Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Pat To Yan – Hausautor Nationaltheater, IOCO Personalie, 24.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Pat To Yan – 2021/22 – Hausautor am Nationaltheater Mannheim

Ab der Spielzeit 2021/22 wird der 1975 in Hongkong geborene Autor Pat To Yan als neuer Hausautor am Nationaltheater Mannheim arbeiten. Während seiner Hausautorschaft ist u. a. die Uraufführung seines Opern-Librettos The Damned and the Saved (Komposition: Malin Bång, Musikalische Leitung: Rei Munakata, Regie: Sandra Strunz) geplant. In dem gerade entstehenden Text verhandelt er die Frage, wie bedingungslos Widerstand sein muss. Die Premiere der Koproduktion von Oper und Schauspiel des Nationaltheaters Mannheim wird am 15. Mai 2022 im Rahmen der »Münchner Biennale« stattfinden, und anschließend am Nationaltheater Mannheim zu sehen sein. Darüber hinaus ist die Uraufführung des dritten Teils seiner Trilogie Posthuman Condition im März 2022 geplant, in dem er die Bedeutung von Leid in der menschlichen Existenz befragt. Pat To Yan wird selbst Regie führen.

Christian Holtzhauer, Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim: »Pat To Yan ist Künstler und Aktivist, der in seinen Texten und in seiner Arbeit als Theatermacher immer wieder mögliche Formen von politischem Widerstand und die vielfältigen Gefährdungen der Demokratie aufgreift. Damit verbunden fragt er zugleich, was den Menschen und vor allem zwischenmenschliche Beziehungen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ausmacht. Ich freue mich sehr auf eine intensive Zusammenarbeit mit Pat To Yan, den wir während seines einjährigen Aufenthalts in Mannheim als Dramatiker, Librettisten und Regisseur kennenlernen dürfen.«

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Pat To Yan studierte Englische Literatur und Soziologie in Hongkong sowie Szenisches Schreiben an der Royal Holloway University of London. Seither arbeitet er als Dramatiker und Lehrbeauftragter sowie Regisseur seiner eigenen aber auch fremder Texte. Er schreibt metaphorisch-gleichnishaft, und verhandelt doch immer konkret die Frage, wie man sich in einem unberechenbaren System behaupten kann. In seinen Texten verschieben sich Realitäts- und Traumebenen und seine Figuren sind Schöpfungen und Variationen von mythologischen Figuren aus Europa und China, wie beispielsweise »die Katze mit einem Loch« oder »der Mann, der Schmerz mitansieht«.

Im Rahmen des 8th Hong Kong Theatre Libre 2015 wurde sein Stück Bis ans Ende ihrer Tage als bestes Stück ausgezeichnet und beim EMW Festival of Hong Kong Repertory Theatre auf Kantonesisch uraufgeführt. 2018 wurde es am Münchner Residenztheater in seiner Europäischen Erstaufführung gezeigt. Seither schreibt Pat To Yan seine Texte überwiegend auf Englisch. 2016 gründete er das freie Produktionslabel »Reframe Theatre«, mit dem er bis heute zusammenarbeitet. 2017/18 realisierte den immersiven Theaterabend »Flow of Time« im Hongkong Fringe Club.

Mit seinem Stück Eine kurze Chronik des künftigen China wurde er 2016 zum Berliner Stückemarkt eingeladen – als bislang erster prämierter chinesischer Theatertext überhaupt: »Das Stück widersetzt sich einer linearen narrativen Dramaturgie und arbeitet in sehr verdichtet poetischen Verflechtungen die grausamen Phantasmen einer gegenwärtigen Gesellschaft der Ungleichzeitigkeiten heraus, die zu jedem Rückfall in die Barbarei bereit ist – ob es nun um staatlich organisierten Organraub geht oder um gedungene Mörder. Ein Stück, in dem die Möglichkeit des Verwechselns von Realität und Traum so naheliegend scheint, dass uns ihre Mächtigkeit schaudern macht. Was, wenn sich diese Albträume längst vernetzt haben und gegen unsere Zukünfte antreten?« (Kathrin Röggla, Jurorin). Der Text wurde als erster Teil einer Trilogie im Frühjahr 2021 am Saarländischen Staatstheater (Regie: Moritz Schönecker) uraufgeführt. Mit Eine posthumane Geschichte hat Pat To Yan mittlerweile sein zweites Stück aus der Serie Posthuman Journey geschrieben, in der er erforscht, was Menschsein heute und in der Zukunft bedeuten kann. Es wurde im April 2021 am Schauspiel Frankfurt (Regie: Jessica Glause) uraufgeführt.

