte reichlich den durchweg jungen Stimmen, die eine überzeugende Ensembleleistung boten. Die starke Regie zeigte einmal mehr, dass auch vermeintlich bekannte Stücke des Repertoires immer wieder neu befragt werden können.

La Bohème am Theater Freiburg: die weiteren Vorstellungen am 1.11.; 24.11.; 14.12.; 25.12.2018; 18.1.2019 … ….

—| IOCO Kritik Theater Feiburg |—

Aachen; Theater Aachen, Il trionfo del Tempo e del Disinganno – G. F. Händel, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

Il trionfo del Tempo e del Disinganno   

Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung

Oratorium von Georg Friedrich Händel – Libretto Benedetto Pamphili

 Von Ingo Hamacher

DER TRIUMPH von Händel ist ein wunderschönes, aber äußerst selten gespieltes Werk. Und das mag wohl auch daran liegen, dass niemand so richtig etwas mit dem Stück anzufangen weiß. Schon alleine der Titel: Der Triumph von Zeit und Enttäuschung. Seltsam! „Der Triumph der Zeit“, dazu mag man ja noch Bilder im Kopf haben. Aber „Triumph“ und „Enttäuschung“ wollen zusammen keinen Sinn ergeben. Enttäuschung ist kein Triumph. Es ist das Gegenteil davon.

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Sehen wir uns die Entstehungsgeschichte an: Georg Friedrich Händel reiste 1706 nach Rom. Die öffentliche Darbietung von Opern war zu dieser Zeit in der Heiligen Stadt verboten, weshalb die Komponisten auf Kantaten und Oratorien auswichen. Ein geistlicher Herr namens Kardinal Benedetto Pamphilj hatte ein moralisches Libretto geschrieben, in dem die Schönheit die Falschheit ihres Handelns erkennt, die Lust auf der Strecke bleibt und Zeit und Enttäuschung den Sieg davon tragen. Und dieses moralinsaure Traktätchen hat Händel dann mal eben 1707 in eine der schönsten Musiken seiner Zeit gekleidet. So die offizielle Geschichtsversion.

Für das Jahr 1700 hatte Papst Clemens IX. ein Opernverbot für Rom verhängt. Die wollüstigen Bühnenspektakel, die sich in ganz Italien immer weiter ausbreiteten, schienen für das anstehende Heilige Jahr nicht passend zu sein. Aufgrund der auch im römischen Klerus zunehmenden Sitten- und Zügellosigkeiten wurde auch in den nachfolgenden Jahren an diesem Verbot fest gehalten. Händel reiste also an keinen frömmlerischen Tugendort, sondern in eine Welt sprudelnder Lebens- und Sinnesfreude, die kaum zu bändigen war. Der ‚geistliche Herr‘, auf den er dort traf, war auch nicht irgendwer, sondern Kardinal Benedetto Pamphilj. Pamphilj war italienischer Kardinal, Librettist, Komponist und Musikmäzen. Er war bis zu seinem Tode zuständig für das Vatikanische Geheimarchiv und die Vatikanische Apostolische Bibliothek. Und außerdem war der zu diesem Zeitpunkt 50-jährige stattliche Mann ein leidenschaftlicher Verehrer junger Männer. Händel, 23, jung, schlank, bildschön und ebenfalls sein ganzes Leben lang nur an Männern interessiert, erhielt zahlreiche Liebesbriefe von Pamphilj, in denen dieser seinen „caro sassone“ (lieben Sachsen) zärtlich umgarnt.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno  © Wil van Iersel

Das Wort „Disinganno“ ist nicht ganz eindeutig. Es kann „Enttäuschung“ bedeuten, jedoch gibt es auch die Möglichkeit, es mit „Erkenntnis“ zu übersetzen. Und in diesem Fall ergibt sich ein völlig neuer Sinnzusammenhang: Es handelt sich bei dem Libretto offensichtlich um ein Werbelied des reiferen Mannes an seinen jungen Geliebten.

Schönheit und Lust (Attribute der Jugend) werden im ersten Teil des weltlichen Oratoriums kritisch hinterfragt. Im zweiten Teil hebt Pamphilj die Vorzüge der Zeit und der Erkenntnis hervor (die von ihm als reifem, gestandenen Mann in vorbildlicher Weise vertreten werden). Zeit und Erkenntnis triumphieren am Ende. Der junge Mann, der derzeit noch an so lästigen Vergänglichkeiten wie Schönheit und Lust leidet, wäre also dumm, wenn er sich nicht in die Arme des reifen Partners sinken ließe, der bereits den Triumph von Zeit und Erkenntnis genießt.

