IOCO
IOCO
image
Ballett - TanzKritikenTheater Osnabrück

Osnabrück, Theater am Domhof, ZEIT – Tanz von Zeit und Endlichkeit, IOCO Kritik, 06.11.2021

Hanns Butterhof
06. November 2021
178 views

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd
Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

ZEIT – Tanz von Zeit und Endlichkeit

– Bejubelter Einstand der neuen Tanzchefin Marguerite Donlon –

von Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Marguerite Donlon © Sameer Al-Doumy
Theater Osnabrück / Marguerite Donlon © Sameer Al-Doumy

Die neue Direktorin der Tanzsparte, Marguerite Donlon, IOCO berichtete, ist im Theater am Domhof für ihr erstes Stück „Zeit“ vom Premierenpublikum begeistert gefeiert worden. In dem zweistündigen Stück befasst sich Donlon mit dem zwölfköpfigen Ensemble tänzerisch erfreulich vielfältig und menschlich allgemein mit verschiedenen Aspekten von Zeit, live begleitet vom Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von An-Hoon Song.

Auf der Bühne dreht sich unmerklich langsam eine übergroße Skulptur aus drei ineinander gelegten Möbiusschleifen (Bühne und Kostüme: Belén Monoliú), ein schönes Symbol für das alles beherrschende, unendliche und unbestimmbare Wesen der Zeit.

Teils vor dieser Skulptur, teils in ihr, findet das Ensemble zu treffend ausgesuchter Musik aus verschiedenen Zeiten, von Bach über Debussy bis hin zur heutigen Minimal Music von John Adams, tänzerisch ausdrucksstarke Bilder. Gleich zu Beginn etwa tritt das Ensemble in einer geschlossenen Reihe außerhalb der Skulptur auf. Wie noch vor der Zeit, sie erst erschaffend, wiegen sich alle langsam im Takt, bis erst einer aus der Reihe fällt, die Reihe sich in zwei spaltet und mit dem ersten Solo aus der mechanisch-objektiven Zeit das subjektive Zeitgefühl entsteht.

Im weiteren Verlauf vervielfältigen sich die Themen. Sie reichen von der Entwicklung der Zeit über ihr Vergehen in verschiedenen Zuständen, etwa beim Warten, bis zur flüchtigen Zeit in der quirlig rasenden Gegenwart. Entsprechend vielfältig sind die tänzerischen Formationen vom Solo über Duette, manchmal sich spiegelnde Quartette und immer wieder große Ensembles. In den tänzerischen Ausdrucksformen lässt das Ensemble viel klassisches Ballett aufscheinen, auch unmittelbar körperlich mimetischen Ausdruck. So findet sich das Fließen der Zeit in Körperwellen, ihr diskontinuierlicher Verlauf in ruckartig echsenhaften Bewegungen wieder. Zwischen Zeitlupe nicht nur beim Warten Einzelner und dem Rasen des Ensembles gibt es eine breite Palette von phantasievollen Abstufungen.

Theater Osnabrück / ZEIT - Tanztheater hier „Zeit“-Ensemble vor Möbiusschleifen © Oliver Look
Theater Osnabrück / ZEIT – Tanztheater hier „Zeit“-Ensemble vor Möbiusschleifen © Oliver Look

Aus dem Rahmen des rein Tänzerischen fällt die Behandlung tierischen Zeitempfindens. Hier spielt die Kostümierung eine besondere Rolle. Das in Schwarz gekleidete Ensemble ist mit röhrenartigen Verlängerungen der Arme ausgestattet, was ihren weit ausgreifenden Bewegungen etwas zwischen Riesenspinnen und langarmigen Gorillas gibt. Sonst sind die Kostüme unspezifisch. Die verschieden gestalteten Kostüme der Tänzerinnen bedecken nur zum Teil ihre in fleischfarbene Trikots gehüllten Oberkörper. Manchmal tragen sie auch dunkle Anzüge wie die Tänzer, die sonst zumeist mit freiem Oberkörper agieren. Im quirligen Schlussteil, der sich der Gegenwart widmet, erscheinen alle Kostüme in freier Kombination wieder.

Das Frau-Mann-Thema tritt nur am Rande auf. In einem anrührenden Duett des Wartens legt die Tänzerin vertrauensvoll ihren Kopf in die Hand ihres Partners, der sie so vorsichtig über die halbe Bühne trägt. Einige Episoden später hat ihr Warten ein Ende, und mit einem langen innigen Kuss verlassen beide die Bühne. So unendlich die objektive Zeit auch ist, aller subjektiven Zeit ist ein Ende gesetzt.

Marguerite Donlon und ihr neues Ensemble haben mit „Zeit“ viel choreographischen Einfallsreichtum und tänzerische Kunst auf die Bühne gebracht und wurden mit An-Hoon Song und dem glänzend aufspielenden Osnabrücker Symphonieorchester vom Premierenpublikum mit Bravos und langanhaltendem, teilweise stehend dargebrachtem Beifall belohnt.

ZEIT – Tanztheater im Theater am Domhof; die nächsten Termine: 10.11. und 12.11.2021, jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater am Domhof |—


Tags

An-Hoon Song
Belén Monoliú
Hanns Butterhof
ioco
Marguerite Donlon
Osnabrück
Osnabrücker Symphonieorchester
tantheater
Tanz von Zeit und Endlichkeit
Theater am Domhof
theater osnabrück
ZEIT
zeit tanztheater osnabrück
vorheriger Artikel
Dresden, Kulturpalast, Lang Lang – Goldberg Variationen, IOCO Kritik, 05.11.2021
avatar

Hanns Butterhof

Andere Artikel des Autorsweitere Artikel
Münster, GOP Varieté Theater, WunderBar – der Zauber der Begegnung, IOCO Kritik, 18.07.2020
18. July 2020
102 views
IOCO
© 2022, Alle Rechte vorbehalten.

Quick Links

KontaktImpressumDatenschutzerklärung

Social Media