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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO Kritik, 23.10.22022

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Peter Schlang
23. October 2022
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus
Oper Stuttgart © Matthias Baus

SIEGFRIEDDer Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Beziehungsdramen bei Schmieden und Göttern – auf- / anregender „alt-neuer Siegfried“ im Stuttgarter  Ring des Nibelungen

von  Peter Schlang

Richard Wagner - aber in Venedig © IOCO
Richard Wagner – aber in Venedig © IOCO

Vor beinahe 23 Jahren, am 14. November 1999, hatte die letzte Inszenierung von Richard Wagners Siegfried, dem zweiten Abend seines Der Ring des Nibelungen, an der Staatsoper Stuttgart Premiere. Verantwortlich war das damals schon legendäre Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito, das zusammen mit seiner angestammten Ausstatterin Anna Viebrock das dritte von vier verschiedenen Regieteams bildete, dem der damalige  Ring-Zyklus  anvertraut worden war. Der seinerzeitige Stuttgarter Operndirektor Klaus Zehelein hatte damit für eine bis heute viel beachtete und nachahmenswerte Neuerung gesorgt.

Viktor Schoner, der aktuelle Intendant der Stuttgarter Oper, hat nicht nur diese Aufteilung der vier „Ring-Abende“  auf unterschiedliche Regie-Equipen beibehalten, ja im Fall der Walküre mit je einem eigenen Team für jeden der drei Akte sogar getoppt, sondern auch den allseits hoch gepriesenen Siegfried des „Jahrtausend-Wende-Rings“ reaktiviert und in die aktuelle Interpretation der Wagner‘schen Tetralogie integriert.

Diese in mehrfacher Sicht bemerkenswerte Neu-Einstudierung, deren szenische Leitung neben Jossi Wieler und Sergio Morabito in den Händen Jörg Behrs lag, feierte am 9. Oktober im Stuttgarter Opernhaus ihre viel umjubelte erneute Premiere. Dafür, dass man diesen Begriff guten Gewissens verwenden darf, spricht nicht nur das bis auf den Darsteller des Siegfried (Daniel Brenna verkörperte diese Rolle bereits bei der Wiederaufnahme im Jahr 2014.) völlig neues Solistenensemble, sondern auch, dass die Regisseure dieser Produktion die Sänger-Darsteller*innen ganz eng in die Erarbeitung ihrer Rollen einbezogen.

Dieser IOCO – Besprechung  liegt die zweite Aufführung vom 15. Oktober 2022 zugrunde, bei der man aller Erfahrung nach davon ausgehen kann, dass sie in Sachen musikalischer und darstellerischer Qualität der Premierenvorstellung mindestens gleichwertig ist, wenn diese nicht sogar übertrifft.

SIEGFRIED – Trailer der Staatsoper Stutggart
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Grundsätzlich hat diese Interpretation des Siegfried mit ihren thematischen Aussagen wie dramaturgischen Positionierungen nichts an Aktualität und Frische eingebüßt. Sie zieht den hörenden Zuschauer auch jetzt von der ersten Sekunde bis zum Schluss-Akkord in ihren Bann.  Das liegt nicht nur an den unzähligen eindrucksvollen Bildern, der äußerst packenden  Personenführung und -charakterisierung und der fesselnden musikalischen Wiedergabe,  sondern auch und ganz besonders an den stimmlich wie darstellerisch phänomenalen drei Sängerinnen und ihren ebenso mitreißenden fünf männlichen Kollegen, deren psychologisch bis ins Letzte ausgefeiltes Agieren einem immer wieder den Atem stocken lässt. Dafür bietet ihnen die durchdachte, jede noch so kleine individuelle Regung beachtende Personencharakterisierung und -führung eine optimale Ausgangslage. Dass diese aber von den famosen Sänger-Darsteller*innen nicht nur dankbar angenommen wird, sondern diese ihren von der Regie gebotenen Freiraum zur weiteren dramatischen Entwicklung ihrer Rollen und deren psychologisch-charakterlichen Weichzeichnung dankbar und selbstbewusst nutzen, führt zu faszinierenden, jeder therapeutischen Familien- bzw. Gruppenaufstellung zur Ehre gereichenden Rollenportraits und Paarstudien. Diese aber machen – zusammen mit der dichten, berückenden, jederzeit souverän-vielschichtigen musikalischen Leitung des Stuttgarter GMD Cornelius Meister und der realistisch-zeitnahen Raumgestaltung Anna Viebrocks – diesen „neuen-alten“ Stuttgarter Siegfried zur musik-theatralischen Sensation und zum Opern-Ereignis allererster Güte.