 Theater Aachen mit – Händel für Hipster 

Das Theater Aachen startet diese Inszenierung mit einem spannendem Experiment. Es stellt die Frage:   Lässt sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen?

Den mutigsten Vorstoß wagt Ric Schachtebeck (Bühne) mit einer völligen Veränderung der Sicht- und damit auch der Hörgewohnheiten. Er zerschneidet geradezu das klassische Setting einer Opernbühne. Barockgesang ist immer Rampensteherei; egal ob Oper oder Oratorium. Also verändert und verlängert er die Bühnenrampe derart, Foto oben, dass sie den Raum des Bühnengrabens überspannt, um sich dann S-förmig in den Zuschauerraum zu erstrecken. Die dadurch verlorenen Sitzplätze werden im Bereich des Orchestergrabens und im linken Teil der Bühne ausgeglichen. Jeder Besucher gerät dadurch in eine Doppelrolle zwischen Beobachter und Teilnehmer, spätestens dann, wenn eine der zahlreichen Kameras auf ihn gerichtet sind, und er auf einer der vielen großen Leinwand für alle sichtbar erscheint. Die Sänger stehen den ganzen Abend an der Rampe, aber diese Rampe ist überall, so dass ein sehr ansprechendes akustisches Raumerlebnis entsteht. Ein geglücktes interessantes Konzept.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Ebenfalls fantasievoll die Kostüme. Die völlig übersteigerte und lebensfremde Bühnenkostümierung der Barockzeit wird von Raphael Jacobs in einen catwalk-artigen Showlauf der Prêt-à-porter-Mode übersetzt, mit der die Protagonisten sich auf dem Laufsteg in Szene setzen. Bizarre Kombinationen aus Farben, Schnitten und Materialien, in der Wirkung wie ein Schaulaufen von Narzisten, prägt das Bühnengeschehen. Raschelplastik und Knisterfolie setzen nicht nur materialinteressante Akzente, sondern verhindern über weite Strecken hinweg ein Wahrnehmen der großartig komponierten und auf historischen Instrumenten gespielten wunderschönen Musik.

Meine Sitznachbarin, eine mittelalte Lehrerin, interpretierte das die Musik überdeckende Geraschel und Geknarze der Kostüme begeistert als das Rauschen des Windes im Wald der Vergänglichkeit. Die Inszenierung lässt also reichlich Raum für eigene Bilder des Betrachters.

Im zweiten Teil der Aufführung wechseln die geräuschintensiven Kleidungsstücke zugunsten farbenfrohem Irgendetwas, so dass die großartige Musik Händels wieder erlebbar wird.

Der Regisseur Ludger Engels hatte Händel = Handy assoziiert, Foto unten, und so filmt jeder Sänger sich, andere oder das Publikum, übertragen auf zahlreiche große Bildschirme, mittels eines Mobiltelefons. Auch bedeutungsschwangere Facebook-Posts, immer wieder in den Bildschirmen oder auf dem Bühnenhintergrund eingeblendet, sollen der Inszenierung einen doppelten Boden und eine entsprechende Tiefe vermitteln. Irgendwann springen irgendwoher irgendwelche jungen Tänzer auf die Bühne, tanzen schweißtreibend irgendetwas, und springen ins Publikum zurück. Konkret krass! Musiktheater für junge Leute.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Wie in der Einführungsveranstaltung bereits erfahrbar, hatte die junge Dramaturgin Pia-Rabia Vornholt zu dem Stück keinen Zugang gefunden. Um dem turbulenten Treiben auf der Bühne nicht im Wege zu sein, wurde das Orchester im Bühnenhintergrund platziert, worunter jedoch die Akustik deutlich leidet.

Das Theater Aachen führt mit diesem Oratorium seinen Barock-Schwerpunkt fort, bei dem jede Spielzeit ein Werk der Barockzeit auf historischen Instrumenten einstudiert wird. In besonderen Kursen wird den Musikern ermöglicht, mit den alten Instrumenten vertraut zu werden, um auf diesem Wege möglichst nah an den Originalklang der alten Musik heran zu kommen. Das unter der musikalischen Leitung von Justus Thorau, dem stellvertretenden GMD der letzten Spielzeit, stehende Orchester des Theaters Aachen, das bereits aus den Vorjahren große Erfahrung in diesem Bereich vorweisen kann, meistert diese Aufgabe mit Bravour.

