Berlin, Maxim Gorki Theater, Aynur Doğan, IOCO

Berlin, Maxim Gorki Theater, Aynur Doğan, IOCO
Konzert Aynur Dogan ©Ute Langkafel

Aynur Doğan und die offene Wunde Dersims. Die Klangspur einer verschwiegenen Geschichte

Anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum Dersim-Aufstand von 1937/38 öffnete das Maxim-Gorki-Theater am 15. November 2025 seine Türen für die kurdische Sängerin Aynur Doğan. Sie gilt längst als eine der prägenden Stimmen ihres Genres und versteht es wie kaum eine andere die überlieferten Melodien anatolischer Volksmusik mit den Klangfarben westlicher Moderne zu verweben. Ihre Lieder wirken wie musikalische Brücken zwischen einer schmerzbeladenen Erinnerung, die über Generationen weitergetragen wurde, und einer Gegenwart, die bis heute zwischen Zuhören und Verdrängen schwankt.

Der Abend in Berlin war dem kurdisch-alevitischen Stammesführer Seyit Rıza gewidmet, der 1937 in Dersim hingerichtet wurde. Eine Figur, die im kollektiven Gedächtnis vieler Kurden und Aleviten zwischen Widerstand, Würde und Tragik oszilliert. Dass Doğan seine Geschichte singend wieder aufruft verlieh dem Konzert jene Schwere, die sich nur aus dem Wissen speist, dass Musik manchmal dort weiterlebt, wo Archive schweigen.

Historische Einordnung des Dersim-Aufstands

Der Dersim-Aufstand von 1937/38 gehört zu den dunkelsten Kapiteln der frühen türkischen Republik. In den Jahren nach ihrer Gründung verfolgte die junge Republik eine nationalistische Politik radikaler Zentralisierung. Ein politisches Projekt, das ethnische Vielfalt nicht als gesellschaftliche Realität, sondern als Störfaktor wahrnahm. Unter dem Begriff der „Türkmenisierungsmaßnahmen“ suchte der werdende Staat die Sprache, Kultur und Siedlungsstrukturen der Minderheitenregionen systematisch umzuformen. Ein Eingriff, der das Leben der lokalen Bevölkerung nachhaltig und oft gewaltsam veränderte.

Die Region Dersim mit ihren alevitisch-kurdischen Zaza-Gemeinschaften, heute als Tunceli bekannt, widersetzte sich zunächst diesen Eingriffen. Ihr angesehener Stammesführer und religiöse Autorität Seyit Rıza versuchte anfangs noch zu vermitteln, fand sich jedoch bald in jener Rolle wieder, die ihm der türkische Staat zuschrieb: der des Aufständischen. 1937 und 1938 folgten großangelegte Militäroperationen, deren Folgen bis heute nachhallen. Luftangriffe, Artillerieeinsätze, zerstörte Dörfer, Zwangsumsiedlungen. Was blieb, ist ein Zahlenwerk an Opfern, das im Nebel unvollständiger Archive verschwimmt. Die Rede ist von zehntausenden Toten.

Konzert Aynur Dogan © Ute Langkafel

Nach gescheiterten Verhandlungen wurde Rıza festgenommen. Berichten zufolge ergab er sich, um weitere Verfolgungen seines Stammes zu verhindern. In Schnellverfahren kam es zur Verurteilung weiterer Aktivisten. Seine Hinrichtung machte ihn zur Symbolfigur einer Erinnerung, die über Jahrzehnte nicht öffentlich ausgesprochen werden durfte. Erst seit den 2000er-Jahren wird in der Türkei über Dersim gesprochen. Im Jahr 2011 bezeichnete der damalige Ministerpräsident Erdoğan die Ereignisse erstmals offiziell als ein Massaker.

Dass Aynur Doğan diese Geschichte auf die Bühne des Gorki trägt, ist mehr als ein musikalisches Statement. Es ist eine Kunstform historischer Sichtbarmachung, ein Moment, in dem ein verdrängtes Kapitel aufscheint. Und zwar in einer Sprache, die einst verboten und herabgewürdigt wurde, und mit einer Stimme, die weiterträgt, was nie verstummen wollte.

