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Stralsund, Theater Vorpommern, ALCINA – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 25.05.2022

Ekkehard Ochs
24. May 2022
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Theater Vorpommern Stralsund Foto Peter van Heesen
Theater Vorpommern Stralsund Foto Peter van Heesen

Theater Vorpommern

ALCINA – Georg Friedrich Händel

– Eindrucksvolles Plädoyer für einen großen Musikdramatiker –

von Ekkehard Ochs

Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO
Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey, London © IOCO

„Daß Händel an Stärke und Kühnheit der musikalischen Schreibart, an Reichthum der Harmonie, an Verflechtung der Stimmen in einander, jedem Komponisten, der je in dieser Rücksicht sich auszeichnete, überlegen war, ist ausgemacht genug.“ So hat es Charles Burney, englischer Europareisender in Sachen Musik, geschrieben, und so ist dieses frühe wertschätzende Zeugnis in der „Nachricht von Georg Friedrich Händels Lebensumständen…“ in deutscher Übersetzung (J. J. Eschenburg, 1785) nachzulesen. Mehr noch und erneut zusammenfassend: Händel habe „alle Verfeinerung und Vollkommenheit seiner Zeit besessen und sei einfach „ohne Gleichen“. Dabei meinte nicht nur Burney vor allem den Oratorien- und Opernkomponisten Händel und dessen von keinem Zeitgenossen erreichte Fähigkeiten individueller chorischer und solistisch vokaler Gestaltung. „Auch bin ich des Glaubens, daß die besten von seinen italienischen Opernarien, in Abwechslung der Schreibart und Erfindsamkeit der Begleitung die Arien aller vorigen und gleichzeitigen Komponisten in ganz Europa übertreffen.“

ALCINA – hier Trailer – Theater Vorpommern
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Auch ohne solche konkreten Vergleichsmöglichkeiten haben das die Besucher der begeistert gefeierten Stralsunder (25. März 2022) und Greifswalder (22. April 2022) Premieren von Händels Oper  Alcina (1735)  – in italienischer Sprache – wohl sehr ähnlich empfunden. So selbstverständlich ist das nicht, denn auf Vorpommerns Bühnen war der Meister in den letzten Jahrzehnten eher selten zu erleben. Umso wichtiger der jetzige Beitrag mit einer Barockoper, die ein nicht spezialisiertes Ensemble vor durchaus schwierige, weil ungewohnte Aufgaben stellt. GMD Florian Csizmadia, nicht nur stabschwingend souverän, sondern als Musikwissenschaftler auch mit spezieller Sachkenntnis ausgerüstet, sprach schon mal von “spannender Probenarbeit“, von großer Begeisterung und Offenheit  des Orchesters gegenüber den für das Stück notwendigen vokalen und instrumentalen  Anforderungen sowie vieler Freude an einer fantasievollen Umsetzung von Stoff und Musik.

Ersterer – nach dem Renaissancedichter Ariost und seinem Epos Orlando furioso – führt uns auf eine paradiesische Insel. Sie wird von einer zahlreiche Männer verführenden Frau (Zauberin Alcina) beherrscht, die  ihre vielen abgelegten Liebhaber in tote Gegenstände zu verwandeln pflegt. Aber dann erlebt sie mit echter Liebe etwas, dass sie aus der Bahn wirft. Ihr Ruggiero, den sie verzaubert und damit auch vor einem vorhergesagten tragischen Ende als Krieger gerettet zu haben glaubt, will mit wiedererlangtem Erinnerungsvermögen und von seiner auf der Insel auftauchenden Verlobten Bradamante gedrängt, Insel und Geliebte verlassen. Alcina kann die Beziehung nicht retten, niemand glaubt ihr die verzweifelt verteidigte wahre Liebe und sie zerbricht daran. Ihre Zauberkräfte versiegen, ihre Welt des schönen Scheins versinkt in dem Moment, als der Zauber von Ruggieros und Bradamantes (Verlobungs-)Ring die von Alcina in einer „Auslöschungswand“ versteinerten Toten zum Leben erweckt.

 Theater Vormommern / ALCINA  © Peter van Heesen
Theater Vormommern / ALCINA  © Peter van Heesen

Ein Happy End ist das für die nun Wiedervereinigten (Bradamante und Ruggiero) aber nur scheinbar, wenngleich auf der Bühne und im finalen chorischen Gesangstext alles noch nach bester Ordnung aussieht. Aber so einfach kommt ein Fan barocker Zauberoper natürlich nicht davon. Um das hier kurz skizzierte „Gerüst“ herum „verwickelt“ sich noch manche andere Beziehung, gibt es Missverständnisse, Liebeswirren, Eifersüchteleien und Verrat, List und Tücke, aber auch wirkliche Tragik und – unabdingbar! – große Gefühle. Und spätestens hier kommt eine Musik ins Spiel, die zu Händels bester gehört: Rezitative voller aktionsreicher Impulse und Arien, in denen Händel seine Fähigkeiten zu gefühlvoller, affektreicher wie effektvoller Gestaltung voll zur Geltung bringt, betörend klagen kann, sinnlich zu schmeicheln versteht oder im Rache- und Vergeltungsmodus alle Fesseln sprengt. Man schlage etwa in Hugo LeichtentrittsHändel“ von 1924 nach und lese dessen äußerst griffig formulierte, emphatische Charakteristika. Kaum kann man sich seiner Schlussfolgerung entziehen, mit diesem Werk eines der „fantasievollsten und bezauberndsten Werke des Meisters“ vor sich zu haben. Und das Programmheft der gegenwärtigen Aufführung setzt noch eins drauf: „Ich finde, es ist die beste Oper, die er bisher geschrieben hat, aber das dachte ich schon von so vielen, dass ich nicht zu sagen wage, dass es die allerbeste sei, aber sie ist so gut, dass mir die Worte fehlen, sie zu beschreiben.“ So Mary Pendarves 1735 in einem Brief – nach einer Probe der Oper mit Händel am Cembalo.

