Dresden, Semperoper, Elias - F. Mendelssohn Bartholdy, IOCO
29. März 2026
Daniele Gatti dirigierte ein beeindruckendes Oratorienensemble im Palmsonntagskonzert
Mit dem „Verein der Witwen- und Waisenkasse der Sächsischen Staatskapelle e.V.“ lebt die Tradition der Unterstützungskonzerte an den Palmsonntagen jeden Jahres für bedürftige Nachkommen verstorbener Kapellmitglieder des Orchesters noch immer. Waren in früheren Jahren die Benefizkonzerte wegen des Engagements der Staatskapelle bei den Salzburger Osterfestspielen oft etwas eingeschränkt ausgefallen, so hatte das Haus im Jahre 2026 für Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) Oratorium Elias op. 70 ein glanzvolles Sängerensemble mit dem Dirigat des Chefdirigenten aufgeboten.
Keine der biblischen Persönlichkeiten ist in der nachbiblischen Zeit derart verklärt und verherrlicht worden, wie der Prophet Elias (* um 912 v. Chr.-entrückt nach 850 v. Chr.). Aber auch keine Charaktergestalt ist im Bereich der Mystik sämtlicher Weltreligionen derart benutzt und missbraucht worden, wie Elias. Im Glauben an Jahwe erzogen, war er von seinem Gott als Prophet in seinen Dienst gerufen worden, als die Bewohner des Nordreichs Israels wegen des Einflusses der Königin Isebel überwiegend vom Glauben an Jahwe abgefallen und dem Fruchtbarkeitskult des Baals verfallen waren.
Der mit dem großen Teil seiner Familie zum Christentum konvertierte Felix Mendelssohn sah in Elias einen außergewöhnlichen Propheten: stark, eifrig, aber auch aggressiv und brutal. Eine große charakterstarke Persönlichkeit, wie Mendelssohn sich auch für seine Zeit gewünscht hätte. Sein Jugendfreund, der Diplomat Karl Klingmann (1798-1862) verweigerte seine Bitte um das Libretto für ein Oratorium über Elias, als er sich mit dem Sujet bekannt gemacht hatte. So ließ Mendelssohn den in Dessau beheimateten Pfarrer Julius Schubrig (1806-1889) ihm die geeigneten Stellen aus dem Alten Testament vorbereiten. Gemeinsam erarbeiteten Mendelssohn und Schubrig den Text für das Oratorium Elias op. 70.
Getreu der Weisung seines Gottes ging Elias zum König und sagte schwere Dürrejahre voraus. Als tatsächlich eine Hungersnot über das Land kam, machte König Ahab den Elias verantwortlich, so dass er fliehen und sich an einem Bache, ernährt von einem Raben, verstecken musste. Als auch der Bach versiegte, wurde Elias von Jahwe nach Norden in die Heimatstadt der Königin geschickt. Dort traf Elias auf eine Witwe, die er um Essen bat. Die Frau , die selbst kaum etwas hatte, machte aus dem letzten Mehl und Öl eine Mahlzeit, die sie mit dem Propheten teilte. Als Dank füllte Jahwe ihren Mehltopf und ihren Ölkrug auf wundersame Weise immer wieder auf. So wurde deutlich, dass sich nicht Baal, sondern Jahwe um die Stadt kümmerte. Im dritten Jahr der Trockenheit forderte Elias vom König Ahab ein Gottesurteil. Auf dem Berg Carmel sollten Baal und Jahwe vor ihren Anhängern ein Opferfeuer entzünden. Dreimal wird Baal vom Volk um das Zeichen gebeten, das jedoch ausblieb. Erst als Elias zu seinem Gott betete, ließ dieser Feuer vom Himmel herabfallen. Ein Knabe, zum Ausschau nach Regen geschickt, kündigt eine Wolke an. Auf Befehl des Propheten wurden deshalb 850 Baal-Priester getötet und das dankbare Volk feierte Elias. Die Rache der Königin und eine aufgewiegelte Menschenmenge zwangen Elias aber wieder zur Flucht. Er glaubte, dass seine Bemühungen das Volk zu bekehren, vergeblich bleiben werden. Auf seinem Weg zum Gottesberg Horeb flehte Elias seinen Herrn an, sich ihm zu offenbaren. Mit Sturm, Feuer und Erdbeben ermahnte ihn Jahwe zur Glaubensfestigkeit und befahl ihm, nach Israel zu gehen, den König zu stürzen und die verbliebenen siebentausend Baal-Anhänger zur Umkehr zu führen.
In einem Feuerwagen wurde der Prophet Elias nach vollbrachter Tat zum Himmel geführt.
Auch wenn es für unser heutiges Wissen und unsere Denkweise unmöglich erscheint, dass ein Gott sein Volk drei Jahre darben lässt, nur um seine Anhängerschaft zu erweitern, so hat doch Felix Mendelssohn Bartholdy auf die von ihm mit dem Pfarrer Julius Schubrig (1806-1889) aus Worten des Alten Testaments zusammengestellten Text das außergewöhnliche Oratorium Elias op. 70 geschaffen.
