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KonzertKritikenSemperOper

Dresden, Semperoper, Dresdner Oktett – Hummel, Wellesz, Mendelssohn Bartholdy, IOCO Kritik, 08.06.2022

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Thomas Thielemann
09. June 2022
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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger
Semperoper © Matthias Creutziger

7. Kammerabend – Dresdner Oktett

– Werke von Johann Nepomuk Hummel, Egon Wellesz, Felix Mendelssohn Bartholdy in faszinierenden Interpretationen –

von Thomas Thielemann

Das Dresdner Oktett mit Matthias Wollong und Jörg Faßmann (Violine), Matthias Wollong und Jörg Faßmann (Violine), Sebastian Herberg (Viola), Norbert Anger (Violincello), Andreas Wylezol (Kontrabass), Wolfram Große (Klarinette), Joachim Hans (Fagott), Robert Langbein (Horn) mit ihren Gästen Anya Dambeck (Viola) sowie Andrei Banciu (Klavier)  hatten am 7. Juni 2022 zum 7. Kammerabend in die Semperoper zu einem intessanten Programm eingeladen.

Im Alter von 24 Jahren schrieb der Virtuose und Komponist Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) in Wien sein Klavierquintett Es-Dur. Der Umstand, dass Hummel die zweite Violine durch einen Kontrabass ersetzte und der virtuose Klavierpart führen zur Vermutung, dass es sich bei seinem Opus 87 um ein Auftragswerk handelte. Auch der Umstand, dass eine Drucklegung des Werkes erst 1822 erfolgte, stützt diese Vermutung.

Hummel, ein Schüler und von 1788 bis 1793 Hausgenosse Mozarts (1756-1791), galt in Wien sogar als ernsthafter Konkurrent Beethovens (1770-1728) und war durch seine frühromantischen Kompositionen in virtuoser Gestaltung bekannt. Das war lange bevor er sich nach Ende seiner reichen Karriere als Hofkapellmeister des Fürsten Esterhazy, in Stuttgart und Weimar dem Vorwurf ausgesetzt sah, sein Klavierspiel sei inzwischen altmodisch.

Dresdner Oktett © Matthias Creutziger
Dresdner Oktett © Matthias Creutziger

Musikhistorisch interessant ist, dass Hummels außergewöhnliche Besetzung des Klavierquintetts wahrscheinlich Anlass war, dass der Großbürger von Steyr und ausgezeichnete Cellist Silvester Paumgartner (1764-1841) im Jahre 1819 seinen häufigen Gast Franz Schubert (1797-1828) beauftragte, sein später bekanntes „Forellenquintett“ zu komponieren.

Fast irrwitzig, dass Schubert als Grundlage des launigen Variationssatzes, so wie auch für sein Lied Die Forelle, ein Gedicht Christian Friedrich Daniel Schubarts (1739-1791) nutzte. Schubart hatte das Gedicht 1787 während seiner zehnjährigen „Umerziehungshaft“ auf der Bergfeste Asperg in tiefer Verzweiflung, aber mit doch etwas Selbstironie, über die Umstände seiner Verhaftung geschrieben. Denn „die Forelle“ am Angelhaken war Schubart gewesen, als er sich von Agenten des Herzogs Carl Eugen hat nach Württemberg locken lassen.

Andrei Banciu, Klavier © Alexander Burzik
Andrei Banciu, Klavier © Alexander Burzik

Die fünf Musiker meisterten die musikalischen Herausforderungen des Hummel es-Moll- Klavierquintetts bravourös. Vom Dresdner Oktetts spielten Jörg Faßmann (Violine), Sebastian Herberg (Viola), Norbert Anger (Violoncello) und Andreas Wylezol (Kontrabass) mit ausdruckstarker Intensität, Brillanz undSpielfreude, während der Gast Andrei Banciu den Klavierpart ausdrucksvoll modellierte.

