Dresden, Kulturpalast, Dresdner Philharmonie, IOCO
7. Februar 2026
Nicholas Collon dirigiert Lili Boulanger, Francis Poulenc und Carl Nielsen
Drei Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich mit ihren Werken von vorangegangenen Ausdrucksformen lösen, nach neuen Wegen suchen und damit auf unterschiedliche Weise in die Moderne führen.
Mit dem frischen D´un matin de printemps von Lili Boulanger (1893 – 1918) wird der heutige Konzertabend eröffnet. Das kurze Stück beschreibt die Schönheit eines Frühlingsmorgens. Wunderbar empfindsam instrumentiert, musikalisch nur kurz eingetrübt, weckt es die Freude auf den neuen Tag.
Lili Boulanger wächst in einer bekannten Musikerfamilie auf. Da die Eltern ein offenes Haus für Pariser Künstler unterhalten, lernt Lili früh Persönlichkeiten wie Charles Gounod, Jules Massenet und Camille Saint-Saëns kennen. Privat musikalisch vielseitig ausgebildet, schon als Fünfjährige begleitet sie die Schwester zum Unterricht ins Pariser Conservatoire, durch Kompositionsunterricht bei Gabriel Fauré und Begegnungen mit Charles Koechlin und Maurice Ravel wächst in ihr der Wunsch, Komponistin zu werden. Ihr großes Vorbild ist für sie ist die ältere Schwester Nadia. Doch diese wehrt ab und sagt später: „Ich habe kein Talent. Meine Schwester Lili, das war die Komponistin“. Lili Boulanger ist die erste Frau, die 1913 mit ihrer Kantate Faust et Hélène den begehrten Prix de Rome gewinnt – ein Schock für die von Männern beherrschte Musikwelt. Claude Debussy dagegen schreibt begeistert: „Lili Boulanger ist erst 19 Jahre alt. Ihre Erfahrung in den verschiedenen Disziplinen des Tonsatzes übertrifft jedoch ihre Jahre“. Nur fünf Jahre später stirbt sie nach einer langjährigen, chronischen Erkrankung im Alter von 24 Jahren. Trotzdem hinterlässt sie mehr als fünfzig Kompositionen, die sich auszeichnen durch eine „… glückliche Vorliebe für durchsichtige Melodien, eine bewundernswerte Natürlichkeit im Ausdruck leidenschaftlicher Gefühle und eine starke gestalterische Kraft“ (ein Kritiker der Le Monde Musical). Von Fauré und Debussy beeinflusst, trifft Lili Boulanger in ihrer Musik einen eigenen Ton – sie baut eine Brücke von den Impressionisten zur Moderne. Kurz vor ihrem Tod schreibt sie 1917/1918 zwei gegensätzliche Werke, beide zunächst als Kammermusik konzipiert, doch kurz darauf für großes Orchester instrumentiert: das lebensfrohe D´un matin de printemps (An einem Frühlingsmorgen) und das schwermütige D´un soir triste (An einem traurigen Abend), Ausdruck von Glück und Unglück ihres Lebens.

