Osnabrück, Theater am Domhof, Wilhelm Tell – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 25.09.2018

September 25, 2018 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Wilhelm Tell  –  Friedrich Schiller

– Absage an jede rückwärts gewandte Revolution –

Von Hanns Butterhof

Friedrich Schillers Revolutionsdrama Wilhelm Tell von 1804 ist heute wieder brandaktuell. Deutlich stellt es vor Augen, wann und aus welchen Gründen eine Revolution legitim ist. Und es entwirft die Utopie der Gesellschaft, zu der dieser Aufstand führen soll. Zum Auftakt der Spielzeit hat Robert Teufel das Stück in Osnabrücks Großem Haus, dem Theater am Domhof, als kargen Bilderbogen inszeniert.

Kein still ruhender See, keine verschneiten schweizer Gipfel. Vielmehr vermittelt ein gemauerter Rahmen um die Bühne von Friederike Meisel den Eindruck von Enge, irgendwo und irgendwann. Die kurzen Szenen, zu denen Regisseur Robert Teufel den ausufernden Text eingestrichen hat, spielen hauptsächlich an der Rampe innerhalb des Rahmens.

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller  - hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller  – hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Seltsam reglos wird dort von ungeheuerlichen Übergriffen der Obrigkeit berichtet, nahezu stocksteif planen in Tracht gewandete besorgte Bürger (Kostüme: Rebekka Zimlich) den Aufstand. Die Schauspieler stehen dazu meist nebeneinander, wenden sich beim Reden kaum einander zu. In den von elektronischem Donnergrollen und Dunkelheit von einander getrennten Szenen sprechen sie meist direkt ins Publikum als dem unmittelbar betroffenen Adressaten. Das treibt dem Stück das szenische Leben weitgehend aus; noch nie hat das Osnabrücker Ensemble so deutlich artikuliert und so hölzern gespielt.

Eine Ausnahme machen Andreas Möckel als Tell und Oliver Meskendahl als dessen Gegenspieler, Landvogt Hermann Gessler. Möckel zeichnet den in Lederhose und Felljacke gekleideten Tell überzeugend als in sich ruhenden Individualisten, der alles andere als ein Revoluzzer ist. Er wird erst durch das von Meskendahl schaurig schön gezeigte Übermaß an zynischer Unmenschlichkeit zum Mörder des in Stiefeln und im schwarzen Uniform-Mantel auftretenden Tyrannen. Die Szene, in der ihn Gessler nötigt, auf sein Kind (Greta Kemper) zu schießen, ist der packende Höhepunkt der Aufführung, nach der man Tell das Recht auf Notwehr unbedingt zubilligen möchte

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller - hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller – hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Den Verschwörern um Werner Stauffacher (Thomas Kienast) und ihren Zielen gibt die Regie weniger Recht. Sie treten nicht wagemutig, von ihren revolutionären Zielen begeistert auf und sprechen von ihnen wie auswendig gelernt. Vielleicht werden sie dadurch gehemmt, dass sie alle durchaus persönliche Motive haben und ihr politisches Streben rückwärtsgewandt einen Zustand wieder herstellen soll, wie er früher war: ein fremdenfeindlicher Nationalismus, in dem das alte Recht nur für die geborenen Volksangehörigen gilt. In der letzten, in das blutige Rot des geglückten Aufstands getauchten Szene, zieht sich Tell von diesem Volk und seinen Zielen zurück.

Das politische Statement, das Regisseur Teufel Schillers Revolutionsdrama so aufsetzt, gilt der aktuellen deutschen Situation. Mit Blick auf die ganze Welt und Schillers allgemein gestellte Menschheits-Frage, wie man leben soll, greift es zu kurz.