Die Inszenierung Geertje Boedens (Dramaturgie Stephanie Langenberg) zielt optisch, dramaturgisch und musikalisch auf das so deutliche wie differenzierte Ausspielen der werkbestimmenden Konfliktlage: das problematische Beziehungsdreieck Alcina – Ruggiero – Bradamante. Dabei scheut sie keine Überbetonung, wenn dem schwarzledernen, kriegerischen Outfit der in Männerkleidung erscheinenden Bradamante – Ursache für diverse Missverständnisse – und ihres Begleiters, des „Wissenschaftsoffiziers“ (!) Melisso, die optisch üppige Opulenz der aus der Zeit gefallenen Alcina-Welt gegenübergestellt wird. Bühne und Kostüm (Sarah Antonia Rung) verblüffen geradezu mit verschwenderischer, schon mal ausgefallen phantastisch wirkender Lichtwechsel-, Farben-, Formen- und Ausstattungspracht, repräsentieren damit aber auch gleichzeitig den Kontrast zwischen einer irrealen Fabelwesen- und Märchenwelt einerseits  – also eigentlich keine wirklichen Menschen?! – und die der dann doch sehr realistisch menschlich wirkenden, echten Liebe.

Theater Vormommern / ALCINA  © Peter van Heesen
Theater Vormommern / ALCINA  © Peter van Heesen

Viele charakterisierende und schon mal durchaus eigenwillige Bewegungs- und Verhaltensprofile der Protagonisten tun ein Übriges, um den aufmerksamen Betrachter ständig in Atem und Spannung zu halten, seine Neugier und den Wunsch nach Beantwortung nicht gleich und nicht leicht erklärbarer Erscheinungen und Vorgänge auf der Bühne anzustacheln. Ihren Zweck erfüllen aber auch diese in einem Beziehungsgefüge, das an variabler (barocker) Verwirrnis nichts zu wünschen übrig lässt. Eindeutig dabei eine im Gegensatz zu Ariost junge und attaktive Alcina, die sich von einer im Dauer-Liebesrausch besessenen Herrscherin zur tragisch liebenden Frau entwickelt und damit zentraler Bezugspunkt der Handlung ist. Überlegungen Händels – so aus dem Inszenierungsteam zu hören – zu einem schon aufgeklärteren Frauenbild? Bradamante erweist sich als Kämpferin, die ihren zunächst im Vergessen („Verzaubern“), dann im Zweifeln für sie doch schon gänzlich verloren scheinenden Ruggiero schließlich doch „erlösen“ kann. Nicht ohne den deus ex machina, einen Zauberring, der Alcinas Welt und damit die Vergangenheit zerstört. Mahner und immer wieder Antreiber ist Melisso, der – ein Regieinfall der etwas besonderen Art – die ihm unbekannte Welt Alcinas „wissenschaftlich“, also ständig mit dem Laserpointer (!) hantierend „erforscht“. Sehens- und hinterfragenswert ist die ja allemal – und nur noch sehr kurz real vorhanden!

Allerdings repräsentiert sie nur die halbe Wahrheit. Als Ganzes wirkt sie erst mit der Musik. Und hier hat die Aufführung nicht nur den Bonus eines mit allen operndramatischen Möglichkeiten souverän und wirkungsmächtig umgehenden Händel, sondern auch den einer musikalisch überzeugenden Wiedergabe. Beeindruckend ausdrucksstark agieren nicht nur die Gäste Antje Bornemeier (Alcina) und Elena Tasevska (Bradamante), sondern auf Augenhöhe auch eigene Kräfte: Pihla Terttunen (Ruggiero) – hier der bewusste Verzicht auf einen Countertenor – Katarzyna Rabczuk (Morgana), Daniel Schliewa (Orionte), Jovan Košcica (Melosso) und Franziska Ringe (Oberto). Der vokalsolistische Gesamteindruck: eine bemerkenswerte Vertrautheit mit barocker Gesangstechnik und eine Gestaltungsfähigkeit von starker, höchst expressiver Affekthaftigkeit.

Dies alles im Zusammenwirken mit dem Vorpommerschen Philharmonischen Orchester – GMD Csizmadia am 2. Cembalo – das sich präzise, leichtfüßig und mit der denkbaren Option auf ausgeprägtere Stringenz und affekthaftigere Artikulation hörbar erfolgreich um ein stilistisch angemessenes Musizieren bemüht. Auf Ballett wurde verzichtet, nicht aber auf den Chor (Csaba Grünfelder), der allerdings aus dem Off erklang. Fazit: Nach langer Zeit wieder eine Händel-Oper am Theater Vorpommern. Der Aufwand war groß, der Erfolg aber auch. Und er war das eindrucksvolle  Plädoyer für einen Meister, dessen musikdramatische Qualitäten öfter präsentiert werden sollten.

ALCINA am Theater Vorpommern; die weiteren Vorstellungen 5.6. in Greifswald, 17.6. in Stralsund, 22.6. in Putbus; siehe link HIER!

—| IOCO Kritik Theater Vorpommern |—


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