Dresden, Semperoper, 6. Symphoniekonzert zum Gedenken an die Zerstörung 1945, IOCO

Dresden, Semperoper, 6. Symphoniekonzert zum Gedenken an die Zerstörung 1945, IOCO
Staatskapelle Dresden, Daniel Gatti © Oliver Killig

13. Februar 2026 

Daniele Gatti dirigierte Werke von Strawinsky und Bruckner

Nachdem am Beginn des neuen Jahres mit dem Abschluss der Rekonstruktion der Ballsäle des Dresdner Barockschlosses die letzten materiellen Wunden des Terrorangriffs vom Februar des Jahres 1945 geschlossen waren, scheint es angebracht, zu überlegen, ob diese Art des Gedenkens noch zeitgemäß ist.

Auch in unserer Familie, obwohl die jährlichen Konzerte an den 13. Februar-Abenden immer einen hohen Stellenwert besessen haben, gibt es Überlegungen. Die Erzählungen meiner Frau, die als fast Sechsjährige mit Mutter, Großmutter und jüngerer Schwester an besagtem Abend des Jahres 1945 durch das brennende Dresden laufen musste, nachdem sie vorher aus dem Keller des zerbombten Wohnhauses gerettet worden waren, sind dank Therapien und der inzwischen vergangenen Zeit weniger emotional. An die Opfer in der Familie kann sich kaum jemand erinnern. Auch bin ich inzwischen der Einzige in der Familie, der den  Großcousin noch gekannt hat, der auf Kreta standrechtlich erschossen worden war, weil er das Scheitern des Hitler-Attentats im engen Kameradenkreis bedauert hatte.

Es wird kaum noch diskutiert, ob bei den Luftangriffen 25 Tausend Menschen umgekommen waren oder ob es doch deutlich mehr Tote gegeben habe. Über den im Februar des Jahres 1945 mutmaßlichen Kernwaffeneinsatz wird kaum noch nachgedacht. Der Ersteinsatz ist ohnehin auch fernöstlicher wahr geworden.

Wie die überlebten Einwohner ihr Dasein nach den Angriffen organisierten und mit welchen Kniffen sie ihre kümmerliche Ernährung in der Folgezeit sicherten, ist inzwischen zur Anekdote geworden.

Während technisch-technologische Entwicklung neben dem Wiederaufbau de Stadt in den vergangenen acht Jahrzehnten das Leben in Dresden für die meisten Menschen in der Stadt angenehmer und reicher gestalteten, haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen durch die Entwicklung in der Welt wieder verdüstert. Gehäuft haben viele ältere Dresdner das Gefühl, dass sie sich zurzeit des kalten Krieges sicherer gefühlt hatten, als derzeitig. Die nach dem zweiten Weltkrieg geschaffenen zwischenstaatlichen Strukturen verlieren zunehmend ihre Bedeutung und die Chancen der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind vertan worden. Man erlebt den Eindruck, dass die herrschenden Eliten dank fehlender Phantasie und mangels eigener Erfahrungen eigentlich überholte Mechanismen der Politik inzwischen weltweit haben auferstehen lassen. Deshalb sollte das Konzert am 13. Februar 2026 neben der Erinnerung vor allem der Mahnung vor gefährlichen Entwicklungen dienen.

In diesem Jahr gehörte das Konzertprogramm Igor Strawinsky (1882-1971) und Anton Bruckner (1824-1896).

Igor Strawinsky hatte seine Messe für gemischten Chor und doppelten Bläserquintett zwischen den Jahren 1944 und 1948 in der Mitte seines siebten Lebensjahrzehnts komponiert. Der kriegsbedingten Wirren in Frankreich wegen, war er 1940 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. An das Leben in Frankreich gewohnt, war die Übersiedelung für den 58-Jährigen schwierig, auch wenn nach der Eheschließung mit seiner zweiten Frau Vera Soudeikina de Bosset (1889-1982) diese ihm mit unermüdlichen Bemühungen sein Wohlergehen und die nötige Ruhe zum Komponieren sicherte.

Der in der Nähe von Petersburg geborene Igor war in der Tradition der russisch-orthodoxen Kirche aufgewachsen ohne eine besonders religiöse Erziehung zu erleben. Wie tief seine Religiosität reichte, ist schwer zu sagen. Seine liturgischen Werke sind in den meisten Fällen in Verbindung mit persönlichen Krisen entstanden und umfassten Elemente unterschiedlichster Traditionen. Es gibt keinen Ansatz, dass die Messe ein Glaubensbekenntnis Strawinskys war. Wir müssen uns auf seine Erzählung verlassen, dass er vom Studium einiger Messe-Partituren Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) so beeindruckt war, dass er etwas vergleichbares, aber auf seine Art, probieren wollte. Da aber die orthodoxe Kirche instrumentale Begleitung in der Kirchenmusik untersagte, komponierte er eine katholische Messe.