Wilhelm Tell im Theater am Domhof:  Die nächsten Termine: 30.9., 31.10., 18. und 24.11. jeweils 19.30 Uhr, am 7.10.2018 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

 

Hof, Theater Hof, Premiere Rigoletto – Giuseppe Verdi, 22.09.2018

September 21, 2018 by  
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Theater Hof

Theater Hof © Foto: Thomann

Theater Hof © Foto: Thomann

 Rigoletto – Giuseppe Verdi

Aufgehende Sterne am Opernhimmel

Premiere Samstag, 22. September 19.30 Uhr, Großes Haus

Wenn sich am Samstag der Bühnenvorhang zur ersten Premiere in der neuen Spielzeit hebt, dürfen sich die Zuschauer gleich auf eine musikalische Kostbarkeit freuen: Die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi. Für diese Inszenierung konnte Intendant Reinhardt Friese zwei aufgehende Sterne am Opernhimmel verpflichten – die  beiden renommierten Sopranistinnen Aleksandra Olczyk und  Lubov Skrebets, die alternierend die Rolle der Gilda übernehmen. Am Premierenabend wird  Lubov Skrebets die Gilda singen. Minseok Kim schlüpft in die Rolle des Duca von Mantua  und Anton Keremidtchiev wird Rigoletto singen.

Die Oper gilt als das erste Meisterwerk Verdis und begründete dessen Weltruhm. Die Tragödie um Rigoletto und dessen Tochter Gilda erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit, was nicht zuletzt an vielen eingängigen Melodien wie „La donna è mobile“ liegt. Die Geschichte um Liebe und Hass, Vergeltung und Verfluchung wurde von Regisseur Lothar Krause in die Mafia-Szene der 1920er Jahre hineinversetzt, Annette Mahlendorf hat die passenden Kostüme dazu entworfen. Mit Walter E. Gugerbauer steht ein erfahrener Dirigent am Pult, der Rigoletto schon an vielen Häusern dirigiert hat. Die Inszenierung wartet mit einer großen Herren-Chorbesetzung von 19 Sängern auf. Für Rigoletto wurden insgesamt nur acht Aufführungstermine angesetzt – auch das macht diese Inszenierung zu einer Kostbarkeit.

Theater Hof / Rigoletto - Anton Keremidtchiev als Rigoletto und Lubov Skrebets als seine Tochter Gilda © Theater Hof / Harald Dietz

Theater Hof / Rigoletto – Anton Keremidtchiev als Rigoletto und Lubov Skrebets als seine Tochter Gilda © Theater Hof / Harald Dietz

Termine: Samstag, 22. September (Premiere), 29. September, 3. Oktober, 7. Oktober, 12. Oktober, 3. November, 11. November (18 Uhr), 2. Dezember 2018

—| Pressemeldung Theater Hof |—

Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Cosi fan tutte – W A Mozart, IOCO Kritik, 11.09.2018

September 11, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

COSI FAN TUTTE  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Wenn die Monster kommen! – Ein Appell an die Naivität 

Von Patrik Klein

Im Libretto der Oper Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart steckt scheinbar viel Seelenlosigkeit und Unlogik: Warum erkennen die Frauen ihre neuen Liebhaber nicht als ihre eigenen Ehemänner? Doch Mozart nahm den Text von Lorenzo Da Ponte positiv an und vertonte ihn in seiner genialen Art zu einem musikalischen Meisterwerk.
Mit Mut zur Phantasie versuchte das Regieteam um Herbert Fritsch (Regisseur, Schauspieler und Medienkünstler) das Stück mit Humor, Farbenfreude und ohne klare Interpretationsdeutungen zu erzählen. Musikalisch gelang eine recht geschlossene Produktion auf durchweg hohem Niveau.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