Mit Begeisterung und Leidenschaft ging Daniele Gatti vom Beginn, kaum hatte Georg Zeppenfeld sein Entree vorgetragen, das biblischen Oratorium an und zog die Staatskapelle unmittelbar in den Sog der latenten Operndramatik. Hier wurde keine sakrale Gediegenheit zelebriert, sondern das Drama auch ohne Bühnengeschehen zum Leben erweckt, ein musikalisch mitreißender Blick auf die Versprechen der Bibel. Ungestüm gestaltete Gatti mit der vokalen Macht des Chores die Einstimmung auf eine Dramaturgie zwischen dem gottergebenem Propheten, dem vom Gott Jahwe abgefallenen Volk, der korrupten Priesterkaste des Baal und eines ätherischen Engel-Ensembles. Gatti behandelte den von Jan Hoffmann hervorragend einstudierten Chor mit größtem Zartgefühl und entlockte ihm Nuancen, die selbst in Mendelssohns Chor-Vorbildern Johann Sebastian Bach (1685-1750) und im Pathos Georg Friedrich Händels (1685-1759) nicht zu finden sind. Zwischen der theatralischen Forte-Macht des Baal erhöre uns oder Das Feuer fiel herab und dem emphatischen Der Herr ging vorüber entfalteten sie sich wie Inseln des Glaubens.
Der Chor repräsentierte auf prachtvolle Weise die wankelmütige Volksmenge, die bald dem Propheten oder mal dem König und dem heidnischen Baal zujubelte. Der Chor trat aber auch als Erläuterer des Geschehens auf. Seine Klangmacht erfasste die Theatralik des Werkes, den Widerstreit zwischen Monotheismus und Heidentum. Der Kontrast, zwischen musikalisch ruhiger und sich bis in den vollen Orchester- und Chorklang steigernder Passagen, symbolisierte diesen Widerstreit.
Mit seinem farbenreichen Bass-Bariton lotete Georg Zeppenfeld all die Abgründe der seelischen Befindlichkeit des nicht sehr sympathischen Elias aus: sein religiöses Eifern, seine Grausamkeit und religiöses Wüten, aber auch seine Selbstzweifel, die bis zur Depression in der Arie Es ist genug führten. Als Prophet zeigte er die Wandelbarkeit seiner Stimme, wenn er mit dem Schicksal des Volkes Israel haderte oder wenn er der Wucht des Chores und der Klangmacht des Orchesters standhalten musste.
Neben diesem Schwergewicht hatten die übrigen Protagonisten keine einfache Position. Ihre Partien sind zum einen viel kleiner, zum anderen wirken sie nicht durchgängig als Rollenträger, sondern auch als erzählend-kommentierende Oratorien-Sänger.
So die Sopranistin Rosalia Cid, die neben ihren dramatischen Arien der Witwe, wie Was hast du mir angetan auch mit ihrer lyrischen Stimme als empfindsame Begleiterin mehrfach beeindruckend ins Geschehen eingreifen durfte.
Auch die stimmungsmächtige Mezzo-Sopranistin Michéle Losier, die neben der Arien der Königin Aufgaben als Engel mit dem Höre Israel, höre des Herrn Stimme, sowie als Mutterfigur auf das Prachtvollste erfüllte.
Mit feiner Diktion setzte Daniel Behle seinen wunderschön sanft intonierenden Tenor in den Ruhepunkten des Oratoriums als der Mahner und Warner Obadjah in der ansonsten stellenweise lauten Aufführung ein. Behles Stimme schmiegte sich elegant und wandlungsfähig an Gattis Klangvorstellungen an. Dabei verfügte er über einen untrüglichen Sinn, Text und Musik miteinander zu verbinden, so dass sie sich dem Hörer als natürliche Einheit von klarer Deklamation und Tonschönheit präsentierten.
Für die Stimme der Jugend konnte man sich keine passendere Besetzung wie den Kruzianer Solisten Friedrich Zweynert vorstellen. Mit der Reinheit und Klarheit seiner Stimme schuf er eine besondere Atmosphäre bei der Sichtung der Wolke, die nach Bekehrung der Heiden vom Ende der Dürreperiode im Finale des ersten Teils erzählte.
Mit ihrem Beitrag als Engelgruppe erregten die Chor-Sopranistinnen Elena Patsalidou und Maria König sowie die Altistinnen Alice Hoffmann und Hyunduk Na besondere Aufmerksamkeit.
Vereint im tröstlichen Schlussquartett Wohlan, alle die ihr durstig, mit der Himmelfahrt des Propheten fanden die Solisten mit dem Chor in einem fulminanten Klangambiente zu einem zuversichtlichen Finale. Gemeinsam mit der unter der Leitung seines Chefdirigenten musizierenden Sächsischen Staatskapelle war ein alle Sinne ansprechendes Musikdrama, ein akustisches Hörerlebnis der Extraklasse geboten worden.
Dass Mendelssohn mit einem Jessia-Zitat Aber einer erwacht vor Mitternacht auf das Kommen des christlichen Messias anspielt, deutet an, dass es ihm nicht um den Kampf der Religionen, nicht um Israeliten oder Baal-Anhänger , nicht um Juden oder Christen ging; sondern um einen Humanismus, der sich letztlich aus dem Nichtwissen um die ungreifbaren Dinge nährt. Was, wenn die Werte keinen Halt mehr bieten, der Glaube keine Antwort gibt? Was, wenn wir selbst Verantwortung übernehmen müssen?
Trotzdem bleibt die Frage: Ist ein derart glaubensfestes Oratorium wie Elias noch zeitgemäß? Als historisch transformierte Szenenfolge von Episoden aus dem Leben des Propheten durchaus, denn das Publikum wird nicht zum Mitvollzug, sondern zu Reflexion und Distanzierung, der Hörer zur Selbstbefragung animiert.