CD, EARLY WORKS FOR FLUTE & PIANO – Ludwig van Beethoven, IOCO

Früher Beethoven im neuen Klanggewand: Hustedt und Speidel lassen selten gespielte Bearbeitungen für Flöte und Klavier lebendig werden. Ausdrucksstark, klangschön und mit feinem Gespür für Beethovens Geist – eine lohnende Entdeckung.

CD, EARLY WORKS FOR FLUTE & PIANO – Ludwig van Beethoven, IOCO
CD Cover © Chai Min Werner

von Uschi Reifenberg

LUDWIG VAN BEETHOVEN - Early Works for Flute & Piano

Serenades, Op. 8 & Op. 41
Sonata after String Trio, Op. 9/1

JOHANNES HUSTEDT, Flöte
SONTRAUD SPEIDEL, Klavier

Das Label audite setzt auch in diesem Jahr seine erfolgreiche Reihe mit dem zweiten Teil von Ludwig van Beethovens Werken für Flöte und Klavier fort. Wie auf ihrer im letzten Jahr erschienenen CD „Der späte Beethoven“ begeistert das Duo Johannes Hustedt, Flöte, und Sontraud Speidel, Klavier, nun mit Werken aus Beethovens früher Wiener Phase und gibt Einblick in die „Übersetzungskunst“, die hier in drei reizvollen Bearbeitungen zu erleben ist. Wiederum ein unbedingtes „Muss“ – nicht nur für Beethoven-Begeisterte, die auch seine weniger bekannten „Juwelen“ genießen wollen. Die Werke sind allesamt keine Originalkompositionen für Flöte und Klavier. Umso spannender ist es, Beethovens Kompositionen der frühen Streicherkammermusik in diesen facettenreichen Fassungen kennenzulernen, in welchen die Flöte ins Zentrum gerückt wird. Bedeutend ist der Umstand, dass diese Bearbeitungen – mit Ausnahme von Opus 41 – nicht von Beethoven selbst für Flöte und Klavier angefertigt wurden.

Die Doppel-CD im ansprechenden Cover enthält drei Adaptionen für die Duo-Besetzung: zwei Serenaden und ein Streichtrio von Beethoven, das als Sonate G-Dur bearbeitet wurde. Die Serenade Opus 41 ist eine Übertragung der Besetzung für Flöte, Violine und Viola op. 25, ebenso die Serenade op. 8 (1796/97), mit der ursprünglichen Besetzung Violine, Viola, Violoncello. Die Sonate in G-Dur op. 9/1 bearbeitet das erste der drei Streichtrios op. 9, (1797/1798), die zu den wichtigsten Frühwerken Beethovens zählen und einen Höhepunkt in seiner frühen Schaffensperiode darstellen. Die CD bietet mit der Sonate G-Dur op. 9/1 und der Serenade D-Dur op. 8 zudem Ersteinspielungen in der Bearbeitung für Flöte und Klavier. Die Serenade op. 25 wurde von Franz Xaver Kleinheinz (1765–1832), einem mit Beethoven bekannter Zeitgenosse, bereits 1803 für Flöte und Klavier übertragen und unter der Opuszahl 41 von Beethoven später autorisiert. Beethoven schreibt: „Die Übersetzungen sind nicht von mir, doch sind sie von mir durchgesehen und stellenweise ganz verbessert worden …“. Die Sonate op. 9/1 sowie die Serenade op. 8 wurden von Friedrich Hermann (1828–1907) arrangiert, einem bedeutenden Geiger, Komponisten und Musikpädagogen, der für seine zahlreichen Bearbeitungen Beethovenscher Kammermusikwerke bekannt ist. Seine Bearbeitung der Serenade op. 8 erschien 1884, jene des Streichtrios op. 9/1 unter dem Titel   Sonate G-Dur 1876, beide beim Peters Verlag. Friedrich Hermann arrangierte hauptsächlich für Violine und Klavier, mit dem Ziel, die Kammermusik für das damals populäre Hausmusik-Repertoire zugänglich zu machen.

Johannes Hustedt, Sontraud Speidel © KREISRUND.media

Die Bearbeitungen des Mendelssohn-Schülers Hermann sind von hoher Qualität, sowohl betreffend den Solopart, den er wohl stets mitdachte, „was die gute Spielbarkeit zeigt“, als auch die Ausarbeitung des Klavierparts. „Sensibel erspürte er Beethovens Geist und war stets nah am Original“ (Johannes Hustedt). Für die vorliegende Einspielung wurden die Violinparts von op. 8 und op. 9/1 von Johannes Hustedt nach historischem Vorbild für Flöte revidiert. Das Streichtrio op. 9/1 atmet bereits jenen ernsten Beethovenschen Geist, aus welchem Beethovens „Hang zur symphonischen gedanklichen Gestaltung“ spreche (Paul Bekker), knüpft jedoch an Mozarts Unbeschwertheit an.