 Così fan tutte  („ossia La scuola degli amanti“, „So machen es alle oder Die Schule der Liebenden“) ist eine Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Wie der Auftrag zur Oper Così fan tutte an Mozart gelangte, ist unklar. Das Werk ist nach Le nozze di Figaro und Don Giovanni die letzte der drei Buffa-Opern, die Mozart auf einen Text von Lorenzo Da Ponte schrieb. Mozart begann mit der Komposition im Herbst des Jahres 1789. Zu Silvester des Jahres 1789 veranstaltete Mozart in seiner Wohnung eine Probe, bei der er Teile der Komposition mehreren Freunden und Bekannten, unter ihnen Joseph Haydn, vorspielte. Uraufgeführt wurde die Oper am 26. Januar 1790 im „alten“ Wiener Burgtheater am Michaelerplatz.
Die Wiener Zeitung vom 30. Januar 1790 vermeldete die Uraufführung ohne Wertung, während der Wiener Korrespondent des Weimarer Journal des Luxus und der Moden im März 1790 positiv bemerkte: „Ich kündige ihnen wieder ein vortreffliches Werk von Mozart an, das unser Theater erhalten hat. Von der Musik ist, glaube ich, alles gesagt, dass sie von Mozart ist.

Wolfgang A Mozart © IOCO

Wolfgang A Mozart © IOCO

Così fan tutte war lange Zeit umstritten. Schon kurz nach Mozarts Tod wurde Kritik am angeblich albernen und unmoralischen Textbuch geübt. Abfällige Äußerungen sind unter anderem von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner überliefert. Im 19. Jahrhundert wurde Così fan tutte häufig in stark veränderten Bearbeitungen aufgeführt, teilweise wurde Mozarts Musik sogar ein völlig neuer Text unterlegt. Erst im 20. Jahrhundert wurde Così fan tutte als gleichberechtigtes Meisterwerk neben Le nozze di Figaro und Don Giovanni akzeptiert.

Die Handlung  – Erster Akt
Die Oper spielt im Neapel des 18. Jahrhunderts. Die jungen Offiziere Ferrando (Dovlet Nurgeldiyev, Tenor) und Guglielmo (Kartal Karagedik, Bariton) rühmen sich, dass die beiden aus Ferrara stammenden Schwestern Dorabella (Ida Aldrian für die erkrankte Stephanie Laurioella, Mezzosopran) und Fiordiligi (Maria Bengtsson, Sopran), die sie über alles lieben, ihnen niemals untreu werden könnten. Don Alfonso (Pietro Spagnoli, Bass), ein zynischer Mann von Welt, hat aber seine eigenen einschlägigen Erfahrungen und bietet darum Ferrando und Guglielmo ob ihrer Überzeugung eine Wette an. Beide gehen siegessicher darauf ein.

