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Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 07.06.2022

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Thomas Birkhahn
07. June 2022
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann
Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

NDR Elbphilharmonie Orchester – Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-moll

– Konzert am 5.6.2022 – Semyon Bychkov – Dirigent, Wiebke Lehmkuhl – Alt, Knabenchor Hannover, Damen des Rundfunkchores Berlin –

von Thomas Birkhahn

„Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme…“  –   Gustav Mahler über seine Dritte Symphonie.

Kaum eine andere Sinfonie Mahlers hat so eindeutig programmatische Züge wie seine Dritte Sinfonie. Der Komponist hat sie nach einer Art Stufenplan konzipiert: Sie erzählt vom Entstehen der Natur und des Lebens. Beginnend im ersten Satz bei der leblosen Natur, handeln die folgenden Sätze von den Pflanzen, den Tieren, dem Menschen, der Religion und schließlich – für Mahler die höchste Stufe der Entwicklung des Lebens  – von der Liebe.

Die sechs Sätze des mit gut 100 Minuten Länge riesenhaften Werkes versah Mahler im Autograph seiner Partitur mit folgenden Titeln:

  1. Pan erwacht – Der Sommer marschiert ein
  2. Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen
  3. Was mir die Tiere im Wald erzählen
  4. Was mir der Mensch erzählt
  5. Was mir die Engel erzählen
  6. Was mir die Liebe erzählt

Obwohl Gustav Mahler diese programmatischen Titel vor der Veröffentlichung wieder zurück zog, geben sie uns wertvolle Hinweise auf die Konzeption und den Ideengehalt einer Symphonie, die für ihn „eine ganze Welt“ musikalisch umschließen sollte.

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO
Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Mit der von Mahler als „Weckruf“ bezeichneten Fanfare der acht Hörner beginnt eine musikalische Reise, die in der symphonischen Musik wohl ihresgleichen sucht. Man hat die Melodie dieser Fanfare wegen ihrer melodischen Ähnlichkeit immer auf das Thema aus dem Finalsatz der Ersten Sinfonie von Johannes Brahms bezogen. Das ist durchaus berechtigt, jedoch wird man auch an den Beginn von Robert Schumanns „Frühlingssinfonie“ erinnert: Eine Blechbläserfanfare, die ein Werk einleitet, in dem es um den Beginn neuen Lebens geht. Ob Mahler dabei wirklich an Schumanns Erste Sinfonie gedacht hat, ist nur Spekulation. Gesichert ist jedoch, dass er die Musik Schumanns sehr gut kannte, denn er gab dessen Sinfonien neu heraus, mit von ihm selbst veränderter – aus seiner Sicht verbesserter –  Instrumentation.

Der im gewaltigen Kopfsatz von Mahler mit „Pan erwacht“ betitelte Trauermarsch gehört zum Schwärzesten, was Mahler jemals komponiert hat. Es ist eine düstere Musik voller Abgründe, die immer wieder zum Stillstand kommt um dann einen neuen Anlauf zu nehmen. Semyon Bychkov lässt sich viel Zeit, wählt ein sehr breites Tempo, verliert aber nie die melodische Linie. Ihm gelingt es, die musikalischen Bögen über alle Brüche hinweg zu erhalten. Er vermeidet es, das Fatalistische dieser Musik noch zusätzlich zu betonen, für ihn hat auch der Trauermarsch mit seinen rabenschwarzen Trillern im Kontrafagott, den klagenden Oktavsprüngen der Oboen und den vielen Pausen noch melodischen Fluss.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester hier Dirigent Semyon Bychkov © Chris Christodoulou
Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester hier Dirigent Semyon Bychkov © Chris Christodoulou

Und so wird deutlich schon relativ früh deutlich, dass Bychkovs Sicht auf Mahlers Dritte vom Ende her gedacht ist. Der letzte Satz, auf den alles hinausläuft, ist ein mit „Engelszungen“ komponierter, großer, inniger  Gesang, in dem  Mahler musikalisch ausdrückt, was ihm „die Liebe erzählt“. Und dieser Schlusssatz ist für Bychkov der Schlüssel zu seiner Interpretation für die gesamte Symphonie.