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Lesenswertes von und über Pat To Yan auf der Seite des Suhrkamp Verlags:
Pat To Yan: Widerstand und seine Schatten
Eva Behrendt & Pat To Yan – Ein Gespräch über die Rolle Chinas heute und in naher Zukunft, den Hongkonger Widerstand und ein Theaterstück, das tief in der interkulturellen Tradition Hongkongs wurzelt: »Antigone und die weiße Knochenfrau«

Zur Hausautor*innenschaft am Nationaltheater Mannheim:

Erst im April dieses Jahres setzte der Verein der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim ein wichtiges Signal und erhöhte das jährliche Stipendium für die Hausautor*innen des Nationaltheaters in zwei Schritten. In der aktuellen Spielzeit stieg die Förderung von zuletzt 6.000 € auf 9.000 €. Mit Beginn der Spielzeit 2021/22 wird sie 12.000 € betragen, wodurch sich die ursprüngliche Fördersumme verdoppelt. Zusätzlich zu dem durch den Verein der Freunde und Förderer finanzierten Stipendium, über das der oder die ausgewählte Autor*in frei verfügen kann, stellt das Schauspiel des Nationaltheaters eine Wohnung, übernimmt Reisekosten und finanziert einen Stückauftrag.

Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—


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Berlin, Neuköllner Oper, Eine Stimme für Deutschland – eine musikalische Quittung, IOCO Kritik, 21.07.2021

Juli 22, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical

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Neuköllner Oper, Karl Marx Strasse, Berln © Caterina Rancho

Neuköllner Oper, Karl Marx Strasse, Berln © Caterina Rancho

Neuköllner Oper

Eine STIMME für DEUTSCHLAND  von Thomas Zaufke, Peter Lund

– Die musikalische Quitung zum Superwahljahr – Uraufgeführt am 11.6.2021

von Rainer Maass

Die Neuköllner Oper (NO), „Berlins vierte Oper“, Karl-Marx-Straße 131 – 133, Berlin,  ist ein Unikum in der vielfältigen Kulturszene von Berlin. Für die NO, Foto oben, ist Oper mehr als das Neuinszenieren eines bekannten und begrenzten Repertoires, zu dem hin und wieder ein paar neue Auftragswerke hinzu kommen. Die NO zeigt: Musiktheater kann, nein, muss man selbst auf die Bühne bringen, um relevante Themen auszudrücken.

Die Neuköllner Oper steht für ein undogmatisches Musiktheater, das mit Lust Genres, Stile und Kulturen mixt. Seit ihrer Gründung hat sie über 240 Musiktheaterwerke zur Ur- bzw. Erstaufführung gebracht. Sie ist damit zu einer international wirkenden Ankerinstitution für eine moderne Form des musikalischen Theaters geworden, das Themen zeitgemäß und unterhaltend zugleich in jedem nur denkbaren Format für die Bühne entwickelt.

Eine Stimme für Deutschland  – Neuköllner Oper
youtube Trailer Neuköllner Oper
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Eine STIMME für DEUTSCHLAND
– Die musikalische Quitung zum Superwahljahr –

Wem die klassische Opernszene zu traditionell und zu eingefahren ist, der sollte sich die Mühe machen und zur Neuköllner Oper hinaufsteigen. Und das gilt nicht nur für dieses Stück. Um Berlins viert größtes Opernhaus zu erleben, muss man sich nämlich fast bis auf die oberste Etage des ehemaligen Ballhauses von Rixdorf – so hieß Neukölln  früher – begeben. Belohnt wird man dafür mit mutigen Inszenierungen wie dem Musical, um das es heute geht.

Haben sich klassische Operngrößen wie Mozart nicht gescheut, ihre adligen Herrschaft musikalisch aufs Korn zu nehmen, so stürzen sich die Macher dieser „musikalischen Quittung“ wie Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text und Regie) es nennen, mitten ins aktuelle Wahlgeschehen.