Währenddessen schwärmen sich die Frauen im Garten des Hauses gegenseitig von der unzerbrechlichen Liebe ihrer Partner vor, bis Don Alfonso scheinbar völlig aufgelöst hinzukommt und ihnen mitteilt, dass Ferrando und Guglielmo auf Geheiß des Königs in den Krieg ziehen müssen. In der folgenden Abschiedsszene besteigen die Männer, nun in Kriegsmontur, schließlich ein Schiff, besetzt von als Soldaten verkleideten Dorfbewohnern. Despina (Sylvia Schwartz, Sopran), das Hausmädchen und rechte Hand von Alfonso, versucht, Dorabella und Fiordiligi mit weisen Ratschlägen und Ansichten über Männertreue – insbesondere bei Soldaten – auf andere Gedanken zu bringen. Schon wenig später kehren Ferrando und Guglielmo, verkleidet als fremdländische Adlige, ins Haus zurück, wo sie auch sogleich beginnen, die Braut des jeweils anderen zu umschwärmen. Heftig zurückgewiesen, täuschen die beiden exotischen Gestalten ihren Selbstmord durch Gift vor und werden vom eilig herbeigerufenen Doktor (in Wirklichkeit die verkleidete Despina) in einer Parodie auf die Methoden des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer „geheilt“. Die weitere, mitleidige Fürsorge wird in die Hände von Fiordiligi und Dorabella gelegt. Als die vermeintlichen Selbstmörder erwachen, fordern sie erneut einen Kuss und werden wieder abgewiesen.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Zweiter Akt
Despina erklärt den Schwestern, dass man Liebe und Treue nicht so wichtig nehmen darf. Doch die Herzen der beiden Mädchen sind schon längst erweicht für die Fremden. In romantischer Atmosphäre „fällt“ zunächst Dorabella. Fiordiligi aber folgt noch ihren Gefühlen und beschließt, ihrem Guglielmo in den Krieg nachzuziehen. Sie wird aufgehalten von Ferrando. Er droht, sich zu töten, falls sie ihn nicht erhöre. Da gesteht sie ihm ihre Liebe. Eine Doppelhochzeit wird vorbereitet. Nachdem die Frauen den Ehevertrag unterschrieben haben, erklingt hinter der Bühne der Militärmarsch, der die „Heimkehr“ der Soldaten verkündet. Die verkleideten Ehegatten verlassen heimlich das Zimmer und kommen wieder, nun als Guglielmo und Ferrando. Voller zwiespältiger Freude werden die Männer in die Arme genommen. Don Alfonso spielt den angeblich Heimgekehrten den soeben besiegelten Ehevertrag zu, es kommt zu einer großen Eifersuchtsszene. Die beiden Frauen gestehen zerknirscht ihre Untreue, Ferrando und Guglielmo jedoch, die die Wette mit Alfonso verloren haben, decken ihrerseits den unfairen Schwindel auf. Alfonso befiehlt den vier jungen Menschen, einander zu umarmen und zu schweigen. Despina ist verwirrt und beschämt, dass Don Alfonso sie benutzt hat, tröstet sich aber damit, dass sie es mit vielen anderen genauso macht. Am Ende steht ein Loblied in C-Dur: „Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt und trotz der Wechselfälle des Lebens, über die er lacht, die Ruhe bewahrt.

Die Ouvertüre der Oper erklingt in mäßigem Tempo vor noch verschlossenem Vorhang. Ein farbiger geometrischer Körper schütz den Souffleurkasten und lässt bereits jetzt auf die zu erwartende Farbenvielfalt schließen. Sébastian Rouland, amtierender Generalmusikdirektor am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken lässt Mozarts Musik luftig, transparent und gefühlvoll erklingen. Als sich der Vorhang öffnet, erblickt man bühnenmittig ein einsames aufgeklapptes Cembalo auf dem sich wie ferngesteuert die Tasten bewegen, die auch auf dem Instrument im Graben tatsächlich gespielt werden. Etliche verschiedene geometrische Körper liegen auf der Bühne. Die Spielfläche ist zu einem optimalen akustischen Raum aufgebaut mit ihn aufteilenden Kulissen aus lackartig glänzenden Flächen, die in den Grundfarben Rot, Grün und Blau und im Laufe des Abends in immer wieder wechselnden komplementären Farben angeleuchtet werden. An der Decke hängt ein übergroßer halbrunder Kronleuchter, der mal als schickes farbiges Beleuchtungsutensil, aber später auch mal als rotierender Diskothekenkristall genutzt wird.