Eingeleitet wird dieses durch den wie besessen spielenden und singenden Matthias Klink als Mime. In der von Anna Viebrock für den ersten Akt gebauten „Küchenschmiede“, einer ziemlich verratzten, mit alten (Küchen-)Möbeln, einem Kohleherd, aber auch einer Esse samt anderem Schmiede-Material vollgestellten Wohnküche, bereitet er für seinen gerade abwesenden Ziehsohn mit gespielter, eher erzwungen wirkender Fürsorge  das Mittagessen zu. Bereits hier blitzt die Genialität von Klinks Spiel- und Gesangskunst auf, wenn er singend, schnaubend, stöhnend, schimpfend im Raum hin und her huscht, dabei  Pudding anrührt und freihändig

Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED Siegfried Foto: Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED  Foto: Martin Sigmund

Kartoffeln schnippelt und dazu Töpfe aufs Feuer stellt und sie dann zum Abkühlen in eine mit Wasser gefüllte Wanne wuchtet. Diese Unrast und das darin zum Ausdruck kommende Hin-und-Hergerissen-Sein sind aber nur ein Vorgeschmack auf Mimes seelische Qualen und Zerrissenheit, die erstmals sichtbar werden, als der im Wanderer verborgene Wotan in sein Reich eintritt und die beiden sich ihr Fragenduell liefern. Der mit tief grundiertem, fein schattiertem und sehr geschmeidig-rundem Bass  singende Tommi Hakala, einer von nur drei Gästen des sonst ganz aus Hauskräften bestehenden Sänger-Oktetts, fordert und fördert eine weitere Dimension des Wesens Mimes heraus. Daraus entwickelt sich das erste stürmisch-kraftvolle Doppel dieses psychologisch aufs Höchste spannenden Opernabends, aus dem zwar handlungsmäßig der Wanderer als Sieger hervorgeht, das aber sängerisch und darstellerisch auf Augenhöhe stattfindet und folglich nur einen Sieger kennt, das Publikum. An der Figur und Ausstattung des Wanderers lässt sich auch der feinfühlige und tiefsinnige psychologisierende Beitrag der Ausstatterin Anna Viebrock ablesen, die den Wanderer-Wotan  mit Lederjacke, Baseballmütze statt Wanderer-Hut und stylischen Stiefeletten ausstaffiert und auch damit zu einer Figur unserer ja auch mehrfach gespaltenen und zerrissenen Zeit werden lässt.

Eine weitere Steigerung der gestörten Zweier-Beziehungen und dramaturgische Erweiterung wie Vertiefung bietet die sich anschließende Begegnung Mimes mit seinem ungestüm-aufbrausenden, voll in den Turbulenzen der Pubertät steckenden Ziehsohn Siegfried. Als solcher stürmt der darstellerisch wie stimmlich ebenso famose und mit unglaublicher Konzentration wie Kondition ausgestattete Daniel Brenna  in die Küche, wo er seinen, ihm immer lästiger werdenden Versorger im Bärenkostüm erschreckt und so andeutet, in welche Richtung sich ihre Beziehung in den nächsten zwei Akten entwickeln wird.  Brenna nimmt man alle Regungen, Widersprüche, Zweifel, Unsicherheiten, Anmaßungen und Fantasien ab, mit denen sich ein noch nicht gefestigter, hin und her gerissener Jugendlicher die Welt aneignen möchte, ja muss und dabei gerne Vieles in Trümmer legt. Unnachahmlich etwa, mit welcher Urgewalt Brennas Siegfried den Blasebalg tritt, dabei abwechselnd auch immer wieder die Küchentür in Schwingung versetzt und so zeigt, wie und wo überall er Wind zu machen gedenkt.

Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED Foto: Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED Foto: Martin Sigmund

Ein besonders großer Moment dieses gewiss an herausragenden Bildern nicht armen Opernabends ist das Perkussions-Duell von Ziehvater und -sohn, bei dem beide versuchen, aus den Splittern Nothungs ein wieder funktionsfähiges Schwert zu schmieden. Davon versprechen sie sich ja, ihren jeweiligen Machtanspruch zu realisieren und den Gegner in die Schranken zu weisen. Wagners Libretto und feinsinnige Schlagwerk-Partitur bilden hier die Vorlage für ein feinfühliges, fesselndes und deutlich hörbares Kammerspiel um Ruhm, Vormacht und Befriedigung menschlicher Triebe und Eitelkeiten.

Für weitere stimmlich-darstellerische Höhepunkte sorgen die drei bisher gewürdigten Akteure im Verlauf des zweiten und dritten Aktes: Zuerst sieht man die Begegnung Wanderer-Wotans mit Alberich und Fafner,wobei der mit schönem, wohltönendem und abgrundtiefem Bass singende Riese von David Steffens leichte Vorteile gegenüber dem stellenweise nervös-flackernden Organ des den Alberich gebenden Alexandre Duhamel verbuchen darf.

Eine zusätzliche Zuspitzung und auch musikalische Steigerung bietet der doppelte Show-Down  Siegfrieds mit Fafner und Mime, aus dem Siegfriednicht nur als Sieger, sondern eben auch als jugendlicher Doppelmörder hervorgeht. Und wieder, wie schon vor oder seit 23 Jahren, liefert Anna Viebrock mit ihrer in fahles Licht getauchten, an Grenzzäune wie an Konzentrationslager erinnernder Stachel- und Maschendraht-Installation (Für die nicht nur in dieser Szene famos-geniale Beleuchtung zeichnet Dieter Billino verantwortlich.) für diese kleinen Dramen eine szenisch wie psychologisch ungemein stimmige, kongeniale Szenerie. Sie macht diesen Stuttgarter Siegfried, zusammen mit der Bühne des ersten und dritten Aktes, auch zu einem architektonisch-gestalterischen Ereignis.

Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED Foto: Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / SIEGFRIED Foto: Martin Sigmund

Damit wird es Zeit, endlich die drei Darstellerinnen zu würdigen, die im zweiten und dritten Akt in die Handlung eingreifen und dieser wie dem gesamten Opernabend weitere stimmliche und darstellerische Glanzlichter aufsetzen. Da ist zunächst der leichte und hell-leuchtende Sopran Beate Ritters, die dem Waldvögelein jene wundervolle Mischung aus (Ver-)Führung, Märchenhaftigkeit, Naturschönheit und romantischem Waldbild verleiht, die nicht nur Siegfried bestärkt und beruhigt, sondern auch in die bisher so aufgeregte, von Machtgier und Gewalt dominierte Handlung etwas Ruhe und einen Hauch von Heilung, ja Frieden bringt.

Nach wie vor berührend und auch „die Augen-öffnend“ ist dabei die Entscheidung des Regieduos, das Waldvögelein als physisch-visuell blind, dafür aber mit umso größeren inneren Seher-und Führungs-Qualitäten ausgestattet zu zeigen.

Auch die zweite im Siegfried einer Sängerin anvertraute Rolle wird von jener beglückend, äußerst treffend und charakterlich wie stimmlich  sehr überzeugend verkörpert. Die Rede ist von Erda, die von ihrem herrsch- und ehrsüchtigen ehemaligen Geliebten Wanderer-Wotan besucht und  dabei ein letztes Mal bevormundet und gedemütigt wird. Stine Marie Fischer, die diese Rolle bereits im „Rheingold“ verkörpert hat, macht die Verletzungen, Wallungen und Überzeugungen Erdas mit rundem, samtweichem Alt glaubhaft und zu einem weiteren großen stimmlichen und spielerischen Erlebnis.

Mit demselben Topos darf, ja muss man die dritte Sängerin und  Protagonistin  des dritten Aktes einführen: Simone Schneider als die von Siegfried erträumte und ersehnte, dann gefürchtete und schließlich von ihm stürmisch begehrte Brünnhilde. Der seit langer Zeit an der Stuttgarter Oper wirkenden Sopranistin scheint diese Rolle wie auf den Leib, aber auch auf die Stimme zugeschnitten zu sein, und sie verwirklicht sie mit einer ungeheuren Stimmfülle und mit betörenden Klangfarben. So lässt sie alle Höhen und Tiefen ihres Empfindens, ihre Stimmungsschwankungen und wechselnden Empfindungen mit allen menschlichen, ja weiblichen, Reizen, und Verführungs- wie Abstoßungskünsten hörbar und auch sichtbar werden.

Kurz, trotz der vielen anderen Glanzleistungen in diesem Siegfried ist Simone Schneider, ist „ihre“ Brünnhilde ohne Zweifel die Entdeckung dieser Produktion und dieses Abends. Ganz besonders deutlich wird dies in dessen letztem Bild,

im Gegenüber mit Siegfried, der die oben beschriebenen Regungen und Reaktionen provoziert und so ein letztes faszinierendes Paar-Spiel entfesselt. Dass er selbst dabei noch einmal alle seine schon beschriebenen ungestümen jugendlichen Kräfte und  Wallungen mit aller Urgewalt in sein Spiel einbringt und dabei erneut die Kluft zwischen Begehren und Abstand, Mut und Angst sowie zwischen Nähe und Distanz körperlich spürbar werden lässt, dürfte wie so vieles an diesem unglaublich dichten Wagner-Abend lange Zeit im Gedächtnis der Zuschauerinnen und Zuhörer bleiben.

Letztere werden sich auch mit Freude und einem gewissen wohligen Empfinden an den letzten unbedingt erwähnenswerten Akteur dieser Produktion erinnern und von ihm schwärmen, dem Staatsorchester unter der jederzeit souveränen und dennoch seelenvollen Leitung des umsichtigen, hoch motivierten wie alle Mitwirkenden motivierenden und die ganze Dynamik und Breite von Wagners Partitur voll auslotenden Stuttgarter Generalmusikdirektors Cornelius Meister. Sein Verdienst ist es nicht nur, an diesem Abend im Graben und auf der Bühne einen unerhört differenzierten, feinen und mitreißenden Wagner-Sound ermöglicht, sondern auch das Orchester in den letzten Jahren zu einem weiter an die Spitze drängenden Opern- aber auch Konzertorchester geformt zu haben.

Da dürfte es kein Zufall sein, dass Meister und die Stuttgarter Oper ihre weitere Zusammenarbeit soeben bis 2026 verlängert haben. Man darf sich in Stuttgart also auf weitere glanzvolle Abende wie diesen Siegfried und ganz besonders schon auf die Götterdämmerung am 29. Januar 2023, link HIER, freuen!

SIEGFRIED an der Staatsoper Stuttgart – die weiteren Termine – link HIER!

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