Was an diesem Abend musikalisch in kurdischen Klageliedern besungen, vermittelt und verarbeitet wird, ist ein generationsübergreifendes Trauma. Selbst in der Körperhaltung der Sängerin spiegelt sich das auf der Bühne wider. Stets leicht gebeugt, mit betrübtem Gesichtsausdruck, gesenktem Kopf und Blick. Doch wie lernt man aufrecht zu gehen, wenn die kulturelle Identität und Sprache niemals einer Gleichwertigkeit geweiht wurden? Obgleich Doğan mit gesenktem Kopf und in sich gekehrt singt, entfaltet ihre Stimme Kraft und zeugt neben der Trauer von Widerstand und Selbstermächtigung.

Bevor sie das bekannteste Lied über den Dersim-Aufstand anstimmt, bietet sie ihre eigenen Erklärungsansätze für die Zögerlichkeit, den Schmerz und die Ratlosigkeit des Besungenen. Die ältere Generation Dersims sprach nicht über das Geschehen. Zu schmerzhaft sei das Erlebte gewesen, Worte hätten nicht ausgereicht. Zugleich war ihnen das Sprechen darüber staatlich verboten und unter Strafe gestellt. Dersim sollte aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt werden, selbst das Trauern war untersagt. Doch die junge Generation, so Doğan, nahm die Trauer dennoch in den Blicken, Tränen, im Schweigen der Älteren wahr. Erst später habe man laut der Sängerin begriffen, dass ihre Wunden nie heilen konnten. Denn es gab keine Gräber, die man pflegen, keine Toten, die man beweinen konnte. Bis heute wissen viele Angehörige nicht, was mit ihren Nächsten geschah und wo ihre Leichen liegen.

Tradition, Bedeutung und Funktion von Klageliedern in der kurdisch-alevitischen Kultur

Der Besuch des Konzerts wirft die Frage auf, wie diese kurdischen Lieder in einer Zeit, in der die Sprache und die Trauer gleichermaßen verboten waren, überhaupt tradiert werden konnten. Die Antwort liegt in der Bedeutung und Funktion der kurdischen Klagelieder, die kilamên sîn, lawikên sîn oder dengbêjîya sîn genannt werden. Sie blicken auf eine lange Tradition zurück und bilden einen zentralen Bestandteil gesungener und rezitierter Trauer, indem sie Musik, Erzählkunst und kollektive Erinnerung miteinander verbinden.

Es existieren unterschiedliche Formen und Stilrichtungen, die je nach Gemeinschaft und Ort variieren, doch lassen sich einige Gemeinsamkeiten beobachten. Die Dengbêj-Tradition umfasst epische Gesänge mit langen, melismatischen Melodien, meist monodisch und ohne instrumentale Begleitung, voller dramatischer Zuspitzung. In vielen kurdischen Regionen sind es insbesondere Frauen, die diese Lieder anstimmen. Dabei handelt es sich um improvisierte Gesänge, Stranên jinan, die persönlichen Verlust thematisieren und Klagelaute mit lautem Weinen verbinden. Daneben existieren heroische Klagelieder, die Trauer und Heldenverehrung historischer Figuren oder gefallener Kämpfer miteinander verschränken. Sie sind ein essenzieller Teil politischer, religiöser und kultureller Identitätsbildung der kurdisch-alevitischen Gemeinschaften. Thematisch kreisen sie meist um Todesverluste, Vertreibung, Heimatlosigkeit, Tragödien, Kriege und Massaker. Derart bewahren sie zugleich die Erinnerung an historische Ereignisse wie Genozide oder Aufstände. Ihre soziale und kulturelle Bedeutung ist damit vielfältig. Neben der gemeinschaftlichen Verarbeitung von Leid bewahren sie Vergangenheit, stiften Identität, sind Ausdruck kurdischer Kultur und Sprache und Bestandteil religiöser Praxis und bleiben bis heute lebendiger Teil der kurdischen Kultur.