Staatskapelle Dresden, Daniel Gatti © Oliver Killig

Bereits nach dem Kyrie wurde erkennbar, dass wir mit der Interpretation Daniele Gattis eine eher deklamatorische Aufführung erleben werden. Kühl, zum Teil fremd wirkend, wurde der liturgische Text vom Staatsopernchor mit großer Leichtigkeit und Klarheit vorgetragen. Neben dem von Jan Hoffmann exzellent vorbereitetem Chor standen Daniele Gatti mit der Sopranistin Eunjung Kwak, der Altistin Brynne McLeod, dem Tenor Alexander Schafft sowie dem Bassisten Holger Steinert gut miteinander abgestimmte Solisten zur Verfügung. Dem ausschließlich aus Bläsern bestehendem Orchester hatte Gatti eine sängerische, nahezu vokale Funktion überantwortet. So war besonders im Sanctus mit dem Zusammenwirken der Solisten, dem Chor und den Orchestermusikern trotz der reduzierten Mittel ein außergewöhnlich durchsichtiges Klangbild entstanden.

Dem Eike hätte das gewiss gefallen. Wir hatten unseren Konzertbesuch dem Andenken des am 2. Februar verstorbenen Gründers und langjährigem Chefredakteurs der Internetpublikation IOCO.de Viktor Jarosch, genannte Eike, gewidmet. Wir haben ihm unendlich viel Gutes zu verdanken.

Im zweiten Teil des Konzertes dirigierte Daniele Gatti Anton Bruckners neunte Symphonie d-Moll.

Mit der Arbeit an der neunten Symphonie begann Anton Bruckner im August des Jahres 1887 unmittelbar nach der Beendigung seiner 8. Symphonie. Seine zunehmende Herzschwäche und die Diabetes -Erkrankung signalisierten ihm, dass nicht viel Zeit verbleiben würde, sein symphonisches Schaffen mit diesem Werk abrunden zu können. Nachdem seine öffentlichen Ämter schrittweise komplett zurückgelegt waren, arbeite er unermüdlich an der Komposition. Auch wenn er mehrfach durch von Außen veranlasste Revisionen älterer Partituren sowie mit der Arbeit an zwei chorsymphonischen Werken unterbrochen wurde, vollendete er die drei ersten Sätze im Jahre 1894.

Trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen hätten Bruckner die verbliebenen zwei Lebensjahre eine Vervollkommnung seines symphonischen Schaffens ermöglicht. Aber seine Ansprüche waren ausgeprägter und die Ziele für einen Finalsatz waren höher, so dass die Lebenskraft vor dessen Vollendung versiegte. Von dem von Bruckner begonnenem vierten Finalsatz sind nach seinem Tode mehr als 500 Takte in Skizzen  und Entwürfen aufgefunden worden, von denen 172 Takte vollständig bzw. 200 Takte zum Teil orchestriert waren. Der Schluss des Finales, das Ziel und der Höhepunkt des Gesamtwerkes, fehlte allerdings vollständig.

Nicht verwunderlich, dass es zahlreiche Versuche gab, mit Hilfe der hinterlassenen Relikte einen Bruckner-adäquaten Finalsatz seiner neunten Symphonie zu schaffen. Oft werden im Konzertbetrieb die drei authentischen Sätze der Symphonie mit der Aufführung seines Te Deum ergänzt.

Staatskapelle Dresden, Daniel Gatti © Oliver Killig

Daniele Gatti verzichtete auf eine effektvolle Interpretation der Symphonie Nr. 9 und dirigierte nach der mysteriösen Eröffnung durch die Blechbläser das wuchtige Hauptthema des ersten Satzes fast schroff. Wohlüberlegt staffelte der Dirigent die Höhepunkte mit dem Orchester, wie es nur Klangkörper vom Range der Dresdner Staatskapelle können. Gekonnt glättete Gatti formale Brüche mit organischen Tempofreiheiten und ließ sich von seinem intuitiven Formgespür leiten. Zitate aus früheren Symphonien blitzten auf und der Satz Feierlich, misterioso enthielt dann bereits Elemente, die bei Bruckner ansonsten dem Finale überlassen bleiben.

Das Scherzo mit dem markanten Paukenmotiv dirigierte Gatti drängend und mit straffen Tempi, so dass der Volkstanz zu einem Totentanz wurde. Zugleich hörte sich das an, als lachte Bruckner mit seiner Partitur etwas hämisch über das Unverständnis, das ihm von der Welt angetan worden war.

Umso brillanter traten dann im abschließendem Adagio die Klangschönheiten des Orchesters hervor. Selbstzitate aus der d-Moll-Messe, die Verbindungen zu den Tristan- und Parsifal-Motiven des ersten Satzes weckten eine unendliche Sehnsucht nach Ruhe und einem Abschluss. Doch Gattis übersinnliche Klangdispositionen, Übergänge und Stimmenbalancen ließen mit ihrer überirdischen Schönheit kaum Entwicklungen von Verzweiflung, Niedergeschlagenheiten oder Todesängsten zu.

Dank seines hervorragend durchdachten Dirigats war das Adagio nicht nur ein würdiger, schlüssiger Abschluss des Konzertes, sondern sicherte ihm die Erhabenheit des Anlasses .

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