Francis Poulenc (1899 – 1963) gilt als ein wichtiger Komponist des Übergangs von Richard Wagner und den Impressionisten Claude Debussy und Maurice Ravel zur melodisch geprägten Moderne, zum Neoklassizismus eines Igor Strawinsky. Ein von Erik Satie inspirierter loser Freundeskreis von Musikern, zu dem neben Poulenc auch Arthur Honegger und Darius Milhaud gehören, bekommt 1920 durch zwei Artikel des Journalisten Collet den Namen Les Six. Der dieser Gruppe nahestehende Jean Cocteau formuliert als ihr Wortführer deren Ziele: „…was wir brauchen, ist Musik, die auf Erden zu Hause ist, eine Musik für alle Tage … vollendet rein, ohne überflüssiges Ornament“. Simplicité, Clarté et elégance! Dabei geht jedes Mitglied kompositorisch seinen eigenen Weg. Schon Ende der 1920er Jahre zerfällt die Gruppe als produktive Einheit. Poulenc, der in seiner Jugend, besonders gefördert durch die Mutter, einen hervorragenden Klavierunterricht erhält, einige Theorie- und Kompositionsstunden bei Charles Koechlin besucht, aber nie ein umfassendes Studium an einem Konservatorium absolviert, gilt zunächst als Autodidakt, als geistreich und witzig, als spielerischer Nachahmer von Vorbildern der ernsten Musik, des Jazz und des Varietés, als Komponist unterhaltsamer, charmanter Musik, die man nicht so ernst nehmen sollte. Das erweist sich schnell als Irrtum, wenn man die große Bandbreite des Schaffens von Francis Poulenc betrachtet. Neben vergnüglichen Werken wie dem Ballett Les Biches umfasst es zutiefst religiöse Kompositionen wie das Stabat mater, Solokonzerte mit Orchester wie das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke, Filmmusiken, Kammer- und Vokalmusik, drei Opern, von denen Dialogues des Carmélites, komponiert für die Mailänder Scala, als ein Höhepunkt der Oper im 20. Jahrhundert gilt.
Der französische Musikkritiker Claude Rostand bezeichnete Poulenc einmal als eine verwegene Mischung zwischen „Mönch und Lausbub“. Genau diese Mischung finden wir im Konzert für Orgel, Streicher und Pauke g – Moll FP 93 wieder. Die Komposition ist für eine große Orgel konzipiert, mit deutlichen Bezügen zu den Orgelwerken von Buxtehude und Bach. Mit Anklängen an dessen Fantasie g – Moll BWV 542 beginnt und endet das Konzert in einem großen Satz. Im Verlauf der sieben Satzabschnitte wechseln Klänge aus den Pariser Vergnügungsetablissements mit Zitaten, die an Tschaikowski und Strawinsky erinnern bis hin zur Leierkastenimitation – ein Widerspiegeln des Lebens mit seinem ständigen Wechsel zwischen Ernst und Spaß, zwischen emotionaler Tiefe und sorgloser Heiterkeit. Es ist Musik, die mal expressiv, kraftvoll aufbrausend, mal in sich gekehrt, kreativ die breite Palette der Emotionen voll auskostet. Dabei sorgt die originelle Orchesterbesetzung für bisher ungehörte Klänge. Der plötzliche Tod seines Freundes und der nahende Zweite Weltkrieg werden das Werk entscheidend beeinflusst haben. Dem Hörer empfiehlt Poulenc: „Analysieren Sie meine Musik nicht – lieben Sie sie!“

Anfangs hatte Poulenc mit der Orgel wenig im Sinn. Doch 1936 bekommt er den Auftrag für die Komposition eines Orgelkonzerts von der Princesse de Polignac, gebürtige Winnaretta Singer und Erbin des amerikanischen Singer – Nähmaschinenimperiums, für die prachtvolle Caivallé – Orgel in ihrem Haus. Der von ihr in Paris geführte Musikalische Salon ist ein Treffpunkt der bedeutendsten Künstler Frankreichs. Als Poulenc 1938 seine Arbeit abschließt, schreibt er an die Princesse: „Endlich erhalten Sie Ihr Konzert. … niemals seit ich Musik schreibe, habe ich solche Probleme gehabt, meine Ausdrucksmittel zu finden“. Die Uraufführung findet im Palais Polignac mit dem Solisten Maurice Duruflé unter Leitung von Nadia Boulanger (Dirigentin, Komponistin, Pädagogin und ältere Schwester der Lili Boulanger!) statt. Ein halbes Jahr später folgt die öffentliche Erstaufführung mit Duruflé und dem Orchestre symphonique de Paris unter Roger Désomière im Salle Gaveau. Die Reaktion des Publikums ist enttäuschend. „Die Franzosen hassen die Orgel!“ (Francis Poulenc).