Die drei erstauftretenden Herren stecken in schillernden, fast absurd anmutenden Kostümen von Victoria Behr, die 2013 von der „Opernwelt“ als Kostümbildnerin des Jahres gewählt wurde. Im Laufe des Abends wird schnell klar, dass sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnte. Guglielmo steckt in knallblauer, Ferrando in clownesquer, gelber Uniform und Don Alfonso sieht beinahe aus wie ein Schaffner der Deutschen Bahn in grellem Rot. Beim Terzett der drei Protagonisten wird gehüpft, gesprungen, gezappelt und wild gestikuliert. Alles wirkt ein wenig überzogen und übertrieben. Unweigerlich stellt man sich die Frage: Ist das komisch, burleske Komödie oder gar Klamauk? Die beiden Damen Fiordiligi und Dorabella werden im Hintergrund auf querlaufenden Bändern in die Bühnenmitte gezogen und treten zu den drei Herren dazu. Auch sie stecken in knallbunten blau bzw. ockerfarbenen, fast grotesk anmutenden Kostümen mit Perücken aus barocker Zeit und krassen, übergroßen Hüten. Bei der Verwandlung des Gartens am Meeresstrand erlebt man immer wieder wechselnde Farbspiele der Kulissen, die die Geschehnisse in der Bühnenmitte in das Auge des Betrachters mit ziemlich anstrengend wirkenden Spiegeleffekte tauchen. Die Beleuchter der Staatsoper haben an diesem Abend Hochbetrieb.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Bei der ersten Arie des Abends entsteigt Don Alfonso aus dem Souffleurkasten und verkündet den Damen in raffinierter Weise seine Absichten. Pietro Spagnoli, international gefeierter Sänger, der bereits 2002 an der Hamburgischen Staatsoper die Partie inne hatte, sang mit fein artikulierter Stimme und sehr guter Diktion, wenig Schwärze und vor Allem mit einer geradezu tenoraler Farbe, dass man ihm den „Strippenzieher“ des Abends gerne abnahm. Beim anschließenden Quintett der bisher erschienenen Figuren wird musikalisch das hohe Niveau deutlich, einerseits durch den technisch und damit akustisch idealen Bühnenkasten und andererseits durch das herrlich harmonierende Solistenensemble. Beim dauernden Farbwechsel und Spiegelbildbombardement tritt nun erstmalig der 40köpfige, also etwa zu halber Normalstärke eingedampfte Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) auf und untermalt optisch als auch musikalisch die Treueschwüre der beiden zu prüfenden Schwestern. Giftgrüne, gesichtslose und behelmte Chormitglieder singen sehr transparent, äußerst präzise artikulierend und wohlklingend vom schönen Soldatenleben im „Swing-Rhythmus“.

Beim Terzett „Weht leise ihr Winde“ verabschieden sich die beiden Herren mit wippenden Walzerrhythmen vor giftgrünem Chor, der sich nun auch in der Bühnendecke lackspiegelt. Dazu ein braves „Winke Winke“ der betroffenen Damen, die wieder auf den Rollbändern ins Off gefahren werden.
Endlich erscheint nun auch des Don Alfonsos Zofe Despina, die ausschaut wie eine aufgeplatzte Tomate mit herausragendem Deoroller als Kopf, in milieuverdächtigen lackschwarzen Stiefeln steckend. „Aus gleichem Holze sind die Männer…“ singt Sylvia Schwartz, international erfahrene spanische Sopranistin, in schöner „mozärtlicher“ Manier mit feiner Stimme, guter Phrasierung, glasklaren Höhen und samtigem, leicht abgedunkelten Timbre.

Ida Aldrian als Dorabella rettete die Premiere indem sie für die erkrankte Stephanie Laurioella einsprang. Kurz vor der Generalprobe musste sie sich in die seit acht Wochen geprobte Produktion einfinden. In dieser konnte sie bereits bis zur Mitte des ersten Aktes spielen und singen. Ab diesem Zeitpunkt sang sie weiter von der Seite zum Spiel des nun in ihren Kleidern steckenden Spielleiters. Wer diese Generalprobe miterleben konnte genoss hier ein zusätzliches Humorpotential. Es blieben nur noch zwei weitere Tage, um den „Rest“ der Rolle zu lernen. Die Arie „Furchtbare Qualen ihr…“ sang die österreichische Mezzosopranistin, die von 2012/13 bis 2014/15 Mitglied im Internationalen Opernstudio der Staatsoper Hamburg war und ab der Spielzeit 2019/20 festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg wird, ganz im Sinne Mozarts mit feiner noch etwas kleiner, zärtlicher Stimme, die mit dem schön dunkel gefärbten Timbre verführerisch klang.