Der Österreichische Komponist, Musik- und Byzanzwissenschaftler Egon Wellesz (1885-1974) schrieb das Oktett op. 67 im Jahre 1948 auf Bitten einer Reihe Musiker der Wiener Philharmoniker, weil diese ein Werk suchten, das sich mit Franz Schuberts Oktett  in F-Dur kombiniert aufführen ließe. Als Sohn ungarischer Juden in Wien geboren, blieb Egon Wellesz der Stadt bis zu seiner Emigration verbunden, obwohl er die massiv zunehmende faschistische Bewegung mit ihrem breiten Antisemitismus im Lande spürte. 1938 gelangte er über Holland nach Großbritannien, lebte und arbeitete in Oxford bis zu seinem Tode. Alle Angebote aus Wien, zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen konnten ihn nicht wieder nach Österreich locken.

Diese Ambivalenz ist möglicherweise verantwortlich, dass seine Musik, vor allem sein faszinierendes Oktett, so selten gespielt werden und ich in der Konzertvorbereitung nicht eine komplette Einspielung finden konnte.

Das heitere fünfsätzige Oktett mit der originellen Satzreihung Andante-Allegretto; Adagio, Presto-Trio, Andante-con moto; Allegro-Presto wurde vom Dresdner Oktett mit seinen ausdrucksvollen Dialogen mit erkennbarer Freude und Spiellaune geboten. Von einem aufgeschlossenen Publikum wurde das hin- und herfliegen der Themen begeistert aufgenommen und das präzise Musizieren begeistert gewürdigt. Dabei überdehnte das Klangbild kammermusikalische Gewohnheiten deutlich und hatte eher orchestrale Fülle. Nicht zuletzt machte das Klarinetten-Solo im dritten Satz von Wolfram Große die Wellesz-Komposition zum emotionalen Höhepunkt des Abends.

Den Abschluss des Kammerkonzertes bildete das Sextett in D-Dur für Violine, zwei Bratschen, Violoncello, Kontrabass und Klavier op. 110 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) aus dem Jahre 1824. Die Interpretation der Komposition des fünfzehnjährigen Genies nahm fast orchestralen Charakter an. Das kommunikative Miteinander der Musiker und insbesondere die ungewöhnliche Kombination einer Violine mit zwei Bratschen belebten das interessante Klangbild.

Anya Dambeck, Viola © Tobias Sauer
Anya Dambeck, Viola © Tobias Sauer

Leider war das von „concerti“ in seiner Konzertankündigung versprochene „Oktett für Bläser mit Kontrabass ad libitum“ von Isang Yun (1917-1995) aus dem Jahre 1978 nicht mehr im Programm enthalten geblieben. Ich empfand das als Schade, denn Yun verband mit seinem Oktett Techniken der traditionellen koreanischen Musik mit Elementen der westlichen Avantgarde, so dass eine Folge faszinierender Klangbilder seltener Reinheit von den Musikern des Dresdner Oktetts hätte zu Gehör gebracht werden können.

Isang Yun stammte aus Korea, lebte aber seit 1956 in Frankreich und Westdeutschland. Er war uns in Erinnerung geblieben, weil er am 17. Juni 1967 vom Südkoreanischen Geheimdienst aus West-Berlin entführt und wegen angeblicher Spionage für Nord-Korea verurteilt worden war; eine Aktion, die sowohl im Ost-Berlin, als auch im West-Berlin gewaltigen Staub aufgewirbelt hatte. Nach einer weltweiten Protestaktion von über 200 führenden Musikern kam er 1969 frei und lebte bis zu seinem Tode in Berlin. Seine Bemühungen galten dem Frieden und der Versöhnung auf der koreanischen Halbinsel. So unterstützte Yun die Demokratisierungsbewegung im Süden seines Heimatlandes und besuchte auch mehrfach Nordkorea. Der Spionagevorwurfwurde aber erst 2006 zu einer Erfindung des Geheimdienstes erklärt.

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