Heute gehört das innovative, experimentierfreudige Konzert zu den in aller Welt meist aufgeführten Werken des Komponisten.
Die Britin Anna Lapwood, Member of the Order oft he British Empire, ist eine in allen Musikzentren der Welt hochgeschätzte Konzertorganistin. Sie ist zurzeit Organistin der Royal Albert Hall, Palastorganistin in Dresden, Dirigentin, Moderatorin im Radio, im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken – mit ihr hat das Werk eine ideale Interpretin gefunden. Wie ein Wirbelwind fegt sie auf das Podium, als könne sie es nicht erwarten, endlich zu musizieren. Mit ihrer lockeren Anmoderation findet sie sofort den Kontakt zum Publikum. Temperamentvoll, anmutig, musikalisch voller Hingabe und technisch brillant sorgt sie für große Begeisterung bei den Zuhörern. Eine Zugabe mit großem Orchester, die Toccata der armenisch – britischen Komponistin Kristina Arakelyan, einen Geburtstagsgruß inklusive, ist den Hörern noch nicht genug, so gibt es als Dessert noch Filmmusik aus Herr der Ringe für Orgel solo. Bestes klassisches Entertainment! Standing ovations!
Mit der Sinfonie Nr. 5 op. 50 von Carl Nielsen (1865 – 1931) wechselt die zweite Konzerthälfte von der Leichtigkeit der französischen Musik in eine konfliktgeladene andere Welt. Der dänische Komponist und Dirigent Carl Nielsen ist neben Edvard Grieg und Jean Sibelius der wohl bekannteste skandinavische Musiker. Früh zeigt sich seine musikalische Begabung und dank eines einflussreichen Freundes der Familie erhält Carl Nielsen einen freien Studienplatz am Kopenhagener Konservatorium. Neben der geigerischen Ausbildung bekommt für ihn der Kompositionsunterricht bei dem hervorragenden Theorie– und Kontrapunktlehrer Orla Rosenhoff entscheidende Bedeutung. Bereits Mitglied der Königlichen Hofkapelle, neunzehn Jahre gehört er zur Gruppe der zweiten Geigen, ermöglicht ihm ein Stipendium 1890 / 91 eine Studienreise nach Deutschland und Frankreich. In dieser Zeit profiliert sich Nielsen zu dem am heftigsten umstrittenen, zeitgenössischen Komponisten Dänemarks. Schon im Herbst 1894 nimmt er erneut Urlaub vom Orchesterdienst, aber diesmal, um seine eigene Musik bekannt zu machen. Er trifft Busoni, Brahms und Strauss und dirigiert am 18. März 1896 erfolgreich seine Erste Sinfonie g – Moll in Dresden. Nach seiner Tätigkeit als Kapellmeister am Theater, als Dirigent eigener Werke in den europäischen Musikzentren wird er Kompositionslehrer und schließlich Direktor des Konservatoriums in Kopenhagen. Der großartige Erfolg seiner Vierten Sinfonie bestätigt Carl Nielsen als den wichtigsten Repräsentanten des dänischen Musiklebens. Er ist ein sehr vielseitiger Komponist: Neben den sechs Sinfonien schreibt er zwei Opern, Kammermusik und Lieder. Nielsens Musik ist vital, kraftvoll, geprägt durch kühne Harmonik, große dynamische Kontraste und eine bis an die Grenze stoßende Tonalität. Liedhafte, einfache Tonfolgen bilden die Grundlage für komplizierte, polyphone und rhythmische Weiterentwicklungen. In Dänemark schon seit langer Zeit hoch verehrt, findet der bedeutende, originelle Beitrag des Komponisten zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts langsam und zunehmend die ihm gebührende, weltweite Beachtung.