„Wie der Felsen, der ohne Schranken…“ singt Maria Bengtsson als Fiordiligi in zu Herzen gehender Art und Weise. Die international bekannte Schwedin, die bereits erfolgreich an den großen Bühnen Europas sang, ist dem Hamburger Publikum bestens bekannt, als sie in der vergangenen Saison die Sopranpartie im Verdi  Requiem gab. Sie konnte auch an diesem Premierenabend mit ihrer Stimme mehr als überzeugen, ja sogar begeistern. Ihre Interpretation und Darstellung der Partie ist herausragend, wenn sie ihren feinen und samtigen Sopran mit ganz leicht dunkler Färbung für ihre berührenden Koloraturen erklingen lässt. Sie überzeugt in allen Facetten ihrer Gesangs- und Schauspielkunst.
Endlich erscheinen die beiden „verkleideten“ Offiziere Ferrando und Guglielmo. Zwei zottelige Wesen huschen auf die Bühne, die wie Monster aus einem Horrorfilm anmuten. Mozarts Text hingegen fragt nach „Sind es Walachen oder Türken?“. Nein, es sind hier bei Herbert Fritsch absurde „Zottelmonster“ mit allerdings freigelegten Gesichtszügen. Können oder sollten die beiden Damen sie denn nun doch nicht erkennen? Oder wollen sie sie vielleicht gar nicht erkennen?

Kartal Karagedik singt die Arie des Guglielmo „O seid nicht so spröde…“ äußerst fein akzentuiert, mit überzeugender Technik und schön phrasierend. Seit 2015 ist er nun Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg und hat seine Baritonstimme klug und erfolgreich weiterentwickelt. Man darf sehr gespannt auf seine weitere Entwicklung sein.
Es folgt die Arie des Ferrando „Der Odem der Liebe…“, die der aus Turkmenistan stammende und seit vielen Jahren im Ensemble der Staatsoper Hamburg singende, international erfahrene Künstler Dovlet Nurgeldiyev berührend gestaltet. Seine für Mozart Opern nahezu perfekte Stimmführung erinnert immer wieder an den jungen Fritz Wunderlich. Ganz selbstverständlich klingt alles ganz leicht von Innen herausströmend legato, sowohl die präzisen Töne als auch die unter die Haut gehenden Phrasierungen und Färbungen. Spielend leicht kommen die Spitzentöne wie zusätzliche Farbtupfer in der eh schon knallbunten Inszenierung. Entsprechend heftig ist am Ende des langen Abends auch sein Schlussbeifall.

Das Finale des ersten Aktes erinnert immer deutlicher an Slapstick. Die Zottelmonster mit roten Pfoten wirbeln so lange herum, bis die ins Auge gefassten Damen langsam erweichen und der mittlerweile im schwarzen Flatterkostüm steckende Arzt alias Despina erscheint, der die scheinbar vergifteten langhaarigen Buhler retten muss. Das finale Sextett dann mehr oder weniger an der Rampe im wippenden Takt mit überdeutlichen Bewegungen und Gesten: „Das Komischste ist dieser Zorn und diese Welt?“

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Der zweite Akt beginnt mit MozartsKleiner Nachtmusik“ auf dem Cembalo gespielt mit rotierendem Diskothekenkronleuchter. Es geht in der Manier des ersten Aktes einfach so weiter. Sind die Damen nun wirklich so leicht zu überwinden oder tun sie nur so? Wir wissen es nicht und werden es in dieser Inszenierung auch nicht erfahren. Mit gefühlt tausendfachen Farb- und Bildwechseln, wild überzogenen und übertriebenen Gesten, zum Teil irren Spiegelungseffekten und Kulissenwandlungen geht die Handlung denn doch meist nur als „Rampentheater“ in die Schlussphase, in der alles auffliegt und die Frauen

irgendwie „alt aussehen“. Man kandiert über die untreue Damenwelt Così fan tutte…So machen es ALLE. „Alles schilt auf die Weiber, doch ich verzeihe“  klingt es aus dem Halse Don Alfonsos, der als „Betrüger“ an den Pranger gestellt wird. Ein scheinbares „Happy End“ mit Vorbelastung. Zum Ende gibt es noch einmal grelle Farbenpracht mit sechs Darstellen, die an der Rampe fleißig hampeln.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