Johannes Hustedt und Sontraud Speidel faszinieren vom ersten Ton an. Ihr Zusammenspiel offenbart eine perfekte Symbiose beider instrumentaler Klangwelten und beweist Sensibilität und höchste geistige Durchdringung des Beethovenschen Satzes. In der viersätzigen Sonate G-Dur op. 9/1 dominieren Feinheit und Klarheit des Klanges, sei es in der Verspieltheit der Verzierungen oder dem kristallinen Figurenwerk, welches von Flöte und Klavier präzise dargeboten wird. Johannes Hustedts beseeltes, fein artikuliertes Flötenspiel korrespondiert perfekt mit Sontraud Speidels kristallklar-edel perlendem Klavierklang. Das festlich eröffnende Unisono-Arpeggio des 1. Adagio-Satzes tastet sich zögernd mit feinsinnig sprechenden Dialogen fort, erzeugt große Spannungen, die sich im munter fließenden Duktus des „Allegro von brio“ auflösen. Jede Phrase wird lebendig ausgestaltet, die emphatischen Aufschwünge der Flöte evozieren kontrapunktierend sonore Basslinien im Klavier. Mit lyrischer Verhaltenheit intoniert die Flöte das ausgedehnte Thema des 2. Satzes, das Klavier reagiert mit exemplarischer Empfindsamkeit, klangschön blühen die rhetorischen Floskeln der Flöte in allen Registern. Der unerwartete Wechsel nach Moll wird vom Klavier in dunklen Skalen fortgeführt, der Satz endet zart in großer Ruhe. Der Heiterkeit des Scherzos folgt das „Presto“ des 4. Satzes, in dem Extrovertiertheit, überraschende Wendungen von Hustedt und Speidel wirkungsvoll in Szene gesetzt werden. Brillante Leichtigkeit, und rhythmische Energie münden in einer virtuosen Schlusssteigerung.

Die Serenade D-Dur op. 41 ist ein vielgestaltiges Werk mit Humor, Geist und Einfallsreichtum in sechs Sätzen, das gleich mit dem ersten heiteren Flötenmotiv des „Entrata“ zu fesseln versteht, von Hustedt mit delikater Tongebung intoniert und von Speidel mit kraftvollem Anschlag beantwortet. Lebendiger und inspirierter kann das Motiv eines sich wiederholenden Dreiklangs abwärts nicht klingen. Die Tonrepetitionen in der Flöte „zwitschern“ in duftig-heiterer Manier. Echowirkungen, Überkreuzung der Stimmen, feine agogische Nuancen, große dynamische Bandbreite zeichnen ein variables Klangbild. Im galanten Stil wird im Klavier das Thema des „Tempo ordinario d‘un Menuetto“ vorgestellt, das die Flöte klangschön fortführt. Im Trio l darf sich das Klavier solistisch präsentieren: Sontraud Speidel besticht mit exzellenter Anschlagskultur, fein ziselierter Artikulation und seelenvoller Ausgestaltung der pianistischen Figuren. Im Trio II steht die Flöte im Zentrum, die Johannes Hustedt mit brillanten Skalen und Verzierungen aufs Schönste zum Leuchten bringt. Typischer Beethoven-Stil ist im „Allegro molto“ zu erleben: Akzente, Synkopen, dynamische Kontraste, die sich in dramatischer Zuspitzung verdichten. Die Pianistin gestaltet das nachdenkliche Thema des „Andante con Variazioni“ mit weichem Anschlag, wunderbar ausbalanciert, mit Eleganz perlen die folgenden Variationen, verschmitzt klingt der Dialog in der 3. Variation, wenn im Klavier das Thema in feiner Linienführung aufschimmert. Das „Allegro scherzando e vivace“ macht der leichtfüßigen Serenade im klassischen Stil alle Ehre, beweist Beethovenschen Witz, einen prägnant punktierten Rhythmus, der in idealer Übereinstimmung beider Musiker erklingt. Ein humoriger Dialog entspinnt sich am Schluss im „Allegro vivace e disinvolto“, wenn ein spitziges Thema in der Flöte das Klavier augenzwinkernd zum Tanz auffordert, was ohne Mühe gelingt! Lebensfreude pur!

Sontraud Speidel, Klavier © KREISRUND.media

Die Serenade op. 8 wartet mit einer Vielfalt an Klangfarben und Ausdrucksformen auf und begeistert in sieben Sätzen mit einer Palette an motivischem Einfallsreichtum und Originalität und lässt bereits den Sinfoniker Beethoven durchscheinen. Eingerahmt wird die Serenade von zwei flotten Märschen: Ein festlich punktierter Rhythmus eröffnet in kraftvollem Gestus, energievoll und mit Elan unterstreichen die beiden Musiker den orchestral inspirierten Charakter. Im Adagio lässt Hustedt das silberne Timbre seiner Flöte strahlend aufblühen, dann wieder melancholisch seufzen, weitgespannte Kantilenen schwingen sich über den sensibel ausgestalteten Klavierpart und versetzen in paradiesische Gefilde. Mit einem tänzerischen Motiv in der Flöte lässt im „Allegretto alla polacca“ die Polonaise grüßen: Schwungvoll, akzentuiert entwickelt sich ein tänzerisch heiterer Dialog in bestem Einverständnis, vom markant phrasierten Thema angeführt. Noch einmal führt der sechste Satz als „Thema con variazioni“ mit seiner kontrastreichen Satzabfolge durch die facettenreiche Ausdruckswelt Beethovens, von den hochkarätigen Instrumentalisten Hustedt und Speidel in mitreißender Spielfreude dargeboten. Als Finalsatz kehrt der Anfangsmarsch zurück, nun in strafferem Tempo, und beschließt das heitere, vielgestaltige Werk.