Wie schon in der Vierten, ist auch in Nielsens Fünfter Sinfonie, die 1920 – 1922 geschrieben und am 24. Januar 1924 in Kopenhagen uraufgeführt wird, die Musik eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs, mit den tiefgreifenden Erschütterungen dieser Zeit, mit dem „… fürchterlichen Faktum, dass Europas Männer des Geistes ihren Verstand verloren haben,“ und dass „das Nationalgefühl … zu einer geistigen Syphilis geworden ist, welche die Gehirne aufgefressen hat“ (Carl Nielsen). In der Fünften Sinfonie findet Nielsen für die Lösung des sinfonischen Konflikts im Sinne Beethovens zwischen Dunkelheit und Licht kompositionstechnisch völlig neuartige Lösungen. Er bricht radikal mit den traditionellen Formen. Die Tonsprache in ihrer harmonischen Rücksichtslosigkeit und Härte wirkt auch heute verblüffend modern. Statt der üblichen vier Sätze stehen sich zwei unterschiedlich gegliederte Satzblöcke gegenüber: 1. Tempo giusto – Adagio non troppo und 2. Allegro – Presto – Andante un poco tranquillo – Allegro. Über einem Tremolo der Bratschen a – c, das für die Sinfonie eine zentrale Bedeutung bekommen wird, entwickeln die Fagotte einen ersten melodischen Gedanken. Nach einem weiteren melodischen Versuch in den Violinen setzt sich, von der kleinen Trommel geführt, ein kriegerischer Marsch durch. Militante Ostinatoformel, solistischer Einsatz der Holzbläser und des Schlagwerks steigern die Musik zu chaotischer Unerbittlichkeit. Es entwickelt sich eine Musik, die in erschreckender Weise die Gräuel des Krieges widerspiegelt, eine Musik zerstörerischer Anarchie. Kontrastierend dazu folgt ein kontrapunktisch gestaltetes Adagio. Dahinein drängt sich das Bratschenmotiv der ersten Hälfte, die Blechbläser versuchen, den polyphonen Anfang weiterzuführen, die kleine Trommel kommt hinzu und stört improvisierend (ad libitum) den weiteren Verlauf. Letztlich verklingen die Trommelwirbel, und der Abschnitt endet mit einer ergreifenden, expressiven Klarinettenkadenz. Den zweiten, in vier Abschnitte gegliederten Teil, in dem nun das Quartintervall das konstruktive Gerüst bildet, eröffnet ein kraftvolles Thema der Streicher in ungestümem Allegro. Darauf folgt ein weit ausholendes, thematisch ausdrucksvolles Adagio, das wiederum durch eine von der Quarte thematisch beherrschten Fuge abgelöst wird. Wuchtige Paukenschläge und grelle Klarinetten beenden die schattenhaft dahineilende Entwicklung. Das Allegro - Thema des Satzanfangs erscheint als fünfstimmiges Fugato (Andante un poco tranquillo). Wie eine Art Reprise wird der Satzanfang wiederholt. Die Coda, in der noch einmal das Bratschenmotiv aus dem ersten Satz zitiert wird, steigert sich zu einem triumphalen Finale in Es – Dur.
Der britische Dirigent Nicholas Collon ist nicht nur in Dresden bei Staatskapelle und Philharmonie ein gern gesehener Gast. Unter seiner Leitung wurde das Finnish Radio Symphony Orchestra vom Gramophone Magazine als Orchester des Jahres 2025 nominiert. Locker und sympathisch sagt er ein paar einführende Worte zum Publikum. Unter seiner Führung zeigen sich die Philharmoniker von der besten Seite: aufmerksam, aktiv, durchsichtig und wunderbar differenziert im Klang. Die glänzend aufgelegten Streicher und das berührende Klarinetten – Solo in der Nielsen – Sinfonie seien dennoch besonders erwähnt!
Ein großartiger, interessanter Abend, der mit großem Beifall endet.