 Das Publikum in der Staatsoper Hamburg spendet insgesamt freundlichen Applaus. Zustimmung erhalten alle Solisten, der Chor und das Orchester der Staatsoper Hamburg. Für die Regie teilten sich die Reaktionen in zwei Lager: Für die einen war es die witzigste und schönste Komödie des Jahres und für die anderen ein „Albtraum in Technicolor“.

Cosi fan tutte an der Staatsoper Hamburg: Weitere Termine: 8.9., 12.9., 16.9., 18.9., 23.9., 26.9., 29.9.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

 

Hildesheim, TfN, Johanna auf dem Scheiterhaufen – Arthur Honegger, 23. – 24.6.2018

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

 Oratorium – Johanna auf dem Scheiterhaufen  

Geballte Chor-Power

Beim 5. und letzten Sinfoniekonzert der Spielzeit 2017/18 steht Arthur Honeggers dramatisches Oratorium Johanna auf dem Scheiterhaufen auf dem Programm. Neben Ensemblemitgliedern aus den Sparten Schauspiel und Musiktheater stehen am 23. und 24. Juni alle Chöre des TfN vereint auf der Großen Bühne.

Das Dramatische Oratorium Johanna auf dem Scheiterhaufen von Arthur Honegger und Paul Claudel ist eine spannende Mischung aus Oper, Oratorium und Schauspiel. Am 23. und 24. Juni 2018 ist das Stück im Rahmen des 5. Sinfoniekonzertes zwei Mal im Theater für Niedersachsen zu erleben. Honeggers 1938 uraufgeführtes Oratorium zeichnet das Leben der Johanna von Orleans in elf Szenen nach, von ihrer göttlichen Berufung bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen. Musikalisch verknüpfen Wiederholungen und Variationen einiger charakteristischer Themen und Motive die teils fiktiven, teils historischen Szenen und ziehen sich durch die gesamte Komposition. Honegger bedient sich stilistisch sowohl Elementen der Folklore, dem choralen Kirchengesang, aber auch die Jazzmusik der 1935er Jahre wird teilweise parodiert. Das Einzigartige an diesem Werk ist, dass die Hauptrollen nicht gesungen, sondern von Schauspielern gesprochen werden.

Jean d´Arc Denkmal © IOCO

Jean d´Arc Denkmal © IOCO

Aus dem Schauspielensemble des TfN sind Simone Mende als Jeanne d’Arc und Marek Egert als Frére Dominique zu hören. Die Gesangspartien werden von Meike Hartmann, Antonia Radneva, Neele Kramer, Konstantinos Klironomos, Uwe Tobias Hieronimi und Levente György zu erleben. Geleitet wird das Konzert vom stellvertretenden Generalmusikdirektor Achim Falkenhausen, der als Chordirektor auch die Einstudierung aller TfN-Chöre übernommen hat. Und es sind tatsächlich alle Chöre des Hildesheimer Theaters an dem Oratorium beteiligt – Opernchor, Kinderchor und Jugendchor sowie der Symphonische Chor Hildesheim. Insgesamt erwarten 185 Sängerinnen und Sänger das Publikum.

Im Vorfeld des Konzertes findet im F1 um 18.20 Uhr wieder „Auftakt – das Konzert-Gespräch“ statt. Im Gespräch mit Dramaturg Maximilian Hagemeyer geben Mitwirkende des Abends einen ersten Ausblick auf das erklingende Konzert.

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

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