Besonders tiefgründig und spirituell reich ist die Tradition der Klagelieder aus Dersim (türkisch Dersim Ağıtları, kurdisch Stranên Sîn). Sie werden oft ohne Instrumente, mitunter in Begleitung einer tembûr vorgetragen. Da die Bevölkerungsgruppe in Dersim alevitisch geprägt ist, sind die Klagelieder nicht nur Ausdruck von Trauer, sondern auch spirituelle Handlungen. Sie rufen Ahnen an, vollziehen eine Form der spirituellen Reinigung, suchen Trost und Heilung. Der Dersim-Aufstand ist in diesen Liedern allgegenwärtig wie in kaum einer anderen Region Anatoliens. Neben der Thematisierung des Massakers, wird auch die Entweihung von heiligen Stätten besungen. Auch die Natur nimmt eine zentrale Rolle ein. Berge und Flüsse werden in den musikalischen Texten zu Zeugen des erlittenen Leids. Obwohl die weibliche Stimme in der kurdischen Klagetradition generell zentral ist, kommt ihr in Dersim eine besondere Bedeutung zu. Nicht zuletzt, weil viele Männer getötet wurden, sodass Frauen zu Gedächtnisträgerinnen der Gemeinschaft wurden. Die improvisierten Klagelaute, die wiegenden Bewegungen, das Weinen: all das verschmilzt mit melismatischem Gesang in freiem Metrum zu einer Synthese aus Erzähl- und Singstimme.

Doch weit über Anatolien hinaus reicht die Tradition des Klagens. Auch die deutsche Kultur kennt sie von mittelalterlichen Planctus über barocke Totenklagen bis hin zu Volksballaden. Doch während die deutsche Klage häufig Distanz wahrt, formalisiert und kontrolliert bleibt, bricht Doğans Interpretation diese Form auf. Ihre Stimme trägt das Trauma von Dersim nicht als historisches Material vor, sondern als offene Wunde. In diesem Spannungsfeld wird hörbar, was Klagelieder überall leisten können. Sie schlagen Brücken zwischen Erinnerung und Gegenwart, persönlichem Schmerz und kollektiver Identität. Für die kurdisch-alevitische Diaspora öffnet Doğan an diesem Abend im Gorki Theater einen Resonanzraum. Einen Weg, kulturelle Identität trotz Assimilationsdruck zu bewahren.

Trotz allem bleibt der Abend nicht widerspruchsfrei. Doğan singt auf Kurdisch, spricht das Publikum jedoch meist auf Türkisch an, ihr Bühnenkleid ist modern, die Instrumente nicht ausschließlich traditionell. Die Dersim-Klagelieder werden begleitet am Flügel (Salman Gambarov), mit Schlagzeug (Patrick Goraguer), Kontrabass (Chris Jennings), Klarinette (Caner Malkoç) und Bağlama (Coşkun Karademir). Mehrmals greift Doğan selbst zur Saz. Bei der Vorstellung der Musiker hebt sie ihre Herkunft aus Aserbaidschan, Kanada, der Türkei und Frankreich hervor.

Konzert Aynur Dogan © Ute Langkafel

Was zunächst irritiert, entpuppt sich als Spiegel der Diaspora. Es geht um die Entfaltung von kultureller Identität im Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft. Der Abend zeugt von der Wirklichkeit und Wichtigkeit multikultureller Gesellschaften, die es ermöglichen voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren. Und auch wenn das Leid der Dersim-Überlebenden nicht nachempfunden werden kann, so war ihr Schmerz allgegenwärtig. Die Frust und Verzweiflung, mit Fragen zurückgelassen zu sein, auf die es keine Antworten gibt.

Umso überraschender endet der Abend mit heiterer Musik. Eine Menschenkette bildet sich aus dem Publikum, Menschen reichen sich die Hände und tanzen den traditionellen Volkstanz Halay im Türkischen, Govend oder Dîlan im Kurdischen genannt. Denn auch das darf an einem Abend wie diesem nicht fehlen: die Hoffnung, das Miteinander und jene Lebensfreude, die Menschen durch die schwersten Stunden trägt.

Trotz aller Versuche, ihre Stimmen zum Schweigen zu bringen, wurden damals wie an diesem Abend die Klagelieder umso lauter gesungen. Wir alle wurden Zeuge davon, dass Menschen sich ihre Stimme nicht nehmen lassen. Diese Lieder sind nicht nur Klagen, sie sind auch ein Akt des Widerstands. Und die Lebensfreude dieser Menschen, die trotz allem nicht erlosch, wurde an diesem Abend mit Enthusiasmus mit uns allen geteilt.

Doch eine entscheidende Frage blieb am Ende des Konzert offen:
Wen klagte man eigentlich an? Ich denke, zurecht: uns alle.

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