Das ist insofern konsequent, als dass Mahler den Kopfsatz als Letztes schrieb, als er schon genau wusste, wie die musikalische Reise dieses riesenhaften Werkes enden würde. Da ist es dann auch nur folgerichtig, dass Bychkov in der von Mahler mit „Der Sommer marschiert ein“ bezeichneten Musik des ersten Satzes weniger das Humoristische betont, als vielmehr auch hier das Melodische herausstellt. Der Marsch ist für ihn eher tänzerisch als grotesk.

Schon im Kopfsatz zeigt sich, dass die Akustik der Elbphilharmonie nicht unproblematisch ist: Die Bläser kommen sehr gut zur Geltung auf Kosten der Streicher, deren Spiel mal komplett untergeht, mal kaum wahrnehmbar ist. Das ist bei einem so großartigen Orchester wie dem NDR Elbphilharmonie Orchester besonders bedauerlich, da die vielen Klangfarben und verschiedenen Artikulationsarten, über die die Streicher verfügen, von der Akustik verschluckt werden.

Wie in fast jeder Mahler-Sinfonie gibt es auch in der Dritten sogenannte „Durchbrüche“, kurze Abschnitte, in denen die Musik wie bei einer in Zeitlupe stattfindenden Explosion aus sich herausfährt. Diese gelingen dem bestens aufgelegten Elbphilharmonie-Orchester mit beeindruckender Intensität und auch hier vermeidet Bychkov allzu grelle Farben. Der Klang ist nie hässlich verzerrt, sondern bleibt immer strahlend.

Das Triviale dieses ersten Satzes – zwischendurch klingt es beinahe wie Zirkusmusik – wird von Bychkov nicht noch zusätzlich betont. Das ist ebenfalls absolut nachvollziehbar, denn es war ja Mahlers Anspruch, das Triviale zur Kunstmusik zu erheben. Zusammenfassend kann man sagen, dass bei Bychkov  der Sommer im Triumphzug einmarschiert, nicht mit Ironie oder sarkastischer Schärfe, wie man es auch schon erlebt hat.

NDR Elbphilharmonie Orchester © Nikolaj Lund I NDR
NDR Elbphilharmonie Orchester © Nikolaj Lund I NDR

Den stärksten Eindruck der beiden folgenden Instrumentalsätze, in denen es um laut Mahlers „Programm“ um Pflanzen und Tiere geht, hinterlässt das sogenannte „Posthornsolo“ des dritten Satzes. Mahler schreibt die Anweisung „wie die Weise eines Posthorns“ in die Partitur, es wird jedoch in dieser Aufführung von einem Flügelhorn gespielt und nicht, wie fälschlicherweise im Programmheft angegeben, von einem Posthorn. Mahler fordert auch explizit in der Partitur ein Flügelhorn. Dieses erklingt hinter der Bühne, wie aus weiter Ferne. Guillaume Couloumy spielt diese sentimentale Musik mit wunderbarer Zartheit. Laut Mahler trifft hier zum ersten Mal “ein Mensch auf die Tierwelt”. Da aber Mahler sein Programm ja wieder zurückzog, steht es jedem Hörer frei, sich seine eigenen Gedanken zu dieser wunderbaren Musik zu machen. Man kann sie auch als ferne Erinnerung an eine schöne idyllische Zeit deuten.