Vordergründig geht es in diesem Musikstück um den Kampf zweier Spitzenpolitikerinnen in einer Kleinstadt. Zum ersten Mal wittert hier die neue Rechte die Chance das Bürgermeisteramt zu gewinnen. Und das gegen eine grüne Kandidatin. Beide Kontrahentinnen  liegen in den Umfragen etwa gleich auf. Es entspinnt sich eine Schlacht, bei der schwer ausmachen ist, wer die Bösen und wer die Guten in diesem Spiel sind.  Eine Seite verstößt permanent gegen die Ideale, die sie predigt. Hier brilliert Clarissa Gundlach in der Rolle der übermotivierten aber überforderten Grünen Kandidatin. Auf der anderen Seite punktet Joel Zupan eindrucksvoll mit gefälligen Ohrwürmern voller deutschtümelnder  Phrasen. Musikalisch gesehen ist er – ja, Sie ist ein Er – im Vorteil. Immer wieder ertappt man sich beim Applaudieren an der möglicherweise falschen Stelle. Aber genau das ist, was die Autoren beabsichtigen. Den Wahlkampf als Theater zu entlarven. Nichts ist wie es scheint. Es wird geheuchelt und taktiert. Um die Sache geht es den Spitzenpolitikern nicht. Die Sache – so sagt es die rechte Spitzenpolitikerin an einer Stelle unverblümt –  „die Sache ist nur etwas für die zweite Reihe“.

Neuköllner Oper / Eine Stimme für Deutschland hier das Enselmble © MIZAFO

Neuköllner Oper / Eine Stimme für Deutschland hier das Enselmble © MIZAFO

Deshalb sind es auch die Figuren aus der zweiten Reihe, die ihre Helden demaskieren: Die Töchter der Kandidatinnen! Deren Freunde! Und die Wahlkampfleiterin der rechten Möchtegern-Bürgermeisterin! Sie unterstützen, bejubeln und folgen aus vollem Herzen ihren Vorbildern. Um schon bald von ihnen enttäuscht, missbraucht und ausgelacht zu werden. Am Ende gibt es dann doch ein sehr überraschendes Fast-Happyend.

Nach zwei sehr unterhaltsamen Stunden mit einem Ensemble, das die Zuschauer tanzend und singend mit viel Spielfreude durch den Abend führte, blieben zwar die politischen Fragen weitgehend offen. Aber auf der menschlichen Seite wuchs wieder zusammen, was zusammen gehört. Insgesamt ein gelungener Abend.

Eine STIMME für DEUTSCHLAND in der Neuköllner Oper, die folgenden Termine:  23.7.; 24.7.; 25.7.2021

—| IOCO Kritik Neuköllner Oper |—


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Ulm, Theater Ulm, Felix Bender – Neuer Generalmusikdirektor, IOCO Aktuell, 12.03.2021

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Theater Ulm

Theater Ulm © Kerstin Schomburg

Theater Ulm © Kerstin Schomburg

Felix Bender – neuer GMD am Theater Ulm

Am 10. März berichtete IOCO noch ausführlich über das Findungsverfahren zum neuen Generalmusikdirektor am Theater Ulm. Die Entscheidung für Felix Bender fiel schneller als erwartet, als angekündigt:

Intendant Kay Metzger informierte Bürgermeisterin Iris Mann am 11. März, 2021, Donnerstagmorgen über den Ausgang des Auswahlverfahrens um die Position des Generalmusikdirektors am Theater Ulm. Nach einer spannenden Schlussrunde, in der sich vier renommierte Dirigenten mit einer intensiven Arbeitsprobe und einem nichtöffentlichen Dirigat präsentierten, verständigten sich Intendant und Philharmonisches Orchester der Stadt Ulm rasch und eindeutig auf den 35-jährigen Felix Bender. Bürgermeisterin Mann zeigt sich über den erfolgreichen und einvernehmlichen Ausgang der Wahl erfreut: »Hier ist in schwierigen Zeiten eine wichtige Weichenstellung für Stadt und Theater erfolgt, die hoffnungsfroh stimmt und in guter Ulmer Tradition einem relativ jungen Künstler eine hervorragende Bühne bietet«. Felix Bender erhält einen Fünfjahresvertrag.