Die Aufnahmequalität der CDs wird höchsten Ansprüchen gerecht, das informative Booklet enthält wissenswerte Artikel von Dr. Jürgen Schaarwächter und Johannes Hustedt. Sontraud Speidel und Johannes Hustedt lernten sich als Kollegen an der Hochschule für Musik Karlsruhe kennen und schätzen. Sie genießen international hohes Ansehen und arbeiten gemeinsam als Juror*innen bei verschiedenen Musikwettbewerben sowie in kulturpolitischen Gremien, bevor sie anlässlich des Clara-Schumann-Jahres zusammenfanden. Ihre Beethoven-Interpretationen anlässlich seines 250. Geburtstags-Jubiläums führten sie 2020 zum Klassik-Label audite, bei dem sie eine Serie von mehreren CDs aufnehmen. Johannes Hustedt studierte Musikpädagogik und Querflöte in Bremen bei Renate Ruge-von Rohden und in Karlsruhe bei Renate Greiss-Armin, wo er als Stipendiat der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth 1990 das Konzertexamen mit Auszeichnung absolvierte. Meisterkurse bei Aurèle Nicolet, Alain Marion, Paul Meisen und András Adorján rundeten seine Studien ab. Mit dem Anliegen musikalisch-kulturellen Austausches übt er eine weltweite Konzerttätigkeit als Grenzgänger zwischen Interpretation und Improvisation aus. Uraufführungen und Konzerte bei hochkarätigen Festivals wie in Ludwigsburg, Hohenlohe, Madrid, Warschau, Kiev, Lwiw, Tiflis, Vilnius, Nida/Litauen, Bergen/Norwegen, Toronto, Los Angeles und New York City zeugen ebenso davon wie seine international viel beachteten CD‑Veröffentlichungen als Solist und Kammermusikpartner sowie weltweite Rundfunk- und Fernsehproduktionen. Sein Spiel ist von der Auseinandersetzung mit Musik aus allen Kulturkreisen, besonders Asien, Südamerika und Osteuropa, sowie der historischen Aufführungspraxis inspiriert. Johannes Hustedt lehrt an der Hochschule für Musik Karlsruhe und ist ein international gefragter Gastdozent und Juror. Hustedts Einspielungen sämtlicher Flötenkonzerte von Georg Metzner mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim und Sebastian Teewinkel wurden 2022 für die Bestenliste beim Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert.

Johannes Hustedt, Flöte © KREISRUND.media

Sontraud Speidel kam mit elf Jahren als Vorschülerin in die Klasse der Exilrussin Irene Slavin an die Hochschule für Musik Karlsruhe. Nach dem Abitur studierte sie bei Irene Slavin und Yvonne Loriod-Messiaen in Karlsruhe, Branka Musulin in Frankfurt am Main, Stefan Askenase in Brüssel und Géza Anda in Luzern. Sie ist Preisträgerin nationaler und internationaler Wettbewerbe: 1. Preis beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Washington D.C./USA, Jackson Prize des Boston Symphony Orchestra für Neue Musik u. a. Konzerte, Rundfunk- und CD Aufnahmen, Fernsehauftritte sowie Meisterklassen führten sie durch Europa, in die USA, nach Kanada, Israel, Japan, Korea, China, Taiwan, Brasilien und Marokko. Sontraud Speidel ist Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Sie war Gastprofessorin an Universitäten und Musikhochschulen in Europa, den USA, Kanada, Israel und Asien und ist regelmäßig als Jurorin nationaler und internationaler Wettbewerbe tätig. Mehrere zeitgenössische Komponisten haben ihr Werke gewidmet und Uraufführungen anvertraut. 1979 gab sie auf Einladung von Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Klavierabend im Palais Schaumburg Bonn. Sontraud Speidel leitet das Piano-Podium Karlsruhe für musikalische Nachwuchsförderung und ist Mitbegründerin und Künstlerische Leiterin der Konzertreihe Musikforum Hohenwettersbach. Sie ist u. a. Trägerin des Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien, der Goldenen Josef-Dichler-Medaille und des Bundesverdienstkreuzes. Die Echo-Klassik-Preisträgerin wurde 2024 mit der Ehrenmedaille der Stadt Karlsruhe und 2025 mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg bedacht.  

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