Elbphilharmonie / Wiebke Lehmkuhl: © Sound - Picturedesign
Elbphilharmonie / Wiebke Lehmkuhl © Sound – Picturedesign

Es ist ein bewegender Moment, wenn nach über 60 Minuten Instrumentalmusik dann zum ersten Mal eine menschliche Stimme erklingt. Wiebke Lehmkuhl gestaltet das von Mahler vertonte „Nachtwandlerlied“ aus Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ mit großer Einfühlsamkeit. Ihr zurückhaltender, aber stimmlich jederzeit präsenter Gesang lässt die ganze Poesie dieser großartigen Musik zu Herzen gehen. Der ausschließlich im Piano komponierte Satz wird von Bychkov wunderbar zart dirigiert, aber auch hier zeigt die Akustik der Elbphilharmonie wieder ihre Tücken: Die Einwürfe der Hörner und Posaunen kommen beim Zuhörer zu laut an, sie klingen überdeutlich und beeinträchtigen den leisen Gesamteindruck des Orchesters .

Übergangslos reißt  dann das „Bimm Bamm“ des Knabenchores den Zuhörer aus dieser Nachtmusik. Dass Bychkov eher breite Tempi bevorzugt, wird auch in diesem Satz deutlich, in dem nun endlich nach langem Warten die beiden Chöre ihren kurzen Auftritt haben. Wir sind inzwischen auf der Stufenleiter bei der Religion angekommen und Mahler wählt wie so oft in seinen frühen Symphonien einen Text aus „Des Knaben Wunderhorn“: Petrus gesteht seine Sünden  und darf durch Buße auf Erlösung hoffen. Das Thema Religion wird von Mahler allerdings ganz und gar nicht ernst oder pathetisch behandelt, sondern, wie er selbst in der Partitur notiert, „lustig“ und „keck“.Trotz des von Bychkov eher breit gewählten Tempos behält die Musik ihre kindliche Naivität und Wiebke Lehmkuhl gibt den Worten Petrus‘ („…Ich hab übertreten die zehn Gebot, ich gehe und weine ja bitterlich…“ etc.) die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie.

Doch auch der sehr präzise Gesang der Damen des Rundfunkchores Berlin und des Knabenchores Hannover leidet unter der Akustik. Ihrer Wiedergabe fehlt es an Durchschlagskraft und Glanz. Der Text ist nicht zu verstehen und die Stimmen klingen zeitweilig wie unter einer Käseglocke.

Nach dem letzten „Bimm“ des Knabenchores geht es sofort in den Schlusssatz, ein Adagio von hymnischer Intensität. Bychkov legt den Taktstock zur Seite und dirigiert mit dem langen Atem, den diese Musik braucht. Er nimmt sich Zeit, um die Musik aufblühen zu lassen und gestaltet diesen großen Gesang mit höchster Eindringlichkeit. Zwischendurch wirkt die Musik wie allem Irdischen entrückt, wie nicht von dieser Welt.  Die von Mahler selbst als „schmerzhafte Seitenwege“ bezeichneten heftigen Ausbrüche, die auch Teil dieses Satzes sind, werden vom Elbphilharmonie-Orchester mit erschütternder Intensität gespielt.  Dass Liebe nicht nur schön und harmonisch ist, wusste vermutlich niemand besser als Mahler, der in seiner Kindheit unter seinem gewalttätigen Vater litt.

Doch die „schmerzhaften Seitenwege“ sind irgendwann ausgeschritten und dann gibt es diesen kurzen Moment der Leere, wo die Musik zum Stillstand kommt. Alles scheint möglich und es ist, als ob Bychkov dem Flötisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters signalisiert, er solle selbst entscheiden, wie es jetzt weitergehen soll. Der Flötist nimmt den Faden dann wieder auf und die Musik endet in hymnischer Inbrunst in strahlendem D-Dur.

Man hat diese Sinfonie schon deutlich bissiger, ironischer oder schwärzer gehört, aber Bychkov gelingt eine sehr persönliche, in sich absolut stimmige Interpretation, die leider durch die problematische Akustik der Elbphilharmonie nicht ganz so überzeugt, wie es die großartige Wiedergabe aller Beteiligten verdient gehabt hätte.

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