Felix Bender © Felix Bender

Felix Bender © Felix Bender

Nahezu 120 Bewerbungen gingen auf die Ausschreibung der GMD-Stelle ein, darunter leider nur drei von Dirigentinnen. Das Auswahlverfahren begann im Januar 2020 und musste wegen der Corona-Pandemie immer wieder unterbrochen, verschoben und zuletzt modifiziert werden. »Mit dem Abschluss des Verfahrens haben wir allerdings aus der Not eine Tugend gemacht«, so Metzger, »denn durch die Orchesterprobe am Vormittag und die anspruchsvolle Programmauswahl für das Konzert konnten vielfältige Eindrücke und gute Erkenntnisse gewonnen werden«.

Obwohl sich alle vier Kandidaten in der Schlussrunde mit insgesamt sehr überzeugenden Dirigaten vorstellten, sei die Wahl auf den ehemaligen Thomaner Felix Bender nicht schwergefallen. Es seien viele Parameter für solch eine Position ausschlaggebend, betont Metzger. Das dreistündige Gespräch, das er mit Felix Bender führte, habe ein Übriges getan. Da passe vieles zusammen. Bender selbst zeigte sich ungemein glücklich über die vom Theater getroffene Entscheidung: »Es ist eine wunderbare Aufgabe mit großer Verantwortung, auf die ich mich aus vollem Herzen freue«. In seinen bisherigen Begegnungen mit den Künstlern und Künstlerinnen habe er sofort »eine besonders inspirierende Atmosphäre und gemeinsame Lust am Musizieren verspürt«, äußerte Bender nach seiner Wahl. Etwas Besseres könne es für einen Dirigenten nicht geben. Im ersten Gedankenaustausch mit Intendant Kay Metzger erklärte er: »Gemeinsam werden wir uns in dieser besonderen Zeit neuen Herausforderungen stellen und alles daransetzen, die große Musiktradition in Ulm erfolgreich fortzuführen und neue Impulse zu setzen. Darauf freue ich mich sehr«.

Lucia di Lammermoor am Theater Chemnitz mit Felix Bender als Musikalischer Leiter
youtube Trailer Theater Chemnitz
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Konzertmeister Tamás Füzesi rechnet nach dem deutlichen Votum mit einem überaus fruchtbaren Miteinander zwischen Orchester und Dirigent. Der Orchestervorstand ist dankbar, dass das Verfahren trotz der Pandemie erfolgreich abgeschlossen werden und sich jeder der Finalisten gut präsentieren konnte. »Wir sind glücklich über die Wahl und freuen uns sehr auf die gemeinsame musikalische Zusammenarbeit«, so Maria Braun vom Vorstand.

Turandot – Finale- Felix Bender
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Felix Bender tritt in der kommenden Spielzeit die Nachfolge von Timo Handschuh an, der nach 10 Jahren erfolgreichen Wirkens seine Tätigkeit am Theater Ulm auf eigenen Wunsch im Sommer 2021 beendet. Timo Handschuh verpflichtete Bender bereits 2015 als Gastdirigent für ein Sinfoniekonzert im CCU mit Brahms’ Doppelkonzert und Hindemiths Sinfonie Mathis der Maler‚ das vielen Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters in guter Erinnerung blieb.

Der gebürtige Hallenser studierte in Weimar, wo er auch von 2010 bis 2013 als 2. Kapellmeister engagiert war. Anschließend wechselte er als 1. Kapellmeister und stellvertretender GMD nach Chemnitz und übernahm dort in der Spielzeit 2016/2017 kommissarisch das Amt des GMD. Seit 2018/2019 ist Felix Bender ständiger Gastdirigent an der Oper Leipzig. Ferner dirigierte er Orchester wie die Staatskapelle Dresden, das MDR-Sinfonieorchester und das Konzerthausorchester Berlin.