Die Musik von Händel ist ausgesprochen abwechslungsreich. Stücke, die nur vom Continuo begleitet werden, wechseln sich mit Arien mit obligaten Soloinstrumenten ab, ruhigere Teile folgen auf hochvirtuose, rhythmisch angeschärfte Gesangsequilibristik. Immer dann, wenn die Aufmerksamkeit des Hörers nicht allzu sehr vom schrillen Treiben auf der Bühne, das in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem musikalischen Geschehen steht, abgelenkt wird, ist der Abend ein musikalischer Hochgenuss.

Unter den Arien vielleicht eine der berühmtesten Melodien Händels, die er mehrfach verwendet hat und die vielleicht mit dem Text „Lascia ch´io piango“ aus Händels Oper Rinaldo am bekanntesten geworden sein dürfte, gesungen von Fanny Lustaud. Wunderbar!

Die jungen Sänger auf der Bühne sind großartig.  La Belezza (Die Schönheit) wird vom Sopran Suzanne Jerosme gesungen, die das Ensemble des Theaters Aachen in ihrer zweiten Spielzeit bereichert. Kolloraturreich und stimmschön gestaltet sie die Partie. Il Piacere (Die Lust) ist von Händel eigentlich für einen Alt geschrieben. Fanny Lustaud, eher Mezzo, gefällt an diesem Abend ebenfalls mit einer großartigen gesanglichen Leistung.

Auch die männlichen Partien überzeugen: Il Disinganno (Die Erkenntnis) gesungen vom kanadischen Countertenor Cameron Shahbazi und Il Tempo (Die Zeit), dargestellt vom chilenischen Haustenor des Aachener Theaters Patricio Arroyo, beide eine perfekte Ergänzung des Ensembles.

Neben der gesanglichen Höchstleistung soll aber auch nicht die schauspielerische Leidenschaft und Begeisterung der Sänger unerwähnt bleiben, die zusammen mit dem Orchester einen turbulenten und ungewöhnlich interessanten Abend gestaltet haben.

Verdienter großer Applaus vor ausverkauftem Haus.

Um die eingangs gestellte Frage noch zu beantworten, ob sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen lässt: Eher nein. Auch bei großartiger musikalischer Leistung und farbenfrohem lebendigem Bühnengeschehen, beide Aspekte haben in dieser Aufführung leider nicht zusammen gefunden.

Il trionfo del Tempo e del Disinganno am Theater Aachen: Weitere Termine: 17.11.18; 22.11.18; 02.12.18; 14.12.18; 19.12.18; 29.12.18; 02.02.19; 14.02.19

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Osnabrück, Theater am Domhof, Wilhelm Tell – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 25.09.2018

September 25, 2018 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Wilhelm Tell  –  Friedrich Schiller

– Absage an jede rückwärts gewandte Revolution –

Von Hanns Butterhof

Friedrich Schillers Revolutionsdrama Wilhelm Tell von 1804 ist heute wieder brandaktuell. Deutlich stellt es vor Augen, wann und aus welchen Gründen eine Revolution legitim ist. Und es entwirft die Utopie der Gesellschaft, zu der dieser Aufstand führen soll. Zum Auftakt der Spielzeit hat Robert Teufel das Stück in Osnabrücks Großem Haus, dem Theater am Domhof, als kargen Bilderbogen inszeniert.

Kein still ruhender See, keine verschneiten schweizer Gipfel. Vielmehr vermittelt ein gemauerter Rahmen um die Bühne von Friederike Meisel den Eindruck von Enge, irgendwo und irgendwann. Die kurzen Szenen, zu denen Regisseur Robert Teufel den ausufernden Text eingestrichen hat, spielen hauptsächlich an der Rampe innerhalb des Rahmens.

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller  - hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller  – hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Seltsam reglos wird dort von ungeheuerlichen Übergriffen der Obrigkeit berichtet, nahezu stocksteif planen in Tracht gewandete besorgte Bürger (Kostüme: Rebekka Zimlich) den Aufstand. Die Schauspieler stehen dazu meist nebeneinander, wenden sich beim Reden kaum einander zu. In den von elektronischem Donnergrollen und Dunkelheit von einander getrennten Szenen sprechen sie meist direkt ins Publikum als dem unmittelbar betroffenen Adressaten. Das treibt dem Stück das szenische Leben weitgehend aus; noch nie hat das Osnabrücker Ensemble so deutlich artikuliert und so hölzern gespielt.