—| IOCO Aktuell Theater Ulm |—


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Osnabrück, Theater am Domhof, Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein, IOCO Kritik, 06.03.2021

März 6, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein

– Berührende Szenen einer Mittelschichts-Ehe –

von Hanns Butterhof

Knapp vier Wochen nach der geplanten Premiere im Theater am Domhof war jetzt coronabedingt Leonard Bernsteins einaktige Oper Trouble in Tahiti von 1952 im Digitalen Theater zu sehen. Entgegen den Erwartungen, die der eher auf schmalzige Melodramatik hinweisende Titel weckt, berührt die Handlung durch die schier trostlosen Szenen einer Mittelschichts-Ehe und fesselt durch ein breites musikalisches Spektrum von arienartigen Melodien bis hin zum Broadway-Jazz.

Die karge Einheitsbühne von Jörg Zysik ist mit einigen Tischen und Stühlen möbliert, die von den beiden Protagonisten Dinah (Susann Vent-Wunderlich) und ihrem Ehemann Sam (Jan Friedrich Eggers) für die sieben Szenen der Oper jeweils neu arrangiert werden. Hinter einer Galerie mit drei Kammern für die Auftritte des Jazztrios (Erika Simons, Mario Lee und Mark Hamman) ist das dahinter postierte Orchester mit An-Hoon Song am Pult zu erahnen.

Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Das in einfarbige Anzüge gekleidete Jazztrio (Kostüme: Natalie Himpel) beschreibt dynamisch swingend die Ausgangslage, eine Vorstadtidylle mit dem weißem Eigenheim von Dinah und Sam. Deren Liebe ist irgendwann zerronnen, vielleicht weil sich Dinah nach der Geburt ihres Sohnes in die Mutter- und Hausfrauenrolle und Sam in seine Geschäfte verloren hat: Dinah mit biederem Krägelchen am Kleid schaukelt ihr Baby, während Sam sich in Unterwäsche mit Liegestützen für das Arbeitsleben stählt und dabei irgendwie auf die Liebe seines Lebens wartet.

Jedes ihrer Gespräche selbst um Banalitäten endet in Streit, aus dem es keine Lösung gibt, weil jeder den ersten Schritt zur Versöhnung vom anderen erwartet. So weichen beide dem konfliktträchtigen Zusammensein aus, indem sie einander dringende Termine vortäuschen. Sam bestätigt sich im Job als smarter Gewinnertyp, während Dinah beim Psychiater ein düsteres Bild ihres Innern zeichnet. Ihre verlorene Hoffnung, dass die Liebe zu Harmonie und Anstand führt, lässt der Musical-Film Trouble in Tahiti noch einmal kurz aufflammen, in dessen falsche Idylle sie träumerisch mit Blumenkranz und Federboa eintaucht.

Auch wenn das Jazztrio jetzt noch so eindringlich mahnt, dass es Zeit für eine Aussprache wäre, erreicht es weder Dinah noch Sam. Beide decken ihr wunschloses Unglück mit einem Kinobesuch, ausgerechnet von Trouble in Tahiti, zu.

Theater Osnabrück / Trouble in Tahiti hier nur im Film träumt Dinah, Susann Vent-Wunderlich, vom Glück © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Trouble in Tahiti – Hier: Nur im Film träumt Dinah, Susann Vent-Wunderlich, vom Glück © Jörg Landsberg

Susann Vent-Wunderlich zeichnet mit ihrem kräftigen Sopran im Konflikt mit Sam eine äußerlich starke Frau, die nur in Erinnerungen und Träumen ihre Schwäche berührend zulässt. Jan Friedrich Eggers überzeugt mit hartem Bariton im Streit mit Dinah auf Augenhöhe, lässt aber auch nur, wenn er einmal nachdenkt, seine Stimme weich werden.

Die unaufdringlich den Hygienevorschriften angepasste Regie Guillermo Amayas und das kleine Osnabrücker Symphonieorchester unter An-Hoon Song setzen Bernsteins Oper präzise um. Sie leuchten mit dem modernen, aber nirgends provokanten Klangmaterial die verschiedenen Seelenlagen aus. So versinkt Trouble in Tahiti nicht im Trübsal trostloser Szenen einer Ehe, sondern bietet über eine gute Stunde fesselndes Musiktheater.

Der Theater-Film Trouble in Tahiti  steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) mit englischem Text und deutschen Untertiteln

HIER! –  Theater  www.theater-osnabrueck.de – HIER!

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—


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