Eine Ausnahme machen Andreas Möckel als Tell und Oliver Meskendahl als dessen Gegenspieler, Landvogt Hermann Gessler. Möckel zeichnet den in Lederhose und Felljacke gekleideten Tell überzeugend als in sich ruhenden Individualisten, der alles andere als ein Revoluzzer ist. Er wird erst durch das von Meskendahl schaurig schön gezeigte Übermaß an zynischer Unmenschlichkeit zum Mörder des in Stiefeln und im schwarzen Uniform-Mantel auftretenden Tyrannen. Die Szene, in der ihn Gessler nötigt, auf sein Kind (Greta Kemper) zu schießen, ist der packende Höhepunkt der Aufführung, nach der man Tell das Recht auf Notwehr unbedingt zubilligen möchte

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller - hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller – hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Den Verschwörern um Werner Stauffacher (Thomas Kienast) und ihren Zielen gibt die Regie weniger Recht. Sie treten nicht wagemutig, von ihren revolutionären Zielen begeistert auf und sprechen von ihnen wie auswendig gelernt. Vielleicht werden sie dadurch gehemmt, dass sie alle durchaus persönliche Motive haben und ihr politisches Streben rückwärtsgewandt einen Zustand wieder herstellen soll, wie er früher war: ein fremdenfeindlicher Nationalismus, in dem das alte Recht nur für die geborenen Volksangehörigen gilt. In der letzten, in das blutige Rot des geglückten Aufstands getauchten Szene, zieht sich Tell von diesem Volk und seinen Zielen zurück.

Das politische Statement, das Regisseur Teufel Schillers Revolutionsdrama so aufsetzt, gilt der aktuellen deutschen Situation. Mit Blick auf die ganze Welt und Schillers allgemein gestellte Menschheits-Frage, wie man leben soll, greift es zu kurz.

Wilhelm Tell im Theater am Domhof:  Die nächsten Termine: 30.9., 31.10., 18. und 24.11. jeweils 19.30 Uhr, am 7.10.2018 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

 

Hof, Theater Hof, Premiere Rigoletto – Giuseppe Verdi, 22.09.2018

September 21, 2018 by  
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Theater Hof

Theater Hof © Foto: Thomann

Theater Hof © Foto: Thomann

 Rigoletto – Giuseppe Verdi

Aufgehende Sterne am Opernhimmel

Premiere Samstag, 22. September 19.30 Uhr, Großes Haus

Wenn sich am Samstag der Bühnenvorhang zur ersten Premiere in der neuen Spielzeit hebt, dürfen sich die Zuschauer gleich auf eine musikalische Kostbarkeit freuen: Die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi. Für diese Inszenierung konnte Intendant Reinhardt Friese zwei aufgehende Sterne am Opernhimmel verpflichten – die  beiden renommierten Sopranistinnen Aleksandra Olczyk und  Lubov Skrebets, die alternierend die Rolle der Gilda übernehmen. Am Premierenabend wird  Lubov Skrebets die Gilda singen. Minseok Kim schlüpft in die Rolle des Duca von Mantua  und Anton Keremidtchiev wird Rigoletto singen.

Die Oper gilt als das erste Meisterwerk Verdis und begründete dessen Weltruhm. Die Tragödie um Rigoletto und dessen Tochter Gilda erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit, was nicht zuletzt an vielen eingängigen Melodien wie „La donna è mobile“ liegt. Die Geschichte um Liebe und Hass, Vergeltung und Verfluchung wurde von Regisseur Lothar Krause in die Mafia-Szene der 1920er Jahre hineinversetzt, Annette Mahlendorf hat die passenden Kostüme dazu entworfen. Mit Walter E. Gugerbauer steht ein erfahrener Dirigent am Pult, der Rigoletto schon an vielen Häusern dirigiert hat. Die Inszenierung wartet mit einer großen Herren-Chorbesetzung von 19 Sängern auf. Für Rigoletto wurden insgesamt nur acht Aufführungstermine angesetzt – auch das macht diese Inszenierung zu einer Kostbarkeit.

Theater Hof / Rigoletto - Anton Keremidtchiev als Rigoletto und Lubov Skrebets als seine Tochter Gilda © Theater Hof / Harald Dietz

Theater Hof / Rigoletto – Anton Keremidtchiev als Rigoletto und Lubov Skrebets als seine Tochter Gilda © Theater Hof / Harald Dietz

Termine: Samstag, 22. September (Premiere), 29. September, 3. Oktober, 7. Oktober, 12. Oktober, 3. November, 11. November (18 Uhr), 2. Dezember 2018

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